
Der Versuch, die Liebe zu verstehen.
Rated: Fiction T - German - Romance/Humor - Words: 3,725 - Reviews: 2 - Follows: 1 - Published: 04-16-07 - Status: Complete - id: 2347787
|
|
A+ A- |
Der Eine hinter den Vielen
Prolog oder zur Logik eines Vaters
Einst fragte ich Atschka: „Schaffe ich meine Arbeit?"Und als ich im Begriff war, unten aufzuschlagen, stand er bereits dort, breitete die Arme aus und fing mich auf.
„Dann lernst du es nach deiner Arbeit."
Laufenlernen
Einst trug mich Atschka nur auf dem Arm mit sich herum und ich lehnte meinen Kopf an seine Brust, knabberte am Daumen, sah von der Welt nur den kleinen Ausschnitt, den ein Blick über seine Schulter zuließ.Dann kam die Zeit, da er mich auf die Erde setzte, sich hinhockte, mich zu locken begann. „Komm, komm.", rief er immer wieder, winkte mich heran. Ich, bemüht, mich aufzurichten, verlor immer wieder das Gleichgewicht, purzelte hin, robbte schließlich auf allen Vieren heran. Und er zog mich auf die Beine, führte mich herum. Stolpernd, meiner eigenen Bewegungen nicht Herr verknoteten sich meine Beine, sodaß ich wieder fiel und er nahm mich hoch, um mich nach einiger Zeit wieder auf den Boden zu setzen.
Plötzlich aber erhob ich mich, wankte auf meinen kleinen, dem Laufen noch nicht zugetanen Beinen und tappte los, immer ein Ziel vor Augen - Atschkas ausgebreitete Arme. Er lockte mit einer winkenden Geste. Seine Augen leuchteten - sein ganzes Gesicht - eineinziges großen Lachen. Ich kam kaum an, als ich mich an seinem Jackenzipfel festkrallend, stolperte. Seine Hand touchierte meine Schulter, so als wolle er: „Hopsala" sagen, doch er half mir nicht, gab mir keinen Halt.
Es gelang mir, mich allein zu fangen. Ich konnte laufen. Er wandte sich hierauf um. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, schritt er durch die Felder und ich, kaum das Gleichgewicht halten könnend, tappte hinter. Er lief langsam, bedacht, sah sich um, aber suchte nie meinen Blick - er wirkte so, als sehe er die Welt, so wie sie sich ihm zeigte zum ersten Mal und ich breitete meine Arme aus, um meine unsicher tastenden Schritte auszubalancieren. Seinen ruhigen Schritten war es zu verdanken, daß ich ihn nie aus den Augen verlor. Aber er ließ es niemals zu, daß ich ihm zu nahe kam. Stolperte ich über einen Stein und fiel, mußte ich mich immer wieder selbst aufrichten, es war schwer, doch es gelang. Das Gras reichte mir beinahe bis über den Kopf, doch ich konnte ihm folgen, hielt mich an den Halmen fest, während sich mein Fuß tastend seinen Weg ins das Neuland bahnte.
„Lerne fliegen", sagte er einst.
Ich lernte es nicht, statt dessen aber das laufen - und das ist im Augenblick mehr wert.
Nun
muß ich nur noch einen Schritt tun und bin in seinem Zimmer, aber die
Schwelle - sie ist hoch, für einen Kinderfuß kaum zu erklimmen. Doch
hier steht er noch, lachend, strahlend, so wie ich ihn kenne. „Komm,
komm!", ruft er, winkte, mich lockend.
Doch ich weiß, wenn ich auch diese Hürde geschafft habe, wird er sich hier ebenfalls umwenden, denn dann bin ich erwachsen. Ich lernte laufen, ich werde vielleicht sein Zimmer betreten - das ist das Ende einer Entwicklung und vielleicht der Anfang eines neuen Abschnitts. Wer weiß?
