| Home Just In Communities Forums Beta Readers Dictionary Search | Login Register Extras |
Er dachte sich nichts dabei, als er kurz vor dem Ortsausgangsschild von Klosterkumbd nicht weiter der Straße folgte, sondern geradeaus in eine kleine Nebenstraße bog um schlussendlich eine Abkürzung durch den Wald zu begehen.
Er wollte nach Neuerkirch, nur nach Hause, nach einem Abend, der witzig angefangen hat, jedoch grausam endete, als er auf dem Geburtstag auf dem er war seine Freundin mit einem anderen Kerl im Bett fand.
Miststück… dachte Jan sich. Hätte ich bloß auf meine Freunde gehört.
Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gebracht merkte er auch schon wieder wie ihm die Sicht verschwamm, weil sich Tränen in seinen Augen bildeten.
Kurz nachdem er am letzten Haus des kleinen Örtchens in der Nähe von Simmern/Hunsrück vorbei gegangen war befand er sich auch schon kurz vor dem Eingang zum Wald, der, wie er sah, zwar finster war (es war ja auch dunkel) jedoch durch die hellen Strahlen des heute riesig wirkenden Vollmondes so gut beleuchtet war, dass er ohne Probleme fünfzig bis sechzig Meter weit in den Wald hineinschauen konnte.
Grillen zirpten, als wollten sie ihm durch ihre „musikalische Begleitung“ beruhigen und klar machen er sei nicht alleine, doch durch seine Wut gegenüber seiner Freundin, seiner Wut gegenüber dem Arschloch mit dem sie geschlafen hatte und seinem immer noch recht angenehmen Alkoholpegel nahm er die Grillen zwar am Rande war, scherte sich jedoch nicht weiter um sie. Vielmehr schwirrten ihm die Bilder durch den Kopf, wie er nach einem Tipp von seinem besten Freund die Treppen des großen Hauses, indem die Party mit reichlich Gästen und Alkohol stattfand, hinaufstapfte.
„Hey alter, “ hatte ihn Marco gerufen, kurz bevor er bei ihm ankam. „Komm mal kurz mit vor die Tür, ich muss mit dir reden!“
Er nahm Jan am Arm und zerrte ihn behände durch das große Wohnzimmer, vorbei an all den Gästen die unbekümmert zur Musik tanzten, miteinander flirteten und einen schönen Abend genossen.
Endlich auf der Terrasse angekommen sagte Marco. „Setz dich bitte!“
Voller Erwartung, was denn nun kommen möge, tat Jan, wie ihm geheißen. Er setzte sich auf den nahesten Gartenstuhl, den er finden konnte, kramte aus seiner Hosentasche eine schon recht arg zerknitterte Packung Gauloises heraus, nahm sich eine Zigarette und zündete sich diese, schon mit einige feinmotorischen Schwierigkeiten an.
Wenn Marco es so hinauszog, etwas zu sagen, dann war es eigentlich immer äußerst unangenehm für denjenigen, in diesem Falle Jan. Dementsprechend nervös wartete er auch darauf, dass sein Gegenüber endlich zu reden Begann.
„Was ist denn?“ fragte Jan, dem man die Anspannung aus der Stimme hörte. „Mach es doch bitte nicht so spannend!“ fügte er fast flehend hinzu.
Marco musste tief durchatmen, bevor endlich ein Wort aus seinem Mund hervor kam.
„Also…“ er musste tief durchatmen und Jan zuckte zusammen als er dieses Wort hörte. Er kannte Marco jetzt schon seit knapp fünf Jahren und immer wenn er „also“ sagte, dann bedeutete das etwas sehr unangenehmes für seinen Gesprächspartner. Jetzt war Jan sehr mulmig zumute und er zog hektisch an seiner Zigarette, die mittlerweile schon zur Hälfte aufgeraucht war.
