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Author: Lacrima Draconis
Fiction Rated: K+ - German - General/Tragedy - Published: 09-28-05 - Updated: 09-28-05 - id:2016576

Einzelfall

„Sie lachen, aber ist das nicht eigentlich bedenklich? Selbst wenn da nicht dieses verfluchte Gefühl wäre, dass ich ihn unbedingt mitnehmen muss, weil er wichtig ist… ich meine, ich kam hier her, um… was ich damit sagen will: Ich brauche ihn nicht mehr. Ich brauche ihn hier nicht und egal wo ich ihn gelassen hätte, ich wäre… ich werde nicht zurückkommen, um ihn zu holen“

Ärgerlich warf der Mann seinen Aktenkoffer auf den Boden. Er schlitterte einige Meter weiter und landete vor den Füßen des Mädchens, das scheinbar keine Notiz davon nahm und weiterhin unbeirrt in den Himmel starrte.

„Es wird bald regnen. Darf ich ihn aufmachen?“ „Hm?“ „Den Koffer, darf ich ihn aufmachen?“ „Hey, wehe du-“ „Wollten Sie ihr sagen, dass Sie nichts stehlen soll? Oder dass sie Ihre Dokumente nicht durcheinander bringen soll?“

Verlegen schloss der Mann seinen Mund und blickte den anderen an. Seinem Gesicht nach zu urteilen hatte er die 70 bereits überschritten, andererseits wollte das nichts heißen, schließlich wurde er selbst oft genug „überschätzt“, wenn es darum galt, hinter seinen müden Augen einen gerade mal Siebenundzwanzigjährigen auszumachen. Und das Mädchen? 15 vielleicht, aber bei der heutigen Jugend…

„Zigarette?“ „Hey, die gehören mir!“ „Na und?“

In einer Art Halbkreis waren fünf Betonblöcke aufgestellt worden, die möglicherweise als Sitzgelegenheit dienen sollten. In regelmäßigen Abständen markierten Betonplatten den Weg zu den Blumentöpfen und zurück. Der visuelle Höhepunkt war wohl die Mitte des Gebildes, bestehend aus einer schreibtischgroßen Grasfläche und einem vertrockneten Birkenbaum. Der Rest des Daches war mit Kieselsteinen zugeschüttet und im Meer der anderen Hochhäuser war es geradezu naiv anzunehmen, dass jemand freiwillig die „herrliche Atmosphäre des naturverbundenen Dachgartens“ in Anspruch nehmen würde. Aber in Werbeprospekten machte es sich gut und immerhin war auf einem der Sträucher tatsächlich noch so etwas wie ein grünes Blatt zu erkennen.

„Und Sie?“, fragte das Mädchen und hielt dem alten Mann, der sich auf einen der Blöcke gesetzt hatte, eine Zigarette entgegen. „Ich weiß nicht… in meinem Alter. Außerdem… ist Rauchen ungesund“

Der Alte und das Mädchen lachten.

„So, bitte“, meinte sie, zog zwei Stück aus der Packung und warf den Rest dem Geschäftsmann zu. „Jetzt gehören sie wieder ganz Ihnen. Aber wenn Sie die alle noch in diesem Leben rauchen wollen, dann erwarten Sie nicht, dass wir auf Sie warten“,

Sie grinste wieder. Der Alte zündete seine Zigarette an und sah nach oben. „Regen, du hast Recht. Ich gebe ihm eine Stunde“, Prüfend paffte das Mädchen eine scheinbar genau abgewogene Dosis Rauch in den Wind. „Halbe. Wenn überhaupt“, Sie setzte sich neben den Alten auf den Betonblock und sah zu, wie er kunstvoll einen Ring nach dem anderen in die Luft blies. „Wow. Ich kenne eine Clique, bei der könnten Sie damit sauber punkten!“

Er schmunzelte und schwieg. Dann betrachtete er das Mädchen, das im Moment einen großen Teil ihrer Aufmerksamkeit ihren Schuhbändern schenkte. „Warum? Du bist doch noch so-“ „Jung?“ Sie lies die halb gerauchte Zigarette fallen und stampfte sie in den Kies.

