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Oder
Vom Schlachtfeld ins Heim
„Es war ein gelber Umschlag, sag ich dir!“, beharrte Rosie auf ihrer Sichtweise, mit ausgestrecktem Finger auf Jerry gerichtet, und zum ersten Mal zitterte sie etwas weniger als sonst. Jerry, welcher sich gerade erst in den gemütlichen bunt bestickten Ohrensessel gefläzt hatte und soeben seine rot blau karierte Weste aufgeknöpft hatte, schaute seine Sitznachbarn an und grinste dann breit.
„Komm schon, Jerry!“, forderte nun auch Gunther, der zwischen Rosie und Jerry auf dem einzigen Hocker saß weil er der Jüngste der fünf Anwesenden war. „Wenn er gelb ist, heißt es entweder Werbung oder das aktuelle Abonnentenschreiben der örtlichen Museen. Zeig ihn uns!“
Rosie nickte heftig, wobei ihr die Brille von der Nase rutschte, von der dicken Perlenkette um ihren Hals aber abgefangen wurde. „Gerdhelm, sag ihm er soll ihn aufmachen!“
Alle Augen richteten sich auf den Mann mit dem schwarzen, selbstgehäkelten Pollunder, welcher selbstsicher nur die Hand ausstreckt und Jerry anfunkelte.
Sofort holte Jerry den tatsächlich gelben Briefumschlag hervor und übergab ihn ohne zu zögern. Mit quälender Langsamkeit und sichtbar schmerzenden Fingern öffnete Gerdhelm den Umschlag und schlug dann den Brief auseinander. Es gab eine weitere Verzögerung weil er seine Brille nicht fand, dann konnte er vorlesen:
„Sehr geehrter Abonnent,
wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können
dass Sie herzlich zu unserer großen Gala
zugunsten des mongolischen Haupterben
eingeladen sind. Es werden kostbare Gewänder
aus der Mongolei ausgestellt werden, ebenso
freuen wir uns über die besondere Leihgabe
eines mongolischen Bergkristalls, welcher
einen Wert von 3 Milliarden Euro hat.
Wir hoffen, Sie bei uns begrüßen zu können
und verbleiben
Mit freundlichen Grüßen.“
Gerdhelm verstummte, und man hörte bis auf das leise Summen von vier Hörgeräten erst einmal nichts.
Dann brachen die fünf Rentner in lautes Jubelgeschrei aus, erhoben sich ächzend und streckten dann die Hände in die Höhe um wenigstens ansatzweise so auszusehen als würden sie Luftsprünge machen und Jerry und Rosie fielen sich sogar in die Arme.
Nach wenigen Augenblicken jedoch hatten sie sich wieder einigermaßen gefangen, und setzten sich zurück (wieder unter Ächzen und Stöhnen), um ihr weiteres Vorgehen zu planen.
Gerdhelm, der sich vor gar nicht allzu langer Zeit zum Leiter der Gruppe ernannt hatte, versuchte vergeblich ein Bein über das andere zu schlagen, ließ es dann und rief die anderen zur Ruhe.
„Also, lasst uns genau überlegen wie wir vorgehen.“
„Klauen wir den Kristall?“, fragte Werner, der fünfte im Bunde.
Rosie, Jerry und Gunther bejahten lautstark.
Genervt winkte Gerdhelm ab, und meinte „Davon bin ich ehrlich gesagt ausgegangen…Die Frage ist jetzt, wie wir es angehen… wer was macht, und was wir brauchen.“
Etwas entrüstet meldete sich Rosie wieder „Also wenn wir es nicht so wie immer machen wäre ich echt empört! Was müssen wir noch groß reden? Lasst es uns angehen!“
Cirka zwei Wochen später standen die vier Männer bisher noch ohne Rosie am Hintereingang des Museums. Gerdhelm trug eine hautfarbene Strumpfhose über dem Kopf, Gunther hatte sich einen engen schwarzen Anzug angezogen und Jerry und Werner waren normal bekleidet, ihre Alt-Herren-Mäntel beulten sich aber leicht aus.
„Nun gut, ich werde jetzt auf das Dach steigen.“, kündigte Gunther an und verschwand. In diesem Moment erschien Rosie, und die verbliebenen Rentner pfiffen anerkennend, denn auch sie trug ein enges kurzes Kleid mit einer engen blickdichten Strumpfhose. Sie redete nicht viel, sondern ging gleich Gunther hinterher.