„Jan…“ begann er wieder. „das was ich dir jetzt sage wird dir höchstwahrscheinlich den Abend verderben, ach was rede ich da, noch viel wahrscheinlicher die nächsten Wochen.“
Sein Tonfall war sehr beruhigend, doch auch sehr besorgt, da er wusste wie Jans Reaktion auf diese Botschaft ausfallen würde.
„Ich habe gerade deine Freundin gesehen“, äußerte er langsam und bedächtig, bereit aufzuspringen um Jan zu beruhigen, doch Jan regte sich nicht auf, im Gegenteil, er verstand nicht worauf Marco hinauswollte und antwortete schnippisch „ja und, ich auch, schon öfter diesen Abend und vor nicht mal vier Stunden noch mit mir in der Dusche.“ Jan lachte, hörte aber kurz danach abrupt wieder auf als Marco nicht mit einstimmte.
„Ich habe deine Freundin gesehen und sie war nicht alleine.“ jetzt sprach er etwas hastiger, weil ihm aufgefallen war, dass Jan gerade auf dem Schlauch zu stehen schien und nicht verstand was er ihm sagen wollte. Marco wäre es lieber Jan würde selber darauf kommen, als das er mit der Tür ins Haus fallen müssen, jedoch schien dieser Wunsch unerfüllt zu bleiben, den er sah nur in fragende, verwirrte Augen die scheinbar nichts mit seiner Aussage anfangen konnten.
Jan war wirklich verwirrt. Was will der denn von mir?... dachte er sich, doch das er wirklich nervös war viel ihm erst auf, als er drei Anläufe brauchte um den letzten Zug seiner Zigarette zu machen, weil seine Hand so stark zitterte.
„Verdammt noch mal Marco, wir sind hier auf einer Party. Hier ist keiner der Anwesenden alleine!!!“
„Jan, sie ist in Begleitung eines Typen nach oben gegangen und ist mit ihm ins Schlafzimmer meiner Eltern verschwunden!!!“
Leicht schwankend war Jan mittlerweile schon ein gutes Stück in den Wald hineingegangen. Ein kurzer Blick zurück und er erkannte zwar noch den Eingang des Waldes, der war aber nur noch als recht kleiner Punkt recht weit weg zu erkennen. In Anbetracht der Lichtumstände waren es wohl nur hundert Meter, doch wahrscheinlich gerade wegen des Mondlichts wirkte es zwei- oder dreihundert Meter weit weg (und ohne ihn hätte er es gar nicht mehr gesehen).
Einzelne Strahlen des fahlen aber hellen Mondenscheins drangen durch das Dickicht über seinem Kopf, so dass er sehr gut erkennen konnte, dass er auf dem Weg ging.
Er hatte kurz vor Klosterkumbd entschieden, dass er diesen Weg gehen wollte, er sparte dadurch ungefähr eineinhalb Kilometer Fußmarsch, bis er endlich ins wohlverdiente Bett fallen würde und das konnte er kaum noch erwarten.
Er wollte einfach nur noch schlafen, vergessen was geschehen war. Sicherlich, er würde am nächsten Morgen wieder aufwachen, die schreckliche Szene wieder vor Augen haben und sich wünschen, es wäre nie passiert, er wäre nie mit ihr auf diese scheiß Party gegangen, aber es würde sich auch morgen nicht ändern lassen, und übermorgen genauso wenig wie in drei Tage oder vier Wochen.
Im Endeffekt würde er sich wünschen er wäre tot, was er jetzt ja auch schon tat, weil er sich dachte, innerlich war er es schon. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen, es rumpelte nur noch ein bisschen vor sich her, um den großen und kleinen Blutkreislauf intakt zu halten. Das war aber auch schon alles. Das was sein Herz ausmachte, die Gefühle die er darin gespürt hatte für Mareike, die Stunden köstlichen Schmerzes, wenn er sie nicht sehen konnte, die Stunde die wie Sekunden vergingen als er mit ihr zusammen war, all das war weg. Es fühlte sich an als hätte er nur noch einen kleinen, schwarzen, zerbrochenen Klumpen in der Brust.
