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Es war einer dieser Tage des Sommers, an dem die Sonne sich mit ein paar Wolken am Himmel abwechselte und die Landschaft immer wieder in ein anderes Licht tauchte. Raphael stand an einem der Fenster seines Gemachs die einen atemberaubenden Blick ins Tal hinab gewährten, und
beobachtete dieses Schattenspiel. Da es noch einige Stunden dauern würde bis sein Onkel und seine Tante eintreffen würden beschloß er, eine Ausritt in den Wald zu mache um sich somit die Zeit bis zur Ankunft zu vertreiben.
Schnell zog er sich um und begab sich die Treppen hinab in den Burghof und hinüber in den Stall.
Einen Knecht zu holen, der sein Ross normalerweise sattelte, hätte zu lange gedauert und deswegen sattelte Raphael sein Pferd selbst, stieg auf und ritt in den Wald hinein.
Was für ein herrlicher Tag es doch ist! Und wie lieblich der Wald im warmen Sonnenschein erscheint...
Während Raphael sinnend die Wege entlangritt, die er seit seiner Kindheit kannte und liebte, vergaß er völlig die Zeit. Erst als er merkte, dass die Sonne sich schon nach Mittag befand, fielen ihm sein Onkel und seine Tante wieder ein, und im schnellen Galopp machte er sich zurück zum
Schloss auf. Dort angekommen, übergab er einem verwunderten Knecht sein Pferd, und rannte zum Gebäude in der Hoffnung, nicht von seinen Eltern bemerkt zu werden. Auf der Treppe, die in die oberen Stockwerke zu seinem Gemach führte, traf er Hart, seinen Bruder.
"Um Himmels Willen Raphael! Wo hast du denn gesteckt? Mutter und Vater suchen dich schon überall, sie sind außer sich! Sei froh, dass du mir begegnetest und nicht ihnen, sie hätten dich in Stücke gerissen." Hart betrachtete ihn von oben bis unten. "Wo warst du überhaupt? Bist du ausgeritten?"
"Sehr wohl mein liebes Bruderherz. Wieso sind sie denn außer sich? Es ist doch noch genug Zeit bis zu ihrer Ankunft, oder täusche ich mich?"
"Und wie du dich täuschst! Sie werden bald da sein, also beeile dich bitte. Und du sollst dein dunkelrotes Wams anziehen, hat Mutter gesagt, ein Knecht wird dir beim Ankleiden helfen.
Nun, spute dich, Raphael!"
Genervt von der Eile seines Bruders und der Eltern ging Raphael kopfschüttelnd in sein Gemach, wo schon der Knecht wartete. Als er fertig gekleidet war und der Knecht sich entfernt hatte, schloss Raphael die Tür ab, um nicht noch weiter herumgehetzt zu werden.
Jesus... warum sollte ich denn das weinrote Wams anziehen, das ist doch nur für die Feiertage. Welch ein Theater, und bloß weil mein Onkel und meine Tante kommen.
Gerade als er sich noch für einen Moment auf den Balkon stellen wollte, klopfte es an die Tür.
Wieder war es Hart.
"Raphael, was machst du denn noch so lange da drinnen? Bist du endlich fertig? Sie fahren gleich im Hofe vor. Schnell!"-"Jaja, ich bin auf dem Weg!"
Ein letztes Mal besah er sich im Spiegel und machte sich dann zügig auf den Weg nach unten.
Als er aus der Tür kam, hielt gerade die Kutsche an. Hastig stellte Raphael sich neben seinen Bruder, wurde aber von einem tadelnden Blicke seiner Eltern nicht verschont.
Die Tür der Kutsche ging auf, und Wilhelm von Wilmundsheim, einst ein stolzer Ritter gewesen, und seine Frau Rosalie stiegen aus. Nachdem sich alle herzlichst begrüßt hatten, hatten die beiden noch eine Überraschung für die anderen parat.