Ich stelle mir nun, da ich die Sonne am Himmel betrachte, die Frage, wer mir das Laufen beigebracht hat. Atschka durch sein Locken, seine väterliche Geduld? Ich mir selbst, weil ich es wollte? Oder war es die Zeit, die jegliche Entwicklung bedingt?
Vielleicht kommen alle drei Komponenten zusammen? Vielleicht.
Ich kann laufen, stakse wie ein kleiner Storch durch die Weite des Landes und mir ist es plötzlich auch egal, Atschka für Momente aus den Augen zu verlieren. Ich weiß, daß er da ist, die Leine, an der er mich noch immer hat, ist noch nicht gerissen, gleichwohl er mir kein helfendes Auge mehr zuwirft. Aber dieses Blicks bedarf's auch nicht mehr.
Nur einmal schlug ich mir das Knie auf, begann zu weinen, quengelte und er war wieder da, blickte mir tief in die weitaufgerissenen Augen, packte mich bei den Armen, hob mich hoch und stellte mich wieder auf meine unsicheren Füße. Grob, ungeduldig? Nein, eher bestimmt, durchdrungen von dem Wissen um mein Können. Fortan ließ er mich meinen Weg suchen, während er mir folgte, mich immer im Blick, aber suchte er überhaupt nach mir. Er schritt wieder langsam durch die Weite des Landes und ich breitete meine Arme aus, um meine wackligen Schritte auszubalancieren. Ich spürte den Wind, der an meinen Händen entlang glitt, stolperte, fiel hin, rappelte mich wieder auf. Als ich mich umsah, war das Feld frei - Atschka war verschwunden - ich allein.
Und obwohl ich Sehnsucht nach ihm hatte, hockte ich mich hin, ließ meinen Blick über das Grasmeer wandern und wußte doch, daß ich seiner nicht mehr bedurfte. Würde ich nach Hause kommen, wäre er wieder da, denn dann galt es die letzte Hürde zu nehmen, nämlich in sein Zimmer zu gelangen. Man sagt, daß der Mensch, der einen in sein Zimmer läßt, einem ein wenig Persönlichkeit von sich gibt, schenkt, einen wie einen gleichberechtigten Menschen betrachtet.
Hier aber in dieser Freiheit bedurfte ich dieses Zeichens vorerst nicht. Ich war frei, keine Leine hielt mich mehr - ich konnte laufen, auch wenn mir die Füße wehtaten und ich müde wurde - ich brauchte niemanden mehr. Und das wußte er.
In der Ferne - das Haus, wartete er dort? Ich wußte es nicht wirklich, was spielte es auch für eine Rolle hier in dieser Einsamkeit, die auch Freiheit genannt wird?
Man sagte mir einmal, daß die Begleiter erst dann gehen würden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden würden. Ich finde das noch immer grausam, aber es ist wohl der lauf der Welt - so wie man aus einer Hose herauswächst, läßt man einen Begleiter hinter sich. Oder er bleibt freiwillig hinter einem zurück - so wie es Atschka in jenem Moment auf dem freien Feld getan hat.
Intermezzo
„Atschka - so frei wie der Wind - stürmt er über die Weiten des Landes ... Ich lasse ihn los, lasse ihm seinen Willen, Atschka, der mich liebt, der in menschlicher Nähe sterben würde. Ich liebe ihn, halte mich zurück ... Atschka, so frei wie der Wind ... vielleicht ist er selbst der Wind und ...„Atschka, hörst du mich", schreie ich in die Einsamkeit des Feldes, breite die Arme aus, spüre den kraftvoll aufkommenden Wind, recke mich ihm entgegen
... gleich, gleich erscheint der Schanzentisch, gleich, gleich - ich schnelle aus der Hocke empor, stoße mich ab und ...