Ja, der Wunsch bildete sich jetzt schon in seinen Gedanken. Wie sinnlos alles ohne sie scheint. Die sternenklare Nacht, die er den ganzen Weg bis in den Wald hinein beobachtete hatten ihren Reiz verloren, Farben büssten ihre Fülle ein und wirkten nur noch matt und eintönig, Geräusche schienen nur noch ein Rauschen darzustellen, zwar erkenn- und diffenrenzierbar, jedoch nicht wirklich unterschiedlich wirkend. Selbst die lauwarme Abendluft schien eine gewisse kühle und Gleichgültigkeit auszustrahlen.
Sterben…hätte er gewusst wie nahe er der Erfüllung seines Wunsches war und das das Rascheln der Blätter um ihn herum das herannahen ankündigte, so hätte er diesen Gedanken nie gedacht.
„Wie kannst du nur!“ schrie Marco. „Du kommst mit deinem Freund hier auf diese gottverdammte Party und hast nichts Besseres zu tun wie ihn mit dem nächsten dahergelaufenen Arschloch zu betrügen?“ Marcos Kopf glühte rot auf vor Zorn und stellenweise hatte er eine sehr feuchte Aussprache. Aber das war ihm so was von egal in diesem Augenblick. Er machte sich Sorgen und ließ diese an der Verursacherin dieser beschissenen Situation aus. Seitdem Alex sich ohne ein Sterbenswörtchen zu sagen verzogen hatte, konnte niemand ihr erreichen, niemand wusste wohin er war und ob es ihm gut ging.
„Ich weiß doch auch nicht, wie das passieren konnte“ klagte Mareike weinend mit erstickter Stimme. „Es ist keine Entschuldigung, ich….“
„Entschuldigung?“ hatte sie das jetzt wirklich gesagt. Marco war als würde ihm gleich der Kragen platzen und der Kopf explodieren. „Dafür gibt es zur Hölle noch mal keine Entschuldigung, niemals und erst recht nicht, nur weil du besoffen warst. Alkohol ist alles, aber keine Entschuldigung verdammt.“
Mareike saß zusammengekauert auf dem Bett von Marco’s Eltern und hasste sich für alles, was geschehen war.
Eineinhalb Jahre waren sie um Punkt zwölf zusammen. Sicherlich, Anlass der Feier war Marcos Geburtstag, aber für Jan und sie war es die Möglichkeit in ihr eineinhalbjähriges reinzufeiern, und das hatten sie auch getan.
Am Anfang war alles wie immer. Sie sind zu zweit durchs Haus gegangen, hatten erstmal alle begrüßt die sie kannten, Alkohol war geflossen, man hat sich halt amüsiert. Nach einer Weile fanden sich dann beide bei ihren Freunden ein. Jan im Wohnzimmer und Mareike bei ihren Freundinnen auf der Terrasse. Und wieder floss Alkohol in Strömen. Man redete über das Party übliche, welche Männer waren da, welche sexy, welche hässlich und die Stimmung stieg ins unermessliche.
Dann öffnete sich die Terrassentür und er trat heraus, Julian. Er hatte dunkelbraune, kurze Haare perfekt zu einem Igel gestylt, ein sehr hübsches, markantes Gesicht und einen Körper zum träumen. Das graue T-Shirt, welches er anhatte, lag eng an und darunter zeichnete sich ein perfekt trainierter Körper ab. Es kam wie es kommen musste, innerhalb kürzester Zeit begannen die beiden miteinander zu flirten und tranken einen nach dem anderen.
Wie genau die beiden dann hoch ins Schlafzimmer gekommen waren, daran konnte sie sich nicht mehr genau erinnern, doch sah sie noch ganz genau vor sich, wie er die Tür öffnete, ihr diese aufhielt, sie vorgehen ließ und hinter ihr die Tür zu machte.
