
Eine Übersetzung meiner englischen Geistergeschichte "The Grey Lady".
Rated: Fiction T - German - Fantasy/Spiritual - Words: 2,031 - Reviews: 3 - Favs: 1 - Published: 10-23-09 - Status: Complete - id: 2733820
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Die graue Dame
Glühendrot prangte die untergehende Sonne über den märchenschlossgleichen Türmen von Inveraray Castle. Es war ein warmer, strahlendschöner Tag gewesen, und nach der Tortur von zwei Stunden Busfahrt in einem muffigen, überfüllten Gefährt hatten sich meine Augen und Lungen begierig an der frischen Seeluft von Loch Fyne und dem satten Grün jahrhundertealter Buchen, Eichen und Linden gelabt. Manche Leute würden Inveraray Castle vielleicht als kitschig bezeichnen, aber wie schon Sir Walter Scott vor über 100 Jahren, war auch ich entzückt von diesen verspielten kleinen Zitadellen und den sonstigen Extravaganzen des baronial style. In seine prachtvolle Umgebung eingebettet wie ein Juwel auf grünem Samt, verströmt das Gebäude tagsüber einen stillen, friedlichen, fast bukolischen Charme mit den Rindern, die überall auf dem Gelände weiden, und den sorgfältig gepflegten Parkanlagen, die sich harmonisch in das üppige Wachstum der Natur rundherum einfügen, besonders wenn man das Schloss, scheinbar auf Puppenhausgröße geschrumpft, vom nahe gelegenen Turm Dùn na Cuaiche aus betrachtet. Nachts jedoch, wenn hier und dort in einem der unzähligen Fenster des schwarzen Gemäuers gelbe Lichter glimmen, wenn Fledermäuse um die feinziselierten schmiedeeisernen Gitter flitzen, wenn die dunklen, knorrigen Bäume noch dunklere Schatten umrahmen und der fahle Mondschein sich in tanzenden silbernen Wellen auf dem Fluss kräuselt – wer kann sich dann der geheimnisvollen Ausstrahlung dieses Ortes entziehen?
Ich war schon zum dritten Mal hier, und kam mir vor, als ob ich einen
alten Freund besuchte - oder gar wie jemand, der das Zuhause seiner
Kindheit wieder sieht, angefüllt mit glücklichen und merkwürdigen
Erinnerungen, die nicht aufhören, einen zu necken und sich doch dem
Gedächtnis immer wieder zu entziehen, wie ein Feenkind, das einen
verfolgt und nur aus dem Augenwinkel sichtbar ist, jedoch
verschwindet, sobald man sich umdreht.
Diesmal hatte ich, im
Gegensatz zu früheren Besuchen, die grässlichen Kammern von
Inveraray Jail, voll von Krankheit, Verbrechen und Leiden,
ausgelassen, um stattdessen lieber das Innere des Schlosses noch
einmal zu besichtigen. Solche Besichtigungstouren finde ich meist
langweilig und ermüdend, denn die Möbel und Inneneinrichtungen
derart plüschiger und übertrieben verschnörkelter Epochen wie
Barock oder Regency, eigentlich sogar jedes anderen Zeitalters mit
Ausnahme des Mittelalters, interessieren mich normalerweise herzlich
wenig. Porträts jedoch waren schon immer eine Quelle der Inspiration
für meine Vorstellungskraft gewesen. Hier hat man Menschenleben vor
sich, Charakterzüge in den Augen festgehalten – Augen, hochmütig,
gebieterisch; verwöhnt und nachsichtig; schüchtern, verwirrt,
verängstigt; stolz, leidend, trotzig. Manch ein schweres Schicksal,
der Nachwelt in Kurzschrift weitergegeben, in Geheimschrift, in
Leerstellen zwischen den Pinselstrichen, Schicksale, die jetzt nur
noch erraten werden können, der Zeitvertreib von Besuchern in einem
flüchtigen Moment, zwischen einer Tasse Tee und einem Spaziergang
durch den Park.
