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Fiction » Fantasy » Bis ans Ende der Welt font: B s : A A A . width: full 3/4 1/2
Author: Franziska
Fiction Rated: T - German - Adventure/Angst - Reviews: 29 - Published: 04-29-08 - Updated: 05-20-08 - Complete - id:2510987

1. Eine schicksalhafte Begegnung

Es war ein sonniger Spätherbstnachmittag und Glaukos schlenderte ziellos durch das Labyrinth der Gassen, die den Marktplatz der kleinen Ansiedlung umgaben, die zu Füssen der Burg von Ithaka lag. Eher zufällig erreichte er den Martkplatz. Bevor er sich unter die Hausfrauen mischte, blieb Glaukos stehen und ließ seinen Blick über die Stände der Händler schweifen. Er stellte anerkennend fest, wieviel sich seit dem Vorjahr zum Besseren verändert hatte. Die zwanzigjährige Abwesenheit des Odysseus war Ithaka schlecht bekommen. Die Insel war so verarmt gewesen, dass Bettler auf dem Marktplatz zu einem vertrauten Anblick geworden waren, aber nun mehrten sich endlich wieder die Anzeichen, wachsenden Wohlstandes.

Glaukos schreckte aus seinen Gedanken auf, als er sich dem ernsten Gesicht eines jungen Mannes gegenüber sah, der einige Jahre jünger als er selbst sein mochte. Seine Kleidung verriet Rang, Geschmack und Reichtum. Obwohl der Fremde in dieser Umgebung eine auffällige Erscheinung war, schien er nicht zu bemerken, dass sich die Marktfrauen nach ihm umdrehten und zu tuscheln begannen.

Die Blicke der beiden jungen Männer trafen sich und der Fremde nickte Glaukos zum Gruß zu. Ein Lächeln erhellte sein gesamtes Gesicht.

Glaukos stutzte einen Augenblick und vermutete schon, dass ihn der vornehme junge Mann mit jemandem verwechselt hatte. Dann erst erkannte er ihn. Es war Telemachos, der Sohn des Odysseus, den Glaukos vor drei Jahren flüchtig kennengelernt hatte, als er seinem Vater, dem königlichen Bogenmacher zur Hand gegangen war. Sie waren in den Palast gerufen worden, um den Bogen des Odysseus zu reparieren, der sich durch unsachgemäße Lagerung verzogen hatte.

Telemachos musterte Glaukos von Kopf bis Fuß.

„Du hast dich kaum verändert, zumindest soweit ich mich daran erinnern kann. Ich habe dich ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

„Du dich auch nicht“, log Glaukos, obwohl er fand, dass Telemachos noch unglücklicher wirkte als vor drei Jahren. Auch hoffte er, dass der Prinz die formlose Anrede nicht übelnahm, die ihm gewohnheitsmäßig herausgerutscht war, obwohl Telemachos mittlerweile ein junger Mann war.

„Außer, dass du gewachsen bist“, fügte Glaukos unsichter hinzu. „Ich habe dich gar nicht erkannt.“

Kaum hatte Glaukos diese Worte ausgesprochen, bereute er schon, einen derartigen Blödsinn gesagt zu haben. Hatte sich Telemachos nun nicht verändert oder war er nicht widerzuerkennen? So unlogisch es klang, traf in gewissser Weise beides zu.

„Wohin gehst du gerade?“ wollte Telemachos wissen.

Glaukos hatte eigentlich kein besonderes Ziel, wollte dies aber nicht zugeben.

„Es gibt gerade in der Werkstat nicht viel zu tun und da habe ich die Gelegenheit genutzt, mich etwas auf dem Markt umzuschauen“, erwiderte er.

Telemachos wirkte, als ob er etwas sagten wollte, aber nicht wüsste, wie es ausdrücken sollte. Der vage schuldbewusste Ausdruck in seinem Gesicht machte Glaukos Mut zu einer Frage, die er sonst nicht zu stellen gewagt hätte.

„Willst du ein Glas Wein mit mir trinken? Unser Haus ist gerade um die Ecke.“

„Ja, gerne“, antwortete Telemachos ohne Zögern. Er schien sich über die Einladung zu freuen, aber Glaukos war sich im gleichen Augenblick, in dem er sie ausgesprochen hatte nicht mehr sicher, ob dies eine gute Idee gewesen war. Es überstieg seine Mittel, den Sohn des Odysseus standesgemäß zu bewirten, aber es gab kein zurück mehr!

