Home Just In Communities Forums Beta Readers Dictionary Search Login Register Extras
Fiction » Horror » Nichts font: B s : A A A . width: full 3/4 1/2
Author: ChristianMasters
Fiction Rated: T - German - Horror/Angst - Reviews: 1 - Published: 09-10-08 - Updated: 09-10-08 - Complete - id:2569969

Nichts

Mittwoch, 3. September 2008

22:40

Eine Welt ist nicht größer als 25 Quadratmeter. Alles befindet sich in ihr, was der Mensch braucht. Ein gemütliches, wenn auch schon etwas älteres, hellbraunes Bett, ein ebenso farbiger Kleiderschrank, eine beige Couch mit davor platziertem hell-braunen Wohnzimmertisch. Die Wand ziert ein Wandschrank, indem Fernseher, Musikanlage, Souvenirs Platz haben, genauso wie ein kleiner Kühlschrank - für das nötigste was man zum Leben braucht.

Ebenso wichtig wie der Inhalt des Kühlschranks stellt sich die Luft vor, die den Organismus Mensch erst dazu bringt, das zu tun, was er so zu tun gedenkt. Er bewegt sich, oder auch nicht, denkt, redet, küsst, fickt, denkt und redet. Zwischendrin isst er. Und schlafen, das macht er auch für gewöhnlich, wenn nach dem Essen und der Luft die Psyche einfach eine Pause braucht um sich wieder zu regenerieren.

Eigentlich ein sehr trockener Vorgang, diese Atmung. Vereinfacht ausgedrückt ist Sauerstoff das Benzin, welches den Motor Körper in Gang hält. Abfallprodukt ist CO2.

Nun, wo das alles soweit geklärt ist, kommen wir zu unserem Motor, der sich gerade in dem vorhin beschriebenen Bett befindet, Seelig schlummernd, Rhythmisch, aber langsam, atmend, vor sich hin träumend. Dieser Motor, der einen Geist, vom Menschen Seele genannt, geradezu gefangen hält, träumt nichts schönes, nichts böses, einfach neutral. Jedoch bewegt er sich unruhig hin und her, von links nach rechts, von rechts auf den Rücken, vom Rücken auf den Bauch, vom Bauch in die gekrümmte Säuglingshaltung und von da aus wieder zurück auf den Rücken. Hin und her und her und hin. Mehr nicht.

Bis er aufschreckt. Weil er etwas gehört hat? Noch schlaftrunken sieht er sich verwirrt um. Drei Uhr. Der Radiowecker auf seinem Nachttischchen erzählt es ihm, brüllt es ihm in seinen grellen, roten Zahlen schier entgegen. Schlafenszeit. Aber es ist ganz schön kalt, denn es friert ihn. Ihn friert es so sehr, dass er zittert und sich eine Gänsehaut auf seiner durchschwitzten Haut bildet. Unwohlsein?

Er legt sich langsam wieder zurück auf den Rücken, die Augen im dunklen Zimmer in Richtung Decke gerichtet, Gedanken folgend, den Geräuschen der Stille folgend. Ja, klingt komisch, ist aber so. Stille kann laut sein, sehr laut sogar, vor allem, wenn man versucht der Stille ihre Bedrohlichkeit abzuerkennen, weil es ja nichts in der Dunkelheit gibt, wovor man sich fürchten müsste, so lange nicht ein Einbrecher in das Zimmer käme, der ihn umzubringen gedenkt. Aber das passiert nicht. Kein Einbrecher wird kommen. Nicht diese Nacht. Auch nicht nächste oder übernächste Nacht, auch wenn die folgenden Tage keine Rolle mehr spielen.

Er schließt die Augen, stellt sich schöne Orte vor.

Ein Strand, heller Sand, der ihm zwischen den Zehen kitzelt, während er in Richtung Sonnenuntergang sieht. Das Blau des Meeres entschwindet in sanftem rosa-rot in Richtung Horizont und die Sonne wirkt wie ein rot strahlender, horizontal abgetrennter Halbmond. Ein Halbmond mit Augen. Ein Geräusch?

