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Prolog: Der Blick in die Tiefe
Ächzend stapfte Hausmeister Peter die letzten Stufen zum Dach hoch und verfluchte, wie schon viele Male zuvor, das Alter und seine Folgen. Als er angefangen hatte, hier zu arbeiten, - und das war immerhin schon über fünfzehn Jahre her -, da war er mühelos sämtliche zwölf Stockwerke zu Fuß hoch marschiert. Heute machten ihm schon die vierunddreißig Stufen vom zwölften Stock hoch zum Dach Mühe, und er spürte, wie sein Herz raste. Er war froh, dass der Feierabend für heute kurz bevor stand. Wie jeden Tag war seine letzte Aufgabe, das Dach zu kontrollieren und dann die Tür abzuschließen.
Endlich oben angekommen betrat Peter nach einer kurzen Verschnaufpause das Dach. Eisiger Wind pfiff ihm entgegen und er warf den üblichen Blick in die Runde, um zu prüfen, ob sich noch jemand hier oben aufhielt. Das zwölfstöckige Wohnhaus war alt, und das Dach war so gut wie gar nicht gesichert. Am Rand verlief ein höchstens einen Meter hoher Metallzaun, der noch nicht einmal ein wagemutiges Kind hätte abhalten können, sein Leben zu riskieren und darüber zu klettern.
Peter wollte sich schon umdrehen und die Tür abschließen, als er etwas entdeckte. Ein Junge stand am Rand der Plattform, die Arme auf das Geländer gestützt, und blickte in die Tiefe. Der Wind zerzauste sein blondes Haar und bei näherer Betrachtung merkte der Hausmeister, was ihn an dem Bild so irritiert hatte. Der Junge trug sehr merkwürdige Kleidung. Sie war völlig schwarz, nur unter der Jacke schien er etwas Weißes zu tragen, denn unter den Jackenärmeln blitzte es hervor, wenn der Wind zu sehr daran zerrte. Das Seltsame war, dass an der Hose und der Jacke so etwas wie Schnüre befestigt zu sein schienen, oder eher schwarze Stoffstreifen, an den Ellbogen und Schultern der Jacke, und die seitlichen Nähte entlang der Hose. Die Stoffstreifen tanzten im Wind hin und her, noch stärker als das Haar des Jungen, und ließen seine Gestalt aus weiterer Entfernung seltsam flackern.
Hausmeister Peter fragte sich, was der Junge hier so alleine machte. Er schätzte ihn auf etwa vierzehn oder fünfzehn Jahre, ein Alter, in dem die Kinder von heute sicher schon alleine unterwegs waren. Trotzdem wirkte der Junge irgendwie verloren, wie er da so allein auf dem Dach stand, noch dazu um diese Tageszeit. Schon jetzt war es zu dunkel, um bis nach unten sehen zu können. Nur die anderen, in die Höhe ragenden Hochhäuser konnte man noch erkennen und tief unten die ersten Lichter der Nacht. Hausmeister Peter näherte sich dem Jungen und fragte sich, ob er ihn ansprechen sollte oder nicht. Der Junge wohnte sicher nicht in diesem Gebäude, denn Peter kannte alle Mieter, wenngleich er noch immer nicht alle ihre Namen kannte. Aber jeder war schon einmal an ihm vorbei die Treppe runter gelaufen, während er eine Glühbirne ausgewechselt oder den Fahrstuhl repariert hatte. Und an einen Jungen mit blonden Haaren, der so außergewöhnliche Kleidung trug, hätte er sich ganz sicher erinnert.
Als Hausmeister Peter sich bis auf fünf Meter genähert hatte, drehte der Junge sich zu ihm um. Er musterte den Hausmeister aus seinen außergewöhnlich hellen Augen. Peter überlegte, musste aber feststellen, dass er noch nie solche Augen gesehen hatte. Sie waren wohl blau, vermutete er, allerdings waren sie so hell und klar, dass sie auch grau sein mochten. Die Augenfarbe war so ungewöhnlich, dass der Blick des Jungen irgendwie leblos wirkte, zumindest aber ausdruckslos.
