Home Just In Communities Forums Beta Readers Dictionary Search Login Register Extras
Fiction » Young Adult » Ich atme ein font: B s : A A A . width: full 3/4 1/2
Author: Ayu-the-Messiah
Fiction Rated: K+ - German - Drama/Family - Reviews: 1 - Published: 09-30-08 - Updated: 09-30-08 - Complete - id:2578236

Titel: Ich atme ein
Autor: Ayu
Fandom: Original: The Unwritten Testament
Charaktere: Lily Edmond, Chase Edmond
Pairing: --
Tabelle: 6
Thema: 10 – Ich atme ein (Roger Cicero) Author’s Choice
Word Count: 1.770
Rating: PG-15
Dis-/Claimer: Die Idee und alle hierin vorkommenden Figuren, sind meinem und Ihus Verstand entsprungen und gehören somit uns und unserer Fantasie. Das Lied „Ich atme ein“ ist von Roger Cicero und ich erhebe darauf in keiner Weise Anspruch!
Anmerkung: Für Katharina!

--

Es war ein kalter Wintertag, St. Eden erwachte allmählich aus seinem Schlaf und bereitete sich auf den neuen Tag vor. Langsam begann sich das geschäftige Treiben auf den Straßen zu entfalten, welches erst in den späten Abendstunden abklingen und in der Dunkelheit der Nacht schließlich vollkommen zum Erliegen kommen würde. Das Leben erblühte, die Zeit lief weiter und um sich herum konnte Lily überall fröhliche, unbesorgte Gesichter sehen. Bunte Farben leuchteten ihr von allen Seiten entgegen und sie war sich sicher, dass sie in ihrer schwarzen Kleidung aus der Masse hervorstechen musste, wie ein dunkler Fleck auf einem makellosen Bild. Das junge Mädchen hatte das Gefühl in diesem Strom einfach festzustecken und sich als Einzige nicht zu bewegen, denn in ihrer kleinen Welt war die Zeit schon vor langen stehen geblieben und es war nicht abzunehmen, wann sie endlich weiter laufen würde.
Ihre Kopfhörer anziehend und die Musik so laut wie irgendwie möglich aufdrehend, ließ sie sich im hinteren Teil des Busses nieder. Ihr Blick schweifte aus dem Fenster und sie begann unbewusst ein paar Gebäude näher in Augenschein zu nehmen und sich selbst zu sagen, wie lange es noch dauern würde, bis sie ihr Ziel erreichte. Lily konnte nicht einmal mehr sagen, wie oft sie diesen Weg nun schon lang gefahren war. Die letzten Wochen hatte sie kaum etwas anderes getan. Eine vor kurzem rot gefärbte Strähne aus ihrem Gesicht streichend, blickte sie für einen kurzen Moment auf ihren Kalender.
Vier Monate, drei Wochen, fünf Tage und zehn Stunden
Eine kleine Ewigkeit, die vergangen war, seit man ihr das Liebste genommen hatte. Das Einzige, für das sie bisher gelebt hatte. Und auch wenn die meisten Menschen ihr erzählen wollten, dass ein Kind wie sie doch noch gar nicht wissen konnte, was es hieß für etwas zu leben, so konnte sie darüber doch nur den Kopf schütteln. Sie wusste es; sie hatte es schon lange gewusst. Genau genommen seit ihr Vater von einem Tag auf den anderen aus ihrem Leben verschwunden war. Seit ihre Mutter wieder geheiratet hatte und ihr Leben eine Wendung genommen hatte, die sie niemals für möglich gehalten hatte. Damals hatte sie nur ihren Bruder, Chase, gehabt. Auf ihn hatte sie sich immer verlassen können. Er hatte sie beschützt und behütet und sie hatte ihm dafür ihre uneingeschränkte Liebe gegeben. Sie hatten für einander gelebt – und nun war er fort. Und Lily konnte ihm noch nicht einmal vorwerfen, dass er sie alleine gelassen hatte. Immerhin hatte er es niemals beabsichtigt.
Seit diesem Tag hatte sich eine unendlich erscheinende Leere in ihr ausgebreitet, die ihr einfach keine Ruhe mehr ließ. Sie hatte versucht zu hassen: Ihre Mutter, weil sie ein Monster geheiratet hatte. Ihren Stiefvater dafür, was er versucht hatte ihr anzutun. Die Polizeibeamten, die einfach geschossen hatten ohne Fragen zu stellen. Doch so sehr sie sich es auch versuchte, sie konnte es nicht. Die Situation war zu verfahren gewesen, als dass es gut hätte enden können. Das hatte sie schon damals gewusst.