Nachdem Marco den aufspringenden Jan festgehalten und erstmal zwei Minuten beruhigt hatte, machte dieser sich direkt auf den Weg nach oben. Er wollte es nicht glauben, nicht Mareike. Ihre Liebe war doch perfekt.
Die Treppenstufen in den ersten Stock erklimmend nahm Jan wenig von seiner Umgebung war. Er dachte nur daran, dass es sich bestimmt um einen schlechten Scherz handelte, dass er auf die Folter gespannt werden sollte. Seine Hoffnung bestand aus einen verzweifelten Versuch sich an der von ihm geglaubten Sicherheit ihrer Beziehung festzuhalten und diese nicht loszulassen.
Sie ist mit keinem anderen da oben… dachte Jan sich. Sie wartet da oben alleine auf mich.
Er stellte sich vor, wie er die Tür öffnen würde und Mareike mit ihrer wunderschönen, leicht blassen Haut auf dem Bett liegen würde, nackt, weil sie das Bedürfnis verspürte, mit im körperliche Nähe zu teilen. Er sah sich auf das Bett zu gehen, sich über sie beugen und ihr einen zärtlichen langen Zungenkuss geben, bevor er anfing ihren Körper hals abwärts zu küssen und zu streicheln.
Die Treppe erwies sich als ungewöhnlich lang heute Abend und umso größer war Jans Überraschung, dass erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte.
Vor seinem inneren Auge spielte sich jedoch weiterhin der angenehme Film ab. Mittlerweile trug auch er nur noch Boxershorts und war mit seinem Kopf zwischen den vor Erregung zitternden Schenkeln seiner Freundin angelangt, welche heiser und lustvoll atmete.
Nachdem er sich ihrem Schatz einige Zeit gewidmet hatte würde sie nun ihren Teil ihrer unsichtbaren, nie ausgesprochenen Vereinbarung einhalten und ihn den Genuss der oralen Verwöhnung zuteil werden lassen, bevor sie sich auf ihn setzte und sich und ihn zum Höhepunkt reiten würde.
Unterdessen hatte er den oberen Flur erreicht und auch das Gefühl der Unsicherheit und Nervosität, die diese Gedanken für kurze Zeit verdrängt hatten, waren wieder zum Vorschein gekommen und fingen an ihn unablässig in ihrer vollen Härte zu quälen.
Vor seinem inneren Auge war totale Leere eingekehrt, ließ sein Unterbewusstsein doch nicht zu, dass er sich bildlich vorstellen könnte sie würde tatsächlich mit irgendeinem anderen Kerl im Bett liegen. Doch alleine der Gedanke daran zerfetzte ihm das Herz, in welchem er einen unsichtbaren Dolch spürte, der unablässig hinein stach.
Er ging vorbei an der halboffenen Badezimmertür, an der Tür zum Zimmer Marco’s Schwester und stand nun, am Ende des Flures, vor dem besagten Schlafzimmer. Seine Hand bewegte sich auf den Türgriff zu, heftig zitternd. Auf seiner Stirn begann sich Schweiß zu bilden und seine Hand, die nun den messingfarbenen Türgriff umschloss.
Er zögerte, wollte nicht in dieses Zimmer hineingehen, da seiner Angst mittlerweile eine Art Gewissheit gefolgt war, die sich in Verbindung mit der Hoffnung, dass alles in Ordnung war, zu einem Messer verband, welches sein Hirn in zwei Hälften teilte. Und er fühlte sich als wäre er genau dazwischen und beide Gehirnhälften würden beginnen ihn zu erdrücken.
Er drehte den Türknauf um und öffnete zögerlich die Tür, die nach innen aufging.
Langsam bekam er das Zimmer zu Gesicht. Zuerst sah er durch einen engen Spalt die in blauen Farbabstufungen gestrichene Wand. Hinzu folgte das Nachtkästchen aus der Biedermayerzeit, welches dunkelbraun und zwar sichtlich alt, aber dafür noch sehr gut erhalten war. Darauf stand eine kleine Nachttischlampe mit einem bordeauxfarbenen Schirm, die ein mattes Licht auf die Umgebung warf und eine romantische Atmosphäre erzeugte.
