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Titel: Das Würfelspiel
Teil: 1/1
Autor: Ayu
Dis-/Claimer: Alle Figuren gehören mir.
Thema: #96 Würfel
Word Count: 1.417
Anmerkung: Ich hab den Prompt gesehen, musste an das Lied „Würfelspiel“ von Juliane Werding denken und dann kam es hierzu… XD
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Leicht vor Kälte zitternd saß Nojiko im Wartesaal des Bahnhofes. Sie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt und schien immer mehr in ihrer Jacke versinken zu wollen, als sie immer wieder auf die große Uhr starrte, die an der gegenüberliegenden Wand hing. Es würde noch mindestens eine halbe Stunde dauern, bis ihr Zug endlich eintreffen würde und innerlich verfluchte sie sich, dass sie nicht zu Hause angerufen hatte und gefragt hatte, ob sie nicht vielleicht jemand abholen könnte. Den Kopf schüttelnd verwarf sie diesen Gedanken schnell wieder, auch wenn es sicher angenehmer gewesen wäre hatte sie dies von Anfang an nicht gewollt, da sie wusste, dass zu Hause alle gerade in den letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest vertieft waren und sie da nicht unnötige Umstände machen wollte. Außerdem war die Zugverbindung für gewöhnlich eigentlich gar nicht so schlecht. Man hatte ja nicht ahnen können, dass es auf einmal so heftig anfangen würde zu schneien, dass die Züge alle Verspätung hatten.
Sich ihre roten Haare aus dem Gesicht streichend, ließ sie ihren Blick durch den Rest des Saales gleiten, der um diese Zeit ziemlich verlassen wirkte. Es war ja auch kein Wunder. Die meisten Leute waren nun schon zu Hause bei ihren Familien anstatt hier draußen zu sitzen und auf den Zug zu warten. Aber sie hatte nun einmal nicht früher fahren können, denn so sehr Nojiko ihre Familie auch liebte, wäre sie niemals gefahren ohne nicht vorher der Person, der sie ihr Herz geschenkt hatte, ihr Geschenk zu überreichen und gespannt auf die Reaktion zu warten.
Ein sanftes Lächeln legte sich auf ihre Lippen, als sie daran dachte, wie Viviane regiert hatte. Wieder einmal bereute sie es inständig ihrer Familie noch nichts von ihrer Beziehung zu der ruhigen Braunhaarigen erzählt zu haben. Auch wenn diese vielleicht etwas geschockt darüber sein würden, wen sie sich da als Lebenspartner gesucht hatte, so war sie sich doch ziemlich sicher, dass sie Viviane trotz allem freundlich aufnehmen würden. Die Rothaarige hatte jedoch für sich selbst schon lange beschlossen, dass sie nicht einfach mit der Tür ins Haus fallen wollte. Vor allem da sie nun schon seit bald zwei Jahren mit ihr zusammen war und sie ihren Eltern noch nicht einmal gesagt hatte, dass sie in einer Beziehung war. Außerdem würde sie wohl etwas Vorarbeit bei ihrer Familie leisten müssen, was Vivianes Art anging, denn auch in all der Zeit in der sie sich nun kannten hatte sie Fremden gegenüber nie diese unnahbare Aura verloren. Sie wollte ihren Eltern zeigen, dass sie glücklich war. Doch diese würden es ihr sicher nicht glauben, wenn sie jemanden vor sich sahen, der so aussah als könnte und wollte er niemanden an sich heran lassen. Nicht einmal Nojiko selbst.
In ihre Gedanken vertieft bemerkte Nojiko den alten Mann nicht, der sich zu ihr gesetzt hatte und sie nun genau betrachtete. Er sprach kein Wort, musterte sie schweigend und drehte ein paar Würfel in seiner Hand hin und her. Ein leichtes Lächeln lag auf seinem Gesicht und als die junge Frau endlich Notiz von ihm nahm nickte er freundlich.
„Wartest du auch auf den Zug nach Lanchaster, mein Kind?“ fragte er schließlich, doch etwas gab ihr das Gefühl, dass er die Antwort bereits kannte. Zustimmend nickend blinzelte sie ihn leicht an und versuchte herauszufinden, ob sie diesen Menschen kannte. Nojiko verstand nicht wieso, doch irgendwie fühlte sie sich mit ihm verbunden.
„Würdest du mit mir ein kleines Würfelspiel spielen, um die Zeit zu vertreiben?“ erkundigte der alte Mann sich und streckte ihr eine Hand entgegen in der sich fünf Würfel befanden. Ein leichtes Lächeln legte sich auf das Gesicht der Rothaarigen, als sie entschuldigend den Kopf schüttelte.
„Das tut mir Leid. Aber ich spiele nie“
Das war eines der Dinge, die sie nie tun wollte, nachdem sie gesehen hatte, wie ihr eigener Vater spielsüchtig geworden war und beinahe alles was sie hatten aufs Spiel gesetzt hatte. Erst als ihre Mutter damals sie und ihre Geschwister genommen hatte und auszog schien er überhaupt zu merken, was er da eigentlich tat. Es war ein zu beschwerlicher Weg gewesen, bis sie ihm wieder vertrauen konnten und er seine Krankheit wirklich in den Griff bekommen hatte, als dass sie sich jemals in eine ähnliche Richtung bewegen wollte.