Um den Jungen nicht noch länger unhöflich anzustarren, sagte Hausmeister Peter so freundlich wie möglich: "Was machst du denn hier so ganz alleine?" Der Junge blickte ihn aus seinen großen, leeren Augen an, antwortete aber nicht. Ein wenig irritiert setzte Peter nach: "Nachts ist es hier sehr windig und gefährlich, vor allem wenn du so am Geländer stehst. Das Dach ist nicht genug gesichert, deshalb sperre ich nachts immer die Tür ab." Wieder bekam er keine Antwort und Peter fragte sich allmählich, ob der Junge ganz richtig im Kopf war. Er versuchte es noch einmal, und klang diesmal, ohne Absicht allerdings, weit weniger freundlich: "Komm mit runter, ich muss jetzt abschließen."
Jetzt machte der Junge einen Schritt auf ihn zu. Peter war sich nicht ganz sicher, was das zu bedeuten hatte, vor allem, weil der Junge ihm eisern in die Augen starrte. Der Junge öffnete den Mund um etwas zu sagen und streckte die Hand aus, um Peter zu berühren.
"Salieri." Die Stimme hinter ihm kam so überraschend, dass Peter einen erschrockenen Laut von sich gab. Da stand noch ein Junge, schräg hinter ihm, etwa im selben Alter wie der Blonde. Als erstes fielen Peter die Augen auf, die genauso hell und klar wie die anderen waren und er glaubte schon, die zwei wären Geschwister. Bis er merkte, dass der zweite Junge nicht nur schwarze Haare hatte, sondern auch ein völlig anderes Gesicht. Seine Haut war ungewöhnlich blass und die Form seiner leicht schräg gestellten Augen wirkte eher asiatisch als deutsch. Erstaunlicherweise trug er genau dieselbe Kleidung wie der andere. Der Schwarzhaarige warf Peter einen abschätzigen Blick zu und wandte sich dann wieder an den anderen Jungen. "Lass ihn. Der ist zu alt." Ohne genau zu wissen, warum, lief Hausmeister Peter ein eiskalter Schauer über den Rücken. Die Augen dieser Kinder fand er irgendwie unheimlich, und das beschäftigte ihn so sehr, dass er über die Beleidigung hinwegsah.
Der Blonde - wie hatte der andere ihn genannt? Salieri? – nickte und ließ seinen Arm sinken. Der schwarzhaarige Junge näherte sich ihm und mit einem melancholischen Blick runter auf die Lichter der Stadt fragte er: "Wirst du es nicht langsam leid?"
Mit einer Hand hielt der Blonde sich das Haar aus dem Gesicht und antwortete lächelnd: "Ich kann mich daran einfach nicht satt sehen."
Die zwei verhielten sich, als wäre Peter überhaupt nicht mehr da. Der Hausmeister überlegte gerade, wie er die zwei vom Dach verjagen konnte, da sagte der Schwarzhaarige: "Lass uns gehen. Es wird Zeit."
"In Ordnung."
Ohne noch einmal von Peter Notiz zu nehmen, steuerten die beiden Jungen auf die Tür zu, und ziemlich verwundert sah er zu, wie sie ins Treppenhaus verschwanden. Er kratzte sich am Kopf und fragte sich, was da eben passiert war und seit wann die Jugend von heute sich so gruselig benahm. Aber letzten Endes hatten die zwei wenigstens das Dach freiwillig verlassen. Peter folgte ihnen und schloss die Tür von innen ab. Im Treppenhaus konnte er die Stimmen der beiden noch hören.
"Wie hast du mich hier gefunden?"
"Du weißt doch, dass ich dich überall finde, Salieri."
"Da hast du Recht."
…tbc…