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Fiction » Historical » Nacht font: B s : A A A . width: full 3/4 1/2
Author: Darth Gilthoron
Fiction Rated: T - German - Angst - Reviews: 5 - Published: 06-11-03 - Updated: 06-11-03 - id:1326475

Diese Kurzgeschichte habe ich an einer dreistündige Deutschschularbeit geschrieben, als Impulstext. Ich gebe sie exakt wieder, ohne Korrekturen oder Überarbeitungen (die ich ansonsten für nötig halten würde) – als einen kleinen "Preview" für eine Geschichte, die ich später hier veröffentlichen werde.
Ich selbst bin nicht ganz zufrieden, aber die Arbeit wurde trotzdem mit "Sehr gut" (1) bewertet.

Wie eine sanfte Decke lag die Dunkelheit über den sonnenverbrannten Ebenen und Hügeln, gnädig die zerstörten, verlassenen Lande für einige Stunden in Vergessenheit hüllend. Die Nacht war sternenklar, und von weit, weit fort sandte der sanfte Mond sein bleiches Licht herab auf die vom Krieg gepeinigte Erde. Die staubigen Lagerstraßen waren in einen unwirklichen, milchigen Schein getaucht, gelegentlich vermischt mit dem Licht der Scheinwerfer, die jedoch hier in der Lagermitte nicht allzu zahlreich waren. Und hie und da mit Feuerschein.

Ein mächtiger Block, ein finsterer, materiell gewordener Schatten in der Nacht, so stand Krematorium Nummer 2 dort drüben und füllte fast das gesamte Fenster aus. Wenn man den Kopf aus dem Laboratorium streckte, dann konnte man den gemauerten Schornstein als Silhouette gegen den sternenklaren Nachthimmel sehen. Dichte, dunkle Rauchschwaden stiegen daraus empor, ließen gespenstische Schemen durch das im Halbdunkel liegende Laboratorium tanzen. Tag und Nacht arbeiteten die Öfen, unaufhörlich, unermüdlich, gnadenlos. Berge von Toten verschlangen sie, verzehrten sie zu Asche und ließen keine Erinnerung an sie zurück. Von Menschenschicksalen blieb nichts als ein Name auf einer Liste, die mit einem Stempel versehen und zurück ins Reich geschickt wurde. In den Kellern des Reichssicherheitshauptamtes türmten sich die Stapel mit den Listen, Altpapier, das keinen mehr zu kümmern brauchte.

Während er so dastand und auf das Krematorium hinausblickte, war er dankbar, dass nicht er es war, der den ganzen Papierkram erledigen musste. Dafür war die Abteilung I zuständig, die Adjutantur. Er aber gehörte der Abteilung V an.

Mit einem müden Lächeln und ganz so, als ob seine Abteilungszugehörigkeit ihn an das erinnerte, was noch zu tun war, wandte er sich vom Fenster ab und seinen Geräten zu. Dafür brauchte er kein Licht; jeder Handgriff war schon so gewohnt, dass er auch bei Dunkelheit arbeiten konnte. Ohne besondere Eile sammelte er die Beutel mit den Blutproben ein und türmte sie auf ein Tischchen an der Wand. Beschriften würde er sie nicht selber. Das taten andere für ihn.

Von der Wand her starrte ihn ein Augenpaar an, unverwandt, doch mit leerem Blick, und für einen Moment gestattete er sich zurückzustarren. Nyiszli hatte das sehr hübsch gemacht, das musste man ihm lassen, dem verfluchten Juden. Noch ganz lebendig sahen die Augen aus, die da in ihrer Alkohollösung schwammen, ein bisschen stumpf vielleicht, aber ansonsten sehr lebensecht. Er konnte sich noch gut an ihren Besitzer erinnern, einen schwächlichen kleinen Jungen von hier, aus Polen. Noch keinen Monat war es her.

Aber diese Versuchsreihe war nun mehr oder weniger abgeschlossen, die ganze Geschichte mit den spezifischen Eiweißkörpern. Und man konnte mit gutem Gewissen sagen: erfolgreich. Erst vor kurzem hatte er den Bescheid von der Universität bekommen, dass man mit seiner Arbeit zufrieden war. Professor Verschuer war stolz auf seinen besten Assistenten.

Der Widerschein der Flammen huschte durchs Laboratorium, und für einen Moment blitzten all die schweizerischen Präzisionsinstrumente auf im Licht. Auch sie waren ein Preis für seine gute Arbeit, genauso wie der Sektionstisch aus poliertem Marmor.

Polierter Marmor. Er grinste. Das gab dem ganzen noch einen feierlichen Anstrich. Das machte das alles noch ein bisschen - nun, stilvoller. Und es passte gut zu dem Ruf, den er hatte. Sie nannten ihn den Todesengel.

