
Ihr Leben lang hatte Francesca Blumen geliebt... Ähnlich wie meine "Burgruine", aber mit einer message komplementär zu dem "Weißen Reh".
Rated: Fiction T - German - Romance/Supernatural - Words: 2,683 - Reviews: 1 - Published: 06-14-09 - Status: Complete - id: 2685035
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Die Rose von Scharon
Ihr Leben
lang hatte Francesca Blumen geliebt. Sie war immer schon allen
Pflanzen mit Hochachtung begegnet, hatte nie mehr von ihnen genommen
als sie brauchte, und darauf geachtet, ihnen nicht mehr Schaden
zuzufügen als nötig. Schon seit ihrer Kindheit hatte sie mit
Pflanzen gesprochen, ihnen gut zugeredet, oder die Freude über ihre
Schönheit mit ihnen geteilt. Wenn sie von einer Pflanze etwas
wegnahm, sei es zum Verzehr oder zu Arzneizwecken, so bedankte sie
sich bei ihr, entschuldigte sich mitunter auch dafür, wenn sie ihr
wehtun musste.
Blumen aber lagen ihr besonders am Herzen. Sie
hegte und pflegte sie, ob groß oder klein, und konnte sich im
Gegenzug immer wieder am zarten Duft eines Veilchens, der üppigen
Pracht von Flieder oder der feenhaften Eleganz eines Elfenspiegels
erfreuen.
Von der Idee, Blumen abzureißen und ins Zimmer zu
stellen, hatte sie noch nie viel gehalten. Von zahlreich blühenden
Sorten schnitt sie wohl hin und wieder einen kleinen Zweig ab,
meistens um jemand anderem damit eine Freude zu machen, seltener um
ihre eigene Wohnung mit der Schönheit und dem Geruch der Blüte zu
erfüllen. Aber grundsätzlich taten ihr die entwurzelten, früher
oder später zum Tod in der Vase verurteilten Sprosse leid, und sie
bevorzugte es, sie an ihrem eigenen Wohnort zu besuchen und sich dort
an ihren Segnungen zu erfreuen.
Francescas auserkorene Lieblinge waren die Rosen. „Rosen sind wie das Leben: sie haben Dornen und Blüten," pflegte sie ihren Freundinnen zu sagen, wenn diese nicht verstehen konnten, weshalb sie den stacheligen Gewächsen so viel ihrer Freizeit opferte. „Rosen sind wie die Liebe: sie haben Blüten und Dornen," pflegte sie ihren Freunden zu sagen, und dann ihrem Mann, wenn sie mehr Zeit im Garten als in der Küche verbrachte.
Während sie noch in der Doppelhaushälfte mit eigenem Garten gewohnt hatte, zuerst mit ihrem Mann und nach dessen Tod alleine, waren die Rosen ihr größter Stolz gewesen, allen voran ihre Kletterrose Sympathie, die fast eine ganze Hauswand mit ihren flammendroten Blüten einnahm. Aber auch um ihre rosafarbenen, gelben und weißen Strauch- und Buschrosen hatte sie sich regelmäßig gekümmert, und die schwerer zu ziehenden Edelrosen hatte sie immer mit besonderer Liebe und Hingabe gepflegt. Sie hatte Humus aus dem Wald herangeschleppt, um sie zu düngen, sie regelmäßig geschnitten, von Unkraut und Schädlingen befreit.
Als sie
dann ins Sankt Hedwig Stift umziehen musste, konnte sie leider den
größten Teil ihrer Lieblinge nicht mitnehmen. Nur drei Edelrosen,
sowie ein Teil ihrer Heilkräutersammlung, hatten in das kleine
Stückchen Erde gepasst, das die Verwaltung des Wohnstiftes den daran
interessierten Senioren zugestand. Die großen Pflanzen, die sich so
gut eingelebt hatten, hätte sie eh nicht wieder entwurzeln können
oder wollen. Immerhin hatte sie darauf geachtet, dass die Käufer
ihres Hauses damit einverstanden waren, diese ihr so teuren Pflanzen
an ihrem jeweiligen Standort zu belassen.
Ihr neues Gartenstück,
wenn sie es denn ihres nennen durfte, lag recht weit weg vom Gebäude
am Rand einer Liegewiese, die an eine geräumige Terrasse angrenzte.