Erst jetzt gelang das Bett in sein Blickfeld und mit einem Mal vertrieb die grausame Realität die Hoffnung.
Er sah Mareike, die Augen geschlossen und lustvoll stöhnend auf dem Rücken liegend, ein muskulöser Kerl auf ihr liegend, sich dem Trieb hingebend.
Er stand nur da und sah zu, war nicht in der Lage etwas zu sagen oder zu tun, war nicht mal in der Lage den Anschein zu machen, als würde er Leben. Er merkte das Krampfen in seiner Brust und dachte das Bersten seines Herzens gehört zu haben.
Zufällig, im gleichen Augenblick, wandte Mareike ihre nun halboffenen Augen zur Tür.
Nach seiner Packung Zigaretten kramend fing er nun an, nach dieser schmerzhaften Revue des vergangenen Abends hemmungslos in den Wald hinein zu weinen. Tränen bildeten sich in seinen Augen, überwanden die Augenlieder und rollten die Wangen hinunter wie die Niagara-Fälle.
Vereinzelte Tränen rannen über seine Lippen und hinterließen eine salzig schmeckende Spur der Trauer, die ihn durchfuhr und mit Gewissheit nicht so schnell wieder loslassen würde.
Wie hatte er sich nur so sehr in ihr täuschen können? Eineinhalb Jahre lang waren sie glücklich gewesen, selten kam es zum Streit und wenn gestritten wurde, dann waren es wirklich handfeste Themen und nicht so eine Pseudoscheiße wie sie in den meisten Beziehungen vonstatten geht.
Nicht mal Eifersucht war je ein Thema gewesen. Nicht das es ihm gleichgültig gewesen wäre, wenn sie mit anderen Männern gesprochen hatte, nein, dass sicherlich nicht, jedoch glaubte er ihr wenn sie sagte sie würde ihm treu sein, und sie war es ja auch immer…bis vor knapp zwei Stunden!
Wütend trat er einen vor ihm liegenden Ast schräg nach links, so dass dieser gegen einen der vielen Bäume flog, die den Weg ins Dickicht abgrenzen. Erst jetzt fiel ihm das Rascheln auf, welches ihn schon seit einiger Zeit begleitete.
Ein Wildschwein… dachte er feststellend, fragend und etwas beängstigt zugleich. Auch das noch!
Seine Schritte nahmen an Hast zu, denn er begann sich nicht mehr allzu wohl zu fühlen aufgrund dieses Umstandes.
Er hatte einmal gelernt, dass wenn ein Wildschwein auf einen zukommen sollte, dass man sich aufbauen und hastige Bewegungen in dessen Richtung machen sollte, dass würde diese verschrecken und sie würden weglaufen. Auf keinen Fall sollte man weglaufen, da diese Biester unter Garantie schneller waren als man selber.
Auch hatte er gehört, dass sich auf den nächsten Baum zu flüchten auch noch eine mögliche Alternative bot, genügend Bäume die diese Möglichkeit boten waren ja rund um ihn herum vorhanden, doch hatte er auch keine Lust die ganze Nacht auf einem Ast abzuwarten bis irgendjemand ihn finden sollte.
Er hatte zwar auch sein Handy dabei, welches alle zwei Minuten vibrierte, weil Marco, Mareike und der Rest seiner Freunde versuchten ihn zu erreichen, doch irgendjemanden anrufen, weil ihn ein Wildschwein auf einen Baum gejagt hatte? Diese Blöße konnte und wollte er sich nicht geben, nicht nach dieser Nacht.
Trotz allem beunruhigte ihn das Rascheln im Geäst, vor allem da er glaubte gerade eben etwas vor ihm über den Weg huschen gesehen zu haben. Gesehen ist eigentlich der falsche Ausdruck. Es kam ihm vor wie die Zeitraffer Aufnahme von etwas, er hatte nur einen hellen Streifen gesehen und von daher dachte er, in Verbindung mit dem Mondlicht, hatte er sich das vielleicht nur eingebildet.
