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Titel:
Ich atme ein
Autor:
Ayu
Fandom:
Original: The Unwritten Testament
Charaktere:
Lily Edmond, Chase Edmond
Pairing:
--
Tabelle:
6
Thema:
10 – Ich atme ein (Roger Cicero) Author’s Choice
Word
Count:
1.770
Rating:
PG-15
Dis-/Claimer:
Die
Idee und alle hierin vorkommenden Figuren, sind meinem und Ihus
Verstand entsprungen und gehören somit uns und unserer Fantasie. Das
Lied „Ich atme ein“ ist von Roger Cicero und ich erhebe darauf in
keiner Weise Anspruch!
Anmerkung:
Für Katharina!
--
Es
war ein kalter Wintertag, St. Eden erwachte allmählich aus seinem
Schlaf und bereitete sich auf den neuen Tag vor. Langsam begann sich
das geschäftige Treiben auf den Straßen zu entfalten, welches erst
in den späten Abendstunden abklingen und in der Dunkelheit der Nacht
schließlich vollkommen zum Erliegen kommen würde. Das Leben
erblühte, die Zeit lief weiter und um sich herum konnte Lily überall
fröhliche, unbesorgte Gesichter sehen. Bunte Farben leuchteten ihr
von allen Seiten entgegen und sie war sich sicher, dass sie in ihrer
schwarzen Kleidung aus der Masse hervorstechen musste, wie ein
dunkler Fleck auf einem makellosen Bild. Das junge Mädchen hatte das
Gefühl in diesem Strom einfach festzustecken und sich als Einzige
nicht zu bewegen, denn in ihrer kleinen Welt war die Zeit schon vor
langen stehen geblieben und es war nicht abzunehmen, wann sie endlich
weiter laufen würde.
Ihre
Kopfhörer anziehend und die Musik so laut wie irgendwie möglich
aufdrehend, ließ sie sich im hinteren Teil des Busses nieder. Ihr
Blick schweifte aus dem Fenster und sie begann unbewusst ein paar
Gebäude näher in Augenschein zu nehmen und sich selbst zu sagen,
wie lange es noch dauern würde, bis sie ihr Ziel erreichte. Lily
konnte nicht einmal mehr sagen, wie oft sie diesen Weg nun schon lang
gefahren war. Die letzten Wochen hatte sie kaum etwas anderes getan.
Eine vor kurzem rot gefärbte Strähne aus ihrem Gesicht streichend,
blickte sie für einen kurzen Moment auf ihren Kalender.
Vier
Monate, drei Wochen, fünf Tage und zehn Stunden
Eine
kleine Ewigkeit, die vergangen war, seit man ihr das Liebste genommen
hatte. Das Einzige, für das sie bisher gelebt hatte. Und auch wenn
die meisten Menschen ihr erzählen wollten, dass ein Kind wie sie
doch noch gar nicht wissen konnte, was es hieß für etwas zu leben,
so konnte sie darüber doch nur den Kopf schütteln. Sie wusste es;
sie hatte es schon lange gewusst. Genau genommen seit ihr Vater von
einem Tag auf den anderen aus ihrem Leben verschwunden war. Seit ihre
Mutter wieder geheiratet hatte und ihr Leben eine Wendung genommen
hatte, die sie niemals für möglich gehalten hatte. Damals hatte sie
nur ihren Bruder, Chase, gehabt. Auf ihn hatte sie sich immer
verlassen können. Er hatte sie beschützt und behütet und sie hatte
ihm dafür ihre uneingeschränkte Liebe gegeben. Sie hatten für
einander gelebt – und nun war er fort. Und Lily konnte ihm noch
nicht einmal vorwerfen, dass er sie alleine gelassen hatte. Immerhin
hatte er es niemals beabsichtigt.
Seit diesem Tag hatte sich eine
unendlich erscheinende Leere in ihr ausgebreitet, die ihr einfach
keine Ruhe mehr ließ. Sie hatte versucht zu hassen: Ihre Mutter,
weil sie ein Monster geheiratet hatte. Ihren Stiefvater dafür, was
er versucht hatte ihr anzutun. Die Polizeibeamten, die einfach
geschossen hatten ohne Fragen zu stellen. Doch so sehr sie sich es
auch versuchte, sie konnte es nicht. Die Situation war zu verfahren
gewesen, als dass es gut hätte enden können. Das hatte sie schon
damals gewusst.
Seit du fort bist geh ich kaum noch aus
Seufzend
erhob sich das rothaarige Mädchen von ihrem Platz und zwängte sich
an den anderen Fahrgästen vorbei zum Ausgang. In wenigen Sekunden
würde sie an ihrem Ziel ankommen. Mit leicht hängendem Kopf
betrachtete sie ihre weinroten Haare ausgiebig. Chase hatte ihre
braunen Haare immer gemocht, doch jetzt erschien es ihr einfach
überflüssig. Sie wollte etwas, das besser passte. Etwas, das zu der
neuen Lily passte, und dunkles, kräftiges Rot war da ganz eindeutig
die richtige Wahl gewesen.