Jenes kränkliche kleine Mädchen, in sanfte
Glockenblumenfarben gekleidet, mit seinen feinen blonden Haaren und
dem deutsch klingenden Namen – was machte ihre Augen so ängstlich,
ihren Blick so unsicher und verletzlich? War sie in einem zarten
Alter dem Schutz ihrer Mutter entrissen worden, um an einen fremden
Lord in einem unbekannten Land verheiratet zu werden, die sie beide
nie zuvor gesehen hatte? Oder jener byronische Held unten in der
Galerie: welche tragische Liebesgeschichte, welche Verletzung, sei
sie selbst erlitten oder jemand anderem zugefügt, mochte sich wohl
in den Tiefen seiner dunklen, schwermütigen Augen verbergen? Oft
schon habe ich nach eingehender Betrachtung der Porträts in einer
Burg versucht, die Geschichten dieser Menschen zu recherchieren, doch
selten mit viel Erfolg.
Als ich nun mit raschen Schritten den Hügel von Dùn na Cuaiche
hinunterging und die Fußbrücke über den Fluss Aray ansteuerte, war
es ein bestimmtes Porträt, das mich am meisten beschäftigte,
nämlich das von Lady Catherine Campbell. Alles an diesem Gemälde
aus dem 18. Jahrhundert schien dunkel und geheimnisvoll, nicht nur
die windgepeitschte Heide- und Berglandschaft, die der Künstler als
Hintergrund gewählt hatte, sondern auch die bleiche, zerbrechliche
und doch irgendwie starke Gestalt der Dame selbst in ihrem
kräftigroten Kleid, ihr tiefschwarzes Haar, die offenen,
ebenmäßigen, traurigen Gesichtszüge, vor allem aber ihre Augen.
Diese waren von einem dunklen Graublau, wie der Ozean an einem
stürmischen Tag, wenn Schiffe an den Klippen zerschellen und das
Wasser die Küsten überschwemmt. Diese Augen sprachen von großer
Leidenschaft, aber ebenso sehr von Leiden und Schmerz.
Irgendetwas
in ihrem Gesicht musste mich wohl außergewöhnlich beeindruckt
haben, denn als ich nun auf der Brücke stand und mich
hinunterbeugte, um ein Spinnennetz zwischen den beiden Pfeilern der
Brüstung zu untersuchen, kam es mir für den Bruchteil einer Sekunde
so vor, als formten die feinen Fäden, deutlich sichtbar im Licht der
untergehenden Sonne, ein Gesicht. Feine Strähnen von
spinnennetzartigem, silbernem Haar bewegten sich sachte im Luftzug,
wo sie eigentlich hätten am Stein befestigt sein müssen.
Ausschnitte des Himmels zwischen der gesponnenen Seide formten einen
offenen Mund und Augen, ein blaurotes Nichts, an dem mein Blick
keinen Halt finden konnte. Ein Seufzen schwebte in der Luft. Das
musste wohl ich gewesen sein.
Ich schüttelte den Kopf und wandte
mich zur anderen Seite der Brücke, wo eine ähnliche Nische
Liebenden nicht nur als Sitzgelegenheit gedient hatte, sondern auch
dazu, ihre Namen in Stein zu verewigen. „H + S" … "Sean and
Moira" … "I love Michael" … ein paar halbverwitterte
Herzen. Mit einem Lächeln auf den Lippen erinnerte ich mich an die
Momente, als ich selbst Namen zu dieser Sammlung hinzugefügt hatte,
und versuchte ihre Überreste in dem harten, grauen Sitz zu
entdecken. Ich ging langsam an der Balustrade entlang und bemühte
mich, so viele Inschriften wie möglich zu entziffern, teilweise auch
um meine Gedanken von dem Porträt abzulenken. „Ich war hier."
(sehr tiefsinnig) … "C.S. + G.M." … das F-Wort (wer um alles
in der Welt machte so etwas an einem solchen Ort?) … zwei
stilisierte Gesichter, eins schief, das andere recht grimmig (ich
lächelte) … „Die Graue Dame" … Die Graue Dame?