... fliege. Benebelt von der Unendlichkeit versuche ich mich am Wind festzuklammern, doch er gibt nach, meine Arme rudern, zerschneiden die Luft - haltlos stürze ich wieder dem Erdboden entgegen -
„Zapple nicht herum", dringt es sacht in meinen Geist.
„Erinnere dich ... Laitinen, Soininen, Duffner, Bredesen, Recknagel, Weißflog - sie alle haben es dir in tausend Sprüngen vorgemacht ...", gluckst es in der Weite.
Ich spanne mich an, recke mich über die Ski, während meine Hände plötzlich eine zärtliche Berührung spüren - es ist der mich tragende Aufwind - ich schieße über den Schanzentisch hinaus, in diese Welt ... vor mir das Krankenhaus, der Friedhof von Innsbruck ... und ich bin glücklich.
Ich spüre nicht, daß ich atme - sehe ich, erkenne ich überhaupt irgend etwas? Ich weiß mich nur mit dem Wind eins - er ist mein Element für diese wenigen Sekunden, die mein Leben dauert ...
Meine Arme - schwerelos balancieren mich aus gegen jede Seitenböe, mein Körper - ein einziger spannungsvoller Strom, lang über die Ski gezogen, die Muskeln in meinen Waden ziehen, drohen zu reißen - doch ich will weiter ...
Der Wind schlägt mir von unten an den Bauch - „Atschka", denke ich. „Danke mein Freund." - denn es ist mir so, als habe er die Hand erhoben, um mich zu halten ...
Doch viel zu schnell kommt die Erde näher, diese weiße Welt - aus Schnee und Eis. Es muß sein - wäre ich sonst ein Mensch? Noch aber will ich kämpfen, reiße die Ski an meinen Körper - denn einmal den Boden berührt - gilt das als Landung - ich will weiter. Meine Arme sind starr wie Stöcke nach hinten gerichtet, noch spüre ich das leichte Luftpolster unter meinem Bauch, Atschka ist mir hold, schickt eine kleine Böe, die mir die Arbeit erleichtert, die Ski hochdrückt - doch unbarmherzig zieht mich diese Erde an - Meter für Meter gleite ich dem Ende entgegen - ich sehe das Krankenhaus, den Friedhof nicht mehr, so nahe sind sie mir schon ... nur verborgen auf dem Nachbarhang, von der untergehenden Sonne beleuchtet.
„Brettere ihn nicht hin - das sehen sie nicht gern", mahnt er mich.
„Denk
an Goldberger, denk an ihn ...", haucht er und ich, den Schnee beinahe
riechend, schiebe den linken Fuß langsam vor, reiße die Arme hoch,
balanciere und dann ... schlage ich auf - mein Kopf dröhnt, hämmert, es
ist so, als reiße es mir die Gedärme aus dem Leib, meine Oberschenkel
schmerzen, der Hintern senkt sich beinahe in den Schnee - doch ich
stehe ihn, den Sprung - die Stiefel, an die Ski gekettet, halten mich.
Mein Arme balancieren mich aus ... Hingebrettert - das weiß ich nicht -
egal ..., obwohl ich den Telemark bevorzugt hätte.
Mit der rasenden Geschwindigkeit, die mich ins Tal jagt, kommt die Besinnung wieder ... mir bleibt es nur noch, den Schneepflug auszuprobieren und mich dann im Auslauf in eine rasante Linkskurve zu legen, den Pulverschnee aufzuwirbeln, die Brille vom Gesicht zu reißen ... das Ergebnis interessiert mich nicht, denn ich ...
... ich stehe doch nur auf diesem Feld, recke mich dem Wind entgegen
... und doch - wieder sehe ich mich da oben auf dem Backen sitzen, die Ampel im Augen - wann schlägt sie auf Grün um? Ausspuckend schlage ich meiner Nervosität erlegen auf meine Oberschenkel, während mein Blick in die Tiefe des Tales gleitet. Mein Magen mag sein Frühstück nicht mehr ... Ich fröstle, der Anzug ist dünn und der Wind hier oben unbarmherzig eisig ...