Er schlenderte zum Schrank hinüber und suchte nach den Gerätschaften, die er nun brauchte. Verfluchter Jude, wo waren die Skalpelle? Wo hatte Nyiszli die wieder hingelegt? Dr. Lingens sollte das ab jetzt machen, sie war ordentlicher. Doch nein, sie hatte genug zu tun im Frauenlager, sie konnte nicht auch noch Präparate herstellen.

Oder Dr. Puzyna? Sie arbeitete ja sowieso für ihn, indem sie all seine Versuchsobjekte vermaß und über den ganzen Zoo Buch führte. Aber sie hatte so unglaublich schwache Nerven! Als sie ihm das erste Mal bei der Arbeit zugesehen hatte, da hatte sie glatt einen Schwächeanfall bekommen. Nun gut, eine solche Operation sah man nicht alle Tage, aber deswegen gleich in Tränen auszubrechen war völlig übertrieben. Und während er sie hatte beruhigen müssen, war ihm das Versuchsobjekt verblutet, und er war gezwungen gewesen, noch einmal von vorne zu beginnen. Nein, Dr. Puzyna kam nicht in Frage.

Also doch Nyiszli.

Ach, da waren sie ja, die Skalpelle. Bei Licht hätte er sie wohl eher gefunden. Aber die Dunkelheit der Nacht hatte etwas eigentümlich Berauschendes an sich, und er wollte sie nicht durch banales elektrisches Licht vertreiben. Schon gar nicht wegen eines jüdischen Gehilfen, der die Skalpelle verlegte.

Wie auch immer, jetzt hatte er sie ja. So weit daneben waren sie doch nicht gewesen.

Und was stand denn da hinten? Eine Flasche? Am Ende die Phenolflasche? Er angelte sie heraus und trat in den Lichtstreifen, der durch das Fenster fiel, um das Etikett zu entziffern. Doch kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als er auch schon zu lachen begann. Wodka! Hab ich dich, Miklos Nyiszli, du kleiner Aaskäfer! Musst dir wohl Mut antrinken für deine Arbeit, wie? Der Umstand, dass es sich bei dieser Flasche um seine eigene Ration handelte, störte ihn nicht weiter. Schließlich gehörte er nicht zu denjenigen, die sich vor der Selektion an der Bahnrampe betranken, um die ganze Prozedur nervlich durchzustehen. Elende Weicheier. Was war denn schon dabei, dieses Ungeziefer ins Gas zu schicken?

Abermals war das Laboratorium für einen Moment in Licht getaucht, und wie eine Antwort auf sein Lachen drang ein leiser, klagender Laut an sein Ohr. Er wirbelte herum, starrte fassungslos auf die dunklen Umrisse auf dem Sektionstisch. Nein, das war unmöglich! Das konnte nicht wahr sein!

Der Laut wiederholte sich, fast unhörbar, aber doch klar vernehmlich in der nächtlichen Stille, und in all seiner Schlichtheit drang er ihm durch Mark und Bein. So viel ungeahnter Schmerz lag darin, so ein unerklärliches Leid. Der Umriss auf dem Sektionstisch regte sich.

Er zischte einen Fluch. Verdammte Schlamperei! Das elende Balg sollte längst tot sein! Warum war es nicht schon gestorben? Die Abnahme von so viel Blut überstand niemand.

Oder war es zu wenig gewesen? Nein, bestimmt nicht!

Vorsichtig, von einem ahnungslosen Grauen erfasst, näherte er sich dem Umriss im Schatten der Nacht. Die Finger seiner rechten Hand krochen der Kante des Sektionstisches entlang, krallten sich um sie. Nervös huschte seine Zungenspitze über seine Oberlippe, befühlte unbewusst die Stelle, an der er sich am Morgen mit dem Rasiermesser geschnitten hatte, die rauhe, ungewohnte Blutkruste. Halluzinierte er? Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Er starrte auf den Umriss, angespannt, bereit zum Sprung, um diese untote Kreatur endgültig auszulöschen, dieses Ding der Unmöglichkeit, es zu zerreißen, zu zerfetzen, seine Glieder in alle Winde zu zerstreuen, bevor es sich an ihm rächen konnte für all das, was er ihm angetan hatte, für alle die, die vor ihm auf diesem Tisch gelegen hatten, denen er zuvor Blut entnommen hatte und Organe, die er ausgeweidet hatte, deren Augen nun an der Wand hingen, deren Herzen im Keller der Universität verstaubten, deren Leiber die gierigen Flammen des Krematoriums zu Asche zerfressen hatten, für all die Namenlosen, die er in den Tod geschickt hatte, für all das Blut, das an seinen Händen klebte. Wo seine Stiefel den Boden berührten, da glaubte er in Blut zu stehen, in nassem, glitschigem, noch warmem Blut, das ihm anhaftete, sich nie wieder abwaschen ließ, ihn als Mörder kennzeichnete. Nein! Dich gibt es nicht! Stirb, stirb, du Kreatur, du Ausgeburt der Hölle, stirb doch endlich!