In den ersten Jahren hatte sie sich noch gut darum kümmern können,
und die Rosen waren einigermaßen gediehen. Doch nun, seit sie
bettlägerig war, tat es ihr im Herzen weh, wenn ein Pfleger ihren
Rollstuhl an warmen Sommertagen auf die Liegewiese schob und sie
feststellen musste, wie ihre Heilkräuter von Unkraut erstickt wurden
und ihre ehemals schönen Rosen vor sich hin kränkelten. Jeder
Appell an die Angestellten, sich um diese Pflanzen richtig zu
kümmern, stieß auf taube Ohren, da die meisten von ihnen sowieso
überlastet und zudem unterbezahlt waren. Wahrscheinlich hätte eh
keiner von ihnen gewusst, was zu tun war, da die minimal gehaltene
Anlage auch sonst keine Rosen aufwies.
Die einzige Pflanze, der
die mangelnde Pflege nichts anzuhaben schien, war ihre Edelrose La
France, eine der ältesten, wohlduftendsten Sorten, deren
kleines, dünnes, wenn auch einziges Stämmchen auch diesen Sommer
wieder eine wunderschöne, perfekt geformte, lange rosafarbene Knospe
entwickelt hatte. Von ihrem Fenster aus konnte Francesca gerade so
einen rosa Schimmer in ihrem Beet ausmachen, und oft sandte sie ihrer
Lieblingsrose – denn das war sie inzwischen geworden –
freundliche Gedanken oder erfreute sich an ihrem Anblick, den sie nun
die meiste Zeit mehr erahnen und sich vorstellen als distinktiv
wahrnehmen konnte.
Ohne ihre
Blumen, und weitgehend ohne menschliche Kontakte, fühlte sich
Francesca oft einsam. Sie hatte keine Kinder, und die einzige
übriggebliebene Verwandte, eine Nichte, das Kind des verstorbenen
Bruders ihres seligen Ehemannes, lebte zu weit weg, als dass sie oft
zu Besuch kommen konnte. Allein ihre Zimmernachbarin zur Linken
leistete ihr ab und zu Gesellschaft, wenn es ihr gut genug dazu ging.
Die übrigen Bewohner des Sankt Hedwig Stifts hielten sich weitgehend
fern von ihr, spätestens seit sie mitbekommen hatten, wie sie im
Garten mit den Pflanzen redete, manchmal die Bäume umarmte, oder gar
– ein inzwischen verstorbener Bewohner hatte das einmal im
Flüsterton hinter vorgehaltener Hand im Gemeinschaftsraum zum besten
gegeben – die Blätter und Blüten ihrer Rosen gestreichelt und
geküsst hatte. Fast jeder schaute sie komisch an, schaute weg, oder
ging ihr gleich aus dem Weg. Sie hatte den Ruf einer abgedrehten
Esoteriktante oder gar einer Hexe, zumal sie in ihren ersten Jahren
hier versucht hatte, den Mitbewohnern ihre Kräuter gegen ihre
Wehwehchen aufzuschwätzen.
Der Pfarrer, der regelmäßig die
Über-80-Jährigen besuchen kam, hatte die Vorbehalte der Bewohner
eher noch verstärkt. Die letzten beiden Male, als er ihr Zimmer
betreten hatte, hatte man laute, in hitziger Diskussion erhobene
Stimmen durch die Tür vernommen, und beim Hinausgehen hatte man ihn
etwas von „verbohrt" und „auf dem Irrweg" murmeln hören.
Worum es genau gegangen war, hatte der Pfarrer niemanden wissen
lassen, und so reimte sich jeder seine eigene Geschichte zusammen,
mit dem Resultat, dass Francesca nun auch als Heidin auf dem Weg zur
Hölle verschrien war. Das man ja schon immer vermutet, zumal sie nie
die Gottesdienste besuchte und der Pfarrer ihr Zimmer nun sogar
ausließ. In Wirklichkeit hatten sie sich darum gestritten, ob Tiere
und Pflanzen eine Seele haben. Bei seinem letzten Besuch hatte er ihr
ein Bild des Himmels vor Augen gemalt, einer Stadt mit goldenen
Straßen wie in der Offenbarung beschrieben. Ihr Kommentar war
gewesen, dass sie sich in einem solchen Himmel nicht wohlfühlen
würde. Da war ihm der Geduldsfaden gerissen, und er war ohne weiter
nachzufragen aus dem Zimmer geflüchtet.