"Wir sind nicht allein gekommen", meinte Onkel Wilhelm, "wir haben nämlich noch jemanden mitgenommen und hoffen, dass euch ein weiterer Gast nicht stört. Also, es ist eure Nichte und," ,er zeigte auf Raphael und Hart,"eure Cousine Marie. Komm raus, Marie!"
Die Tür der Kutsche ging ein zweites Mal auf und mit ihr Raphaels und Harts Mund.
Beim heiligen Petrus...
Einer Nymphe gleichend stieg Marie mit einem bezaubernden Lächeln aus und begrüßte ihren Onkel und ihre Tante, die sie nach so langer Zeit fast nicht wiedererkannt hatten,
und herzten sie eine ganze Weile lang, während Hart und Raphael sprachlos daneben standen und zu ihnen hinüber starrten. Das kann doch niemals unsere Cousine Marie sein, sie- ich kann es einfach nicht glauben. Das ist unmöglich.
Die anderen hatten die Begrüßung langsam beendet und Fürst Karl schickte sich nun an, Marie ihren Cousins vorzustellen, die immer noch ratlos neben ihnen standen.
"Na, Marie, erkennst du noch Raphael und Hart wieder? Es ist zwar schon einige Zeit vergangen, als ihr euch zum letzten Mal sahet, aber wenigstens an Raphael müsstest du dich noch erinnern, Hart war damals noch zu klein um mit euch zu spielen."
Als Raphael immer noch kein Wort herausbrachte und Marie langsam errötete, besann er sich schnell wieder, nahm nach Brauchtum ihre Hand, küsste sie und hieß Marie Willkommen.
Sie sahen sich in die Augen wobei Raphael dabei fats verrückt wurde. Schließlich wandte sie sich
lächelnd ab zu Hart, der sie genauso begrüßte wie sein Bruder. Um kein Schweigen entstehen zu lassen, ergriff Fürst Wilhelm wieder das Wort und munterte die Gäste dazu auf, sich auf ihre Gemächer zurückzuziehen, um sich bis zum Abendmahl etwas von der Reise zu erholen und zu erfrischen. Wie gebannt sahen die zwei Brüder Marie hinterher wie sie mit Onkel und Tante und ihren Eltern drei Knechten folgte und die Treppe herauf verschwand. Raphael und Hart folgten als Letzte und gingen ebenfalls in ihre Gemächer.
In seinem Gemach angelangt, warf sich Raphael erstmal auf sein Bett, und auch noch mit seinem besten Wams. Doch das war ihm in dem Moment reichlich egal. Er musste jetzt erst die gelungene Überraschung seines Onkels und seiner Tante verarbeiten.
Ich glaube, ich werde verrückt. Meine kleine Cousine Marie, die ich nie leiden mochte, die mich früher mich und Hart stets ärgerte und die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, steigt aus der Kutsche und ich, ich... ich bin... weiß der Himmel was. Sie ist wunderschön geworden. Das hätte ich mir nie in meinem Leben gedacht.
Sinnend lag er eine Weile da und starrte die Decke seines Gemaches an, bis es an seine Türe klopfte. Schon wieder war es Hart: "Raphael, sie sind gleich fertig. Bald wird im Herrensaal aufgetischt, es dauert aber noch etwas. Ich wollte dir nur Bescheid sagen. Vergiss es nicht!"
Raphael lauschte den Schritten, die sich entfernten. Er richtete sich auf und stellte sich vor den Spiegel. Verzweifelt versuchte er die Falten, die sich durch das Liegen auf seinem Wams gebildet hatten, zu glätten, doch es gelang ihm nicht.
Zum Kuckuck mit diesen Stoffen.