... aber ich stehe doch nur auf diesem Feld, höre den Wind in den Ohren rauschen und es hebt mich beinahe von den Füßen, mein Neigungswinkel ist ziemlich gering - aber der Wind hält dagegen - Atschka hält mich ... und ich spüre, wie er mich sacht auf die Wange küßt, ehe er an mir vorbeizieht. Mein Blick geht zum Himmel, blaßgrau drückt er auf mich herab, verheißt mir mein eigenes Verwurzeltsein auf dieser Erde.
„Atschka - komm wieder", schluchze ich, lasse meinen Tränen freien Lauf. „Atschka - zeig mir deine Welt."
Ein leichtes Säuseln dringt an mein Ohr, ist er's, ist er's nicht? Ich sehe mich um. Der kleine Wald am Horizont lockt mich, vielleicht - ja, vielleicht wartet er dort auf mich?
Ich setzte mich in Bewegung - spüre, wie meine Füße vorwärts streben, die Augen - tränenverschleiert.
„Atschka", murmle ich, während meine Beine ihren Rhythmus erhöhen, sich meine Füße immer öfter vom Boden ablösen - ich genieße diese Augenblicke, in denen ich frei bin - denn es ist mir so, als sähe ich ihn dann - lächelnd, menschlich - blaue Augen, blondes Haar.
Und dann zieht mich diese Erde wieder an - fliegen kann ich nicht - auf ewig zum Menschsein verdammt.
Der Wald kommt immer näher - größer, rettender - als Kind habe ich mir hier eine Höhle gebaut und ein namenloses Wesen meinen Freund genannt - ...
Vielleicht erwartet es mich jetzt in diesem Augenblick dort unter der alten Eiche, vielleicht aber ...
... ist alles nur das Trugbild einer Phantasie, die sich zu den Sternen reckt und doch weiß, daß ihr stets in die Hand gespuckt wird, sie nie etwas erhalten wird, was ihr den Glauben untermauert ...
... und dennoch - mit dem Nichts in den Händen stürmt sie weiter - frei wie der Wind und ist doch stets an mich gefesselt.
Welch schmachvolles Los!
Wo liegt Manitoba? - zurück in der Realität
Einst stand ich irgendwo in der Weite Iowas an einem Highway. Heiß war's heiß und die Luft zum Schneiden dick. Der Staub, der das Land wegen der langanhaltenden Trockenheit bedeckte, stach in meine Lungen.Und ich stand einfach dort an dieser Lebensader und wartet auf irgend etwas. Ich ließ meinen Blick schweifen. Wartete ich auf ein Auto? Seit Stunden mochte ich schon dort in der Sonne gestanden haben, doch - NICHTS. Also ließ ich mich ins Maisfeld fallen, winkelte sie Beine an, holte einige Mal tief Luft - wofür mir meine Lungen noch heute dankbar sind und griff eher abwesend nach einem Maiskolben, während meine andere Hand in meinem Rucksack verschwand. Ich ahnte, daß ich mir ein Buch eingesteckt hatte, denn ohne ging ich nie bzw. nur selten aus dem Haus. Und richtig - als ich gerade einen Maiskolben mit einem kräftigen Ruck von der Staude rupfte - ertastete meine andere Hand in der Dunkelheit des Rücksacks das geliebte Hardcover. Ich konnte es förmlich spüren, wie sich mir die Geschichte, die in diesem Buch erzählt wurde, aufdrängte, wie sie sich mir mitteilen wollte. Ich schloß kurz die Augen ... Es war wunderbar - in der Schwebe zwischen Augenblick und Ewigkeit. Ich brauchte nur hier sitzen zu bleiben und die Zeit an mir vorbei streichen zu lassen, keiner suchte nach mir, keiner würde mich finden. Ich war allein - allein mit einem reifen Maiskolben in der linken und einem Buch in der rechten.