Niemand wusste, dass Francesca neuerdings in ihrer stillen Kammer ab und zu ihre Bibel zur Hand nahm, dass sie durchaus, wenn auch zweifelnd und zaghaft, das eine oder andere Gebet an ihren Erlöser richtete. In den langen Stunden, die sie in ihrem Bett verbrachte, ihre einzige Gesellschaft die dumpfen Schmerzen in ihrem Körper, die selbst die regelmäßige Dosis von Schmerzmitteln nicht vollständig unterbinden konnte, reflektierte Francesca oft über ihr vergangenes Leben, und es gab viel, wofür sie unbeholfen, aber deshalb nicht weniger aufrichtig, um Vergebung bat. Wenn ihre gelegentlichen, oft halb unbewussten Gebete für andere sich meist um Pflanzen und Tiere drehten, so kamen doch Menschen darin auch nicht zu kurz.
Auch heute
lag Francesca nachdenklich auf ihren Kissen, betrachtete die
untergehende Abendsonne durch die schmutzige Fensterscheibe, und ließ
in ihren Gedanken den Tag noch einmal vorüberziehen. Ihre
Zimmernachbarin war da gewesen und sie hatten ein paar sehr schöne
Gespräche gehabt, ihre Erinnerungen und Erfahrungen geteilt wie
schon lange nicht mehr.
„Francesca," hatte die Nachbarin
schließlich gemeint, „wenn du deine Blumen so sehr vermisst,
könnte ich dir diese eine schöne Rose abschneiden und in dein
Zimmer stellen. Dann hast du wenigstens etwas von ihrer Schönheit,
und hier würde es besser riechen."
Francesca hatte sich
standhaft geweigert. „Edelrosen kann man nicht einfach so
abschneiden wie Kletterrosen oder Strauchrosen. Es ist ja sonst
nichts Oberirdisches da als die eine Blüte an ihrem Stängel. Es
würde sie zu sehr verstümmeln."
„Aber Francesca, dazu sind
Blumen doch da, um die Menschen zu erfreuen."
„Sie sind auch
dazu da, um Gott zu erfreuen, die Tiere zu erfreuen, um die Sonne und
den Regen und den Wind und die Erde und ihr Leben zu genießen."
„Wir
könnten die Rose auch ausgraben und dir in einem Topf ins Zimmer
stellen. Würde dir das gefallen?"
Vehement hatte Francesca den
Kopf geschüttelt. „Es geht ihr viel besser dort draußen, das wäre
egoistisch von mir. Sie würde krank werden im Haus."
Die
Nachbarin hatte den Kopf geschüttelt und es nicht verstanden. „Wenn
du nicht mehr da bist, wird die Pflanze eh kaputtgehen, so wie die
anderen. Es wird sich niemand mehr darum kümmern."
„La
France kann auf sich selbst aufpassen." hatte Francesca stolz
geantwortet. „Ich konnte mich ja dieses Jahr auch nicht mehr um sie
kümmern."
Sie waren zu keiner Übereinstimmung gekommen und
hatten das Gespräch schließlich in eine andere Richtung gewendet.
Worum war es dann noch einmal gegangen? Um den Sohn der Nachbarin,
der so selten zu Besuch kam…
Mit einem
leichten Ruck kam Francesca zu sich. Sie war ein bisschen
weggedämmert, aber irgendein Geräusch hatte sie geweckt, oder
vielleicht auch nur ein Luftzug. Noch immer erschöpft schlug sie die
Augen auf. Irgendetwas war anders, ungewöhnlich. Sie hielt den Atem
an und lauschte. Alles war still, und doch… Auf einmal fiel ihr
auf, was sich verändert hatte: Ein Duft von Rosenblüten erfüllte
die Luft und hatte den schalen Geruch in dem Krankenzimmer völlig
vertrieben. Genüsslich sog sie die Luft in tiefen Zügen in ihre
Lungen, ließ dabei aber gleichzeitig verwundert ihren kurzsichtigen
Blick durch den Raum schweifen. Dort – ein Schatten löste sich vom
Türrahmen! Ein Mann!
Ein Schreck durchzuckte Francesca, doch dann
fing sie sich rasch wieder. Schließlich gab es nichts bei ihr zu
holen, weder Geld noch sonst etwas. Entweder war er ein neuer
Pfleger, oder er musste sich in der Tür geirrt haben und wollte
jemand anderen besuchen. Schließlich war es ja noch nicht so spät
am Abend, vielleicht war die Besuchszeit noch nicht vorbei.