Seit du fort bist geh ich kaum noch aus

Seufzend erhob sich das rothaarige Mädchen von ihrem Platz und zwängte sich an den anderen Fahrgästen vorbei zum Ausgang. In wenigen Sekunden würde sie an ihrem Ziel ankommen. Mit leicht hängendem Kopf betrachtete sie ihre weinroten Haare ausgiebig. Chase hatte ihre braunen Haare immer gemocht, doch jetzt erschien es ihr einfach überflüssig. Sie wollte etwas, das besser passte. Etwas, das zu der neuen Lily passte, und dunkles, kräftiges Rot war da ganz eindeutig die richtige Wahl gewesen.
Irgendwie hatte es ihr schon Leid getan, nachdem sie sich das erste Mal im Spiegel betrachtet hatte, doch es war richtig so. Dessen war sie sich sicher. Die kleine Lily Edmond, die immer an der Seite ihres Bruders gestanden hatte und für jeden ein Lächeln bereithielt, gab es nicht mehr. Sie war zusammen mit Chase gestorben. Nun gab es nur noch eine leere Hülle, die weiter ihr Dasein fristen würde und nicht auch nur einmal daran denken wollte aufzugeben. Es wäre einfach, aber nicht das, was Chase gewollt hatte. Und somit musste sie kämpfen.

Ihre Kapuze über den Kopf gezogen, steig das rothaarige Mädchen aus dem Bus aus und blinzelte einen Moment lang zum Himmel hinauf. Es hatte angefangen zu schneien.
Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte sie frustriert und ging schließlich zu dem kleinen, eisernen Tor herüber. Das schrecklich laute Quietschen, dass es von sich gab, als sie es öffnete, kannte sie schon zu genüge und sie bekam es kaum noch mit. Ihr Weg führte sie schon fast automatisch über den schmalen Kiesweg. Die Gräber, die links und rechts von ihr standen bemerkte sie nicht mehr, ihre Augen waren fest nach vorn gerichtet. Ein leichtes Lächeln bildete sich auf ihrem blassen Gesicht, als sie in einer der hinteren Ecken des Friedhofes schließlich das Grab entdeckte, das sie gesucht hatte. Ein schlichter Stein zierte es und nur wenige Blumen waren darauf zu sehen. Jede einzelne von ihnen hatte Lily selbst mitgebracht. Sie wusste nicht mal, ob außer ihr überhaupt jemand auf dieses Grab achtete.
Unbeirrt davon, dass der Boden kalt und feucht war, ließ sie sich vor dem Grabstein nieder und betrachtete ihn nachdenklich. Langsam strich ihre Hand über die eingravierten Buchstaben. Chase Edmond, der Name ihres Bruders, der hier noch gar nicht liegen sollte. Manchmal wünschte das dunkelhaarige Mädchen sich wirklich, dass sie mehr hätte tun können, wünschte sich nichts sehnlicher, als die Nacht ungeschehen zu machen, in der sie ihn verloren hatte. Doch das war nun einmal leider nicht möglich.

Und nur selten treff ich deine Freunde
Sie fragen mich, was ich jetzt tu
Was soll ich denn schon tun ohne dich