Geärgert wandte er sich um und begab sich bereits vorab zum Herrensaal, ihn dem das Mahl stattfinden sollte. Dort angekommen, öffnete er die eisenbeschlagene Tür. Der Raum wurde erfüllt von den goldenen Strahlen der untergehenden Sonne. Raphael wollte gerade ganz eintreten, da sah er Marie. Sie stand an einem der vielen fenster und sah in den Sonnenuntergang. Ihr blondes Haar glänzte goldfarben von der Sonne und sie erschien wie ein schöner Zauber, wirklich und unwirklich zugleich, aber mit einer atemberaubenden Schönheit, die Raphael in ihren Bann zog.
Eine Weile stand er reglos da und beobachtete sie unbemerkt, doch als die Bediensteten
reinkamen um die Tafel zu decken, drehte sie sich um und entdeckte ihn, wie er gerade einem Bediensteten auswich. Als sie ihn ansah und lächelte, wurde es Raphael peinlich sie so beobachtet zu haben ohne sich bemerkbar gemacht zu haben.
Während er sich ihr näherte konnte er es nicht vermeiden dass eine tiefe Röte in seine Wangen schoss und um seine immer größer werdende Unsicherheit zu verbergen hob er stolz den Kopf an und ging erhabenen Ganges zu ihr hin. Bei Marie angelangt musste Raphael erst einmal tief Luft holen, um vor ihr nicht das Stottern anzufangen.
Wie schön sie ist. Einfach unglaublich. Ich muss irgendetwas sagen... aber was! So langsam wird es peinlich.
"Und, wie gefällt es Euch hier? Lang ist es her, als Ihr das letzte Mal hier wart. Sehr lang sogar."
Toll, Raphael, was besseres konnte dir auch nicht einfallen.
"Das ist wahr. Doch ich habe es hier nicht vergessen, denn ich liebte es immer mit meinen Eltern
hierher zu reisen und Zeit mit meinen Cousins zu verbringen.". Sie lachte ein wenig lausbübisch nach diesem Satz, so hatte Raphael das Gefühl.
"Zeit mit mir und Hart zu verbringen? Ihr ärgertet uns doch immer nur. Ihr wart für eine Prinzessin immer sehr, wie soll ich sagen? Vielleicht etwas ´lebhaft` ?" Unmöglicher konnte ich mich auch nicht ausdrücken. Lebhaft. War ja eine grandiose Idee.
"So könnte man mein damaliges Verhalten beschreiben. Aber Raphael, glaubet bloß nicht, dass ich mich geändert habe. Denn Ihr und Hart seid auch nicht gerade immer wohlerzogen gewesen."
Raphael klappte der Mund auf und er blickte Marie überrascht an. Da machte er sich Vorwürfe wegen eines Wortes und seine Cousine nannte ihn und seinen Bruder tatsächlich "nicht gerade wohlerzogen ". Er war sprachlos. Doch da Marie seine Fassungslosigkeit nicht entging, wandte sie sich grinsend von ihm ab und durchschritt majestätisch den Herrensaal und besah sich die Bilder, die die Ahnen des Geschlechts Lichtenstein zeigten. Raphael stand immer noch da, von Peinlichkeit und Scham berührt und wusste nichts auf die äußerst freche Aussage Mariens zu antworten. Ich bin soeben von einem Frauenzimmer bloßgestellt worden. Und wenn ich noch ein wenig mehr Glück habe, haben die Bediensteten alles mitbekommen und machen sich nun in der Küche über dich lustig. Herrlich.
In diesem Moment kamen Hart, seine Eltern, seine Tante und sein Onkel herein. Zusammen nahmen alle an der Tafel Platz, wobei Raphael jeden Blick in Mariens Richtung vermied. Als sie schließlich beim Dessert angelangt waren, stieß Hart, der neben Raphael saß, diesen an und flüsterte ihm ins Ohr: "Raphael, Marie schaut dich die ganze Zeit so seltsam an!"
Darauf drehte Raphael ganz unauffällig seinen Kopf zu Marie, die ihm schräg gegenüber saß.
Als sich ihre Blicke trafen, schoss Raphael das Blut in die Wangen und er spürte die Röte, die sein gesamtes Gesicht einzunehmen schien.