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Im Schatten des Karakorum
Author:
Athelassa PM
Ein berühmter Bergsteiger gerät auf einer Expedition an seine Grenzen. Was will er vom Leben und was will das Leben von ihm? Wie läuft man erfolgreich vor seinen Problemen davon? Und ist das Glück auch abseits der Berge zu finden? Die Geschichte basiert auf den wahren Ereignissen einer Himalaya-Expedition in den 50er Jahren.
Rated: Fiction K+ - German - Adventure/Friendship - Chapters: 25 - Words: 59,478 - Reviews: 7 - Follows: 1 - Updated: 10-26-12 - Published: 07-10-12 - Status: Complete - id: 3040654
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Als es gegen den Abend zuging, kam Dr. Shah Khan zu Dr. Paule und fragte ihn etwas, worauf dieser zögernd antwortete.

„Worum geht es?", wollte Anderl von Hias und Karl wissen, die beide ebenfalls des Englischen mächtig waren.

„Dem Engländer mit der Kopfwunde geht's anscheinend sehr schlecht", antwortete Karl, sogleich besorgt, „und Dr. Shah Khan möchte gerne Paules professionelle Meinung dazu einholen."

„Das kommt nicht in Frage", entschied Hias eisern. „Da hätten sie sich früher überlegen müssen, dass sie vielleicht noch auf uns angewiesen sein würden."

„Der Verletzte ist hier der Leidtragende", meinte Dr. Paule zögerlich. „Er war schliesslich an der ganzen Auseinandersetzung nicht beteiligt."

„Paule soll sich auf jeden Fall um den Verletzten kümmern", fand Karl entschieden. „Wenn er stirbt und wir etwas dagegen hätten machen können, dann sind wir mitverantwortlich für seinen Tod."

Karl und Hias schauten sich herausfordernd an und Anderl fand heraus, dass der sonst immer so nette und gutmütige Karl durchaus auch energisch sein konnte.

„Was meinst du, Anderl?", fragte ihn Hias nach einer Weile.

Anderl zuckte mit den Schultern. Es war ihm nicht gegeben, lange einen Groll zu hegen.

„Wenn's um Leben und Tod geht, sollte man nicht nachtragend sein", fand er schliesslich und Karl lächelte ihm dankbar zu. Hias akzeptierte schliesslich, dass er überstimmt worden war und liess Dr. Paule den Engländer untersuchen. Die ganze Zeit über verfolgten Hias und Anderl das Geschehen und jede von Dr. Paules Bewegungen mit Argusaugen.

Später kam auch Meera dazu, die den kleinen Shajeef vorher in Anderls Armen deponierte, sehr zum Erstaunen von Hias und Karl. Zu dritt standen die Ärzte um den Verwundeten herum, berieten sich und kontrollierten immer wieder den Zustand des Patienten. Schliesslich sagte Dr. Shah Khan etwas zum Blonden, worauf dieser zuerst den pakistanischen Doktor und danach auch Dr. Paule verzweifelt an den Armen griff. Es war nicht schwer zu erraten, dass er keine guten Nachrichten erhalten hatte. Dr. Paule hatte sich sanft aus dem Griff des Engländers gelöst und kam dann zu seinen Freunden zurück.

„Wir können nichts mehr tun", sagte der Doktor traurig. „Er hat höchstwahrscheinlich eine Hirnblutung, die wir mit der medizinischen Einrichtung hier aber nicht behandeln können. Es gibt ja nicht einmal ein Röntgengerät. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, ist er vor dem Morgen tot. Zumindest bekommt er nichts mehr mit und wird keine Schmerzen haben."

Alle zeigten sich betroffen, sogar Hias. Zu bekannt waren vor allem den Bergsteigern unter ihnen solche Schicksale, wo durch fatale Zufälle oder kleine Fehler ein ganzes Leben ausgelöscht werden konnte. Der blonde Engländer war untröstlich, während der grosse Rothaarige nur steinern neben dem Bett sass.

„Der Blonde ist der Bruder des Verletzten", teilte ihnen Dr. Paule leise mit. „Beide galten als grosse Nachwuchshoffnung in England und sollten sich hier einen Siebentausender oder Achttausender holen."