Er sah sich um.
Überall, wie in einem Wald üblich, standen unzählige Bäume, die durch das einfallende Licht eine gräulich-weiße Schattierung hatten. Der Weg auf dem er ging war geschottert und in der Mitte verlief ein Grünstreifen, der in voller Blüte stand. Überall war vertrocknetes Laub verstreut, welches jeden seiner Schritte durch ein angenehmes Rascheln untermalte. Doch irgendetwas war seltsam?
Er konnte es sich nicht erklären, das Gefühl war auch noch nicht lange da (oder er hatte es nicht bemerkt ob der Verzweiflung die ihn plagte), aber irgendetwas hatte sich verändert.
Das Licht war dasselbe geblieben, die Umgebung auch, was war nur falsch? Falsch war das passende Wort, es wirkte irgendwie alles so unreal…
Es ist so leise hier...
Das war es, es war leise, zu leise. Die Geräusche der Tiere, die zirpenden Grillen, der kreischende Uhu, sie waren nicht mehr zu hören. Überhaupt war außen den Blättern die raschelten und dem Rascheln aus dem Dickicht (welches nun noch näher wirkte) nichts mehr zu hören, rein gar nichts. Nicht mal der angenehm laue Wind war mehr zugange.
Kaum hatte er diesen Gedankengang vollendet erklang ein ohrenbetäubender, schriller Schrei, der von überall her zu kommen schien…
tuuuut…..tuuuuut….tuuuut…
„Komm schon Jan, geh endlich an dein beschissenes Telefon!!!“ sprach Mareike flehend in ihr Hände, auch wenn es nichts nutzte.
tuuuuut…klick…Der von Ihnen gewünschte Gesprächspartner ist zur Zeit leider nicht erreichbar… erklärte die Computerstimme am anderen Ende der Leitung.
Resigniert drückte sie den roten Knopf um aufzulegen und warf ihr Handy neben sich aufs Bett. Sie war immer noch, zusammen mit Marco, oben im Schlafzimmer. Julian war gegangen.
„Verdammte Scheiße“ fluchte Marco und setzte sich neben Mareike, die wieder das weinen angefangen hatte, und legte seinen Arm um sie
Auch wenn sie es eigentlich nicht verdient hat… dachte er hartherzig, er brachte es jedoch nicht übers Herz sie da einfach so sitzen zu lassen und ihrem Schicksal zu überlassen. Er konnte einfach niemanden weinen sehen, und da konnte dieser jemand gemacht haben was er wollte.
„Was habe ich getan?“ fragte sie sich leise, doch auch Marco bekam es mit. „Was habe ich nur getan.“
Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und beugte sich nach vorne, als müsse sie sich übergeben, jedoch zeugte ihre Körperhaltung nur von ihrem schlechten Gewissen, was sie von nun an immer bei sich tragen würde.
Auch Marco hatte sein Laster zu tragen. Er hatte nicht schnell genug reagiert als er Jan mit diesem toten Blick die Treppen herunter kommen sah Er hätte ahnen müssen das er gehen würde, doch dachte er, er könne ihn soweit trösten, das Jan nicht die Flucht ergreift (wobei er es ihm nicht verübeln konnte).
Er machte sich schon Sorgen, man sorgt sich immer um Menschen die einem etwas bedeuten, obwohl man weiß das diese immer zu Hause ankommen, dass man sich umsonst sorgt, weil ihnen nichts passiert, und doch sorgte man sich.
Keiner der beiden konnte ahnen, dass sie ihn heute Abend das letzte Mal lebend gesehen hatten.
Jan hielt sich die Ohren zu.