„Oh, ich bin mir sicher, dass sie genug Gründe hat. Spliss, ein halbes Kilo mehr auf der Waage und brüchige Nägel. Die Mode ändert sich, es ist eine Katastrophe! Und wenn sie sich schon keine Zigaretten leisten kann, dann sieht es mit angesagter Kleidung sicher auch mies aus. Und dann erst ihr Crush, der sie einfach nicht ansprechen will! Warum ist die Welt eigentlich nicht schon von selbst untergegangen?“

„Warum greifen Sie das Mädchen so an?“ „Das tut er nicht“, sagte sie und sah zu dem Mann auf. „Doch, er tut es. Aber nur, weil er eifersüchtig ist“, „Du meinst auf deine Jugend?“ „Nein. Ich meine darauf, dass ich vor ihm erkannt habe, wie beschissen das Leben ist. Prüfungen, Bewerbungsgespräche, Termine, immer und immer wieder. Ich hab’s nicht erst erleben müssen, nur um dann irgendwann die Sinnlosigkeit darin zu sehen, meine Aktentasche zu schnappen und auf ein Hochhausdach zu rennen!“

Schweigend drehte sich der Mann um und setzte sich auf den Betonblock ganz außen, von dem aus man fast nach unten sehen konnte. Es folgte Stille. Stille, wenn man das Kreischen eines Kindes irgendwo im Nebenhaus, das Klirren von Scheiben in den Korridoren unter ihnen, den Lärm der umliegenden Baustellen und Straßen und eine Polizeisirene in der Ferne als Stille bezeichnen wollte. Doch in einer Großstadt wie dieser war denen, die darüber nachdachten, schnell klar, dass es besonders hier eine Art der Stille gab, die viel bedrückender sein konnte als praktische Geräuschlosigkeit.

„Wer soll eigentlich anfangen?“ Das Mädchen hatte sich inzwischen die Zigarre aus den Kieselsteinen gefischt, sie gleichgestrichen und erneut entzündet.

„Anfangen? Was glaubst du, das ist doch keine Prüfung, bei der der Mutigste den Anfang machen muss!“ So schnell er voreilig geantwortet hatte, so schnell drehte er sich nun abermals um und schwieg. Er wollte ihr keine richtige Aussage mehr schenken, aber wenn man darüber nachdachte, dann war es genau das. Alle drei zugleich? Skurriles Medienfutter, das hätte etwas an sich. Andererseits war auch schon der Zufall zuvor unwahrscheinlich genug. Der Alte hatte einen plausiblen Grund, schließlich wohnte er hier. Was ihn anging, so arbeitete er im Gebäude nebenan. Allerdings war dort das Dach nur dem Wartungspersonal zugänglich. Und das Mädchen?

„Wohnst du hier?“ „Nein“, „Was machst du dann hier?“ „Das selbe wie Sie auch“, „Nein. Ja, schon. Aber ich meine-“ „Es hat sich eben so ergeben“, „Ah“,

„Am besten ist es, wenn Sie beide gar nicht auf mich warten“, sagte er Alte und zog so die Aufmerksamkeit der beiden anderen auf sich, die zuvor gar nicht gemerkt hatten, dass er inzwischen aufgestanden war und sich zu den Blumentöpfen gestellt hatte. „Ich habe es gestern versucht. Ich habe es vorgestern versucht. Und ich habe es an dem Tag zuvor versucht. Immer habe ich eine Gießkanne genommen, bin heraufgegangen und habe mir gesagt: Gieß die Blumen und dann… aber geschafft habe ich es noch nie“,

„Seit wann versuchen Sie es denn schon?“

Traurig zupfte der Mann ein paar welke Blütenblätter ab, lies sie fallen und sah zu, wie sie vom Wind getragen langsam in die Tiefe segelten. „Seit fünf Jahren. Und erst heute fällt mir auf, dass ich die Blumen an keinem Tag gegossen habe…“

Abrupt sprang das Mädchen auf und rannte auf den Dachrand zu. Erschrocken wollte der Mann sie zurückhalten, stoppte aber… nur kurz, nachdem sie dasselbe tat. „In Gottes Natur sind wir die Raupen, die sich durch das harte Leben kämpfen müssen, bis wir Erlösung in Gottes Gnade finden und durch seine helfende Hand den Kokon sprengen, um als bessere Menschen in das ewige Licht zu fliegen. Doch das Licht ist nicht das Ende, es ist der Anfang. Nur die in Selbstmitleid gefangenen sehen den Kokon als Gefängnis. Doch er ist Lernen. Er ist das Falsche, das getan werden muss, um das Richtige zu erkennen. Sieh’ es, wie es dir beliebt. Gib dich der Verzweiflung hin oder lass Gott dein Weg auf den Pfad des Lichtes sein, wo auch du als Schmetterling fliegen kannst!“ Mit ausgestreckten Armen stand das Mädchen am Rande des Daches, pfeifend.

