Was tat er hier?
Iuro blickte sich verstohlen um. Warum stand er mitten in der Nacht irgendwo tief im Wald, ohne zu wissen, wie er hierher gekommen war und vor allem, warum?
Er sollte schnell wieder von hier verschwinden, seine Eltern würden sich Sorgen machen und außerdem fror er. Schließlich war es schon Ende Oktober und ohne Jacke musste man zweifellos von der Kälte geplagt werden.
„Wie bin ich hier her gekommen, verdammt noch mal?" Verzweifelt dachte er nach, wie er von seinem Schreibtisch hier in den Wald gefunden hatte, ohne es bemerkt zu haben. Die ganze Sache wurde immer unklarer und er bekam langsam Angst. Wo ging es bloß nach Hause?
„Du bist ja doch gekommen!", erklang plötzlich eine Stimme hinter Iuro, der vor Schreck zusammen zuckte. Schnell drehte er sich um und entdeckte einen Jungen, der keine fünf Meter von ihm entfernt lässig an einem Baum lehnte. Was ging hier vor?
„Wer bist du und wo sind wir?", fragte Iuro und wich vorsichtshalber ein Stück
von dem fremden Jungen zurück, er fühlte sich nicht wohl in der Nähe des anderen.
„Das ist jetzt ein Witz, oder? Natürlich weißt du, wer ich bin. Und wo wir sind erst recht." Leicht schockiert über diese Unwissenheit schüttelte der andere den Kopf.
„Nein, weiß ich nicht!", schrie Iuro aufgebracht und funkelte sein Gegenüber wütend an. „Ich habe keine Ahnung." Ansonsten würde er nicht solche dummen Fragen stellen.
„Wirklich? Hätte ich gar nicht gedacht, immerhin bist du her gekommen. Aber ich kann dir helfen, dich daran zu erinnern." Ein seltsames Grinsen schlich sich auf sein Gesicht und bevor Iuro reagieren konnte, fand er sich in der erdrückenden Umarmung des anderen Jungen wieder.
„Was soll das?", fauchte er erschrocken und versuchte sich zu befreien, allerdings ohne Erfolg. „Bist du wahnsinnig?" Das ging ihm definitiv zu weit.
„Hör auf, dich zu wehren, Iuro. Du willst es doch wieder wissen."
„Woher kennst du meinen Namen?" Das Herz schlug Iuro bis zum Hals und panisch versteifte er sich in der ihm unangenehmen Einengung.
„Denk nach, du kennst meinen auch."
„Nein!" Wie lange sollte das noch so weitergehen? Er kannte diesen Typen nicht, wie oft denn noch?
„Na gut, ich sags dir." Mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck flüsterte er Iuro ins Ohr: „Ich bins, Selon."
Mit einem Schlag kehrten die Erinnerungen zurück: Selon. Die Nacht vor fast zwei Jahren, hier im Wald. Und dann die Zeit ohne ihn. Alles sorgsam Verdrängte brach wieder hervor, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte.
„Warum?", flüsterte Iuro heiser und kämpfte gegen die Tränen an. „Warum bist du wieder gekommen?"
„Du erinnerst dich also wieder", stellte Selon befriedigt fest.
„Ja, leider." Absichtlich sah Iuro zu Boden, er wollte dem anderen auf keinen Fall zeigen, wie verletzt er war. Doch ahnte Selon, was in Iuro vorging und hob daher dessen Kinn an und entdeckte auch sofort das verdächtige Glitzern in seinen Augen.
„Lass mich los!", fuhr Iuro ihn an und stieß ihn von sich weg. „Warum interessiert es dich jetzt, wie es mir geht? Vor zwei Jahren hätte es dich interessieren müssen." Dann hätte er nicht so schrecklich gelitten.
„Es tut mir Leid, Iuro, wirklich. Aber es ging nicht anders."
„Lass mich mit deinen dummen Ausreden in Ruhe." Die wollte er nicht hören.