Angst durchfuhr seinen Körper und ein Schrei entglitt seiner Kehle, der allerdings in dem hellen Kreischen sang und klanglos untergegangen war. Das Rascheln der Blätter im Dunkeln, abseits des sichtbaren Weges, klang nun bedrohlicher denn je und vor allem, näher als bisher. Jan dachte, soweit er in seiner Panik noch zu denken in der Lage war, dass das Rascheln durch kleine Schritte ausgelöst wurde – kleine, schnelle Schritte.
Er begann zu rennen, jetzt nachdem die kurz anhaltende Paralysierung seines Körpers nachgelassen hatte, rannte er. Seine Beine fühlten sich an wie Betonklötze, welche durch Matsch zu watten schienen. Die Tatsache, dass er auch noch Alkohol im Blut hatte erleichterte ihm das Laufen auch nicht gerade.
Was ist das… dachte er panisch.
Sein Vorsatz, einfach stehen zu bleiben und das Wildschwein zu verschrecken war wie vom Winde verweht. Er hatte zwar noch nie ein Wildschwein schreien gehört, jedoch war er sich sicher, dass so kein Tier zu schreien in der Lage wäre.
Der Schrei war ihm durch die Knochen gegangen und hatte mehr wie nur eine Gänsehaut ausgelöst. Er dachte Nadeln würden seinen Rücken vom Genick an abwärts durchlöchern.
Er bemerkte nicht, dass sich kurz vor ihm eine Wurzel über den Weg rankte, auf die er schnurstracks zulief und mit dem Fuß daran hängenblieb. Er stolperte, verlor das Gleichgewicht, flog durch die Luft und knallte, mit dem Gesicht voran, auf der Grasnarbe, wobei ein paar darin liegende Steine Kratzer in sein Gesicht schnitten.
Er weinte nicht mehr wegen seiner Ex, jetzt war es der Schmerz der ihm die Tränen in die Augen trieb.
Langsam, die Schwärze vor seinen Augen begann sich zu lichten, beugte er den Kopf nach oben. Seine Arme winkelten sich an, drückten ihn nach oben und er kniete auf allen vieren und versuchte wieder zu Luft zu kommen.
Er sah nach unten auf den Weg und seine Augen wanderten, scheinbar von unsichtbarer Hand geführt, den Weg entlang und er erkannte, die schwarzen Punkte immer noch vor Augen, eine kleine Gestalt mitten auf dem grünen Streifen stehen, dessen Umrissen sich anfingen immer deutlicher abzuzeichnen.
Es stand regungslos da und Jan bekam immer mehr Details zu Gesicht. Die Gestalt vor ihm stand auf zwei Beinen, trug etwas wie eine Hose und war nicht größer als dreißig Zentimeter. Die Füße waren von langen, Spitzen Zehennägeln geschmückt, welche schwarze Ränder zum Vorschein brachten.
Sein Blick wanderte den Körper entlang weiter nach oben und er sah einen dicklichen, dunkelgrünen, dreckigen Bauch, aus dem der Bauchnabel herauszuplatzen schien.
Jetzt war seine Sicht wieder völlig klar.
An dem schmutzigen Körper hingen lange, im Verhältnis zum Oberkörper des Wesens, sehr muskulöse Arme hinunter, die an grünen Händen endeten. Anstatt Fingernägel hatte dieses Ding krallenartige Fingerspitzen.
„Was…“ begann er, während sein Blick sich nun dem Kopf zu wendete, aus dem schwarze, mordlustige Augen hervorblickten. Das Gesicht war von kleinen Narben und Löchern übersäht und in unterschiedlichen Höhen hingen rechts und links angespitzte, ausgefranste Ohren, welche von den fettigen schwarzen Haaren teilweise überdeckt wurden. Der halboffene Mund entblößte spitze, rasiermesserscharfe Zähne, welche Jan das Blut in den Adern gefrieren ließen.
Das Wesen machte Anstalten zu sprechen:
„Voll der Trauer wünschtest du den Tod,
entschieden hast dich für das Los…“ schrie es mit einer hell verzerrten Stimme. Das Rascheln der kleinen tippelnden Schritte um Jan herum war verstummt.