Als der Blonde mit tränenüberströmtem Gesicht zu ihnen hinübersah, nickte ihm Anderl zu, als Zeichen des Anteilnahme. Er war überrascht, als der andere zurücknickte.

Die Nacht war lang und keiner von ihnen fand wirkliche Erholung. Anderl erwachte irgendwann aus einem unruhigen Schlaf, als die Engländer den leblosen Körper des Bruders und Kameraden in eine Decke gewickelt an ihnen vorbei ins Freie brachten. Das Wunder hatte sich wie so oft nicht einstellen wollen.

Am Morgen war dann die Stimmung dementsprechend gedrückt, was zum verhangenen Regenwetter passte. Die Freunde bestanden trotzdem auf die Abreise und im Morgengrauen nahmen sie Abschied voneinander. Anderl wusste, dass er zumindest Hias und Dr. Paule nun für eine ganze Weile nicht mehr sehen würde, da sie in den nächsten paar Tagen den Batura in Angriff nehmen wollten. Karl hingegen kündete bereits wieder einen baldigen Besuch an, da ihn seine Messungen in nächster Zeit noch öfters in die Nähe von Aliabad bringen würden. Noch einmal forderte Anderl Hias auf, Vorsicht walten zu lassen und noch einmal wünschte er ihnen viel Erfolg, dann ritten sie Richtung Hauptlager los. Anderl war selber überrascht davon, dass es nicht mehr ganz so fest schmerzte, die anderen ohne ihn losziehen zu lassen, als noch das letzte Mal. Vielleicht war er endlich auf dem richtigen Weg, sich mit seiner Situation abzufinden.

Bevor er wieder hineinging, machte er einen kleinen Umweg zum kleinen Friedhof, der nicht weit vom Lazarett entfernt lag. Im strömendem Regen standen die beiden Engländer am frisch geschaufelten Grab des Bruders und Freundes. Anderl sah ihnen eine Weile vom Schutz eines Baumes aus zu und war sich unsicher, ob er hingehen sollte oder nicht. Einerseits konnte er sich nur zu gut in ihre Lage versetzen und hätte ihnen gerne kondoliert, andererseits wollte er sie in ihrer Trauer nicht stören. Schliesslich nahm er seinen Mut zusammen und ging zu ihnen hinüber.

Die beiden Engländer schauten ihm überrascht zu und regten sich nicht, als Anderl eine blaue Heckenrose, die er zu diesem Zweck gepflückt hatte, auf das frische Grab legte. Auf dem selbstgeschnitzten Kreuz stand ‚R.I.P. Robbie Kensington, 1930 - 1954' und Anderl war, nicht zum ersten Mal, betroffen darüber, dass das Bergsteigerschicksal gerade die Jungen nicht verschonte.

„Mein herzliches Beileid", sagte Anderl nach einer Weile, obwohl er wusste, dass ihn die anderen nicht verstanden. Gerne hätte er es auf Englisch gesagt, damit sie ihn verstünden, aber er kannte die Worte nicht.

Der Blonde schaute ihn lange an und wirkte einigermassen gefasst.

„Danke, ich weiss das zu schätzen", antwortete er schliesslich in gutem Deutsch, aber mit starkem Akzent.

Anderl zuckte überrascht zusammen, nickte dann nur, bevor er sich umdrehte und zum Lazarett zurückging.

Nachdenklich legte er sich wieder in sein Bett und zupfte gedankenverloren am Verband, der seinen Kopf wie ein Stirnband umgab. Zu oft war er bereits an Beerdigungen gewesen, in seinen jungen Jahren fast jede Woche. Trotzdem hatte es ihn niemals von seinen Vorhaben abschrecken können, und er war sich sicher, dass sich auch der Blonde nicht davon würde aufhalten lassen. Wenn schon, dann hatte es bei Anderl den Drang nur noch erhöht, eine Wand zu erklimmen, wenn er wusste, dass darin zuvor Freunde abgestürzt waren. So war es gewesen bei der Nordwand der Grandes Jorasses, die zwei seiner engsten Freunde auf dem Gewissen hatte. Nach einem Wettersturz war er sie gemeinsam mit einem weiteren Freund suchen gegangen, konnte aber nur noch ihre steifgefrorenen Körper bergen. Das Bild von der aus dem Schnee ragenden Hand, die noch den ausgebrochenen Haken hielt, liess ihn noch zwanzig Jahre später hin und wieder aus dem Schlaf schrecken.

