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Kapitel 1: Tod…
"Kisai! Da bist du ja!" Mit diesen Worten begrüßte Salieri seinen Begleiter und lehnte sich neben ihm an die Mauer, auf der er saß. Kisai hatte offenbar nie Mühe, ihn zu finden, umgekehrt galt das allerdings nicht. Salieri hatte die halbe Stadt durchkämmt und war jetzt einigermaßen frustriert. Er wartete eine Weile darauf, dass Kisai etwas sagte, aber der schien beschäftigt zu sein.
Neugierig folgte der Blonde dem Blick seines Begleiters, bis er ein junges Mädchen entdeckte, das auf einer Parkbank saß. Sie hatte langes, blondes Haar und riesengroße blaue Augen, mit denen sie interessiert in die Welt blickte. Anders als Kisai konnte Salieri Menschen nicht einmal annähernd so gut durchschauen. Sie wirkte unschuldig und ein wenig naiv, in dieser Zeit war das für jemanden in ihrem Alter durchaus ungewöhnlich. Sie musste diejenige sein, die Kisai so aufmerksam beobachtete. Kein Wunder, dass er sich für sie interessierte. Trotzdem fragte Salieri nach: "Beobachtest du das Mädchen auf der Bank?"
"Ja." Fast schwärmerisch fügte er hinzu: "Ich habe sie vor einigen Tagen schon entdeckt. Ich wollte sie noch eine Weile beobachten. Um sicherzugehen."
"Sollen wir sie uns holen?", fragte Salieri und wollte schon losgehen.
Aber Kisai hielt ihn zurück. "Warte noch."
Salieri wusste, dass etwas anders war. Normalerweise hätte sich Kisai nie die Mühe gemacht, eines seiner Opfer über mehrere Tage hinweg zu beobachten, ganz egal, wie perfekt es in sein Beuteschema passte. Und auch sein Blick war völlig anders als sonst. Er sah sie nicht an wie ein Raubtier, das seine Beute entdeckt hatte, sondern eher wie jemand, der gefunden hatte, wonach er lange gesucht hatte. Ein seltenes Sammlerstück oder etwas in der Art. Sie hatte blaue Augen und eine so reine Seele, das man es in diesen strahlend blauen Augen sehen konnte. Kisai hatte seine ganz eigenen Pläne mit ihr, und fast erstaunt fragte Salieri: "Sie? Du willst sie…?"
"Du hast mich so schnell durchschaut?", fragte Kisai, ohne den Blick von ihr abzuwenden.
"Ich kenne dich. Ich sehe doch, wie du sie ansiehst."
Kisai lächelte. "Ich kann ihre Aura strahlen sehen. So ein reines Herz habe ich schon sehr lange nicht mehr gesehen." Er stand auf und Salieri tat es ihm gleich. "Komm mit, wenn du möchtest. Aber komm mir nicht in die Quere."
Leichtfüßig sprang er von der Mauer und zu zweit näherten sie sich dem Mädchen. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie vor Schreck einen kleinen Hüpfer auf der Bank machte, als Kisai sich einfach vor sie stellte und sich mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen vorbeugte, bis er mit ihr auf Augenhöhe war.
"Großer Gott!", schrie sie und ihr Gesicht färbte sich rot vor Aufregung. "Wo seid ihr denn plötzlich hergekommen?"
Salieri verbeugte sich höflich vor ihr. "Wir haben dich beobachtet und wollten dich kennenlernen."
Irritiert musterte sie erst ihn und dann Kisai, der sich inzwischen wieder aufgerichtet hatte und sie amüsiert beobachtete. Misstrauisch fragte sie: "Wieso ausgerechnet mich?"
"Du bist wirklich ein guter Mensch", sagte Kisai, noch bevor Salieri antworten konnte. "Kein Wunder, dass du so traurig dreinschaust."
Jetzt stand sie auf, um Kisai in die Augen sehen zu können. "Ich bin nicht traurig. Und dich finde ich gruselig." Das entlockte ihm nur ein spöttisches Grinsen und sie machte einen Schritt nach hinten. "Ich muss jetzt gehen."
"Du hast an deine Zukunft gedacht", sagte Kisai und stellte sich ihr in den Weg. "Du hast dich gefragt, ob du überhaupt eine Zukunft hast. Du bist krank. Der Tod ist dir bereits auf den Fersen." Das Mädchen hielt mitten in der Bewegung inne. "Du hast an deine Familie gedacht. An deine Mutter und deinen Bruder, die du nicht so allein zurücklassen willst."
Das Mädchen wurde blass. "Woher… woher weißt du das alles?"
"Du hast ein reines Herz", sagte Kisai, als hätte er ihre Frage gar nicht gehört. "Deswegen quälst du dich. Du siehst das Leid auf dieser Welt, und deine zarten Hände können nichts dagegen tun. Du leidest selbst, aber du sorgst dich um deine Familie." Wie ein Raubtier schlich er um sie herum. "Ein reines Herz ist wie Gift, das dich von innen heraus tötet. Es frisst dich auf, bis nichts übrig ist als ein Meer von Tränen."
"Wer zum Teufel bist du?", fragte das Mädchen, das jetzt völlig überfordert wirkte.
"Ich", antwortete Kisai lächelnd, "bin das Gegengift."
Der Tag, an dem Marie sterben sollte, war kein ungewöhnlicher Tag gewesen. Morgens hatte sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen gefrühstückt. Sie hatte einen kleinen Streit mit ihrem Bruder gehabt und ihm im Zorn ziemlich gemeine Dinge an den Kopf geworfen. Danach, in der Schule, als die erste Wut verraucht war, hatte sie sich deswegen sehr geschämt und den ganzen Vormittag lang ein schlechtes Gewissen gehabt.