„Was um Himmels Willen war d a s??“

Sie ging zu dem Mann und nahm die Zigarettenpackung aus seiner Brusttasche. „Dort wo ich herkomme nennen sie es Seelsorge… moralische Unterstützung … Hilfe auf dem schweren Pfad der Pubertät. Ha!“ Er zündete ihr die Zigarette an. „Dort wo vernünftige Menschen herkommen, dürfte man es gequirlte Scheiße nennen“, „Deine Eltern?“ „Meine Religionslehrerin. Schlimmer als Menschen, die dich in und auswendig kennen sind nur Menschen die glauben, dass sie es tun“,

„Verschwinde! Hau ab! Schuh!!“ Ärgerlich mit den Armen fuchtelnd stampfte der Alte auf die Taube zu, die lautstark im Kies gelandet war und sich nun auf der kleinen Gründfläche unter der Birke ausruhte. „Wenn diese Viecher nicht wären, würde hier vielleicht sogar etwas wachsen, das man ohne schlechtes Gewissen Gras nennen könnte! Aber vermutlich würden selbst dann-“

„Sie werden denken, es ist wegen meiner Frau“, murmelte der Mann. „Verzeihung?“ „Sie werden denken, ich bringe mich wegen meiner Frau um“, „Ist sie denn so schlimm?“, fragte das Mädchen grinsend. „Sie ist tot“, Stille. „Oh“,

„Und? Bringen sie sich wegen ihrer Frau um?“ „Na ja… in gewisser Weise ja.“, „Was stört Sie dann daran? Bei mir wird man wahrscheinlich glauben, dass ich vom Dach gefallen bin, als ich die Tauben verjagen wollte!“

Das Mädchen lachte. Sie konnte es sich zu gut vorstellen. Auch die beiden Männer mussten grinsen. „Nein, einem alten Sack wie mir traut man es nicht mir zu, dass ich…“

Der Jüngere schüttelte den Kopf. „Zeitungen. Aber… warum eigentlich?“ „Warum?“ „Warum wollen Sie…“

„Wenn ich genauer darüber nachdenke, muss es Ihnen wirklich seltsam vorkommen. Oder wie ist es sonst möglich? Nein, mein Leben war nicht schlecht. Ich würde Ihnen beiden mein Leben wünschen, vielleicht könnten Sie dann… aber das ist nicht der Punkt. Alles war in Ordnung, allerdings frage ich mich jetzt, wozu ich es noch länger hinausziehen soll. Meine Freunde sind tot und meine Kinder schwirren wie Fliegen um mein Bankkonto in der Hoffnung, dass sich kein Altersheim zwischen sie und ihr Erbe stellt. So gesehen ist dieser Gedanke vielleicht gar nicht so falsch… dieses Grauen, wenn man eines Morgens aufwacht und sich fragt: Und dafür habe ich gelebt?“ Er bückte sich und entfernte die Kiesel von der Grünfläche, die die Taube bei ihrem Besuch dort abgeladen hatte. „Aber das ist es eigentlich nicht. Nein, eigentlich war es sehr schön. Und eigentlich ist es das noch… irgendwie … aber-“ „Wenn es am schönsten ist soll man aufhören?“ Der Alte überlegte. „Vielleicht. Vielleicht ist es das, ja“

„Durchwühlst du schon wieder meinen Aktenkoffer? Warum musst du-“ „Sieh an, sieh an!“ „Was?“ „Hätte ich nicht für Ihren Geschmack gehalten, wirklich nicht“, Interessiert blätterte das Mädchen durch die Seiten des blauen Buches und inspizierte es, als hätte sie zuvor noch nie einen Gegenstand dieser Art gesehen.