Wie konnte Selon nur so etwas sagen? War es so schrecklich mit ihm zusammen zu sein, dass Selon sich schon am nächsten Tag aus dem Staub gemacht hatte? Und das für zwei Jahre ohne ihn vorzuwarnen?.
„Verschwinde wieder dahin, wo du hergekommen bist."
Es hatte über ein Jahr gedauert, bis Iuro Selons Verschwinden verkraftet hatte und dann noch ein halbes Jahr, bis er ihn so gut wie möglich verdrängt hatte.
„He, Iuro, bleib hier." Er packte den anderen am Handgelenk und zog ihn wieder zu sich. „Ich weiß, dass es falsch war, aber damals hatte ich furchtbare Angst, dass es herauskommt. Du warst doch erst 13 und ich fast 16, das konnte nicht gut gehen, deshalb bin ich weggegangen."
„Du verdammter Egoist!", schrie Iuro ihn an. „Hättest du dir das nicht vorher überlegen können? Ich bin vor Einsamkeit fast eingegangen und dachte, du hättest mich nur verarscht. Und jetzt soll alles wieder in Ordnung sein? Vergiss es!" Ohne Selons verletzten Blick zu beachten, riss Iuro sich los und ließ seinen Gesprächspartner allein stehen. Er wollte so schnell wie möglich in sein Bett zurück und Selon nie wieder sehen, egal, wie weh es dieses Mal tat.
Nach 20 Minuten planlosem Herumlaufen musste er sich eingestehen, dass er sich verlaufen hatte. Alles sah im Dunkeln gleich aus und selbst bei Tageslicht fand man sich hier nicht gut zurecht.
Vor zwei Jahren hatte er sich auch verlaufen, dabei Selon getroffen und zusammen mit ihm einen Weg nach Hause gesucht. Irgendwann war es dann geschehen. Sie hatten zwar nicht miteinander geschlafen, aber viel hatte nicht mehr gefehlt.
Panisch versuchte Iuro, an etwas Anderes zu denken, doch es funktionierte nicht. Stattdessen sah er immer wieder Selons Gesicht vor seinem inneren Auge und hörte den Klang seiner Stimme, die unablässig nach ihm rief.
„Geh endlich weg." Betäubt von der erschlagenden Menge Erinnerungen ließ sich Iuro ins Gras fallen und schloss die Augen. Es hatte keinen Sinn, sie verschwanden nicht, genauso wenig wie Selon.
„Iuro, wo bist du?" Dieser Idiot ließ wirklich nicht locker, egal wie abweisend Iuro tat.
Kurze Zeit später stand er neben dem scheinbar schlafenden Iuro und musterte diesen eingehend. Er sah fast genauso aus wie vor zwei Jahren, höchstens ein Stück größer, hatte aber noch dieselben kurzen, hellbraunen Haare, die grünen Augen und die drei Kilo mehr auf den Rippen, was Selon überhaupt nicht schlimm fand.
Er selbst hatte sich allerdings verändert: 14 cm größer, 8 kg leichter und schwarz gefärbte Haare. Kein Wunder, wieso Iuro ihn nicht erkannt hatte. Oder erkennen wollte.
„Iuro, es tut mir wirklich Leid, ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen." Er kniete sich neben ihn und streichelte ihm vorsichtig über die Wange, um zu prüfen, wie Iuro darauf reagierte.
Als dieser sich nicht wehrte, nahm Selon seinen ganzen Mut zusammen und küsste den anderen auf den Mund. Wahrscheinlich würde Iuro ihn dafür umbringen, aber er musste ihm ein letztes Mal zeigen, dass er es ernst meinte.
Ohne Vorwarnung schlang Iuro, der eindeutig nicht geschlafen hatte, seine Arme um Selons Nacken und riss ihn zu sich.
„Du bist echt egoistisch und dumm", murmelte er, „aber ich komm nicht von dir los."