Am Nachmittag, etwa gegen halb drei, war sie auf dem Weg von der Schule nach Hause gewesen. Der Schulweg hatte sie angestrengt, mehr als sonst, und weil ihr Herz so gerast hatte, hatte sie sich schließlich auf eine Bank im Park gesetzt, um sich etwas auszuruhen. Voller Angst hatte sie sich gefragt, wie weit ihre Krankheit schon fortgeschritten war. Die Ärzte und Krankenschwestern waren immer so lieb zu ihr gewesen und hatten ihr gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen. Aber ihre Mutter weinte jede Nacht und Marie hatte begriffen, dass ihr Zustand ernster war, als man es ihr sagte. Sie hatte es gehört, dieses Wort, mit dem so viel Angst und Schmerz verbunden war: Krebs. Vielleicht war sie feige, weil sie nie gefragt hatte, weil sie nie von ihrer Mutter oder den Ärzten verlangt hatte, ihr zu sagen, was mit ihr nicht stimmte. Als sie das Wort bei einer Unterhaltung aufgeschnappt hatte, war sie weggerannt und hatte sich versteckt.
Sie wollte nicht sterben. Und noch weniger wollte sie ihrer Mutter Kummer machen. Ihr Vater war schon sehr lange nicht mehr zu Hause gewesen, und Marie wollte nicht, dass ihre Mutter wieder jemanden verlor. Einsam und verlassen hatte sie sich auf der Parkbank gefühlt und sich gefragt, warum das Leben so grausam sein musste.
Bis die beiden Jungs aufgetaucht waren. Der blonde und der dunkelhaarige Junge mit den eigenartigen Augen, die sie einfach so angesprochen hatten. Der Dunkelhaarige hatte ihr ein bisschen Angst gemacht, vom ersten Moment an. Und dann hatte er ihr gesagt, woran sie gerade eben noch gedacht hatte. So als ob er Gedanken lesen könnte. Marie hatte sich wirklich gefürchtet, aber er hatte ihr keine Zeit gelassen, darauf zu reagieren.
Der Dunkelhaarige hatte sie am Handgelenk gepackt und ganz nah zu sich herangezogen. Sie hatte seine Hand im Rücken gespürt und dann hatte er ihr ins Ohr geflüstert: "Ich werde dir ein ganz besonderes Geschenk machen."
Und dann hatte er sie geküsst.
Marie hatte keine Gelegenheit, sich darüber aufzuregen, dass der gruselige Junge ihr soeben ihren ersten Kuss geraubt hatte. Sie hatte auch keine Zeit, sich zu fragen, warum er es tat, oder was er mit seinen letzten Worten gemeint hatte. Denn in dem Moment, als seine Lippen ihre berührten, konnte sie spüren, wie etwas in ihr drin einfach verschwand. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand einen Arm oder ein Bein ausgerissen, etwas fehlte plötzlich ganz einfach.
Von einem Moment zum anderen lag Marie auf dem Boden. Sie wusste nicht, warum sie ihr Herz plötzlich ganz laut schlagen hörte. Bildete sie sich das ein, oder wurde es langsamer? Etwas stimmte nicht. Panik erfasste sie und sie wand sich, versuchte, zu schreien. Nicht ein Laut kam über ihre Lippen. Das Gras verschwamm vor ihren Augen zu einem grünlichen Nebel. Sie konnte nicht atmen.
Marie riss den Kopf hoch und jemand tauchte in ihrem Blickfeld auf. Es war der blonde Junge. Er kniete neben ihr und schaute sie einfach nur an. Warum half er denn nicht? "Mach dir keine Sorgen", hörte sie ihn sagen. "Es ist gleich vorbei. Es ist nicht sehr angenehm, aber danach wird es dir besser gehen als je zuvor."
Sie konnte kaum noch den Sinn seiner Worte erfassen. Sie kannte nur noch die unendliche Panik. Es waren doch noch andere Menschen im Park gewesen. Warum half ihr denn keiner? Der Dunkelhaarige hatte irgendetwas mit ihr gemacht. Sollte sie wirklich schon sterben? Ihre Mutter… sie würde für immer weinen… Marie rang nach Atem, trotzdem war ihr, als bekäme sie keine Luft. Ihr Bruder, würde er auch um sie weinen? Sie hatte so böse Dinge zu ihm gesagt und nun würde sie keine Gelegenheit haben, sich zu entschuldigen.
Die Angst und der Schmerz in ihrer Brust und das Schwindelgefühl, das alles brach abrupt über sie herein und Marie wusste, dass dies der eine Moment war, die Sekunde, in der alles zu Ende gehen würde. Und dann-
war es plötzlich vorbei. Das Pochen ihres Herzens war verstummt, aber die Stille war noch viel, viel lauter. Sie konnte wieder atmen. War das der Tod? Marie blinzelte. Grelles Sonnenlicht blendete sie und sie musste die Augen sofort wieder schließen. Als sie sie wieder öffnete, stand jemand über ihr. Zwei Personen. Der Blonde und der Dunkelhaarige. Der Junge mit den schwarzen Haaren schaute mit einem eigenartig zufriedenen Lächeln auf sie runter. Marie begriff, dass sie nicht tot war. Sie konnte spüren, dass das, was geschehen war, noch viel schlimmer war.
Der dunkelhaarige Junge sagte: "Jetzt bist du eine von uns."
…tbc…