Den ganzen Nachmittag lang plagten Anderl solche trüben Gedanken, aber er konnte sich nicht dazu aufraffen, sich davon abzulenken. Irgendeinmal gegen Abend stand der blonde Engländer etwas verloren an seinem Bett.

„Setz dich nur", meinte Anderl und rückte zur Seite. Er vermutete, dass der Blonde einige Jahre älter war als sein verstorbener Bruder, etwa um die dreissig.

„Danke", sagte dieser mit steinerner Miene und setzte sich auf die Matratze. „Wir haben uns falsch verhalten, trotzdem bist du nett zu mir. Ich verstehe es nicht richtig."

„Ihr habt euch falsch verhalten, das stimmt", antwortete Anderl ehrlich. „Ihr habt gegen die Kameradschaft unter Gleichgesinnten verstossen, was man nie tun sollte. Wir sind vielleicht eure sportliche Konkurrenz, aber nicht eure Feinde, egal was irgendwelche Politiker sagen. Aber der Schicksalsschlag, mit dem du zu kämpfen hast, ist hart zu ertragen und es ist jetzt nicht der Zeitpunkt, um euch eure Fehler vorzuhalten."

Dem Blonden stiegen auf einmal die Tränen in die Augen und er drehte sich zur Seite.

„Wie soll ich es nur unserer Mutter sagen?", fragte er mit erstickter Stimme, aber Anderl konnte ihm dabei auch nicht helfen. Still sass er daneben, während der Engländer mit seiner Fassung rang.

„Wir haben einige Vorstösse auf den Batura gemacht", erzählte der Blonde nach einer Weile mit belegter Stimme. „Wir kamen aber nicht weit. Es hat viel Schnee in den Wänden, und als der Schnee schmolz, kamen auch Steine mit. Robbie hatte keine Chance, als ihn der Stein traf. Zuerst ging es ihm gut, er klagte nur etwas über Kopfschmerzen und Schwindel und wir haben uns keine grossen Sorgen gemacht. Im Lager bei den anderen von unserer Expedition wurde ihm übel. Ich wollte unbedingt, dass er medizinisch untersucht wird und Phil, ein guter Freund von Robbie, wollte ebenfalls mitkommen. Also sind wir zu dritt losgeritten. Den Rest kennst du. Er ist einfach zusammengebrochen und nicht mehr aufgewacht. Keine letzten Worte, an die ich mich erinnern könnte."

Anderl nickte. Die Gefühle, welche der andere durchmachte, waren ihm wirklich nicht fremd. Bevor sich die Trauer einstellen konnte, musste man sich die quälenden Fragen stellen, ob man nicht etwas hätte besser machen können und ob man am Tod mitverantwortlich war.

„Steinschlagwunden sind tückisch", stimmte er schliesslich leise zu. „Ihr konntet nichts machen. Auch wenn ihr ihn gleich von Anfang an ins Lazarett gebracht hättet, wäre es unmöglich gewesen, ihm zu helfen. Du hast vollkommen richtig gehandelt."

Anderl hatte das Gefühl, dass der Blonde im Moment einfach jemanden brauchte, der ihm sagte, dass es nicht seine Schuld war. Zur Trauer trug er auch die drückende Last der Verantwortung für seinen jüngeren Bruder. Der Engländer schwieg eine Weile und starrte ins Leere. Dann zog er die Nase hoch und blickte Anderl mit gefasstem Blick an.

„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt", meinte er nach einer Weile. „Mein Name ist Charlie Kensington. Das dort drüben ist Phil Statham."

Anderl blickte zum Rothaarigen hinüber, der ihnen am anderen Ende des Raumes den Rücken zudrehte, bevor er sich wieder dem Blonden widmete.

„Anderl Heckmair."

„Heckmair?", fragte der andere überrascht und schien die Trauer für einen Moment zu vergessen. „Der Eiger-Heckmair?"

