
Der Rechtsanwalt und Hobbyjäger David verliebt sich in seine neue Gehilfin. Doch Alyssa ist von vielen Geheimnissen umgeben. Eine Mischung aus Liebesgeschichte und "tale of mystery and imagination" à la Poe.
Rated: Fiction T - German - Romance/Angst - Chapters: 8 - Words: 11,879 - Reviews: 10 - Favs: 1 - Updated: 05-26-09 - Published: 05-22-09 - Status: Complete - id: 2675733
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Juni 2007
„Das
Weiße Reh ist geliefert – fertig – so gut wie tot!" Derek
tigerte mit geballten Fäusten in der Halle auf und ab, und David
hatte Mühe, ihm mit den Augen zu folgen. „Morgen wird ein weißer
Rickenkopf hier in meiner Halle hängen, und ein weißes Fell vor
meinem Kamin liegen!"
Besorgt schaute David Janice an. So
aggressiv hatte er Derek schon lange nicht mehr erlebt.
„Was ist
denn los?" wandte er sich zaghaft an Derek.
„Dir kann es ja
egal sein, du Memme, du bist ja ausgestiegen!"
„Er ist nicht
mehr derselbe, seit du nicht mehr mit jagen gehst," sagte Janice
leise. „Es macht ihm ohne dich irgendwie keinen Spaß
mehr."
„Steckt ihr schon wieder die Köpfe zusammen?"
brauste Derek auf. „Denkt ihr, ich weiß nicht, was ihr hinter
meinem Rücken so treibt?"
Langsam stand Janice auf und legte
von hinten ihre Arme um Derek. „Schatz, wieso willst du das Weiße
Reh jetzt schießen? Ich dachte es hätte Schonzeit, wegen dem Kitz.
Alex meinte, er hätte das Kitz schon gesehen. Es ist zwar nicht
weiß, aber es scheint gesund zu sein."
„Sie ist verletzt!"
blaffte Derek sie an.
„Das Weiße Reh?" fragte David etwas
dümmlich.
„Was denn sonst? Und wenn du nicht alles aus deiner
Jagdprüfung vergessen hast, müsstest du dich erinnern, kleiner
Bruder, dass verletzte Tiere erlegt werden müssen, selbst wenn sie
Schonzeit haben."
„Als ob du dich da jemals drum gekümmert
hättest!" Es klang anklagender als beabsichtigt. „Ich meine, wie
oft haben wir sie angeschossen und weglaufen lassen, und sie lebt
immer noch."
„Nicht mehr lange," meinte Derek mit einem
selbstzufriedenen Grinsen.
„Ist sie denn schwer verletzt?"
mischte sich Janice ein.
„Weiß nicht. Mir reicht es." Sein
Grinsen wurde hämisch.
Janice' Augen wurden groß. „Aber …
was passiert dann mit dem Kitz?"
„Sentimentale Deppen würden
es wohl mitnehmen und hochpäppeln," meinte er mit einem
verächtlichen Seitenblick auf David. „Waidmännisch ist es jedoch,
es zuerst zu schießen, um kein mutterloses Tier zurückzulassen. Ich
habe schließlich meine Jägerehre." Er warf David noch einen
schmutzigen, leicht schadenfrohen Blick zu und ging dann zur Treppe,
wahrscheinlich um seine Bögen zu polieren.
David wollte ihm
nachstürmen, doch Janice hielt ihn zurück. „David, warte!" Sie
schien kurz zu überlegen. „Alex sagte mir …" sie zögerte,
dann wurde ihr Gesichtsausdruck entschlossen. „Er hat Alyssa
gesehen."
„Wo?" David hatte sie in seiner Aufregung
unwillkürlich am Ärmel gepackt.
„Im Wald, in der Nähe von
Bishops Castle."
Der Nachbarort von Lydham. Warum hatte er nie
daran gedacht, sich dort einmal umzusehen?
„Okay. Danke, Janice.
Danke!"
Sie nickte nur.
„Und … Janice … hast du eine
Ahnung, wie das Weiße Reh verletzt wurde? Ich meine, von wem?"
„Sie
lachte bitter auf. „Ich will es lieber gar nicht wissen!"
- - - - - - -
Fieberhaft hastete David durch den Wald. Er musste sie finden. Bevor es zu spät war. Bevor irgendetwas passierte. Eine dunkle Vorahnung erfüllte ihn, drückte ihm auf die Brust, nahm ihm die Luft zum Atmen. Er hastete über die ausgetretenen Waldwege, kratzte sich die Arme an hervorstehenden Ästen auf und merkte es gar nicht. Ihm war noch nicht einmal klar, wonach er eigentlich suchte, nach Alyssa oder dem Weißen Reh, aber irgendwie schien es auch keinen Unterschied zu machen.
