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Fiction » Fantasy » Legendennacht font: B s : A A A . width: full 3/4 1/2
Author: Schlossherrin
Fiction Rated: K - German - Mystery/Adventure - Reviews: 3 - Published: 01-11-04 - Updated: 01-11-04 - id:1494616

Legendennacht

"Oh nein, das schaffe ich niemals!", stöhnte ich, als ich auf meine Uhr schaute, während ich die spärlich beleuchtete Waldstraße entlang rannte. Es war viertel vor zwölf, und ich hatte nur noch fünfzehn Minuten um pünktlich vor der Haustür zu stehen. Meine Eltern würden mir den Hals umdrehen, sollte ich wieder zu spät von der Disco heimkommen. Um mehr Zeit zu gewinnen wollte ich eine Abkürzung nehmen, die über die Ruinen einer alten Burg führt.

Obwohl mir schon auf der einsamen Waldstraße recht mulmig zu Mute war, bog ich nach ein paar Metern rechts ab und lief auf einem finsteren Trampelpfad weiter. Ich hatte schon ein bisschen Angst, so ganz allein nachts im Wald. Als schließlich die Ruinen der verfallenen Burg vor mir im fahlen Mondlicht auftauchten, wäre ich am liebsten sofort zurückgelaufen, so sehr gruselte ich mich. Ich blieb stehen und schnappte nach Luft. Links vor mir ragte wie ein großer schwarzer Riese der halb zerstörte Turm auf, rechts stand das ehemalige Wohngebäude, allerdings ohne Dach. In der Mitte, von Mauerresten umrahmt, lag der Burghof. Ich sprintete zu der Stelle los, an der man über die Mauer klettern kann, doch ich erreichte sie nicht. In der Dunkelheit sah ich einen großen Stein nicht, stolperte, fiel und schlug mit dem Kopf hart auf den Boden auf. Dadurch verlor ich das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir kam, war der Mond bereits ein ganzes Stück weitergewandert. Mist,wieviel Uhr war es bloß? Plötzlich, ich wollte gerade auf meine Uhr schauen, sah ich einen Mann, nicht weit von mir entfernt. Er stand da und guckte in meine Richtung. Ich war mir nicht sicher, ob er mich sah, denn ich saß im Schatten des Turms. Irgendwie kam er mir seltsam vor, er trug nämlich einen langen Umhang mit Kragen und ein helles Hemd mit Rüschen. Er sah aus, als käme er von einem Kostümball. Doch da merkte ich, dass sich die Burg verändert hatte. Das Wohngebäude war nicht mehr verfallen und die vorher zugenagelte Tür stand offen. Innen im Flur brannte eine Fackel. Ich hörte ein flatterndes Geräusch und schaute nach oben. Der Turm stand in voller Größe da und das Flattern kam von der wehenden Fahne obendrauf. Auf einmal kamen Stimmen aus dem Wohngebäude. Der Mann drehte mir den Rücken zu und wandte sich dem Haus zu.

Er schien um die Zwanzig zu sein und sah auch gar nicht mal schlecht aus. "Bitte, Ludwig, lass ihn in Ruhe. Tu ihm nichts an, Ludwig, bitte!", hörte ich eine Frau aus dem Haus flehen. So langsam bekam ich es mit der Angst zu tun und verkroch mich so leise wie möglich in eine Ecke, damit mich niemand entdeckte.

Ein anderer junger Mann, gefolgt von einer ebenfalls jungen Frau, kaum älter als ich, stürmte aus dem Gebäude geradewegs auf den Mann in dem Umhang zu. "Du Hundesohn! Wie konntest du es wagen, mit meiner Frau zu schlafen! Dafür wirst du büßen, das schwöre ich.", schrie er ihn an und zog ein langes Schwert aus der Scheide an seinem Gürtel. "Ludwig, nein!", bettelte die Frau. Er stieß sie zur Seite, der Mann in dem Umhang aber bewegte sich nicht, sondern sah ihn nur an. Dann zog auch er ein Schwert.

