
| Im dunklen Wald
Author: Karoline Tint Die Eltern lassen ihre Kinder über Berge laufen, wissen nicht mehr, wie lang und wie fest sie ihre Hand halten dürfen und müssen, wissen nicht mehr, wie eng und wie locker sie sie an sich ziehen dürfen und müssen, wissen nicht mehr, wissen nicht mehr.
Rated: Fiction K+ - German - Poetry/Family - Words: 261 - Reviews: 1 - Published: 01-14-13 - Status: Complete - id: 3092110
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Im dunklen Wald
Im dunklen Wald verlieren kleine Kinder ihre Schuhe. Sie lassen sie liegen, wenn ihre Füße hinausfallen. Später werden die Wölfe sie finden. Im Dunkel der Nacht werden sie die Witterung aufnehmen. Sie werden wissen, auf welche Bäume die Kinder geklettert sind, in welchen Pfützen und Flüssen sie gespielt haben. Die Wölfe allein werden es wissen, die Eltern nicht. Die Eltern lassen ihre Kinder über Berge laufen, wissen nicht mehr, wie lang und wie fest sie ihre Hand halten dürfen und müssen, wissen nicht mehr, wie eng und wie locker sie sie an sich ziehen dürfen und müssen, wissen nicht mehr, wissen nicht mehr. Sind unsicher, sind wie ein Pack armer Idioten, geben ihre Fehler, liebevoll in Ermahnungen und schlechtes Gewissen verpackt, an ihre Kinder weiter – nimm, gutes Kind, freu dich, du gutes Kind!
Sie wissen nicht.
Im dunklen Wald fressen Monster kleine verängstigte Tiere. Ein mageres Kaninchen überlebt, weil an seinem Bruder mehr dran war. Die Monster sind hungrig. Sie bekommen selten Menschenfleisch, denn den Kindern wurde die Angst vor dem großen dunklen Wald anerzogen – nur mit Mama und Papa gehst du dort hinein, nicht allein mit deinen Freunden! Sei brav, sei leise, sei lieb – du gutes Kind, du gutes Kind.
Zwischen den dunklen Bäumen atmen uralte Geister. Ihre weißen todlosen Augen verfolgen das Geschehen, verfolgen die Nacht, die Monster. Die Monster können den Geistern nichts tun, aber sie würden es, wenn sie könnten. Die Monster fletschen die Zähne. Die Geister blinzeln unbeeindruckt – alte Greise, obschon manche von ihnen jung aussehen, Gestrüppgespenster, nutzlose Erinnerungen.
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