| Home Just In Communities Forums Beta Readers Dictionary Search | Login Register Extras |
Das Weiße Reh
November 2005
Alyssa war anders als jede Frau, die David bisher kennen gelernt hatte. Schon als sie das erste Mal zur Kanzleitür hineingekommen war, schüchtern wie ein wildes Tier, und Arthur sie der Runde als die neue Rechtsanwaltsgehilfin vorgestellt hatte – da hatten sich ihre großen, ausdrucksvollen braunen Augen, sanft und schutzbedürftig, unauslöschlich in Davids Bewusstsein eingegraben. Sie war so feminin in ihrem altmodischen, aber wunderschönen Kleid, das auf einem Mittelaltermarkt weniger aufgefallen wäre als hier. Seltsam, dachte er, dass sie dazu den Mut hatte, so aufzutreten, wo sie doch sonst so scheu und introvertiert war. Jeden Tag verglich er sie heimlich mit ihren kurzhaarigen, burschikosen Kolleginnen in ihren Hosenanzügen oder übertrieben tief ausgeschnittenen Tops und ließ seinen Blick an ihrer schlanken, grazilen Figur hinabgleiten, die durch das braune, geschnürte Kleid, das sie fast immer trug, perfekt akzentuiert wurde. Es stimmte zwar, dass die meisten anderen Frauen bei Symonds und Hill mehr Oberweite hatten, aber nichtsdestotrotz, oder vielleicht gerade deswegen, war sie die femininste Frau, die ihm je begegnet war, und holte all seine männlichen Instinkte an die Oberfläche.
So hatte es auch nicht lange gedauert, bis er sie nach der Arbeit zum Essen einlud, und zu seinem Entzücken hatte sie zugesagt. David war sich durchaus bewusst, dass seine langen blonden Haare und tiefblauen Augen, die Janice immer als „mitternachtsblau“ bezeichnete, anziehend auf Frauen wirkten. Aber Alyssa war etwas Besonderes, und so war er sich bei ihr sehr unsicher gewesen, war es auch jetzt noch.
Nun saßen sie sich endlich gegenüber, im Howard’s, dem teuersten Restaurant des Ortes, in romantischem Ambiente, mit einer sanft leuchtenden Kerze zwischen ihnen. David war kein großer Romantiker, aber er wusste, dass Frauen auf so etwas standen. Sein Blick musterte sie über den Tisch hinweg, ihr herzförmiges, ebenmäßiges Gesicht mit seiner hellen, fast weißen Haut, die einen schönen Kontrast zu ihren halblangen, braunen Haaren bildete. Ihre Augen mit den langen, dichten Wimpern wirkten in dem Dämmerlicht fast schwarz. Das einzige, was ihn an ihr störte, war ihre Brille. Sie passte nicht zu ihrem ansonsten natürlichen Aussehen, aber sie schien sie dringend zu brauchen, denn er hatte schon bemerkt, dass sie ohne sie sehr schlecht sah und noch nicht einmal alle Farben richtig wahrnehmen konnte. Dafür war ihr Gehörsinn fast unheimlich stark ausgeprägt, und sie roch auch sehr gut – in doppeltem Sinn. Er schmunzelte. Ihr Körpergeruch erinnerte ihn an Wald, genauer gesagt an Moos, und während jemand anders dies vielleicht befremdlich gefunden hätte, machte es ihn ganz verrückt.
„Weißt
du schon, was du nimmst?“ riss ihre etwas unsicher klingende Stimme
ihn aus seinen Gedanken.
„Ich nehme das Saltimbocca. Aber wenn
du dich selbst nicht entscheiden kannst, der Lachs ist hier besonders
zu empfehlen.“
„Ah, nein danke, ich bin Veganerin.“
„Oh!
Was kannst du denn dann überhaupt essen? Da ist man doch total
eingeschränkt! Was isst du denn so?“
„Grünzeug!“ Sie
lächelte leicht ironisch. „Früchte, Getreide, Nüsse,
Pilze…“
„Okay, okay, also Pilzgerichte stehen ja auch auf
der Karte.“
„Und,
wie gefällt es dir hier in Craven Arms?“ eröffnete David das
Gespräch, nachdem die Kellnerin die Bestellung aufgenommen hatte und
wieder verschwunden war.
„Ja, ganz in Ordnung.“
„Du bist
nicht von hier, oder? Ich habe dich noch nie hier gesehen.“ Jeder
in dem Paarhundertseelendorf in den Shropshire Hills kannte jeden,
und eine hübsche junge Frau wäre ihm garantiert aufgefallen.
„Naja,
wir wohnen in der Nähe von Lydham. Am Waldrand.“
„Was heißt
‚wir’? Du und deine Eltern?“
Sie zögerte kurz. „Meine
Eltern sind beide tot.“
„Oh, das tut mir aber Leid.“ Warum
schaffte er es immer, genau die peinlichen Punkte zu treffen? „Hast
du Geschwister?“
„Ja, einen jüngeren Bruder.“
„Und was
macht der? Beruflich, meine ich.“
Wieder zögerte sie, diesmal
länger, bevor sie antwortete. „Naja … dies und das.
Gelegenheitsjobs.“
„Ah so.“ Er wollte nicht weiter in sie
dringen, wenn ihr dieses Thema unangenehm war.
„Und wo wohnst
du? Hier in Craven Arms?“ unterbrach sie seine Gedanken.
Sie
konnte wirklich nicht von hier sein, sonst wäre diese Frage unnötig
gewesen.