Und zum dritten Mal erklang dieser Laut, der ihn zu Eis erstarren ließ. Hände griffen nach ihm aus der Dunkelheit, die fleischgewordene Seele der Nacht, Zeuge so vieler seiner Untaten. Ihn schwindelte. Da, es bewegte sich! Es zuckte! Eine kleine Hand griff ins Leere.

Der kalte Schweiß brach ihm aus allen Poren, kalt wie der Tod. Aber am kältesten war seine linke Hand, die hatte der Tod bereits umfasst und ließ sie nicht mehr los. Seine Finger verkrampften sich, fühlten das Kalte in ihrer Mitte - nein, er war es, der etwas umklammert hielt.

Ein Skalpell.

Seine Hände zitterten. Warum bist du denn nicht tot, du Missgeburt? Warum kannst du nicht einfach tot sein? Es zuckt, es bewegt sich, es will sich aufsetzen! Stirb! Stirb, Bestie! Das rettende Skalpell hoch erhoben, so sprang er auf das untote Wesen zu, um ihm den letzten Stoß zu versetzen -

Flammen schlugen aus dem Krematoriumsschlot, und für einen Augenblick war das Laboratorium taghell erleuchtet. Und da sah er sie, weit aufgerissene Augen inmitten eines totenbleichen Antlitzes, die ihn unverwandt ansahen, ihn fixierten, ihn durchbohrten, tote Geisteraugen, und doch voll Leben, die Augen eines Untoten.

Er wollte schreien, doch er brachte keinen Laut hervor. Das Skalpell entglitt seinen schweißnassen Händen und fiel klirrend zu Boden. Er taumelte rückwärts, nur fort von diesem Monster auf seinem Sektionstisch, fort, fort...

Über ihm flammte Licht auf, helles elektrisches Licht, und schon fühlte er sich aufgefangen und festgehalten. "Aber was tun sie denn hier?" drang die Stimme von Dr. Lingens an sein Ohr. "So spät in der Nacht und bei Dunkelheit?"

Er fragte sie nicht einmal, warum denn se noch auf war, er war nur so unendlich glücklich, dass sie da war. Erst jetzt merkte er, dass er am ganzen Körper zitterte und dass von seinen Lippen etwas Warmes über sein Kinn hinunterrann.

"Aber, aber", sagte sie, "was ist denn los mit Ihnen?" Fürsorglich zog sie ein Taschentuch hervor und tupfte ihm das Blut vom Mund ab.

"Nichts", murmelte er beschämt, während die Wärme in seine Glieder zurückkehrte. "Gar nichts." Allmählich löste sich die Lähmung, die die plötzliche Furcht über ihn gebracht hatte, und er konnte freier atmen. Was war nur in ihn gefahren?

"Ich glaube, Sie gehen jetzt besser ins Bett", meinte sie. "Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?"

Er schüttelte den Kopf. Nein, das wusste er nicht. Er wusste nur, dass es dunkel draußen war.

"Schon nach zwei. Ich begreife wirklich nicht, was Sie um die Zeit noch hier zu suchen haben."

Darauf antwortete er nur mit einem Achselzucken. Nun ja, da hatte sie recht. Es war wohl wirklich eine gute Idee, jetzt ins Bett zu gehen. Der Ton, in dem sie mit ihm sprach, störte ihn überhaupt nicht. Zwar war sie als Häftling hier, wegen Judenbegünstigung, aber in seinen Augen war das ein Kavaliersdelikt. Nur schade, dass sich eine kluge, gebildete Frau mit solchen Banalitäten abgab. Das hatte sie nun davon; nun war sie hier. Aber für ihn war sie viel mehr eine Kollegin als eine Verbrecherin, und außerdem eine der ganz wenigen Personen im Lager, die er wirklich gut leiden konnte.

"Also dann", sagte sie lachend und gab ihm einen Schubs. "Ab ins Bett! Sonst kommen Sie noch auf dumme Ideen hier!"

Ohne Protest folgte er ihr hinaus und löschte das Licht, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Von beiden unbemerkt, hauchte im dunklen Laboratorium ein kleines, unschuldiges Wesen endlich seine gequälte Seele aus, und die Seele entfloh dem grausamen Gefängnis des Konzentrationslagers und flog in die Nacht hinaus, dem Mond entgegen, der über Polen stand, weit, weit fort.



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