Er hatte nun schon die ganze Gegend um Bishops Castle durchstreift und war wieder auf dem Rückweg Richtung Craven Arms, in der vagen Hoffnung, dass sie sich vielleicht doch in ihre Nähe begeben haben könnte. Verbissen lief er weiter. Wenn es sein musste, würde er den ganzen Clun Forest von einer Ecke bis zur anderen durchkämmen.
Nun war er
im Mossburn Valley angekommen, einem seiner Lieblingsplätze seit
seiner Kindheit. Hierhin hatte er sich oft zurückgezogen, wenn er
sich ungerecht behandelt vorgekommen war, wenn er als Teenager
Liebeskummer gehabt hatte, oder einfach wenn er allein sein wollte.
Er hielt kurz inne und sah sich um.
Die langsam untergehende
Sommersonne, die selbst zu dieser Abendstunde noch Kraft und Wärme
besaß, fiel hier und da durch die Bäume, schickte schräge
Lichtstreifen zwischen ihre Stämme und malte ein tanzendes Muster
aus dunklen Schatten und grüngoldenen Flecken auf die zarten
Buchenblätter. Die Brombeerranken waren mit unzähligen zarten
weißen Blüten überzogen. Insekten sirrten durch die Luft, und
einige Vogelarten hatten schon ihr melodisches Abendkonzert begonnen.
Neben dem schmalen Weg plätscherte fröhlich der Bach über
ausgewaschene Steine, dessen dunkelgrün bemoostes Bett dem Tal
seinen Namen gegeben hatte. Es war relativ kühl hier, eine angenehme
Abwechslung von der Hitze des Tages.
David bückte sich zum Bach
hinunter, tauchte seine Arme ins Wasser und erfrischte sein erhitztes
Gesicht. Langsamer ging er weiter; irgendwie störte er nicht gerne
den Frieden dieses Ortes. Hinter der nächsten Kurve müsste der
kleine Teich kommen, auf dem er als Junge immer selbstgebastelte
Schiffchen hatte schwimmen lassen. Da war er schon – aber was war
das? Jemand oder etwas musste dort sein! Er hatte unmissverständlich
ein Platschen gehört, und irgendetwas Helles bewegte sich dort am
Teichrand. Etwas Dunkles lag daneben.
Vorsichtig
schlich er näher, benutzte die Bäume und Büsche am Wegrand als
Deckung. Es war ein Mensch! Eine Frau mit langen dunklen Haaren, die
ein dunkles Kleidungsstück am Teichrand abgelegt hatte und nun ins
Wasser stieg. Es war – Alyssa!
Wie gebannt verharrte David auf
der Stelle und beobachtete sie. Sie stand bis zur Hüfte im Teich,
hatte das Gesicht von ihm abgewandt und sang leise vor sich hin. Mit
den Armen und Händen fuhr sie über die Wasseroberfläche, als würde
sie sich darauf vorbereiten, gleich ganz unterzutauchen. Ihre Brüste,
Hüften und Bauch wirkten voller und runder, als er sie in Erinnerung
hatte. Sie schien zugenommen zu haben. Auf ihrer hellen Haut und in
ihren Haaren schimmerten unzählige rotgoldene Lichtreflexe von der
untergehenden Sonne. Es sah wunderschön aus, und doch störte etwas.
Erschreckt erkannte er, dass sich seitlich an ihrem Oberkörper eine
größere Verletzung befand. Ebenso zog sich quer über ihren Rücken
eine blutige Strieme, die wie eine Schnittwunde aussah.
„Alyssa!"
Er vergaß alle Vorsicht und rannte auf sie zu. Sie hob erschreckt
den Kopf, sah ihn an, und für einen Moment glaubte er, etwas wie
Freude in ihren Augen aufleuchten zu sehen. Dann wandte sie ihren
Blick zur untergehenden Sonne, die inzwischen schon fast ganz vom
Horizont verschluckt wurde, und sprang eilig aus dem Wasser. Mit
panischen Bewegungen riss sie ihr Kleid an sich, umrundete den Weiher
und rannte barfuss durchs Gestrüpp vor ihm davon.
„Nein!
Alyssa, warte! Ich tu dir nichts!" Verdammt, das waren genau die
falschen Worte, genau das hatte er damals gesagt!
„Alyssa!
Bitte! Warte!"
Das Unterholz knackte laut und er sah nur noch
einen hellen Schatten davonhuschen.