"Anscheinend reichen einem Vampir für einen Kampf wohl doch nicht seine Reißzähne.", spottete Ludwig. Wie bitte? Vampir? Ich musste träumen. "Ich möchte nur gerecht kämpfen, damit auch ihr, Fürst von Attinghausen, eine Chance habt.", entgegnete ihm der Vampir, wenn er einer war. Da mischte sich die junge Frau noch mal ein. "Bitte, ich bitte euch, kämpft nicht. Raphael, Ludwig, nein!" Sie fing an zu weinen. Auf einmal kam mir ein unglaublicher Gedanke. In der Schule hatten wir mal über die Entstehung unserer Stadt und die Legende eines damaligen Fürst von Attinghausen geredet, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er Ludwig hieß. Die Legende besagt, dieser Ludwig hätte in einer Nacht gegen einen anderen Fürsten um seine Frau gekämpft, und der andere Fürst soll den Kampf gewonnen haben. Manche aber behaupten, es wäre kein Fürst, sondern ein Vampir gewesen. Die Leute streiten nämlich immer noch, welche Version der Legende wahr ist. Anscheinend erlebte ich gerade diese Nacht mit. Wäre das möglich?

Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als die beiden Männer zu kämpfen begannen. Raphael ging geschickter mit dem Schwert um und schlug Ludwigs’ bereits nach ein paar Augenblicken dem aus der Hand. Dann warf auch Raphael seins hin und sagte zu Ludwig:"So, jetzt sind wir ebenbürtig. Nun kämpft wie ein Mann." Ich sah die Angst in Ludwigs Augen, doch er griff an. Sie schlugen eine Weile aufeinander ein, bis Raphael den Fürsten festhielt und ihm in den Hals biss. Fast hätte ich losgeschrien, als ich das Blut an Ludwigs Hals hinunterrinnen sah. Die junge Frau fiel in Ohnmacht. Schließlich ließ Raphael vom Fürsten ab, der tot zu Boden fiel. An seinem Hals sah ich die Bissspuren und bekam dadurch noch mehr Angst. Der Vampir ging zu der Frau, hob sie auf und trug sie in das Gebäude. Als er die Tür hinter sich schloss, wurde es wieder finster und ich war allein mit dem toten Fürsten im Burghof. Zitternd stand ich auf. Doch plötzlich wurde mir schwindelig und ich fühlte mich so benebelt, dass ich zu Boden sank und in einen tiefen Schlaf fiel.

Ich wachte auf mit furchtbaren Kopfweh. Mir war schwindelig, doch ich schaffte es aufzustehen. Als mir in Erinnerung kam, was ich erlebt hatte, sah ich mich um. Die Burg war wieder in dem Zustand, in dem ich sie betreten hatte. Als der Mond hinter dem Turm hervorkam, sah ich etwas aufblitzen. Ich ging zu der Stelle hin und fand das Schwert, das Raphael vorher da hingeworfen hatte. Es war in hervorragendem Zustand und ich hob es auf. Da fiel mir die Uhrzeit wieder ein. Ich schaute nach und es war schier unglaublich: die Uhr zeigte zwanzig vor zwölf an. Mit dem Schwert in der Hand machte ich mich so schnell wie möglich auf den Heimweg.

Zuhause versteckte ich das Schwert im Keller. Am nächsten Tag in der Schule glaubte mir keiner ein Wort. Alle lachten mich aus, außer Ralf, unser Außenseiter. Wir sahen uns an, und er erinnerte mich auf einmal an jemanden. Mir fiel aber nicht ein wer. Viele machen sich über ihn lustig, denn er sagt fast nie etwas

und lachen sieht man ihn überhaupt nicht. Auch meine Geschichte schien ihn nicht zu beeindrucken, aber er sah mich an, als wäre sie nichts Neues für ihn. Da kam es mir auf einmal. Ich starrte ihn an. Das konnte doch unmöglich sein. Ich wusste plötzlich, wem er ähnlich sah. Nein, er sah Raphael nicht nur ähnlich, er sah aus wie sein Ebenbild, nur etwas jünger. Es schauderte mich. Er konnte niemals ein Nachfahre des Vampirs sein... oder etwa doch?

Ende



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