„Wie war das mit unerträglichen Leuten, die dich zu kennen glauben?“ „Na wenigstens meine ich nicht, dass ich sie durch meine Religionsphilosophie erlösen kann. Aber apropos: ‚Sidney Sheldon, Wen die Götter strafen’“ „Wen der was?“ „Hier, bitte!“ Vorsichtig warf sie das Buch dem Alten zu, der es mit einem ungeschickten Zuklatschen beider Arme knapp zu fassen bekam. „Wen die Götter strafen…“ „Wen die Götter strafen, dem Verschaffen sie einen Job in einem Versicherungsbüro“,

Der Alte lachte wieder, ging zu dem Mann und drückte ihm sein Buch in die Hand. „Ich glaube, ich habe Sie ein paar Mal unten beim Zeitungsstand gesehen“, „Ja, ich arbeite in dem Bürogebäude da drüben“, „Na das erklärt wenigstens einiges…“

„Es ist nicht wegen meiner Frau. Nicht in dem Sinne, dass mich ihr Tod so mitgenommen hat, dass ich nun ebenfalls mein Leben beenden möchte. Gerade das ist nicht der Fall. Wir kannten uns eigentlich schon seit dem Kinderkarten, eine klassische Liebesgeschichte, wenn man es so will. Haben uns aus den Augen verloren und eines Tages in der Stadt getroffen. Wir sind zusammen ausgegangen, haben uns schließlich eine gemeinsame Wohnung gekauft und vor zwei Jahren beschlossen zu heiraten. Und dann wurde sie überfahren. Ich kam gerade von der Arbeit, da stand ihre Schwester bereits vor meiner Türe, vollkommen verheult und verstört. Wir sind zusammen in das Krankenhaus gefahren, aber man konnte nichts mehr für sie tun.“

Der Mann sah in den Himmel, als würde er nun ein Zeichen erwarten. Kurz rührte er sich nicht, dann legte er seine Krawatte ab und erzählte weiter: „Zwei Monate später wache ich auf und stelle fest, dass sich nichts verändert hat. Ich vermisste sie, natürlich. Ich vermisse sie noch immer, aber… aber wie gleichgültig jeder nächste Morgen unverschämt an mein Fenster klopfte, ohne sich daran zu stören, dass sie tot war. Ohne sich daran zu stören, dass es Milliarden und wieder Milliarden von Menschen waren, die mit der Zeit ihr Leben ließen. Und was ist mit ihnen passiert? Wie erinnern wir uns täglich an sie?“

Er hob den Arm und öffnete seine Hand. Die feine Krawatte mit dem grün-blauen Karomuster flatterte in die Höhe und flog davon, beinahe so, als würde sie leben und nach Süden ziehen, würde man ein paar weitere Krawatten zu ihr lassen, damit sie einen Schwarm bilden könne.

„Und da wurde mir klar, was ich tue. Was ich tat und was ich tun werde bis zu meinem Tod. Und egal, wie sehr ich mich je anstrengen würde, was auch immer ich tun würde, eines Tages wäre es Zeit und das Unvermeidliche würde geschehen. Und dann? Was wird dann aus meinem Gehalt, das im Moment noch andere vor Neid grün werden lässt? Was wird dann aus dem kleinen Silberpokal mit der Aufschrift „Mitarbeiter des Jahres“? Was bleibt davon? Was bleibt von mir? Was, außer mein Name auf einem Grabstein?“

Diesmal dauerte die Stille länger an. Und langsam schien es, als würde sich der Rest der Stadt der Stille auf dem Dach beugen. Die Polizeisirene war schon lange verstummt und auch die Bauarbeiter hatten sich auf den Heimweg gemacht. Das Klirren hatte aufgehört und auch das Baby schien inzwischen eingeschlafen zu sein. Eine Wette hätte der alte Mann gewonnen, da bereits mehr als eine Stunde vergangen war und noch immer kein Tropfen vom Himmel fiel. „Vielleicht regnet es ja doch nicht mehr“, meinte er und ging mit der Gießkanne zu den Blumentöpfen, während der Mann und das Mädchen sich an den Rand des Daches gesetzt hatten, und sie nun in seinem Buch las.