„Alyssa!" schrie er aus
Leibeskräften. „Es tut mir Leid! Bitte vergib mir!"
So schnell
es ging stolperte er in die Richtung, in der sie entflohen war,
kämpfte sich fluchend durchs Unterholz und nahm gar nicht wahr, wie
die Brombeerranken seine Beine und Arme zerkratzten. Er musste sie
finden! Sie war verletzt! Sie brauchte Hilfe!
Keuchend zwängte er
sich durch ein Ginstergesträuch und landete auf einem grasigen,
lichten Streifen unter hohen Buchen. Die Sonne war nun vollends
untergegangen, und es dauerte ein paar Sekunden, bis seine Augen im
Halbdunkel etwas ausmachen konnten.
Dort! Zwischen hohen
Grasrispen und Farnwedeln ein undeutlicher weißer Schatten –
Alyssa?
Es war das
Weiße Reh, es lag dort im Gras, und es schaute zu ihm hin.
Die
dunklen, ausdrucksvollen Augen starrten ihn intensiv an, als wollten
sie ihm dringend etwas mitteilen. Vorsichtig kam er näher. Es war
ein so schönes Tier. So zart und schutzbedürftig. Und es war
verletzt. Es hatte eine ziemlich übel aussehende Wunde an der
Flanke, und seine Rückendecke war ebenfalls aufgerissen, so als
hätte sie dort ein Geschoss gestreift.
Auf einmal wurde er
wütend. Wie konnte jemand ihr ein Leid antun? Sachte streichelte er
das verschwitzte, blutverkrustete Fell. Sie brauchte Ruhe. Er würde
sie irgendwo verstecken und gesundpflegen. So schlimm sahen die
Wunden gar nicht aus. Er würde sie retten!
Ihre Augen sahen ihn
dankbar und liebevoll an. Sie kamen ihm so bekannt vor… Er war
immer davon überzeugt gewesen, Rehe hätten schwarze Augen, aber
diese hier waren braun. Mit kleinen goldenen Fünkchen. Alyssas
Augen! fuhr es ihm durch den Kopf.
Plötzlich
ging ein Zittern durch den Leib des Tieres. Mit einem angestrengten
Fiepen erhob es sich wackelig und zwängte sich schwankend, mit
letzter Kraftanstrengung, durch das Unterholz. David folgte ihm
angespannt auf eine kleine Lichtung. Der Mond schien schwach auf das
hohe Gras und verwandelte es in ein Meer aus Grau-, Schwarz- und
Silbertönen. Dort in der Mitte der Lichtung lag ein kleines,
geflecktes Bündel auf dem Boden. Mit einem Schock erkannte David,
dass es sich um ein Rehkitz handelte. Keine fünf Meter entfernt
verbarg sich eine menschliche Gestalt im Schutz der Bäume, und hatte
einen gespannten Bogen auf das hilflose Tier gerichtet.
Nicht
auf ein Kitz! Das würde er nicht tun! Selbst er nicht! Aber
David wusste, dass Derek vor nichts zurückschreckte. Er konnte sich
nicht sicher sein.
Während er noch fieberhaft hin und her
überlegte, was er tun sollte, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.
Mit einem fast menschlich klingenden Aufschrei warf sich die Ricke
vor ihr Junges. Das Kleine öffnete die Augen und schaute David
direkt ins Gesicht. Es waren blaue Augen, die ihn da anblickten, blau
selbst in dem fahlen Mondlicht, Augen von intensivem
Mitternachtsblau. Es waren seine eigenen Augen. Mit einem Schlag
erkannte er die ganze Wahrheit, und ein unmenschlicher Schrei drang
aus seiner Kehle. Wie in Zeitlupe nahm er den Pfeil wahr, der an der
Sehne nach hinten gezogen wurde und sich dann löste. Wie in Zeitlupe
fühlte er sich in einem riesigen Satz auf die Lichtung springen. Vor
seine Frau. Vor sein Kind.
Ein
schrecklicher Schmerz zerriss seine Brust. Fast ungläubig griffen
seine Hände nach dem Pfeilschaft, der sich tief in ihn hineingebohrt
hatte.
„Alyssa," flüsterte er, „nun weiß ich, was Liebe
bedeutet." Dann wurde es schwarz vor seinen Augen.
