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28. Mai 2007, Montag
So lange habe ich nichts geschrieben
hatte nichts zu sagen
fand keine Worte
und selbst jetzt
will sich kein Gedicht formen.
Mein Leben verläuft wie eine Fieberkurve
Gut – schlecht – gut – schlecht – SER GUT – GANZ SCHLECHT
Immer größer werden die Unterschiede.
Es macht mir Angst.
Wohin wird das führen?
Angst.
Ganz jäh überfällt sie mich
in meiner Gleichgültigkeit
wenn ich es am wenigsten erwarte.
Angst um mich und mein Leben.
Angst VOR mir und meiner Autoagressivität.
Angst vor mir meiner Gleichgültigkeit.
Angst um meine Mutter.
Angst vor meiner Mutter
und ihren ungewollten Fesseln.
ANGST UM MEINE SCHWESTER!
Ich trage Wissen mit mir.
Meistens ist es egal.
Aber manchmal erdrückt mich.
Manchmal denke ich
ich sitze im Frachtraum eines Schiffes
und sehe das Leck.
Ich schreie und trommle gegen die Tür.
Doch kein Mensch hört
oder achtet auf mich.
Ich kann nur dem Wasser zusehen
das durch das Leck quillt
und langsam das Schiff füllt.
VERDAMMT!
Hört mich denn keiner?
SIE HABEN SIE VERGEWALTIGT!
Warum hilft ihr keiner?
Warum kann ich ihr nicht helfen?
Was soll ich tun?
Sie wirkt so normal
und gefasst.
Versteckt ihre Panikattacken
Phobien und Zusammenbrüche.
Versteckt ihre Depressionen
hinter einem sympathischen Lächeln
und Normalität.
Tratscht über Jungs und Partys.
Im Hintergrund läuft „SONNE“ von Farin Urlaub.
„Und ob man schwitzt
und ob man friert
und ob man den Verstand verliert
ob man allein im Dreck krepiert.
Die Sonne scheint als wäre nichts passiert“
Sie redet über Haarstyling
Und führt mir Klamotten vor.
Die Schnitte auf ihren Armen versteckt sie nicht.
Schulterzucken, verlegenes Lachen.
„Physik heute war so langweilig“
Wir tratschen über SVV
und Selbstmord.
„Woher kriegt man bitte richtige Rasierklingen?“
„Stanleymesser eignen sich gut.“
„Vor Zigarrettenverbrennungen habe ich Angst“
„Eine Handvoll Salz auf offene Schnitte potenziert die Wirkung!“
„Ich will nicht in einem Unfall sterben.
Sie sollen wissen, dass ich es wollte.“
„Ich würde gerne vom Donauturm springen,
der Flug wäre sicher geil.“
„Aufhängen ist am schnellsten“
Heute haben wir über ihr Begräbnis gesprochen.
Sie will verbrannt werden – so wie ich.
Die Leute sollen ganz normal gekleidet kommen.
Sie will bunt sein.
Keiner soll weinen – die Leute sollen Party machen
und sich freuen, sich mal wieder getroffen zu haben.
Und Musik sollen die Ärzte und WIZO sein.
In diesen kleinen Kärtchen soll der Refrain von „Sonne“ stehen.
Wir haben beschlossen
Die Aussendungen am PC zu machen
und ihr Begräbnis zusammenzustellen.
Nur so zum Spaß.
Aber nicht vor den Sommerferien.
Da haben wir noch einiges geplant.
Noch einmal richtig Spaß.
Und dann ein paar Wochen im BORG.
„Du musst die Beerdigung so durchsetzen!“
„Klar, das sehe ich als meine Pflicht als Schwester an.
Einerseits will ich das Begräbnis unbedingt miterleben,
aber andererseits würde ich gerne
mit dir gemeinsam springen.“
„Das wäre sicher toll.
Wir beide vom Donauturm!“
Ich hab Angst.
Angst um uns.
Angst vor uns.
Was soll ich tun?
Einfach laufen lassen?
Ich flüchte wie immer.
Ergebe mich in das Schicksal.
Wird sicher eine interessante Erfahrung.
Alles sachlich sehen.
Natürlich ist es Ehrensache,
ihr Begräbnis wunschgemäß zu organisieren.
Meine Arme zieren Brandys
von den Zigaretten
die ich nur zu diesem Zweck geraucht habe.
Meine Arme sind von Narben
und Schnitten überzogen.
Immer tiefer.
Früher waren es helle Streifen
heute heben sie sich ab.
Heute habe ich
Mich das erste Mal
Alleine Zuhause betrunken.
Blut tropft auf diese Zeilen.
Im Hintergrund läuft „Kein Zurück“ von Farin Urlaub.
Mir ist schwindlig.
Ich bin alleine.
Meine Schwester packt im Nebenzimmer
für ihre Sportwoche
mit Leuten, die nicht wissen,
was eine „rhetorische Frage“,
eine „emanzipierte Frau“ ist.
Unsere Mutter im anderen Nebenzimmer
hört Medidationsmusik.
Es geht ihr nicht gut die letzten Tage.
Ich flüchte
in eine geschriebene
eine geträumte Welt.
Alles ist in Ordnung.
Meine Schwester packt
Für ihre Sportwoche.
Sie hat sicher eine Menge Spaß
mit ihren Klassenkameraden.
Meine Mutter tut sich etwas Gutes
und entspannt sich.
Nach den Sommerferien
beginne ich einen Kurs beim AMS
und nehme meine Zukunft in Angriff.
Alles ganz normal.
Meine Schreie sind stumm
meine Schwester hat mich um Schweigen gebeten.
Natürlich schweige ich.
Der Geruch von Alkohol
steigt mir in die Nase.
Mir wird schlecht.
Ich klappe den Laptop hoch
und lasse mich von einer
spannenden Geschichte entführen.
Alles wie immer!