„Noch eine Zigarette?“ „Es tut mir Leid“, „Hm?“ „Es tut mir Leid, Sie hatten Recht.“ „Noch mehr christliche Rätsel?“ „Sie hatten Recht. Eigentlich ist es wegen einem Jungen“

Er steckte die Packung ein und legte ihr eine Zigarette in das Buch. Sie nahm sie, klappte das Buch zu und drückte es ihm in die Hand. „Er heißt Joseph, aber das ist wahrscheinlich unwichtig. Er ist ein Jahr älter als ich und hat braune- unwichtig, schon wieder. Jedenfalls sind wir… eigentlich will ich das nicht sagen, dafür klingt es zu sehr nach einem schlechten Film. Aber das ist es nicht. Und wir… wir sind füreinander bestimmt. Diese ganzen Sachen von wegen Topf und Deckel oder eine Seele in zwei Körpern… das sind wir! Nur dachte ich, dass… er das auch weiß“ „Tut er das nicht?“ „Nein. Das kann ich mir nicht vorstellen. Nicht nach dem, was er getan hat. Es war so… sinnlos. Dumm! Leichtsinnig! Egoistisch! Das hätte er mir nicht antun dürfen, niemals!“ „Er hat dich verlassen für deine beste Freundin?“ „Er hat mich verlassen. Für ein Hochhaus, von dem er gesprungen ist“ Hastig warf der Mann seine Zigarette vom Dach und bemühte sich, den plötzlichen Hustenanfall zu unterdrücken. Erfolglos.

„Tut mir Leid. Aber… bist du deshalb hier? Ich meine, hier? Ist er von d i e s e m Dach-“

„Ich bin hier… h i e r, weil ich versagt habe. Ich hatte diese besondere Person und ich hätte ihn beschützen sollen. Ich hätte ihm helfen sollen, aber ich konnte ihm nicht helfen. Es war meine einzige Aufgabe und ich habe versagt! Und jetzt bin ich nutzlos.“

Er folgte ihr nicht, als sie aufstand und zur Birke ging. Er nahm an, dass sie weinen musste und nicht wollte, dass es jemand bemerkte. Der Alte allerdings warf einen Blick auf ihr Gesicht und sah, dass es schlimmer als das war.

Es war sicher schon zehn Jahre her, da war er von einer Leiter gefallen und hatte sich das Bein gebrochen. Die Ärzte meinten damals, dass er nun wahrscheinlich ein Pflegefall werden würde oder jedenfalls nicht mehr alleine zu Hause bleiben sollte. Missmutig hatte seine älteste Tochter sich Urlaub genommen und war mit ihm durch sämtliche Altersheime der Stadt gefahren. Er solle selbst wählen, welches ihm am besten gefiel. Ein Witz! Das nächste Mal würde der Teufel ihn durch die Zirkel der Hölle führen und ihm die Gnade dieser Wahl lassen.

Kein Tier in keinem Zoo hätte sich schlimmer fühlen können und eigentlich hätte er erwartet, dass es in jedem der Heime nur so wimmeln würde von rastlosen Männern und Frauen, die verzweifelt einen Ausweg aus diesem Haus suchten. Doch die Wahrheit war…

Drei Tage später stand er wieder auf den Beinen und im nächsten Monat bestand er darauf, bei einem Seniorenmarathon teilzunehmen. Natürlich hatten alle gelacht und ihn gelobt, weil er solchen Kampfgeist bewies und sich nicht unterkriegen ließ.

Aber die treibende Kraft hinter seiner Genesung war keineswegs Ehrgeiz. Es war Angst. Pure Angst vor den Gesichtern, die ihn in den Altersheimen in Massen anstarrten. Er wollte sie nie wieder sehen, diese schrecklichen Augen, die zwar im Gesicht eines Menschen saßen, in ihrem Ausdruck aber mehr als unmenschlich waren. Leere Blicke alter Leute, deren Körper zwar noch bedingt funktionierten, in deren Geist aber schon lange kein Leben mehr war. Augen wie Seelen, deren einzige Sehnsucht der Tod war, aufdass sie sich endlich schließen könnten. Und wie schrecklich musste ein Leben sein, wenn eben dieser Blick nun schon in den Augen eines so jungen Mädchens lag?