Ja, ich genoß das Leben.
Woher ich kam, wohin ich ging, das war mir egal - ich lebte jetzt im Augenblick.
Was aber verbarg sich hinter diesem endlosen Maisfeld, was sich hinter dem Highway in diesem flachen Land - in dieser Weite? Wo waren die Menschen?
Ein Wagen raste vorbei, weder hielt, noch hupt er - er raste einfach vorbei. Das war es gewesen, auf das ich wohl gewartet hatte, denn statt eines Buches zog ich ein Schild aus meiner Tasche, auf dem „Manitoba" stand.
„Wow", dachte ich. „Dahin wolltest du also? Warum nur?"
Es war Sommer - Hochsommer - entsetzlich heiß, der Mais spendete mir nur einen kärglichen Schatten, doch wollte ich mich nicht erheben. Hätte man mich gefragt, welcher Monat sei, ich hätte es nicht sagen können. Was interessierte es mich. Ich ließ mich auf den Rücken sinken und begann den Maiskolben mit wenigen Griffen von den ihn schützenden Blättern zu befreien. Grinsend puhlte ich einige saftigen Maiskörner hervor und ließ sie in meinen Mund wandern. Ich liebte es, sie am Gaumen zu zerdrücken und ihre Süße zu schmecken. Genüßlich die Augen schließend, biß ich schließlich in den Kolben, stillte meinen doch beträchtlich angewachsenen Hunger, wedelte einige fette Fliegen weg und ergab mich der Zeitlosigkeit. Es roch nach Sommer und nach Morgen, ja es war wohl früh am Tag, die Sonne stand noch nicht so hoch - brachte ihre Umgebung jedoch schon jetzt zum Flimmern - und mich ins schwitzen.
Unwillkürlich setzte ich mich auf, schnappte meinen Rucksack, blickte mich um. Hinter mir der Highway, vor mir die Unendlichkeit des Maisfeldes. Ich brauchte nicht lange nachzudenken - und bahnte mir den Weg zwischen rauschenden, teilweise widerspenstigen Blättern tiefer ins Dickicht. Hier und dort riß ich mir einen Kolben ab - es war eher eine aus Gleichmut geborene Geste, sie diente als Zeitvertreib - der Hunger war vergessen oder bestand nicht mehr.
Meine Augen sahen sich dem Grün dieses Urwaldes gegenüber, der, das wußten nur die Götter oder die Eigentümer, irgendwo im Nirgendwo enden würde. Aber ich wollte nicht über sein Ende nachdenken, sondern mich seiner augenblicklichen Weite ergeben. Ich war frei, allein, hatte nur mich und so sollte es auch bleiben ...
Nach einiger Zeit ließ ich mich wieder nieder. Der Highway war vergessen, ich wußte gar nicht mehr, in welcher Richtung er sich befand, ich hörte nichts, außer der Stille eines schwer auf dieser Erde lastenden Sommermorgens, der sich bereits in einen Mittag zu verwandeln begann. Keuchend ließ ich mich fallen, rieb mir die schwitzenden Schläfen, taste in meinem Rucksack herum, fand das erfrischende Naß. Wenigstens hatte ich daran gedacht, wenn ich schon mein Buch - warum auch immer - vergessen hatte.
Mich meiner Bluse entledigend, sank ich wieder auf den Rücken, schloß die Augen, schluckte Staub - meine Kehle brannte - und doch breite ich die Arme aus, holte nochmals tief Luft - ich war allein, frei.
Wie lange ich geschlafen hatte, wußte ich nicht, denn als ich die Augen aufschlug, sah ich mich nur einem tiefblauen Blick gegenüber, die mich aufmerksam musterte. Aufschreckend wollte ich mich erheben, denn Angst beschlich mich - oder war es nur die Verwirrung, hier in dieser Einsamkeit einen anderen Menschen anzutreffen?