„In der Nähe. Auf Ashford Manor.“
Ihre Augen
wurden groß. „Oh, dann bist du …“
„Nicht der Herr von
Ashford Manor, nein.“ Er lachte etwas gezwungen. „Das ist mein
Bruder, Derek. Er ist der älteste Sohn, und da mein Vater sehr viel
auf althergebrachte Traditionen gab, hat Derek nach dem Tod meiner
Eltern das gesamte Anwesen geerbt. Aber mich lässt er gnädigerweise
trotzdem noch im Herrenhaus wohnen.“ Er versuchte, die Bitterkeit
aus seiner Stimme herauszuhalten.
„Oh, dann gehören euch –
ihm – also auch die ganzen Ländereien zwischen hier und
Lydham?“
„Ja, eigentlich fast der ganze Clun Forest. Damit
haben wir es gut getroffen, es ist ein hervorragendes
Jagdgebiet.“
„Du gehst jagen?“ Eine steile Falte bildete
sich zwischen ihren Augenbrauen.
„Ja, aber nicht so wie du jetzt
denkst. Wir – Derek und ich – haben zwar beide einen Jagdschein,
aber wir benutzen keine Flinten. Wir jagen mit Pfeil und Bogen.“
Er
schaute sie an wie ein kleiner Junge, als wollte er dafür Lob
ernten. „Du sagtest doch, dass du Mittelaltermärkte magst. Das
hier ist etwas Ähnliches. Es ist wie Re-enactment, nur noch viel
echter.“ Er schaute aus dem Fenster, in den grauen Novemberabend,
und seine Stimme wurde schwärmerisch. „Schon als Kinder haben wir
für unser Leben gern Robin Hood gespielt. Ich weiß noch, als ich
meinen ersten richtigen Bogen gebastelt hatte und damit ins Schwarze
traf. Ich kam mir wie ein richtiger Held vor.“ Welke Blätter
wehten am Fenster vorbei, er glaubte fast sie rascheln zu hören. Er
seufzte. „Ja, und heute gehen wir richtig damit jagen. Ich hätte
ja zuerst nicht gedacht, dass das erlaubt ist, aber Vater hat seine
Beziehungen, und als wir den Jagdschein hatten, hat er uns irgendwie
eine Sonderlizenz für Bogenwaffen organisiert. Frag mich nicht
wie!“
Erst jetzt bemerkte er, wie still sie geworden war. Er
grinste sie unsicher an.
„Es ist ein Kindheitstraum, der da für
uns in Erfüllung gegangen ist.“
„Und trotzdem tötet ihr.“
Ihre Worte zerschnitten seine Reminiszenzen wie ein scharfer, eisiger
Winterwind.
In diesem
Moment kam ihr Essen, und David blieb eine Antwort erspart. Nach
einer Weile des Schweigens, in der sie sich nur auf ihre Speisen
konzentrierten, drehte sich ihr Gespräch hauptsächlich um die
Arbeit. Er hätte sie lieber über ihr eigenes Leben ausgefragt, aber
er war an diesem Abend schon in genug Fettnäpfchen getreten und
wollte es nicht noch schlimmer machen.
„Wie kommst du eigentlich
jeden Morgen zur Arbeit, wenn du in Lydham wohnst?“ knüpfte er das
Gespräch wieder an. „Es fährt ja kein Bus zwischen den beiden
Orten, und einen unbekannten Wagen habe ich auf dem Firmenparkplatz
auch noch nicht entdeckt.“ Vielleicht konnte er ihr anbieten, sie
abzuholen und heimzubringen. Auf diese Weise könnte er jeden Tag
Zeit mit ihr verbringen.
„Oh, ich laufe! Es ist so schön,
frühmorgens unterwegs zu sein, wenn die Sonne auf den Grashalmen
glitzert. Tausende kleine Tautröpfchen, die funkeln wie Diamanten.
Und die Luft ist noch so rein, wenn der Tag gerade erst
beginnt.“
David beobachtete sie fasziniert. Kleine goldene
Fünkchen glitzerten in ihren Augen, das war ihm vorhin schon
aufgefallen, und wenn sie lächelte, so wie jetzt, fingen sie an zu
tanzen. Sie war so zart gebaut, und doch musste sie kräftiger sein
als sie aussah, wenn sie jeden Tag mehrere Meilen durch den Wald
wanderte. Und mutiger, als er gedacht hätte!
„Du magst die
Natur, nicht wahr?“ Er strahlte sie an.
„Ja, sehr.“
„Siehst
du, wir haben noch mehr gemeinsam, als dass wir uns für
Mittelaltermärkte interessieren. Wir lieben beide den Wald.“ Er
zwinkerte ihr zu, aber ihr Gesicht wurde ernst.
„Ja – nur die
Dinge, die wir dort tun, sind verschieden.“ Sie schaute ihn
nachdenklich an. „David – in der Kanzlei – ich habe dich
beobachtet. Du kämpfst so für die Rechte der Menschen. Das
bewundere ich an dir. Warum interessieren dich nicht auch die Rechte
der Tiere?“
„Warum sollten sie? Tiere haben ja keine Seele.“
Zumindest sagte Derek das immer.
„So – meinst du?“ Ihr Blick
wurde traurig, und sie stand vom Tisch auf.
„Hey, warte! Das
kann dir doch egal sein, oder?“
„Nein, kann es nicht.“
„Alyssa
– es war so ein schöner Abend. Werden wir ihn wiederholen?“
„Ich
weiß nicht.“ Ihr Gesichtsausdruck war undefinierbar, verhalten
erfreut und skeptisch zugleich. „Mal sehen.“
„Was sehen?
Wovon hängt das ab?“
Sie zögerte kurz. „Ich muss zuerst
herausfinden, ob ich mich nicht doch in dir getäuscht habe.“ Dann
war sie zur Tür hinaus.