Ein Klingeln schreckte den Alten aus seinen Gedanken. Er drehte sich um und sah, wie der Mann zögernd ein Mobiltelefon aus seiner Hosentasche zog. „Da wollen Sie jetzt aber nicht wirklich rangehen, oder?“ „Na ja, es ist mein Boss“, „Und?“ „Ich schätze, er sehnt sich danach, seine Cholerik an mir auszulassen, weil ich heute nicht zur Arbeit gekommen bin“,

Der Mann erinnerte sich zurück. Es war ein Morgen wie jeder andere auch. Er hatte zwei Tassen schwarzen Kaffee ohne Zucker getrunken, sich ein Vollkornbrot mit fettarmer Putenwurst belegt und war nach dem Frühstück ins Badezimmer gegangen. Dann hatte er aus dem Schrank einen dunkelblauen Anzug und seine nun ehemalige Krawatte ausgewählt und war samt Aktenkoffer zur Arbeit gegangen. Beim Zeitungsstand hatte er einen Blick auf die Schlagzeilen geworfen. Trägt Promi X tatsächlich Reizunterwäsche? Sind Y Hausfrauen unglücklich im Bett? Kann man in Land Z günstiger saufen als hier? Ja, und dann hatte es ihn erwischt. Er erinnerte sich fast nicht mehr daran, aber es war wie eine Art Schwindelanfall. Plötzliche Kopfschmerzen, so unerträglich wie nie und eine Stimme, die sich in seine Brust bohrte und schrie: „Verschwinde! Verschwinde von hier!“ Dann hatte er die Zeitung fallengelassen und war auf dieses Dach gerannt. Das war nun allerdings schon gute zwölf Stunden her.

Plötzlich fuhr ein markerschütterndes Geräusch über die Dächer und alle drei zuckten zusammen. Dann streckte das Mädchen demonstrativ ihre Hand aus und sah zu dem Alten. „Regen. Na bitte, was hab ich gesagt!“ „Er kommt verspätet! Sehr verspätet…“

In regelmäßigen Abständen schlugen nun Donner und Blitz durch die Luft, begleitet natürlich von dicken Regentropfen, die unaufhörlich auf das Dach schlugen und die kleinsten Kiesel dazu brachten, in alle Himmelsrichtungen zu springen.

Wie trügerisch die scheinbare Unaufhörlichkeit des Gewitters war, wurde spätestens klar, als der Regen bereits nach zehn Minuten zu einem dünnen Vorhang fallenden Wassers geworden war und sich schließlich ganz verzog und zusammen mit dem fliehenden Donner einen beinahe wolkenlosen Himmel freigab. Es dauerte eine Weile, bis einem Teil des nun durchnässten Trios wieder ein Wort zu entlocken war, doch auch dieses wäre in seiner Lautstärke untergegangen, wäre auch nur ein Stück des gewaltigen Donners übrig geblieben.

„Halte ich euch eigentlich auf?“, fragte der Mann so leise, dass das Mädchen näher kommen und der Alte nachfragen musste, um ihn zu verstehen. Davon unbeirrt stand der Mann auf und stellte sich mit ausgestreckten Armen punktgenau an den Rand des Daches. Der Alte war davon leicht verunsichert, war es doch genau diese Position, in der er den Mann vorgefunden hatte, als er wie jeden Tag gegen 15 Uhr sein Ritual am Dach beginnen wollte. Er konnte es zu diesem Zeitpunkt kaum glauben, dass der Mann laut eigenen Angaben bereits seit kurz nach 9 Uhr in der Früh so auf seinem Hausdach stand.

„Sie wären doch bestimmt schon gesprungen, oder? Sie wären heute gesprungen!“ Er drehte seinen Kopf leicht, sodass er gerade sehen konnte, wie der alte Mann mit seinen Schultern zuckte.

„Aber du… dich behindere ich nur in deinen Absichten!“

Diesmal unterbrach er seine Pose und drehte sich vollständig zu dem Mädchen um. Unsicher tat dieses einen Schritt auf ihn zu und wollte etwas sagen. Allerdings…

Sie würde es nicht Streit nennen. Stress vielleicht, aber nicht Streit. Was ihre Eltern Vernunft und Erfahrung nannten, tat sie schon lange als gefühlskalte Idiotie ab. Früher hatte sie ständig geschrien. Doch inzwischen hatte sie für sich erkannt, dass jedes Wort an ihre Eltern verschwendet war. Sie saßen an jenem Tag gerade beim Abendessen, als ihre geliebte Religionslehrerin zum zigsten Male anrief, um ihre „aufrichtigen Sorgen um die schulischen Leistungen und das seelische Befinden Ihrer werten Tochter“ zu verkünden. Nichts, was das Mädchen sonst nicht mit kaltem Schweigen ignoriert hätte, aber das ernste Wort, das ihr Vater dieses Mal mit ihr zu sprechen glauben musste, war ein falsches Wort zu viel.