„Denkst, du leidest Höllenqualen,“ fuhr es fort
„wirst mit noch mehr Leiden zahlen.
der Tod bleibt dir solang verwehrt,
bis wir dich komplett verzehrt!!“ endete es, stieß einen Schrei aus und begann schrill zu lachen.
Alles um Jan herum schien sich nun zu bewegen, über ihn zu Lachen, aber vor allem, ihm nach dem Leben zu trachten.
Augenblicklich verstummte das Gelächter, der kleine Kobold fixierte ihn mit glasigem Blick und sprang, einen knurrlaut von sich geben, mit erhobenen Klauen auf ihn zu. Er bohrte die spitzen Fingernägel in Jans Schulter und biss ihm vom linken Ohr ein Stück ab.
Der Schmerz durchjagte ihn wie ein Blitz und drohte ihm die Orientierung zu rauben, doch er fing sich blitzschnell wieder, packte sich den kleinen Kerl auf seiner Schulter und riss ihn mit aller Gewalt unter Schmerzen aus seiner Schulter. Dass er mit ihm ein großes Stück blutendes Fleisch mit heraus riss war Jan egal, er wollte nur noch weg, raus aus dem Wald.
Jan begann zu rennen, doch wie schnell er auch rannte, die trippelnden Schritte waren direkt neben ihm.
Etwas kam aus dem Dickicht gesprungen und biss sich an seiner Wade fest. Wieder ein anderes sprang im auf die Brust und biss ihm direkt in die Brustwarze. Blut trat aus der Wunde an seiner Schulter aus, ebenso wie an der Wade und Oberkörper.
Er versuchte diese beiden Monster auch von sich zu werfen, doch er konnte es nicht, zu fest hatten sie sich in ihm verbissen, beinahe lustvoll stöhnend schienen sie sein Blut zu trinken.
Ein Schrei folgte dem nächsten, so dass er das Gefühl hatte sein Trommelfell würde platzen. Das linke Ohr blutete weiter und mittlerweile hatten sich auf seinem T-Shirt schon dicke rote Flüsse gebildet, die in Richtung Boden flossen.
Der nächste Kobold der ihn ansprang landete auf der Hüfte und stieß seine schmutzigen Klauen durch die Haut in den Hüftknochen, welcher mit einem lauten Knacken brach und Jan direkt zum Sturz brachte.
Nun brachen Fluten dieser kleinen Biester aus dem Schutz des Dunkeln hervor. Jan schlug um sich und konnte ein paar wegstoßen. Einen traf er so hart, dass er die kleinen, stabilen Knocken knacken hört und dieser Regungslos am nächsten Baum liegen blieb, doch die meisten fingen an ihn bei lebendigem Leibe zu verspeisen.
Er spürte, wie etwas anfing ihm den Fuß abzubeißen, wie Kratzer anfingen seine Haut zu übersähen. Das letzte was er sah, bevor ihm schwarz vor Augen wurde war, wie ein geöffneter Mund voller weiß-blitzender Zähne ihn zukam, sich diese in die Nase schnitten und ein Loch hinterließen, aus dem unaufhaltsam Blut zu sprudeln begann.
Er sah nichts mehr, Angst bestimmte sein Wesen, wollte er doch gar nicht sterben. Er tat es auch nicht. Noch immer spürte er Zähne, die ihm wild geworden Fleisch herausrissen, Krallen, die ihm die Haut zerschnitten, Körper, die auf dem glitschigen Blut, welches aus seinem Körper austrat ausrutschten, schmatzende Kaugeräusche welche von wollüstigem Schlucken verfolgt waren. Er wurde bei lebendigem Leibe gefressen.
Nach scheinbar endlos langer Zeit, als die ersten Körperteile bis zum Knochen abgefressen waren wurde ihm endlich die Gnade des Sterbens zuteil, und das gebrochene Herz in seinem zerfetzten Körper, welches diese Monster angelockt hatte, hörte auf zu schlagen…