Jerry, Werner und Gerdhelm traten näher an die Hintertür heran und lauschten.
„Ich glaube, Silvia ist an der Pforte.“, flüsterte Werner. „Die knöpf ich mir vor…“ Und die Männer grinsten breit.
Um mit Silvia zu sprechen, mussten sie jedoch zum Vordereingang, und Gerdhelm schaute immer wieder auf die Uhr, als sich Werner ebenfalls davon machte.
Vorne war die große Glastür verschlossen, aber Werner klopft vorsichtig. Die junge, hübsche rothaarige Pförtnerin kam langsam an die Glastür und schaute fragend. Werner nestelte an seiner Brille.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte die junge Frau.
„Guten Abend. Ich war heute in der Ausstellung und habe glaube ich in der Garderobe meine Geldbörse vergessen.“, behauptete Werner und versuchte kleinlaut zu schauen.
„Mein Herr, Sie wissen schon, dass Sie dann eigentlich lieber morgen früh vorbei kommen sollten. Wir haben bereits geschlossen!“
Als Werner jedoch noch trauriger und mitleidiger dreinschaute veränderte sich ihr Blick mit einem sehr liebevollen Ausdruck und sie öffnete die Tür.
„Ach kommen Sie, wir können ja kurz einmal schauen.“, sie zog Werner schnell herein und grinste schelmisch. „Wir müssen es ja nicht weiter erzählen…“
Auf der anderen Seite des Gebäudes bekam Jerry einen Schreck, als etwas in seiner Tasche vibrierte. Es stellte sich als Pieper heraus, und er atmete erleichtert auf.
„Ich hab schon wieder vergessen, dass ich das eingesteckt habe!“
Gerdhelm erinnerte sich jedoch, was die Vibration bedeutete. „Das heißt, er ist jetzt drin!“
„Dann gehen wir auch.“
Jerry zückte einen Dietrich, und machte sich am Schloss zu schaffen. Nach kurzer Zeit sprang die Tür auf, und die beiden Männer huschten hinein.
Drinnen war es stockfinster.
„Hast du die Taschenlampe?“, fragte Gerdhelm flüsternd. Als keine Antwort kam griff er in die Dunkelheit und stupste Jerry unsanft an.
„Was denn, ich habe mit dem Kopf geschüttelt!“, schnauzte ihn Jerry daraufhin an.
„Du Idiot, das sehe ich doch nicht!“
„Ok, ok. Nein, ich habe keine Taschenlampe.“
Gerdhelm überlegte kurz, dann kam ihm eine Idee. „Hast du noch das Hörgerät mit dem Farbwechsler?“
Diesmal kam die Antwort, wenn auch wieder verspätet, weil Jerry anscheinend wieder erst genickt hatte bevor ihm eingefallen war, dass Gerdhelm ihn nicht sehen konnte.
„Beug dich einmal zu mir rüber.“
Er fummelte kurz an Jerrys Ohr, dann strahlte plötzlich die rechte Kopfseite von Jerry in hellblauem Licht, und die beiden Männer blinzelten verschreckt.
„Jetzt müssen wir nur die Alarmanlage finden.“
Währenddessen auf dem Dach hatten sich Gunther und Rosie mit Seilen festgebunden und bereits das Dachfenster geöffnet. Unter ihnen war die große Ausstellungshalle, in deren Mitte ein Glaskasten mit dem wertvollen Bergkristall stand.
„Schaffst du es mit dem Nachtsichtgerät die Strahlen der Alarmanlage anzuzeigen?“, erkundigte sich Gunther leise, und Rosie nickte. Sie setzte sich eine große mit dem Gesicht abschließende Brille auf und stellte sich an den Fensterrand. „Wünsch mir Glück!“
Damit kletterte sie hinein, und seilte sich langsam ab.
In dem Moment fiel Gunther ihre Tasche auf, die noch neben ihm auf dem Dach stand. Klar zu erkennen lag ihr offenes Brillenetui darin, mit Brille.
„Oh oh.“, sagte Gunther nur und legte sich aufs Dach um in das Fenster hineinzuschauen. Rosie war bereits auf halber Strecke nach unten.
„Rosie!“, versuchte er ihr möglichst leise nachzurufen, aber sie schien ihn nicht zu hören.