‚Jeden Tag sterben Millionen von Menschen, aber sollen wir uns deshalb gleich aus Solidarität in der Erde vergraben? Du kannst doch nicht deine Zukunft verspielen wegen einem Heini, der vor sieben Jahren gestorben ist! Du bist jetzt siebzehn und so dumm du dich auch aufführst, vom Gesetz her bist du bald erwachsen und musst dich darum kümmern, wie es nach der Schule weitergehen soll. Schließlich kannst du dich nicht ewig finanziell unter unserem Tisch verkriechen!’

Es war ein warmer Tag aber dennoch Winter und als sie an diesem Nachmittag loslief, begann das Tageslicht bereits langsam zu schwinden.

Ihr Ziel war ihr von Anfang an klar gewesen. Wenn sie ihm folgen würde, dann würde sie auch seinen Weg wählen und selbst, wenn sie nicht täglich einen Umweg daran vorbei gemacht hätte, wäre ihr dieser Ort immer im Gedächtnis geblieben. Der Aufzug war kaputt, deshalb hatte sie die Stiegen genommen. Sie war gerannt, den ganzen Weg und wollte am Dach weiter ins Nichts rennen, als sie die Blicke der beiden Männer wahrnahm. Und dann blieb sie stehen.

„Wärst du gesprungen??“, fragte der Mann erneut, mit einer Stimme, deren Schwanken das Mädchen verunsicherte. Doch sein Blick ließ nicht von ihr ab, selbst nicht dann, als sie sich umdrehte, um das vollkommen durchnässte Buch aufzuheben und es wieder in den Aktenkoffer zu legen.

Schließlich zog sie ihre Jacke aus, warf sie über einen der Betonblöcke und stellte sich neben dem Mann an den Rand. „Ich kam heute auf dieses Dach, um zu springen“

Es war der Sonnenuntergang in der anderen Richtung, der den Alten so sehr vom Treiben der anderen beiden abgelenkt hatte. Seit fünf Jahren sah er ihn fast jeden Tag und dennoch war es für ihn noch immer etwas besonderes. „Sehen Sie mal, die Sonne! Sie-“, Erschrocken brach der Alte seinen Satz ab. Im verblassenden Licht wirkte es beinahe grotesk, wie der Mann und das Mädchen am Rand des Daches standen. Und hätte er nicht um diese Unmöglichkeit gewusst, so hätte er meinen wollen, dass sie jede Sekunde aufs Neue dabei waren, vom Dach zu fallen.

„Die Sonne. Es ist nur die Sonne. Sie geht auf, sie geht unter. Und daran wird sich nichts ändern. Genauso wie sich an unseren Leben nichts ändern wird. Zuerst wollte ich es nicht glauben, aber jetzt habe ich alles verstanden. Es ist eine falsche Hoffnung, die uns durch das Leben führt. Es wird nicht besser, wir werden nur schwächer. Und irgendwann leben wir weiter. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit. Entkommen wir dem Tod deshalb? Nein, wir schieben ihn nur auf. Wir „kämpfen“ für unser Leben, obwohl es früher oder später sowieso dazu verdammt ist, zu vergehen. Und die Tage, Wochen, Monate und Jahre, die wir uns schenken? Nutzlos. Wir stehen vor einem Schalter ohne Schlange und wagen nicht, den Kassierer anzusprechen, bevor er uns aufruft. Es ist lächerlich, einfach nur lächerlich!“

Ohne es selbst zu merken, war der Alte mit jedem Wort des Mannes einen Schritt näher gekommen. Was ihn nun von ihm und dem Mädchen trennte war lediglich eine kleine Betonerhöhung, die einen halben Meter breit war das ganze Dach umrahmte, damit die Kieselsteine nicht so einfach in die Tiefe fallen konnten.

Wortlos streckte der Mann seine Hand nach dem Alten aus. „Kommen Sie. Es gibt nichts, was uns hier noch hält!“

Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis der Alte die Hand des anderen Mannes ergriff und auf die Erhöhung stieg. Und nun stand er da. Nun standen sie da, nebeneinander, wie es Tauben vielleicht sonst tun würden. Oder man mochte meinen, dass sie eine Familie waren, die in dem Haus wohnten und auf das Dach gestiegen waren, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Nur einen Unterschied gab es da: Dem Sonnenuntergang hatten sie alle den Rücken gekehrt.



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