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Der Weg daheim
„Hast du
schon gehört? Die Müller aus der Zehnten ist jetzt mit
diesem Karlo von der Realschule zusammen…“
„Was?
Nein! Nicht möglich!“„Doch,
gestern waren sie im Kino…“
Die beiden
tuschelnden Mädchen biegen um die Ecke. Beide tragen sie den
gleichen, modischen Pferdeschwanz und die gleiche Jeansmarke. Beide
tragen die gleichen Lederstiefeletten und eine zartrosafarbene Jacke.
Ihr Getuschel und Geplapper wird leiser, stirbt ab, je weiter sie
sich entfernen.
Langsam und schwerfällig setzt sie ihren weg fort, ihre schwere Schultasche auf dem Rücken geschultert. Ihre Füße treten sanft und leise auf dem Straßenboden auf, ihre Augen sind leicht nach unten gerichtet. Tief genug, um keinem ins Gesicht sehen zu müssen, aber hoch genug, um mit nichts zu kollidieren, was ihr entgegen kommen könnte.
Um sie
herum herrscht das geschäftige Lärmen der Hauptstraße
einer Kleinstadt, Automotoren brummen, Menschen unterhalten sich,
Kinder lachen und spielen, eine alte Dame beschimpft laut einen
Fahrradfahrer.
Ihr Blick
schweift kurz ab zu einem Glasschaufenster. Es ist ein Möbelhaus,
das vor einer weißen Wand einige Sessel präsentiert. Im
Glas der Scheibe sieht sie die Reflektion ihrer Beine; große,
staksige Beine, gehüllt in eine schlabberig darum fallende,
schwarze Jeans.
Sie wendet ihren Blick wieder ab von dem Glasfenster, nähert sich der Bushaltestelle, an der ihr Bus halten wird. Es ist nicht ihr Bus, nicht wirklich, aber sie denkt gerne so. Genauso wie sie den Platz vorne rechts am Fenster im Klassenraum gerne als ihren Platz bezeichnet und diese eine kleine Ecke auf dem Schulhof, zwischen den Mülltonnen und den Fahrradständern, ihre Ecke nennt.
Mit stockenden Schritt kommt sie an der Bushaltestelle an und lässt sich auf einem der Sitzplätze nieder. Sie hat Glück, es ist ein Platz frei und nur zwei alte Damen sitzen neben ihr.
„Elsbeth
schau doch, fürchterlich diese Rüpel von heute. Schon
wieder einer von denen.“
„Wo
denn, Matilda?“
„Da
drüben, an dem Kiosk. Hält mitten auf der Fahrbahn und
lässt seine… nennt man das heutzutage eigentlich noch
Freundin…? aussteigen.“
„Jetzt
sehe ich’s. Oh Gott, wie egoistisch. Und dann wie sie aussehen,
nein…“
„Jaja,
die Jugend von heute Elsbeth.“
Der von
den beiden Damen so abschätzig kommentierte junge Mann in seinem
dunkelgrünem BMW interessiert sich nicht weiter für das
Geschwätz der Frauen, hört es jedoch auch nicht.
Stattdessen wirft er seiner jungen Freundin, die, eingehüllt in
enge Jeans, Bluse und kurze, offene Jacke, über den Gehweg
stolziert, eine Kusshand zu, grinst und gibt die belegte Straße
wieder frei.
Ihr Blick,
der ungewollt dem der Damen gefolgt war, legt sich wieder auf den
Boden vor sich. Ihre beiden Hände, langgliedrig, asymmetrisch
und zittrig, winden sich nervös ineinander und spielen mit dem
Saum ihrer kurzen blauen Stoffjacke. Alle zwei Sekunden dreht sie
dabei ihr eines Handgelenk so, dass sie ihre Uhr sehen kann.
Noch fünf
Minuten bis der Bus kommen sollte. Wann er kommt, das weiß sie
nicht und die alten Damen wahrscheinlich auch nicht. Tief in ihrem
Innern wünscht sie sich sogar, dass er nie kommt, dass sie
einfach hier an diesem Fleck sitzen bleiben könnte, für
immer.
Aber der
Bus kommt und ihre Verschnaufpause ist vorbei. Mühselig erhebt
sie sich mit den beiden Damen zusammen, betritt den Bus und setzt
sich ganz nach hinten.
Müde
lehnt sie ihren Kopf an das Seitenfenster und lässt ihre Augen
zu zwei kleinen Schlitzen werden.
Der Bus
bietet ihr keinen Anblick, den sie nicht schon kennt und kein
Gesicht, dass überaus interessant wäre. Alle Bezüge
haben dieselbe Farbe, es hängt die wie immer gleiche Werbung an
den Fenstern und die Haltestellen ändern sich sowieso nie.
Zwei Sitze
vor ihr klingelt ein Handy.
„Ja?