„Du hast deine Brille vergessen!“
Rosie aber, mittlerweile direkt über den Bewegungsmelderstrahlen der Alarmanlage, dachte gar nicht über ihre Brille nach, sondern hatte mehr damit zu tun, dass sich ihre Blase meldete. Sie schaute nach oben und versuchte mühsam ihre Beine gestreckt zu halten.
„Gunther!“, sie sah, dass er auch zu ihr nach oben schaute. „Zieh mich hoch! Schnell!“
Er winkte ihr, und zeigte auf sein Gesicht. Sie verstand nicht was er sagte.
„Ich muss mal!!“
Sie verfluchte ihr Alter, und entschied dass sie einfach unten im Museum auf Toilette gehen wollte. Vorsichtig, mit überkreuzten Beinen, seilte sie sich weiter ab, bis sie auf dem Boden ankam, löste ihr Seil und eilte zur Toilette.
Gunther, der auch nicht gehört hatte was Rosie ihm hatte sagen wollen, sah nur noch, wie das Seil leicht pendelte und dann ging die Alarmanlage los.
Jerry bekam fast einen Herzinfarkt, als der Kasten vor ihm plötzlich laut anfing zu schrillen, und kurzerhand packte er den nahe hängenden Feuerlöscher und schlug zu. Gerdhelm, der sich bereits an den Überwachungsvideos zu schaffen gemacht hatte, schlug die Hände überm Kopf zusammen und schrie nur auf. Die Alarmanlage verstummte nicht, aber Jerry unterließ es auch nicht auf den Kasten einzuschlagen.
Vorne im Gebäude reagierte Silvia, die Pförtnerin, sofort auf den Alarm. Zumindest wollte sie es, denn Werner griff ihren Arm und hielt sie fest bei sich.
„Stehen bleiben. Das ist ein Überfall.“
Er zückte aus seinem Mantel einen Baseballschlager. „Denken sie nicht, ich würde zögern zuzuschlagen.“
Silvia jedoch wehrte sich heftig, und forderte damit mehr oder weniger heraus – wie Werner hinterher beteuerte – bewusstlos geschlagen zu werden.
Gunther hatte sich inzwischen auch in den Raum abgeseilt, und als Rosie von der Toilette zurückkam hing er kurz über dem Boden mitten in den Strahlen – die Rosie noch sah weil sie immer noch die Sichtbrille aufhatte – und griff verzweifelt nach unten, weil er sein Gebiss verloren hatte.
Jerry kämpfte immer noch mit der Alarmanlage, aber Gerdhelm hatte die Videoaufzeichnung zerstört, griff Jerry einfach am Arm und zerrte ihn in die Ausstellungshalle.
Sie stockten kurz beim Anblick von Rosie und Gunther in ihren engen Klamotten und wie Rosie versuchte den immer stärker baumelnden Gunther festzuhalten, dann handelte Gerdhelm schnell, eilte zum Glaskasten und wollte ihn mit einem Hammer, den er aus seinem Mantel zog, kurzerhand zerstören.
Doch plötzlich verstummte der Alarm, das Licht ging überall an, und von allen Seiten strömten Polizisten herein, mit gezogenen Waffen und hell strahlenden Taschenlampen auf die Rentner gerichtet.
„Hände hoch, lassen Sie alles fallen!“
Rosie, Jerry und Gerdhelm hoben die Hände, was bei Rosie dazu führte, dass Gunther wieder hilflos herumbaumelte. Ein Polizist trat an Gunther heran und hielt ihn fest, trat dabei aber auf das Gebiss, was mit einem dumpfen Knacken zerbrach.
Von etwas entfernt hörte man Werner rufen. „Bei euch alles ok? Der Alarm hat aufgehört.“ Was dazu führt, dass eine handvoll Polizisten zu ihm eilte.
Kurze Zeit später stand die Presse vor der Tür des Museums, und wurde Zeuge wie die fünf Rentner in Handschellen abgeführt wurden, und die Pförtnerin Silvia mit einer Bahre in einen Krankenwagen gebracht wurde.
Im Polizeiwagen wandte sich Rosie an Jerry neben sich. „Wäre es mal Werbung gewesen. Nächstes Mal machen wir den Umschlag nicht auf.“
Ende
(Vielen Dank an Tim für die Ideen und die Unterstützung!)