
| Goldstroh
Author: Karoline Tint Hast deine Zunge verloren auf dem Weg in die Freiheit? Mit dem Löffel voll Suppe auf dem Weg zum Mund den Mut verloren?
Rated: Fiction K+ - German - Poetry/Adventure - Words: 554 - Published: 01-14-13 - Status: Complete - id: 3092109
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Goldstroh
Hast eine Nadel verloren, im Heuhaufen, im Goldstroh? Hast einen Gedanken verloren, eben noch an der Oberfläche, abgetaucht, irgendwo tief in dir, in Tiefen, die du nicht ergründen darfst? Hast deine Zunge verloren auf dem Weg in die Freiheit? Mit dem Löffel voll Suppe auf dem Weg zum Mund den Mut verloren?
Goldstroh brennt gut. Hast eine Nadel verloren, glückliche, undankbare Person, kein brennendes Streichholz. Nur mit dieser einen Nadel dieser eine Stich, du und eine Idee, sonst für immer getrennt? Goldstroh brennt gut, merk dir das... hast eine Nadel verloren, nur eine lächerliche Nadel.
Du hast dir mal einen goldenen Teppich gewebt aus diesem Stroh. Einmal saßt du auf einem hölzernen Schemel, eingesperrt die ganze Nacht, spannst und webtest und flogst dann davon, in eine Welt weit fern von der Kälte des Windes: ein goldener Teppich, endlose Freiheit über Wolken, die dich erdrücken könnten, wärst du nicht, wo du bist.
Schließ die Augen nicht! Du wirst Schreckliches sehen... du wirst Schreckliches verpassen... schließ sie niemals... schlafe nie wieder! Du wirst brennen, schläfst du jemals wieder, brennen wie ein Schober voller Goldstroh – denkst du wirklich, es lag an dir, dass du geflogen bist? Wasser wird nicht zu Wein und Stroh wird nicht zu Gold, aber der Glückliche braucht keinen Wein und kein Gold – der Glückliche schläft im Stroh bei den warmen Tieren, berauscht sich mit Träumen, mit den Drogen seines Blutes, mit dem Alkohol seiner Wünsche, nicht mit Wein. Er braucht kein Geld, zieht ohne Taschentuch und ohne Hut los, braucht nur Stroh zum Schlafen und Wasser zum Trinken – bei den warmen Tieren, den Kopf an der Tränke, der Bauer hat erst heute frisches Wasser gebracht.
Wein und Gold, man hört es, man denkt an Glück, an Luxus, an Zufriedenheit... man vergisst die Weite, vergisst den Weg von Küste zu Küste und alles, was er zu bieten hat... die Gierigen und Reichen, die Vergierten, Verreichten, liegen auf ihren Polstern mit Wein und Gold geschmückt wie alte Götter, längst zerbrochene Statuen, längst gestürzter Aberglaube, etwas, was Glück verspricht und einen dann hält, so fest, dass der Weg von Küste zu Küste auf ein paar Füße verzichten muss.
Eine Idee mehr oder weniger – nichtig.
Gold und Wein, endlich erreicht, eine Errungenschaft, schwerer als das, was auch immer in der anderen Waagschale liegt... eine Idee lässt sich nicht zu Gold machen, ohne Gold kann man keinen Wein kaufen.
Die Gierigen, die Vergierten, schlemmen auf ihren Polstern. Die Wege von Küste zu Küste verzichten auf ihre Füße.
Im Stroh bei den warmen Tieren trinkt jemand Wasser aus einem Tonkrug. Die Füße schmerzen, die Schultern auch, der Kopf voller Bilder, Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges vermischt sich in Zufriedenheit. Du hast eine Nadel verloren im Goldstroh, aber es war kein brennendes Streichholz, also leg dich nieder zwischen den Tieren und suche, suche die ganze Nacht, die Nadel ist noch da und das ist ein Versprechen, das dich nicht halten wird. Wenn du erwachst, rufen die Wege nach deinen Füßen, ruft die Schönheit Natur nach deinen Augen; deine Idee mit der Nadel fest an dich genäht, kein Taschentuch und keinen Hut, betrittst du dann die Welt, lässt die Vergierten sich fettschlemmen und wenn sie wollen, können sie ihre Leichen ja vergolden lassen. Die Nadel sicher an den Ärmel gesteckt, trennt dich nichts und niemand von der Welt.
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