„Ja, der Eiger-Heckmair", bestätigte Anderl, nun seinerseits erstaunt über die eigene Bekanntheit.

Für eine Weile schwieg Charlie und Anderl wusste nicht so recht, wie er das nun zu interpretieren hatte. War sein Ruf im Ausland tatsächlich so schlecht?

„Das beschämt mich um so mehr", meinte schliesslich Charlie ohne ihm in die Augen zu blicken, „dass wir uns so ekelhaft angestellt haben. Du warst bei uns im Mountain Club so etwas wie eine Legende, obwohl wir das niemandem sagen konnten, wegen der anti-deutschen Stimmung. Ich habe in der Schule Deutsch gelernt und dein Buch zu den drei letzten Problemen der Alpen nachts unter der Bettdecke gelesen. Und Robbie, der kein Deutsch mehr lernte, habe ich dann die Geschichten weitererzählt."

Anderl wusste nicht so recht, wie er darauf reagieren sollte und nickte deshalb nur leicht mit dem Kopf.

Auf einmal stand Charlie auf.

„Ich brauche ein wenig Zeit, um mit allem klar zu kommen. Ich danke dir für das Gespräch."

Anderl blickte dem Engländer nach, als dieser nach draussen ging.

Als Anderl am nächsten Morgen aufwachte, waren die beiden Engländer am Packen. Er schaute ihnen eine Weile zu und Charlie kam schliesslich zu ihm.

„Wir gehen heute zu unserem Lager zurück", sagte er ruhig zu Anderl. „Es liegt nordwestlich des Rakaposhi, am bewaldeten Südhang eines Hügels, wenn ihr dem Fluss stromaufwärts entlang geht, dann müsstet ihr es finden. Falls ihr irgendetwas braucht, dann kommt zu uns hinüber, ich werde dafür sorgen, dass man euch helfen wird. Wir haben den Anstieg zum Batura über den südwestlichen Grat versucht, dann dem Kamin entlang, als wir vom Steinschlag überrascht wurden. Ich habe deine Freunde vor ein paar Tage am gleichen Ort aufsteigen sehen. Es wäre besser, wenn sie vor dieser Gefahr gewarnt werden würden."

„Danke", meinte Anderl mit einem Lächeln und verstand die Nachricht, so wie sie gemeint war, als Versöhnung und als Freundschaftsangebot. Er würde nach dem Gespräch sofort Hias schreiben, um sie von der Gefahr in Kenntnis zu setzen.

„Was machst du eigentlich noch hier?", fragte Charlie auf einmal. „Weshalb bist du nicht mit den anderen zu eurem Lager zurückgekehrt?"

„Ich habe mir bei unserem Vorstoss auf den Rakaposhi eine schwere Lungenentzündung geholt", gab Anderl wahrheitsgetreu zur Antwort. „Die Krankheit war schon fast ausgeheilt, als ich einen Rückfall erlitten habe. Zweimal wäre ich fast daran gestorben, jetzt kann ich mich nicht mehr an den Versuchen beteiligen, ansonsten riskiere ich neben einem erneuten Rückfall auch dauerhafte gesundheitliche Schäden. Für mich ist die Bergsteigerei hier zu Ende."

Dieses Zugeständnis tat noch immer weh, aber im Angesicht eines Mannes, der gerade seinen Bruder verloren hatte, verlor es an Bedeutung.

„Dann wünsche ich dir alles Gute", meinte Charlie, nicht ohne Anteilnahme. „Und du kannst versichert sein, dass meine Kameraden von mir nicht erfahren werden, dass du aus dem Rennen bist."

Die beiden Engländer packten ihre Sachen auf das dritte, reiterlose Pferd und stiegen dann auf ihre eigenen Pferde. Der Rothaarige, Phil, wich weiterhin jeglicher Interaktion mit Anderl aus und ignorierte ihn vollkommen. Anderl fand sein Verhalten daneben, aber er wollte keinen weiteren Streit vom Zaun brechen. Aus diesen Gründen verabschiedete er sich nur von Charlie, dafür um so herzlicher. Die beiden Engländer ritten am Friedhof vorbei, blieben noch einmal kurz stehen und verschwanden dann hinter den Bäumen.

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