Irgendwie hatte es ihr schon Leid
getan, nachdem sie sich das erste Mal im Spiegel betrachtet hatte,
doch es war richtig so. Dessen war sie sich sicher. Die kleine Lily
Edmond, die immer an der Seite ihres Bruders gestanden hatte und für
jeden ein Lächeln bereithielt, gab es nicht mehr. Sie war zusammen
mit Chase gestorben. Nun gab es nur noch eine leere Hülle, die
weiter ihr Dasein fristen würde und nicht auch nur einmal daran
denken wollte aufzugeben. Es wäre einfach, aber nicht das, was Chase
gewollt hatte. Und somit musste sie kämpfen.
Ihre
Kapuze über den Kopf gezogen, steig das rothaarige Mädchen aus dem
Bus aus und blinzelte einen Moment lang zum Himmel hinauf. Es hatte
angefangen zu schneien.
Das
hat mir gerade noch gefehlt,
dachte sie frustriert und ging schließlich zu dem kleinen, eisernen
Tor herüber. Das schrecklich laute Quietschen, dass es von sich gab,
als sie es öffnete, kannte sie schon zu genüge und sie bekam es
kaum noch mit. Ihr Weg führte sie schon fast automatisch über den
schmalen Kiesweg. Die Gräber, die links und rechts von ihr standen
bemerkte sie nicht mehr, ihre Augen waren fest nach vorn gerichtet.
Ein leichtes Lächeln bildete sich auf ihrem blassen Gesicht, als sie
in einer der hinteren Ecken des Friedhofes schließlich das Grab
entdeckte, das sie gesucht hatte. Ein schlichter Stein zierte es und
nur wenige Blumen waren darauf zu sehen. Jede einzelne von ihnen
hatte Lily selbst mitgebracht. Sie wusste nicht mal, ob außer ihr
überhaupt jemand auf dieses Grab achtete.
Unbeirrt davon, dass
der Boden kalt und feucht war, ließ sie sich vor dem Grabstein
nieder und betrachtete ihn nachdenklich. Langsam strich ihre Hand
über die eingravierten Buchstaben. Chase Edmond, der Name ihres
Bruders, der hier noch gar nicht liegen sollte. Manchmal wünschte
das dunkelhaarige Mädchen sich wirklich, dass sie mehr hätte tun
können, wünschte sich nichts sehnlicher, als die Nacht ungeschehen
zu machen, in der sie ihn verloren hatte. Doch das war nun einmal
leider nicht möglich.
Und
nur selten treff ich deine Freunde
Sie fragen mich, was ich jetzt
tu
Was soll ich denn schon tun ohne dich
Einen
Augenblick lang überlegte Lily, was sie ihrem Bruder heute erzählen
sollte. Seit er gestorben war, war dies der einzige Ort,
an dem sie das Gefühl hatte ihm noch irgendwie nah sein zu können.
Hier konnte sie sich hinsetzen und ihm von all den Dingen erzählen,
die ihr so passiert waren. Sie hatte vergessen, wie oft sie die
Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und ihn angefleht hatte zu
ihr zurück zu kommen. Natürlich war ihr klar, dass sie ihn nie
wieder sehen würde. Er war nun einmal tot und Tote kamen nie zurück.
All das machte es jedoch nicht einfacher.
„Ich habe heute Simon
getroffen. Er hat mich doch tatsächlich gefragt, was ich ohne dich
so machen würde… Irgendwie sah er dabei auch nicht gerade
glücklich aus. Ich wusste gar nicht, was ich ihm antworten sollte.
Was mache ich denn schon noch ohne dich? Ich treibe durch mein Leben
und hoffe einfach nur, dass der Schmerz irgendwann nachlässt und ich
vielleicht wieder ein normales Leben führen kann. Gleichzeitig kann
ich aber auch einfach nicht daran glauben.“
Ein leichtes Lächeln
umspielte ihre Mundwinkel, als sie sich das Gesicht ihres Bruders
vorstellte, der sie ermahnend ansah. Er hatte es nie gemocht, wenn
sie so gedacht hatte. Mit ihm an ihrer Seite hatte das rothaarige
Mädchen jedoch auch selten einen Grund dazu gehabt.
„Ich werde
zu Tante Agatha ziehen. Sie hat schon alles geklärt. Ich kann
wirklich nicht glauben, dass wir sie früher fast nie gesehen haben.