Mein Gegenüber machte nicht den Eindruck, als wolle es mir etwas Böses. Es lächelte - besser gesagt, er - ein schlanker Mann mittleren Alters, blondes Haar, schmale Lippen. Die Unterlippe stand etwas hervor, verlieh seinem Gesicht etwas männlich Entschlossenes.
Als er meiner Regung gewahr wurde, legte er den Zeigefinger an seine Lippen, bedeutete mir ruhig zu sein, während seine rechte Hand auf meinem Bauch ruhte. Langsam beugte er sich zu mir herab, bis ich nur noch seinen intensiven Blick in mir aufnehmen konnte. Die Augen leicht verdrehend, weil ich die Nähe nicht ertragen konnte - ich bin weitsichtig - spürte ich, wie er mich sacht küßte, erst auf die Stirn, dann die Nasenspitze. Ich öffnete meine Lippen leicht, befeuchtete sie - in Erwartung - und mein Gefühl täuschte mich nicht. Augenblicklich hauchte er mir einen Kuß auf den Mund, um sich sekundenspäter zurückzuziehen, so daß ich nicht die Gelegenheit erhielt, diese Intimität zu genießen.
Lächelnd kniete er neben mir, seine Hand ruhte noch immer auf meinem Bauch. Er betrachte mich mit schiefgelegtem Kopf, ehe er luftholend bemerkte: „Ich komme aus Manitoba. Dort wolltest du doch hin - schon vor einer Woche. Aber du kamst nicht, also hast du mich geschickt, um nach dir zu sehen ... warum ...?"
Er ließ seine Frage in der Weite der Landschaft verklingen - unausgesprochen, doch seine tiefe, warme Stimme klang mir melodisch im Ohr, so daß ich die Augen schloß und in mich hineinschmunzelte.
„Öffne die Augen - es ist ernst. Komm, du hast geträumt, nun aber komm ..."
Mit diesen Worten beugte er sich erneut über mich, lächelnd küßte er mich zärtlich, doch diesmal war ich schneller. Rasch schlang ich meine Arme um seinen Hals, ließ ihn nicht wieder los - und er wehrte sich nur verhalten, lächelte, ehe wir in einem leidenschaftlichen Kuß versanken - hier im Maisfeld im Nirgendwo von Iowa. Hier, fern jeglicher Menschenseele schmeckte ich den männlich-herben Duft des Fremden auf den Lippen, spürte seine Zunge fordernd in meinen Mund, antwortete ihm auf die gleiche Weise, ahnte, wie sich seine Hände verselbständigten, sich ihren Weg zu jenen Stellen meines Körpers bahnten, die seiner Berührungen so sehr bedurften. Und auch meine Hände kannten ihren Weg, ihr Ziel. Kaum luftholend, entledigten wir uns unserer Kleider. Ehe wir eins wurden, schenkte er mir ein Lächeln aus seinen intensivblauen Augen, dann schloß er sie - so wie ich die meinen, denn erst in diesem Augenblick begriff, nein fühlte und spürte ich, was es heißt, den Augenblick im Zentrum der Unendlichkeit und die Unendlichkeit in der Mitte des Augenblicks zu erkennen.
„Wie heißt du", flüsterte ich, nachdem wir uns voneinander getrennt, aber nicht gelöst hatten.
Die Sonne - so schien es mir, war bereits weit nach Westen gewandert, oder täuschte ich mich? Ich spürte nur seinen warmen Atem dicht an meinem linken Ohr. Ich lag in seinem Armen, richtete meinen Blick gen Himmel, der mich an die Augen dieses Fremden erinnerte - tiefblau - unergründlich.
„Atschka", wisperte er.
„Noch kannst du das, was du dir vorgenommen hast, schaffen, noch ..."
„Ich weiß gar nicht, was ich in Manitoba wollte, wo liegt dieser Ort?", wisperte ich und wandte mich an ihn.