Francesca kniff die Augen zusammen und starrte den Fremden minutenlang unverhohlen an. Trotz des Dämmerlichts im Zimmer konnte sie ihn erstaunlich klar erkennen. Sie schätzte ihn auf etwa Mitte dreißig. Seine Haare, die lang und dicht ein volles, ebenmäßiges Gesicht umrahmten, hatten den erdigen Braunton von Holz mit hellen und dunklen Maserungen und erinnerten Francesca unwillkürlich an ihre Rosenhochstämme. Seine Wangen und Lippen waren von frischem, leuchtendem Rosa, so anmutig wie eine eben erst erblühte Knospe. Was sie aber vor allem in den Bann schlug waren seine Augen. Sie glänzten in dem tiefen Dunkelgrün reifer Blätter, mit kleinen helleren Sprenkeln durchsetzt. Diese Augen strahlten eine solche Ruhe, eine Freundlichkeit, einen Frieden aus, dass man sich bei ihrem Anblick sofort geborgen fühlte.
Hier war der Traumprinz, der ihr in ihrem langen Leben nie begegnet war. Francesca hatte einige Männer gehabt, und jeden auf seine Weise geliebt, aber selbst ihr Ehemann, mit dem sie einigermaßen glückliche Zeiten geteilt hatte, hatte nicht das undefinierbare Etwas aufbieten können, das immer noch gefehlt hatte, wonach ein Teil von ihr immer gesucht und es doch nie gefunden hatte. Selbst ihr Ehemann hatte nie solche Saiten in ihr vibrieren lassen wie es der Anblick, die Ausstrahlung, die ganze Aura dieses Mannes nun taten.
„Haben
Sie sich vielleicht verlaufen? Suchen Sie jemanden Bestimmtes?"
Noch nie vorher war es ihr so unangenehm bewusst gewesen, wie alt und
zitterig ihre Stimme klang.
„Ja." Er schaute ihr direkt in die
Augen und hielt ihren Blick gefangen. „Ich suche dich, Francesca."
Seine Stimme wurde weich. „Ich suche dich schon so lange."
Ihre
Augen weiteten sich. Das musste ein Traum sein. Oder hatte sie ihn
missverstanden?
Mit ein paar geschmeidigen Schritten war er an
ihrem Bett und strich ihr sachte über die wirren weißen Haare,
wobei er sie liebevoll anlächelte. Sie schaute verdutzt und leicht
schockiert zu ihm auf, aber er legte einen Finger an seine Lippen und
zwinkerte ihr fast unmerklich zu. „Schscht." Er artikulierte es
so sanft und beruhigend, dass sie sich unwillkürlich zurücklehnte
und etwas entspannte. Hundert Fragezeichen wirbelten in ihrem Kopf
herum, aber sie schob sie beiseite. Ob dies ein Traum war oder
Realität, sie würde es nehmen wie es kommen würde. Sie hatte es
mühsam genug in ihrem Leben lernen müssen, Momente wie diesen nicht
mit Analysen zu verderben.
Behutsam
nahm er ihre knotigen, verrunzelten Hände in seine und führte sie
andächtig an seinen Mund. Dann sah sie, wie er sich an ihrem Bett
niederkniete, sich über sie beugte und sanft ihre Stirn küsste.
Seine Lippen waren zart und weich wie junge Rosenblüten,
streichelten wie ein Windhauch über ihre nun geschlossenen
Augenlider und ihre Wangen. Überall, wo sie ihre Haut berührt
hatten, hinterließen sie das Gefühl, als läge dort immer noch ein
samtiges weiches Blütenblatt.
Liebevoll und unendlich zärtlich
küsste er schließlich ihren Mund. Sein Kuss schmeckte nach Rosen,
nach Blütentau und Honig. Francesca fühlte sich, als würde sie in
ihre Kissen schmelzen.
Wie seidige Wassertropfen wanderten seine
Lippen nun über ihren Hals und benetzten wie Balsam die trockene,
empfindliche Haut ihres Ausschnitts, bevor sie sie wieder auf ihrem
Mund spüren konnte, federleicht und aromatisch wie eine warme Brise,
die süße, geheimnisvolle, ungekannte und doch seltsam vertraute
Düfte aus fernen, verwunschenen Gärten herweht. Francesca stöhnte
auf. Es war keine Lust, die diese Berührungen in ihr hervorriefen,
sondern Sehnsucht, eine tiefe, in dieser Intensität nie gekannte
Sehnsucht, eine Sehnsucht, die noch im Entstehen erfüllt und
zugleich von neuem entfacht wurde.