Seine Augen öffnen sich nicht, sie schnellen Empor, wie eine Rollroulade mit eingebauter Feder. Weitaufgerissen tastet er auf seinem Nachttischchen, leicht erhellt durch die roten, schreienden Zahlen seines Weckers (3:03 Uhr) nach dem Lichtschalter seiner Nachttischlampe.

Er findet ihn nicht auf Anhieb findet, weswegen ihn eine leichte Panik beschleicht . Seine Hand nimmt an Geschwindigkeit zu, sucht, scheint die Luft zu durchgraben, bis er endlich das erleichternde, bekannte Gefühl des kleinen Lichtschalters unter seinem Mittelfinger fühlt und er den Schalter umlegt.

Ein leises Klack, welches ihm unglaublich laut erscheint, ertönt und das Zimmer badet im Licht. Die Tapete ist weiß, die Decke nicht mehr so ganz. Zu viele Zigaretten die ihren Qualm dagegen pressten. Gelbes Blut könnte man meinen, welches das weiß langsam aber sicher zu verschlingen begann.

Er fühlt sein Herz in seinem Hals klopfen und als ob das nicht genügen würde bemerkt er, dass es in seinen Handgelenken zu kribbeln begann. Angst kroch in ihm auf, welche diesmal die Schuldige war, schuldig der Tatsache ihm eine Gänsehaut zu bereiten. Die Panik war ja vergangen und hatte nichts zurückgelassen. Die Angst die er jetzt verspürte legte sich wie eine dünne Schnur um seinen Hals und 

begann langsam, sich immer enger zu schnüren, ihm den Atem zu rauben, wie es eine Elster zu tun pflegt, mit allem was nicht Niet- und Nagelfest ist und im Rahmen ihrer naturgegebenen Kraft zum Mitnehmen prädestiniert ist.

Er steht auf. Neben der Couch steht noch eine leere Flasche (naja, fast leer, der Anstandstropfen ist noch drin), auf die er sich jetzt zubewegt. Er nimmt sie, öffnet sie und pinkelt hinein. Und er pinkelt viel. Und nur fliegen ist schöner. Genussvoll schließt er die Augen, während er seinen Wasserhahn geübt festhält, damit nichts daneben geht. Sein Kopf fällt in den Nacken, begleitet von einem leisen Stöhnen.

Knack

Er erschrickt. Er pisst vor lauter Schreck daneben, sich auf die Hand - und er flucht daraufhin laut, bevor ihm die Angst wieder in die Knochen fährt.

Das Geräusch war hinter ihm. Es klang wie das Geräusch, welches erklingt, wenn ein Mensch versucht mithilfe einer unnatürlichen Depositionierung eines Teils seiner Extremitäten ein krachen in seinem Gelenken zu verursachen. Und es kam von hinten.

Er dreht sich um wie der Blitz. Doch er konnte nichts entdecken. Die Luft war stickig und es war warm geworden in seinem Zimmer. CO2. Sein Blick schweifte vom Bett nach rechts zum Schrank, von dort wieder zurück und vorbei an dem Nachttisch, wo sich sicher nichts verstecken konnte, und endete abrupt bei der darauffolgenden Wand. Nichts.

Krach

Er zuckt zusammen. Jetzt war es lauter. Und kam, wieder, von hinten. Hinter ihm. Er drehte sich wieder abrupt um, die Flasche noch in der Hand haltend, zitternd. Nichts. Weder auf der Couch, noch auf oder unter dem Tischchen. Auch nicht bei der Schrankwand. Nichts. Aber…

KRACH

Es klang, als hätte jemand direkt neben seinem Ohr einen Knochen gebrochen. Erst langsam bemerkte er den Schmerz, der von seinem rechte Arm ausgeht, indem er die Flasche hält… nein, er hielt die Flasche, denn mit einem dumpfen Geräusch fiel diese zu Boden und kippte um, im Gepäck mit seiner Hand, die noch immer den Flaschenhals umschloss.