Für einen Moment herrschte Schweigen zwischen ihnen, bis ein verstehendes Lächeln sich auf dem Gesicht des alten Mannes ausbreitete und er, ohne auf jegliche Proteste zu achten, ihre Hand nahm und die Würfel hinein legte.
„Ich verstehe deine Beweggründe, mein Kind. Doch das hier ist anders.“ er machte eine kurze Pause und schien ins Leere zu blicken. „In diesem Spiel geht es um viel mehr, als du es dir vorstellen kannst. In diesem Würfelspiel geht es um dich.“
Verwirrt blinzelnd sah Nojiko auf die Würfel vor sich. Sie verstand die Worte nicht. Es sollte um sie gehen? Der Unglaube stand ihr förmlich ins Gesicht geschrieben, doch der Ausdruck in den Augen ihres Gegenübers ließ sie erstarren. Furcht, Entschlossenheit und ein Wissen, dass sie wohl niemals begreifen würde, spiegelten sich in ihnen und bevor sie genau wusste, was sie tat hatte sie auch schon zugestimmt mit ihm zu spielen.
Es war ein seltsames Gefühl für sie, als sie das erste Mal die Würfel warf. Die Regeln waren einfach. Der, der die höhere Punktzahl hatte gewann. Doch schnell fand sie eine Faszination darin, dass er scheinbar immer, egal was sie tat, mehr zu haben schien als sie. Nojiko verstand es nicht, aber es faszinierte sie ungemein, die dies möglich sein konnte. Immer und immer weiter spielten sie, lachten zusammen und die Rothaarige bekam nicht einmal mehr mit, wie die Zeit verflog, so sehr war sie in das Spiel vertieft. Und so erschrak sie sich unheimlich, als plötzlich ein Alarm über den Bahnhof schallte. Sich geschockt aufsetzend blickte sie sich leicht panisch um, ihr Blick unfokussiert, doch am Bahnsteig schien alles normal zu sein. Der Blick auf die Uhr jedoch verriet ihr, dass sie zu lange gespielt hatte. Ihr Zug war abgefahren und sie hatte es nicht einmal bemerkt. Momentan konnte sie sich jedoch darüber keine weiteren Gedanken machen, als sie versuchte herauszufinden, was der Grund für den Alarm war. Doch die Durchsage, die in jenem Moment über den Bahnsteig hallte, ließ das Blut in ihren Adern gefrieren.
„Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund eines Tragischen Unfalls müssen wir ihnen mitteilen, dass heute keine weiteren Züge diesen Bahnhof passieren werden. Wir bitten um Ihr Verständnis“
Etwas schreckliches war passiert, dass wusste sie. Schnell aufspringen, lief sie zu einem der Bahnangestellten um näheres zu erfahren. Ihre Welt schien anzuhalten, als sie hörte, dass ein Zug – der Zug in dem sie in diesem Augenblick hätte sitzen sollen – von den Gleisen abgekommen war. Ungläubig starrte sie den Schaffner an, ehe sie sich auf dem Absatz umdrehte und den alten Mann fragen wollte, ob er dies gemeint hatte. Doch er war nirgends mehr zu sehen. Einfach verschwunden und das Einzige, was sie an ihre Begegnung waren die Würfel, die sie in ihrer Hand hielt.
Plötzlich ergab alles einen Sinn. Die Hartnäckigkeit, dass sie dieses Spiel spielen sollte. Die Furcht. Einfach alles. Zitternd und noch vollkommen geschockt ließ Nojiko sich wieder auf ihren Platz fallen lassen. Ein Teil von ihr rief ihr zu, dass sie ihre Familie und Viviane anrufen sollte, bevor diese die Nachricht hörten. Sie würden sich nur unnötig sorgen machen, doch sie konnte sich einfach nicht rühren. Und schließlich war es das Klingeln ihres Handys, welches sie aus ihrer Starre befreite.
„Ja?“ antwortete sie mit zittriger Stimme, eine Hand immer noch fest um die Würfel gelegt.
„Baby, bist du in Ordnung? Du bist nicht verletzt, oder? Ich hab das von dem Zug gehört und…“ grüßte sie die panische Stimme ihrer Freundin.
„Es geht mir gut“ unterbrach sie ihren Redeschwall. „Ich saß nicht im Zug… Ich hab ihn verpasst“
Das erleichterte Ausatmen am anderen Ende der Leitung war nicht zu überhören und auch Nojiko fühlte sich nun irgendwie erleichtert.
„Ich weiß zwar nicht, wie du das geschafft hast, aber: Gott sei dank. Und jetzt, Baby, wirst du deine Familie anrufen und ihnen sagen, dass alles in Ordnung ist. Ich mach mich auf den Weg zum Bahnhof und hol dich ab. Du wirst auf keinen Fall mit irgendwelchen Zügen oder anderen Dingen fahren, verstanden?“
„Danke“ hauchte sie leise, ehe sie beide auflegten. Bereits die Nummer ihrer Eltern wählend blickte sie erneut auf die Würfel und lächelte sachte. Die Würfel waren in dieser Nacht aus einem bestimmten Grund gefallen und auch wenn es seltsam klingen mochte, sie wusste, dass es kein Zufall war.