Ich hielt
inne und ging noch einmal zurück, um genauer nachzuschauen. Die
eingeritzten Buchstaben unterschieden sich von den anderen, sie waren
tiefer, verwitterter und doch akkurater. Die Schrift war älter,
verzierter, so wie man sie vor Hunderten von Jahren benutzt haben
mochte. Haha, dachte ich, da wollte wohl jemand besonders witzig
sein! Natürlich hatte ich von den verschiedenen Geistern auf Schloss
Inveraray gelesen, und dass angeblich eine „Graue Dame" die
Anlagen heimsuchte, auch wenn ihre Geschichte – im Gegensatz zu der
des Harfenspielers in der Bibliothek oder des unglücklichen
schwarzen Dienstjungen im Schloss – in keiner der Quellen erwähnt
wurde. Nun ja, ich wusste ehrlich gesagt sowieso nicht, was ich davon
halten sollte, von dieser ganzen Sache mit Geistern, meine ich.
Ich schaute über die Brücke hinab in den reißenden Fluss, und wie
schon öfters zuvor fühlte ich die seltsame Faszination von Wasser.
Was würde passieren, wenn ich von dieser Brücke hinabspringen
würde? Das Wasser war nicht tief, aber an dieser Stelle sah es
dunkel und bedrohlich aus, und das Ufer fiel steil ab. Würde es mich
töten? Würde ich an dem steinigen Flussbett zerschellen? Was, wenn
ich durch diese Zwischenräume fallen würde, zwischen diesen
hübschen kleinen märchenhaften Säulen hindurch, mich vergeblich an
den brüchigen Spinnweben festklammern, in die tiefe Leere
hinunterstürzen, fallen, fallen in das endlose Spinnennetz
schwarzen, schäumenden Wassers, das dort unten wartete?
Ich
schalt mich selbst für diese Gedanken und setzte meinen Weg über
die Brücke fort, bog instinktiv rechts ab und ging hinunter zu dem
idyllischen kleinen Pfad, der am Fluss entlang führte. Ich war schon
halb den Hang hinunter, bevor mir auffiel, dass ich nicht in Richtung
Schloss und zurück zum Hotel gegangen war, wie ich eigentlich
vorgehabt hatte, sondern den sogenannten Lady's Walk
betreten hatte, den „Spazierweg der Dame". Nun gut, ich konnte
genauso gut diesen Weg nehmen und dann an der Straße entlang in die
Ortschaft Inveraray zurückkehren. Um diese Tageszeit dürften ja
nicht so viele Autos unterwegs sein.
Tief atmete ich die frische
Abendluft ein und lauschte dem vielstimmigen Gesang der Vögel, dem
Rascheln des Windes in den Blättern und dem sanften Murmeln des
Flusses. Auf der gegenüberliegenden Seite hob sich das Schloss
düster und wuchtig gegen den Himmel ab. Was für einen Unterschied
das Dämmerlicht macht, dachte ich versonnen. Heute Nachmittag hatte
ich mich an genau derselben Stelle friedvoll und glücklich gefühlt,
und nun war ich ruhelos, wenn nicht gar ein bisschen ängstlich.
Irgendetwas bewegte sich in einem Baum hinter mir, und eine Sekunde
später floh mit flatterndem Geräusch eine Krähe auf. Ich bemerkte,
dass ich die Luft angehalten hatte, und atmete langsam aus. Die Luft
war stickig, oder auf jeden Fall fiel mir das Atmen schwer.
Vielleicht die ersten Anzeichen einer Erkältung. Ich hätte auf dem
Hügel meinen Pullover anziehen sollen, es war doch sehr windig
gewesen.
„Ich bin dieses Wasser leid, bin diese Schatten
leid."
Warum dachte ich das? Ich war doch so froh gewesen,
wieder hier zu sein, und ich hatte diesen Fluss immer geliebt.
„Bin
diese Erinnerungen leid."
Diese Erinnerungen? Dieser Ort hielt
einige der schönsten Erinnerungen meines Lebens!
„Genau hier
trafen wir uns immer. Genau hier fand ich den Tod."
Meine
Gedanken beunruhigten mich. Sie schienen außer Kontrolle zu sein.
Ich entschloss mich, doch wieder zurück zu der Brücke zu gehen und
über den Schlossweg zum Hotel. Irgendwie behagte mir dieser Fluss
bei Nacht nicht.