Sie ist eine wirklich wunderbare Frau, aber ich glaube unsere Mutter
mochte sie einfach nicht. Du weißt ja, dass sie sich nie in etwas,
das sie als ihre Angelegenheit betrachtete, rein reden lassen wollte.
Agatha hat mir erklärt, dass sie sich öfter mit ihr gestritten hat
und unsere Mutter sie irgendwann nicht mehr bei sich sehen wollte.
Leider wollte sie mir nicht sagen, worüber sie sich gestritten
haben, aber im Endeffekt ist es egal. Immerhin sind wir sie ein für
allemal los und bei ihr würde ich mir auch sicher nicht wünschen,
dass sie zurückkommt.“
Vielleicht war es nicht richtig, so über
ihre Mutter zu denken, aber sie hatte ihnen nichts gegeben. Einfach
gar nichts. Ihr eigenes Leben war ihr immer wichtiger gewesen, als
das sie sich um die Probleme ihrer Kinder hätte kümmern können.
Hatte sie sie nicht sogar selbst verantwortlich gemacht? Ein kalter
Schauer lief ihren Rücken hinab, als sie an die hasserfüllten Worte
dachte, die ihre Mutter zu ihr gesagt hatte. Es waren ihre letzten
gewesen und sie hatte es verdient von dieser Welt verbannt zu werden.
Ganz im Gegensatz zu Chase. Sicher, er hatte Unrecht getan, aber er
hätte nicht gehen dürfen.
„Ich hoffe sie ist nicht da, wo du
bist. Das hättest du nicht verdient. Nicht nach all dem was du für
mich getan hast. Möge sie in den tiefen der Hölle
schmoren...“
Seufzend schüttelte Lily den Kopf. „Ich sollte
nicht so denken, richtig? Wenn du hier wärst, wärst du sicher
wütend auf mich. Aber ich kann es einfach nicht ändern. Meiner
Meinung nach ist sie an allem Schuld. Hätte sie bloß nicht dieses
Monster geheiratet und ihre Augen vor der Wahrheit verschlossen.
Vielleicht wäre dann jetzt alles anders...“
Ich
lebe von Erinnerungen
Sie bringen mich durch die Nacht
Geh noch
mal alles durch von Anfang an
Und ich bleibe in der Hoffnung, dass
die Zeit schon alles richtig macht
Bis dahin tue ich was ich kann
Ihr
Blick glitt kurz gen Himmel. Es hatte mittlerweile wieder leicht
aufgeklart und sie fühlte zum ersten Mal die Kälte, die in ihrem
Körper aufgestiegen war. Scheinbar war es Zeit für heute wieder zu
gehen. Aber es gab noch etwas, das sie Chase sagen musste, etwas, das
ihr wichtig war und von dem sie wusste, dass es ihn interessieren
würde.
„Simon hat mir deine Gitarre gegeben. Er hat gesagt, du
hättest sie sicher niemand anderem anvertraut als mir... Am Anfang
war ich mir nicht sicher, was ich damit machen sollte. Ich habe
angefangen ein paar deiner alten Lieder zu spielen... weißt du noch,
wie wir in unserem Zimmer gesessen haben und du mir etwas vorgespielt
hast? Das war immer der schönste Teil des Tages. Und auch wenn ich
jetzt alleine spielen muss, hab ich doch das Gefühl, dass du bei mir
bist. Irgendwann werde ich herkommen und für dich spielen, dass
verspreche ich dir.“
Lily erhob sich langsam und klopfte kurz
ihre dunkle Kleidung ab. Ihre Finger noch einmal liebevoll über den
Grabstein gleiten lassend, drehte sie sich schließlich um und machte
sich auf den Weg zurück. Sie war schon viel zu lange weg gewesen und
Agatha würde sich sicher nur wieder unnötige Sorgen machen, wenn
sie sich nicht bald bei ihr meldete. Zudem würde es Chase auch nicht
zurück bringen, sollte sie sich hier draußen den Tod holen. Also
würde sie sich wieder unter all die anonymen Gesichter mischen und
der Welt zeigen, dass sie noch nicht tot war. Sie würde weiter
gehen, einen Schritt nach dem anderen machen. Genau so, wie Chase es
gewollt hätte.
Ich
atme ein
Ich atme aus
Setze einen Fuß vor den anderen
Bis
ich alles das was geschehen ist kapier
Und auch wenn die Leere in ihrem Inneren vielleicht nicht verschwinden würde, sie hatte etwas, an das sie sich klammern konnte. Sie konnte sich zwischen Töne, Zeilen und Worte flüchten und für einen Moment vergessen in was für einer grausamen Welt sie eigentlich verweilte. Und wer wusste schon, ob sie ihn nicht eines Tages vielleicht sogar wieder sehen würde. Irgendwann an einem anderen Ort. Und so lange würde sie warten.
Ich
atme ein
Ich atme aus