Er sieht fassungslos zu der Flasche. Es wirkt auf ihn wie ein Bild aus einem schlechten Horrorfilm. Surreal. Nicht echt. Doch das Blut, welches aus der Hand schießt, ebenso aus dem Stumpf, an dem diese vorher noch dranhing verriet, dass das, was hier geschah alles andere als unecht ist.

Er hob den rechten Arm. Weh tut es nicht. Zu groß der Schock. Doch Angst. Nein, Panik. Unkontrollierbar steigt sie in ihm auf. Sie frisst sich von den Zehen hoch zu den Waden, über die Oberschenkel durch den sich zusammenziehenden Sack, vorbei am Magen, langsam das Herz passierend bis hinauf ins Gehirn, welches sie mit einem Rühr stab zu verquirlen scheint.

Ein Traum?

Nein, es gibt keinen Gott. Diese Situation ist so real wie der Sex, den er letzte Nacht mit seiner rechten Hand hatte, die jetzt, als ihre letzte Tat, den Flaschenhals so zärtlich umschließt wie letzte Nacht seinen Schwanz.

Er will schreien. Doch er kann nicht. Die Schnur um seinen Hals ist so fest zusammen gezogen, dass er nicht einmal mehr richtig atmen kann, geschweige denn reden, pfeifen oder schreien. Das einzige was er kann ist wild mit seinen Armen zu gestikulieren. Mit seinem linken und dem, was früher mal sein rechter Arm war und jetzt eine Art bizarrer, an seinem Körper hängender, fleischfarbender, Blut kotzender Ast ist.

Der Wohnzimmer Tisch bricht, lautlos, in der Mitte auseinander, sein Wandschrank, ebenso wie seine Couch, auf der er schon so manche Einsame Stunde verbrachte begannen ihre Farbe zu verlieren.

Er fiel um. Einfach so. Erst nachdem er an sich herab sah fiel ihm auf, dass sein linkes Bein sprudelnder Weise immer noch da stand, wo es vorher seinen Körper getragen hatte.

KRAAAAAAAAACH

Sein Bett zerbricht. Tausende Splitter fliegen durch den Raum, verlieren erst ihre Farbe, dann ihre Konsistenz, werden schemenhafte, durch die Luft schwirrende Gebilde, die sich schließlich darin verlieren und verschwinden.



Er will aufwachen. Doch er schläft nicht. Er weiß es. Er weiß es nicht. Er hofft, er schläft, doch die in seinem offenen Mund rutschende Nase beweist ihm das Gegenteil. Es schmeckt nach Eisen, das Blut, welches die Bahn geschmiert hat, die die Nase hinab rutschte.

Er spukt sie aus, die Nase und das Blut und sieht seine Nase verschwinden, noch bevor sie den blasser gewordenen Teppich berührt hat.

Die Wand durchzieht ein durchsichtiger Riss. Der Staub, welcher aus dem Riss rieselt, der sich blitzförmig über die Gesamte erstreckt, erreicht nicht den Boden. Er verschwindet direkt.

Haut. Seine Haut beginnt sich von seinem Körper zu lösen. In Fetzen reißt sie sich ihm von den Muskel, schwebt Richtung Decke, durch die er mittlerweile den sternenklaren Himmel sehen kann, und löst sich vor seinem Augen auf. Noch bevor die gesamte Haut sich von seinem Körper entfernt hat beginnen seine Muskeln das Gleiche zu tun. Genauso wie sein Teppich, der Rest seiner Zimmereinrichtung und … sein gesamtes Zimmer verschwand. Auch außerhalb der mittlerweile kaum noch wahrnehmbaren Wand dematerialisiert sich alles. Äste brechen von Bäumen, Blätter entschwinden in luftige Höhen, bevor sie aufhören zu existieren. Alles hört auf zu existieren. Es verschwindet alles im Nichts.

Das letzte was er sieht ist seine Uhr, die ihm drei Uhr neunzehn zuruft.

In einem schwarzen Raum, im Nichts schwebt ein kleiner Tropfen Blut, der letzte erbärmliche Rest dessen, was früher einmal war und nie wieder sein wird. Nichts hat alles vernichtet.



Return to Top