Francesca
hatte jegliches Zeitgefühl verloren und jegliche Wahrnehmung ihrer
Schmerzen. Sie hätte sich ewig diesen Liebkosungen hingeben können.
Doch irgendwann ließ er sie sachte los, stand auf und bewegte sich
von ihr weg in Richtung des Fensters.
„Bitte geh nicht! Bleib
bei mir!" rief sie kraftlos mit leiser, zitternder Stimme.
„Wir
werden uns wiedersehen." Er lächelte ihr zu. „Bald, meine
Geliebte."
Sein Lächeln wurde so leuchtend, als er sich langsam
entfernte, dass sie es wie Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spürte. Wie
von selbst schlossen sich ihre Lider.
Vogelgezwitscher
drang an Francescas Bewusstsein. Sie fühlte Wärme auf ihrem
Gesicht, auf ihrem Hals, auf ihren Händen, die über der Decke
lagen. Langsam öffnete sie die Augen. Es war heller Tag und die
Sonne strahlte von einem blauen, wolkenlosen Himmel herab zum
geöffneten Fenster herein. Eine leichte Brise bewegte den weißen,
gestickten Baumwollvorhang wie einen Schleier zur Anderswelt.
Ächzend
setzte sich Francesca auf und suchte nach ihrer Brille. So gut und so
ausgiebig hatte sie schon seit langem nicht mehr geschlafen. Sie
streckte sich gähnend. In diesem Moment fiel etwas Kleines, Leichtes
von der Bettdecke herab, und sie musterte diese genauer. Jetzt erst
bemerkte sie die samtigen, rosafarbenen Blütenblätter, die
vereinzelt auf dem geblümten Stoff lagen. Von ihnen schien auch der
angenehm blumige Geruch auszugehen, der leicht im Raum hing. Verdutzt
schaute sie zum Fenster. War ihre La France nun doch verblüht,
und der Wind hatte die einzelnen Blättchen bis hierher in ihr Zimmer
geweht? Sie konnte sich gar nicht erinnern, das Fenster so weit
offengelassen zu haben, aber ihr Gedächtnis war nicht mehr sehr
zuverlässig. Sie runzelte die Stirn, setzte ihre Brille auf und
stützte sich mühsam auf das Fensterbrett. Hinter der gepflasterten
Terrasse am Rand der Wiese konnte sie einen rosa Fleck erkennen. Sie
kniff die Augen zusammen. Die Rosenblüte war noch intakt, sie hatte
keine Blütenblätter verloren. Verwirrt schüttelte Francesca den
Kopf und rutschte wieder vom Fensterbrett weg. Etwas berührte ihren
Ellenbogen, und sie stellte fest, dass neben ihr auf dem Fensterbrett
ihre geöffnete Bibel lag, in die sie anscheinend vor dem
Schlafengehen noch hineingeschaut haben musste. Ja, sie erinnerte
sich wieder, sie hatte ein bisschen im Johannesevangelium gelesen.
Der Wind hatte allerdings die Seiten umgeweht, und hier lag ein
Blütenblatt auf der aufgeschlagenen Doppelseite. Sie versuchte es
vorsichtig aufzuheben, doch es hatte sich festgeklebt, genau bei
Matthäus 25:40: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen
geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."
Francesca hatte
den Satz kaum gelesen, da bewegte erneut ein leichter Windstoß den
Vorhang, strich ihr sanft über Gesicht und Haare, und wirbelte die
Seiten der aufgeschlagenen Bibel minutenlang mit unerwarteter Kraft
herum. Als sich die Brise schließlich gelegt hatte, starrte
Francesca auf eine weitere Doppelseite, diesmal aus dem Hohelied
Salomos, dem erotischsten Buch der Bibel und zugleich dem
symbolischen Liebeslied Gottes an die menschliche Seele. Ein zartes,
rosafarbenes Blütenblatt haftete so fest, dass es selbst dem starken
Wind von eben getrotzt hatte, an Kapitel 2 Vers 1: „Ich bin die
Rose von Scharon."
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