| Home Just In Communities Forums Beta Readers Dictionary Search | Login Register Extras |
Thema 2: Kreatives Interpretieren
Peter Bichsel: San Salvador
Erzählen Sie die Geschichte in der 3. Person, aus der Sicht Hildegards, die um halb zehn nach Hause kommt, den Zettel mit dem Füller sieht sowie die Zeitung mit den Kinoinseraten, während Paul nicht zu Hause ist.
~*~
Um halb zehn kam Hildegard nach Hause und fragte: „Schlafen die Kinder?“
Sie bekam jedoch keine Antwort, trat in die Stube, fand niemand vor.
Ihr war komisch zumute, Paul wartete sonst immer auf sie.
Die Frau stand da, dann ging sie durch die Wohnung; Paul war nirgends zu finden.
Sie sah nach den Kindern, die in ihren Betten schliefen als wäre alles in Ordnung.
Paul war nicht da. Sie machte sich Sorgen, irgendetwas musste geschehen sein.
Nervös kehrte sie zurück in die Stube, an den Tisch, fand einen Zettel, auf dem stand: „Mir ist es hier zu kalt, ich gehe nach Südamerika“, unterschrieben von Paul.
Hildegard sah auf, war erschrocken. „Paul?“ Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht, sah sich unsicher um. Dann ging sie zum Kasten und zählte die Hemden, es fehlte keines. Sie telefonierte in den „Löwen“, doch der „Löwen“ hatte mittwochs geschlossen.
Seufzend stellte sie das Radio an, blickte zum Tisch, sah die Zeitung mit den Kinoinseraten.
„Südamerika…“ Hildegard schaute nach, ob es einen Film mit oder über Südamerika gab. „Nein, keiner…“
Hildegard verzweifelte. Was war nur los? Wo war Paul?
Sie fuhr sich mit dem linken Ringfinger die Schläfen entlang, sah noch einmal nach den Kindern, zog sich dann den Mantel aus, das Radio lief noch immer.
Hildegard setzte sich an den Tisch, an dem auch Paul gesessen haben musste, spielte mit der Füllfeder, die sie nicht kannte, strich sich die Haare aus dem Gesicht, dachte nach, dachte an Paul. Sie starrte den Zettel an, schaltete das Radio ab, erinnerte sich an die Flitterwochen von vor zehn Jahren.
Dann schraubte sie die Kappe vom Füller ab, betrachtete ihn, zog das Blatt mit Pauls Nachricht näher zu sich, schrieb: „Bin daheim“, setzte Datum, Uhrzeit und ihren Namen darunter und strich sich die Haare aus dem Gesicht.
2003-11-26