Glucksend hauchte er mir einen Kuß auf die Wange. „Was du dort wolltest? - Komm, dann weißt du es. Und wo Manitoba liegt? Manitoba liegt jenseits dieses Maisfeldes - Manitoba beginnt am Highway - Ich zeige dir den Weg, denn du hast mich ja geschickt."
Wieder streichelte mich seine tiefe und doch so weiche Stimme, so daß ich die Augen genüßlich schloß und meine Hand über seine muskulöse, leicht verschwitzte Brust wandern ließ und meinen Kopf schließlich auf seine Schulter bettete.
Glucksend schlang er seine Arme enger um mich, hauchte mir einen Kuß auf die Wange.
„Auf die fünf Minuten kommt es nun auch nicht mehr an ... aber dann kommst du mit, versprochen? Du würdest dir sonst keinen Gefallen tun."
Ich nickte lächelnd - auch wenn ich keine Ahnung hatte, wo Manitoba lag und was ich da eigentlich wollte. Meine Hand wanderte tiefer, sie wußte, daß sie hier in dieser Einsamkeit einen nackten Mann vor sich hatte und das wollte nicht nur sie genießen. Atschkas leises Stöhnen und sein verlangender Blick schienen mir sagen zu wollen, daß diese fünf Minuten so lange dauerten, bis wir uns erheben würden.
Wir taten es zusammen - wir erhoben uns irgendwann in der Nacht.
Nun sind wir schon fast in Manitoba und je näher wir diesem Ort kommen, desto deutlicher tritt mir das vor Augen, was ich vergessen zu haben glaubte - ich bin schwanger ...
... mit einem über 80seitigen Buch, die Geburt steht kurz bevor und Atschka ist der Vater.
das Zimmer Atschkas
Hier nur die Anfänge:
Das Zimmmer Atschkas - schon ganz am Anfang meiner Arbeit ein Ziel in meinen Augen. Immer und immer wieder wollte ich in dieses Zimmer. Es bedeutet mir viel - es ist Erkenntnis. Die Schwelle aber zu seinem Raum ist hoch, ich kann sie noch immer nicht bewältigen. Aber ich habe bereits einen Blick in Atschkas Raum werfen dürfen, er sieht dem meinem nicht unähnlich, ist freundlich gestaltet - in warmen Brauntönen - viele Bücher, ein Schreibtisch. Und Atschka steht an der Tür, lächelt, lockt mich: „Komm, komm!"
Aber so sehr ich mich auch bemühe, es will mir nicht gelingen, das Bein ist entweder zu schwer oder die Schwelle zu hoch. Vielleicht bin ich noch nicht groß genug, um diese Hürde zu bewältigen. Vielleicht kommt auch beides zusammen? Schwelle zu hoch und Bein zu kurz?
Aber würde er mich, wenn er wüßte, daß es unmachbar für mich ist, locken? Nein, ich denke nicht.
Wir reichen uns die Hände, ich draußen, er im Inneren des Raumes. Und wieder wird mein Hintern schwerer, ich plumpse hin - wie damals im Gras, doch das ist nicht schlimm, weil ich weiß, daß ich laufen kann, nicht auf allen Vieren robben, sondern auf meinen zwei Beinen stehen kann.
Und diese Hürde? Ich werde sie schaffen. Davon bin ich überzeugt. Irgendwie komme ich in sein Zimmer hinein.
Und erst dann werde ich ihm wirklich als ganzer Mensch gegenüber stehen können, als gereiftes Wesen. Die Abhängigkeit wird einer anderen Art von Beziehung Platz machen - auf diesen Augenblick freue ich mich. Bis dahin wird er mich aus seinen strahlend blauen Augen anlachen und sein „Komm, komm", flüstern, während wir uns die Hände über die Schwelle hinweg reichen.
Ende des Fragments
|
||||||