Eine Zeitlang starrte Derek auf den dunklen und den weißen Fleck vor ihm. Nichts regte sich. Beide Tiere mussten tot sein, er hatte zwei Beutestücke mit einem einzigen Pfeil erlegt. Vielleicht sogar drei. Hier hatte ihn sein kleiner Bruder endlich einmal nicht übertrumpft. Ein etwas unbehaglicher Stolz erfüllte ihn. Sie hatten sich komisch verhalten. Egal. Morgen würde er Alex hinschicken, der könnte auch nach dem Kitz suchen, falls es noch lebte. Er band einen rotweißen Wimpel an den nächstbesten Ast und drehte sich zu Janice um. Jetzt erst sah er, dass sie ohnmächtig zusammengesunken war. Sie hatte immer schon ein zu weiches Herz gehabt. Er hätte sie diesmal nicht mitnehmen sollen. Widerwillig brummend lud er sie sich auf die Schulter, hielt mit der anderen Hand seinen Bogen fest und trottete nach Hause.
- - - - - - -
Ein Schrei
hallte durch Dereks Träume. Es war das Weiße Reh. Es hörte nicht
auf zu schreien. Es war doch schon tot, wie konnte es so laut
schreien? Konnte es niemand endlich zum Schweigen
bringen?
Schweißgebadet schlug er die Augen auf. Ein Glück, er
hatte nur geträumt! Alles war still. Nein – da war dieser Schrei
wieder! Verdammt noch mal!
„Neiiiiiin! Lasst ihn in Ruhe!" Das
war Janice. Warum zum Teufel musste sie solchen Lärm machen?
„Bitte
…" Das Schreien ging in Schluchzen über. „Er hat es doch nicht
gewusst! Keiner von uns hat es gewusst!"
Die Tür flog auf, und
bevor Derek reagieren konnte, wurde er unsanft an beiden Armen
gepackt. „Mr. Hill, Sie sind verhaftet. Würden Sie uns bitte
folgen?"
Verdattert schaute er auf die beiden Polizisten.
„Verhaftet? Wieso das? Ich hab nichts Illegales getan!"
„Waren
Sie letzte Nacht jagen, und gehören diese Pfeile Ihnen?" Unsanft
wurden ihm zwei seiner verlorengegangenen Pfeile mit der rotweißen
Markierung vors Gesicht gedrückt.
„Ja, ja, aber ich habe einen
Jagdschein, ich habe das Jagdrecht hier, ich habe nur eine Ricke
geschossen…" Plötzlich wurde er unsicher.
„Hören Sie, ich
erinnere mich wieder, da war noch irgendetwas, ein Schatten ist
dazwischengesprungen, völlig unberechenbar, es muss ein Rehbock
gewesen sein…"
„Kommen Sie mit!" schnitt ihm der Polizist
an seiner linken Seite das Wort ab.
Auf der
Lichtung stand ebenfalls ein Uniformierter. Neben ihm lag etwas, das
von einem schweren grünen Tuch bedeckt war. Es war doch nicht etwa
ein Mensch gewesen? Einer der Polizisten hob mit undefinierbarem
Gesichtsausdruck das Tuch zur Seite.
Derek starrte auf zwei
Körper, einen Mann und eine Frau, beide mit einem einzigen, rotweiß
beschafteten Pfeil durchbohrt. Der Mann trug einfache, olivfarbene
Kleidung, aber die Frau war nackt. Ihre schlanke, perfekte Figur
raubte trotz der Wunden auf ihrer ansonsten makellosen Haut dem
Betrachter immer noch den Atem und ließ ihren vorzeitigen,
gewaltsamen Tod umso sinnloser erscheinen. Ihr rotbraunes Haar und
die blonden Strähnen des Mannes flossen ineinander, so als wären
sie im Tod vereint. Auf beiden Gesichtern lag ein friedlicher,
leuchtender Ausdruck, der sie so überirdisch schön machte, dass
Derek eine Zeitlang brauchte, bis er in ihnen David und Alyssa
erkannte.
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Behutsam nahm Janice das kleine, hilflose Wesen auf ihre Arme. Zärtlich strich sie über das seidige Fell. Dies war alles, was ihr von David geblieben war. Ironischerweise hatte sie sich immer ein Kind von ihm erträumt, und nun hatte sie es. Aber nicht auf eine solche Weise! Oh, David! Stumme Tränen rannen in das weiche Rehfell, und sie wischte sie schnell ab. Dies war nun ihr kleiner David, und sie würde ihn versorgen. Sie würde ihn hegen und pflegen, tagsüber als Menschenbaby und nachts als Kitz. Derek würde ihn nicht in die Finger bekommen, und auch sie nicht mehr. Der kleine David brauchte sie. Sie würde ihm helfen, sein Geheimnis zu hüten. Dies war alles, was ihr von ihrer großen Liebe geblieben war. Und es würde ihr genug sein.
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Ende
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