Einen Augenblick lang überlegte Lily, was sie ihrem Bruder heute erzählen sollte. Seit er gestorben war, war dies der einzige Ort, an dem sie das Gefühl hatte ihm noch irgendwie nah sein zu können. Hier konnte sie sich hinsetzen und ihm von all den Dingen erzählen, die ihr so passiert waren. Sie hatte vergessen, wie oft sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und ihn angefleht hatte zu ihr zurück zu kommen. Natürlich war ihr klar, dass sie ihn nie wieder sehen würde. Er war nun einmal tot und Tote kamen nie zurück. All das machte es jedoch nicht einfacher.
„Ich habe heute Simon getroffen. Er hat mich doch tatsächlich gefragt, was ich ohne dich so machen würde… Irgendwie sah er dabei auch nicht gerade glücklich aus. Ich wusste gar nicht, was ich ihm antworten sollte. Was mache ich denn schon noch ohne dich? Ich treibe durch mein Leben und hoffe einfach nur, dass der Schmerz irgendwann nachlässt und ich vielleicht wieder ein normales Leben führen kann. Gleichzeitig kann ich aber auch einfach nicht daran glauben.“
Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als sie sich das Gesicht ihres Bruders vorstellte, der sie ermahnend ansah. Er hatte es nie gemocht, wenn sie so gedacht hatte. Mit ihm an ihrer Seite hatte das rothaarige Mädchen jedoch auch selten einen Grund dazu gehabt.
„Ich werde zu Tante Agatha ziehen. Sie hat schon alles geklärt. Ich kann wirklich nicht glauben, dass wir sie früher fast nie gesehen haben. Sie ist eine wirklich wunderbare Frau, aber ich glaube unsere Mutter mochte sie einfach nicht. Du weißt ja, dass sie sich nie in etwas, das sie als ihre Angelegenheit betrachtete, rein reden lassen wollte. Agatha hat mir erklärt, dass sie sich öfter mit ihr gestritten hat und unsere Mutter sie irgendwann nicht mehr bei sich sehen wollte. Leider wollte sie mir nicht sagen, worüber sie sich gestritten haben, aber im Endeffekt ist es egal. Immerhin sind wir sie ein für allemal los und bei ihr würde ich mir auch sicher nicht wünschen, dass sie zurückkommt.“
Vielleicht war es nicht richtig, so über ihre Mutter zu denken, aber sie hatte ihnen nichts gegeben. Einfach gar nichts. Ihr eigenes Leben war ihr immer wichtiger gewesen, als das sie sich um die Probleme ihrer Kinder hätte kümmern können. Hatte sie sie nicht sogar selbst verantwortlich gemacht? Ein kalter Schauer lief ihren Rücken hinab, als sie an die hasserfüllten Worte dachte, die ihre Mutter zu ihr gesagt hatte. Es waren ihre letzten gewesen und sie hatte es verdient von dieser Welt verbannt zu werden. Ganz im Gegensatz zu Chase. Sicher, er hatte Unrecht getan, aber er hätte nicht gehen dürfen.
„Ich hoffe sie ist nicht da, wo du bist. Das hättest du nicht verdient. Nicht nach all dem was du für mich getan hast. Möge sie in den tiefen der Hölle schmoren...“
Seufzend schüttelte Lily den Kopf. „Ich sollte nicht so denken, richtig? Wenn du hier wärst, wärst du sicher wütend auf mich. Aber ich kann es einfach nicht ändern. Meiner Meinung nach ist sie an allem Schuld. Hätte sie bloß nicht dieses Monster geheiratet und ihre Augen vor der Wahrheit verschlossen. Vielleicht wäre dann jetzt alles anders...“

Ich lebe von Erinnerungen
Sie bringen mich durch die Nacht
Geh noch mal alles durch von Anfang an
Und ich bleibe in der Hoffnung, dass die Zeit schon alles richtig macht
Bis dahin tue ich was ich kann

Ihr Blick glitt kurz gen Himmel. Es hatte mittlerweile wieder leicht aufgeklart und sie fühlte zum ersten Mal die Kälte, die in ihrem Körper aufgestiegen war. Scheinbar war es Zeit für heute wieder zu gehen. Aber es gab noch etwas, das sie Chase sagen musste, etwas, das ihr wichtig war und von dem sie wusste, dass es ihn interessieren würde.
„Simon hat mir deine Gitarre gegeben. Er hat gesagt, du hättest sie sicher niemand anderem anvertraut als mir... Am Anfang war ich mir nicht sicher, was ich damit machen sollte. Ich habe angefangen ein paar deiner alten Lieder zu spielen... weißt du noch, wie wir in unserem Zimmer gesessen haben und du mir etwas vorgespielt hast? Das war immer der schönste Teil des Tages. Und auch wenn ich jetzt alleine spielen muss, hab ich doch das Gefühl, dass du bei mir bist. Irgendwann werde ich herkommen und für dich spielen, dass verspreche ich dir.“
Lily erhob sich langsam und klopfte kurz ihre dunkle Kleidung ab. Ihre Finger noch einmal liebevoll über den Grabstein gleiten lassend, drehte sie sich schließlich um und machte sich auf den Weg zurück. Sie war schon viel zu lange weg gewesen und Agatha würde sich sicher nur wieder unnötige Sorgen machen, wenn sie sich nicht bald bei ihr meldete. Zudem würde es Chase auch nicht zurück bringen, sollte sie sich hier draußen den Tod holen. Also würde sie sich wieder unter all die anonymen Gesichter mischen und der Welt zeigen, dass sie noch nicht tot war. Sie würde weiter gehen, einen Schritt nach dem anderen machen. Genau so, wie Chase es gewollt hätte.

Ich atme ein
Ich atme aus
Setze einen Fuß vor den anderen
Bis ich alles das was geschehen ist kapier

Und auch wenn die Leere in ihrem Inneren vielleicht nicht verschwinden würde, sie hatte etwas, an das sie sich klammern konnte. Sie konnte sich zwischen Töne, Zeilen und Worte flüchten und für einen Moment vergessen in was für einer grausamen Welt sie eigentlich verweilte. Und wer wusste schon, ob sie ihn nicht eines Tages vielleicht sogar wieder sehen würde. Irgendwann an einem anderen Ort. Und so lange würde sie warten.

Ich atme ein
Ich atme aus



Return to Top