Nein, hab ich noch nicht. Marko soll sich drum kümmern, der faule Sack kommt eh immer zu spät…
Natürlich weiß ich das. Und nein, ich werde meine Meinung nicht ändern…
Ach, was
weiß ich. Frag doch Erika.“
Der junge
Mann, dem das Handy gehört, legt sichtlich erregt auf und
verstaut das Handy ärgerlich in seiner Jackentasche. Es ist eine
teure Jacke, Marke mit Schnitt. Seine schwarzen Haare sind kurz
getrimmt, mit Gel zu kleinen Spitzen geformt – und ein Ansatz zeigt
sich.
Wieder wendet sie ihren Blick ab und auf den Boden vor sich. Schließt die Augen. Schläft, ohne zu schlafen, und hört nur noch das Rumpeln des Busses, die Stimme der Haltestellenansage und all die anderen Geräusche, die ihren Weg in ihren Gehörgang finden.
Nach zehn Minuten kann sie schon wieder aussteigen. Ihr Zuhause ist in einem vierstöckigem Mietshaus, oben in der vierten Etage. Abgeschlafft schleppt sie sich die Treppen nach oben. Mit jedem Schritt scheint ihr Rucksack schwerer zu werden und das Philosophiebuch mehr zu wiegen. Oben angekommen kramt sie in ihrer Tasche und öffnet die Haustür.
Die
Wohnung ist aufgeräumt, sauber. Ihre Mutter hält große
Stücke auf Ordnung. Ihr Vater wohl auch, aber mehr an seinem
Arbeitsplatz als zu hause.
Sie lässt
ihren Rucksack in ihrem Zimmer aufs Bett fallen, öffnet ihre
Jacke und betritt die Küche.
„…aber das geht doch einfach nicht Beate. Egal ob Ex-Mann hin oder her, er kann doch nicht denken du würdest so etwas tun!“
Ihre Mutter sitzt am Küchentisch, vor ihr eine aufgeschlagene Zeitschrift und ein halbgegessenes Brot. In ihrer Hand der weiße Telefonhörer. Der Blick ihrer Mutter trifft sich kurz mit ihren, ihre Mutter lächelt schwach und angespannt, wendet sich dann wieder voll und ganz ihrer Freundin zu. „Nein, Beate, das hat rein gar nichts…“
Mit
letzter Kraft schlurft sie zurück in ihr Zimmer und setzt sich
neben den umgekippten Rucksack.
Sie hat
ihre Schuhe, ihre Jacke, noch an und langsam kriecht die Hitze an ihr
hoch. Sie ignoriert es.
Ihr Blick
wandert durch ihr Zimmer. Über ihre Poster, ihr Bücherregal,
ihre CD Sammlung und bleibt schließlich an ihrem Schreibtisch
hängen, wo noch ein Buch aufgeschlagen liegt vom heutigen
Morgen. Sie ist eine Frühaufsteherin, die spät zu Bett
geht.
Sie greift
nach dem Buch, streckt sich und kann es gerade so vom Bett aus
erreichen. Vorsichtig dann zieht sie es auf ihren Schoß.
Es ist
Sartre, Jean-Paul.
Sie liest
es, laut. Sie hat es bereits heute morgen gelesen und es hat sich
auch nichts an den Worten verändert.
Sie klappt
das Buch zu, steht auf, macht ihre Jacke zu und verlässt wieder
die Wohnung, die Stimme ihrer telefonierenden Mutter hinter sich
lassend.
Jeder
ihrer Schritte bringt sie näher an die Tür des Mietshauses
und als sie dann endlich unten an der Straße steht hat sie ihre
Hände in ihre Jackentaschen gesteckt und sieht sich auf der
Straße um.
Kinder
spielen, einige Fahrradfahrer rasen den Fahrradweg entlang und an der
gegenüberliegenden Straßenseite hält in wenigen
Minuten der Bus.
Sie läuft
hinüber, lehnt sich an die Stange des Bushaltestellenschilds und
wartet.
Der Bus kommt, erneut steigt sie ein, doch diesmal in die andere Richtung. Diesmal geht sie langsam den Bus entlang, jeden Platz abwiegend, bis ihre Augen auf einem Mädchen hinten im Bus ruhen bleiben.
Das
Mädchen hat rotes Haar, trägt eine Stoffhose, Wolljacke und
einen Pullover. Ihre Augen sind auf die Rückenlehne des Sitzes
vor ihr gerichtet.
Dieser
Anblick erinnert sie an etwas und bevor sie die Frage richtig stellen
kann, hat sie schon die Antwort gefunden.
Sie geht durch den Bus, etwas hadernd, da er schon fährt und setzt sich neben das Mädchen. Zwei blaue Augen wenden sich langsam zu ihr und dann sofort leicht wieder ab, auf den Boden vor ihr, aber sie weiß, was das Mädchen in Wahrheit ansieht und worauf es achtet.
Dann
schluckt sie.
„Hi.“
Und
lächelt.