Die Sonne war nun untergegangen, und ein
bleicher, voller Mond füllte den Himmel. Er tauchte die Baumstämme
in ein kaltes, silbernes Licht. Ich erschauerte. Die Luft war sehr
still. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich erkannte, was fehlte:
keine einzige Vogelstimme war mehr zu hören. Ich konnte mich nicht
erinnern, wann sie alle aufgehört hatten.
„Ich konnte nicht mit
ihm leben. Ich konnte nicht ohne ihn leben."
Warum kamen diese
Erinnerungen jetzt hoch? Ich war mir nicht sicher, welche der
tragischen Liebesgeschichten meiner Vergangenheit mein
Unterbewusstsein nun gerade ausgrub, aber ich wollte an keine von
ihnen erinnert werden, am wenigsten jetzt, wo ich mich schon
missmutig genug fühlte. Ich schüttelte den Kopf und beschleunigte
meine Schritte.
Der Fluss war blau, von dunklem Blau, fast so tief
wie der Ozean. Er sang von Tod in der Dunkelheit, einem nassen,
kalten, bodenlosen Grab. Nicht jetzt, dachte ich, nicht nachts, ich
wollte mich nicht in seinen Tiefen verlieren. Ich wandte mich zum
Gehen. Der Pfad vor mir war blau, tiefseeblau, kleine blaue Wellen
zwischen den Bäumen, blaue Lachen, die sich vor mir formten, blaue
Augen, von dunklem Graublau, die mich in der Dunkelheit
anstarrten.
Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht
denken. Alles, was ich wusste, war, dass dort, vor mir im
Dämmerlicht, Lady Catherine Campbells Augen meinen Weg
blockierten.
Ihr graues Gewand verschmolz mit den Baumstämmen,
glitzerte hier und dort im Mondlicht, durchsichtig wie Spinnweben vor
dem Hintergrund des Unterholzes. Ihr dunkles Haar bewegte sich sachte
in der leichten Brise, eins mit den Blättern und Zweigen. Ihre Füße
verloren sich in den Schatten, ihre Hände, ihr Gesicht nicht mehr
als Reflexionen bleicher, vereinzelter, flüchtiger Strahlen des
Mondlichts. Aber ihre Augen, ruhelos wogend wie der Fluss – sie
waren unverkennbar. Sie hielten meine fest, dunkel und bodenlos, hohl
und durchdringend, leer und doch überfließend vor Schmerz, schwer
von Schuld, müde von dem Fluch zahlloser Jahre.
„Ich nahm
seinen Dolch," sagte ihre Stimme in meinem Kopf. „Hier unter der
Brücke. Seinen Dolch für mein Herz."
Tränen waren zwischen
uns in der Nachtluft. Ich weiß nicht, ob es ihre waren oder meine.
Tränen waren in dem Fluss neben uns. Ich wusste, dass Tränen im
Himmel waren.
„Es gibt Vergebung, weißt du," sagte ich
schließlich mit heiserer Stimme. „Jemand starb für all unsere
Verfehlungen. Du kannst ihn darum bitten und erlöst werden."
Ein
Windstoß zerzauste die Baumwipfel. Ich schloss meine Augen.
Ich
weiß nicht, wie lange ich so dastand, in stillem Gebet, bevor ich
die Brücke überquerte und zurück zum Hotel ging.
Seither war ich mehrere Male in Inveraray. Ich bin in der Dämmerung am Fluss entlang gewandert, und jedes Rascheln in den Blättern hat meinen Herzschlag beschleunigt. Aber ich habe nie mehr etwas Außergewöhnliches gesehen oder gehört. Nichts als das träge Murmeln des Flusses, und hin und wieder einen Vogel in einer der mächtigen Buchen. Doch jedes Mal, wenn ich jenen Pfad entlang spaziere, kehren meine Gedanken zu jener einen Nacht zurück. Und ich wundere mich, warum es jetzt so ruhig ist, warum der Fluss so friedlich scheint; und immer noch frage ich mich jedes Mal, ob damals, als ich in jener Nacht wieder an der Brücke angekommen war, ich von einem halbstündigen Traum erwacht war – oder sie von einem jahrhundertelangen Albtraum.
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