Bald hatten Glaukos und Telemachos das Haus des Bogenmachers erreicht, das eines der größten in seiner Straße war. Als Glaukos die Tür öffnete, stellte er erleichtert fest, dass sein Vater nicht zuhause war. Dies vereinfachte die Situation erheblich. Glaukos begleitete seinen Gast in die große Halle, wo entlang der Mauer Sitze und dreibeinige Tische aufgestellt waren. Dann holte er aus der Küche einen Weinkrug und zwei Trinkhörner aus Keramik.

„Und wie geht es dir?“ fragte Glaukos, als er zurückkam, „Du hast unterwegs kaum etwas gesagt.“

Telemachos zuckte mit den Schultern.

„Wie immer“, erwiderte er mit resigniertem Gesichtsausdruck. „Mein Leben verläuft so abwechslungslos, dass ein Tag dem anderen gleicht.“

Er leerte sein Glas in einem Zuge. Glaukos goss sofort nach. Er überlegte verzweifelt, wie er das Gespräch im Gang halten sollte.

„Dann erzähl mir von deinem Vater Odysseus!“ schlug er vor, denn er hörte sehr gern Geschichten.

Telemachos sah ihn gequält an.

Deshalb ist er so unglücklich, dachte Glaukos und bereute seine Frage. Trotzdem konnte ihm Telemachos nicht vorwerfen, dass er ihn ihm nur den Sohn des großen Seefahrers sah. Schließlich hatte er ihn zuerst gefragt, wie es ihm ginge. Er war selbst daran schuld, dass er nicht die Gelegenheit am Schopf gepackt hatte.

Telemachos trank einen weiteren großen Schluck. Dann berichtete er mit knappen Worten vom Troianischen Krieg, vom hölzernen Pferd, das sein Vater hatte bauen lassen und von seiner zehnjährigen Irrfahrt. Er erzählte von Kannibalen und Kyklopen, von der schönen Zauberin Kirke, die ihre Gäste in Schweine verwandelte, vom süßen Gesang, mit dem die Sirenen ihre Opfer ins Verderben lockten und von der gefährlichen Passage durch die Meerenge, die von den Ungeheuern Skilla und Karybdis bewacht wurde.

Glaukos lauschte mit angehaltenem Atem.

„Glaubst du das eigentlich alles?“ entfuhr es ihm, als Telemachos geendet hatte.

Telemachos sprang von einem Sitz auf und ging im Raum auf und ab.

„Wenn du mich nach meiner ehrlichen Meinung fragst: Nein! Es ist einfach zu phantastisch! Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass es wirklich einen Hüter der Winde gibt, der alle Winde in einem Sack bändigt. Da ist mit meinem Vater die Fabulierfreude durchgegangen. Uns armen Daheimgebliebenen kann man ja Alles erzählen!“

Glaukos war verblüfft über die heftige Reaktion des sonst eher zurückhaltenden Telemachos, aber bevor er etwas sagen konnte, geschah etwas äußerst Ungewöhnliches.

Plötzlich begann die Luft zu vibrieren und die Luft in der Mitte des Raumes wurde heller. Das Licht materialisierte sich zu einer weißen Wolke, die langsam die Form einer hochgewachsenen, ernst blickenden Frau annahm, die wie ein Krieger mit Speer und Schild gerüstet war. Ihr locker auf das Haupt gesetzter Helm mit seinem purpurnen Helmbusch signalisierte die Bereitschaft seiner Besitzerin, ihn zum Kampf herabzuziehen. Um ihren Hals trug sie ein Ziegenvlies, das von Schlangen gesäumt war.

Glaukos blieb die Luft weg, als er realisierte, dass es sich um die Göttin Athena handelte. Er fragte sich, ob er vielleicht zu viel getrunken hatte, aber Telemachos schien derselben Illusion zum Opfer gefallen zu sein, denn auch er starrte die Erscheinung an.

Athena blickte Telemachos eindringlich mit ihren klaren, leuchtenden Augen an. Schließlich huschte ein Lächeln über ihr strenges Gesicht. Es war ein fein geschnittenes Gesicht mit regelmäßigen Zügen, denen etwas Unnahbares anhaftete.

„So, Telemachos“, sagte die Göttin mit metallisch klarer Stimme, „du glaubst die Geschichten des Städtezerstörers Odysseus nicht? Außerdem beklagst Du dich über dein langweiliges Leben? Da kann ich Abhilfe verschaffen. Im Hafen wartet Morgen früh ein Schiff auf dich, das dich nach Troja bringen wird. Von dort aus wirst du die gesamte Irrfahrt Deines Vaters wiederholen.“

Ihr Ton ließ keinen Widerspruch zu und, ehe Telemachos etwas erwidern konnte, verschwand die Erscheinung wieder, so plötzlich sie ein Spuk.



© Copyright 2008 Franziska (FictionPress ID:540253).


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