Sie lief den matschigen Weg hinunter, wobei sie im klebrigen Schlamm zu versinken drohte. Von der Decke des Dungeons tropfte kaltes Wasser herunter. An der Oberfläche musste es sehr stark geregnet haben, wenn das Wasser schon durch das lockere Gestein in die Höhle sickerte. Sie hoffte inständig, dass sie einer der Vorbeikommenden nicht für ein Ungeheurer halten und ihr den Kopf abschlagen würde, so sehr war sie von Morast verklebt. Das Schwert, dass sie auf dem Rücken festgebunden hatte, zog sie nach hinten und nur unter größter Anstrengung konnte sie sich auf dem rutschigen Pfad halten.

Das Kreischen von Harpyien drang an ihr Ohr. Sie beschleunigte ihre Schritte, um so schnell wie möglich diesem gottverlassenen Ort zu entfliehen. Ihre Arme und Beine röhrten vor Schmerz, während sie sich durch den Schlick kämpfte, in dem sie inzwischen schon bis zu den Knien steckte. Schweißtropfen, die ihr Gesicht herunterrannen, bildeten helle Risse in ihrem schmutzigen Gesicht.

Das Kreischen wurde lauter und sie glaubte, von mehreren dunklen Felsvorsprüngen her, das Rascheln von Flügeln zu vernehmen. Flucht war also aussichtslos. Sie hörte die Regentropfen an der Oberfläche niederprasseln. Es musste ein schrecklicher Regenguss sein. Jetzt ließen sich die ersten Harpyien blicken, grausige Kreuzungen aus Frauen und Vögeln. Sie schrieen und lärmten immer lauter und sie nahm deutlich wahr, dass die Monster näher kamen. Sie zog ihr Schwert, konnte es aber nur mit Mühe festhalten. Sie befand sich in einem dermaßen schlechten Zustand, dass sie den Kampf mit mehreren auf einmal auf jeden Fall verlieren würde. Schon erschien die erste Kreatur auf dem Weg vor ihr. Die Harpyie hatte das Maul zu einem weiteren Schrei geöffnet und entblößte dabei ihre rasiermesserscharfen Zähne. Sie zögerte keinen Moment länger und stieß dem Ungeheuer das Langschwert in den Rachen. Es gelang ihr ein wenig, ihren Stand im Schlamm zu lockern, bevor die nächsten Harpyien angriffen. Sie kreisten, schreiend und wehklagend über die verlorene Freundin, über ihrem Kopf. Sie war bereit zu sterben. Zwei der Harpyien schossen auf sie zu und packten sie an beiden Schultern. Doch anstatt ihre Rüstung aufzureißen und ihr jeden Zentimeter des Körpers einzeln zu zerfasern, wie sie es erwartet hatte, trugen sie das Mädchen davon. Sie hatte wirklich scheußliche Geschichten über diese Wesen gehört, aber dass sie Menschen verschleppten, war ihr neu.

Plötzlich fing die Harpyie rechts neben ihr wieder an zu kreischen und sogleich entdeckte das Mädchen die Ursache dafür. Ein Pfeil hatte die Kehle des Ungeheuers durchbohrt und es stürzte zu Boden. Die Bestie zu ihrer linken hatte große Mühe, sie weiter zu tragen. Der nächste Pfeil schoss knapp an ihrer Nase vorbei und traf das Knie der Harpyie. Diese riss ihr zähnebewehrtes Maul auf und schrie, da durchdrang ein weiterer Pfeil ihren Kopf von einem Ohr zum anderen. Diese ließ sie ebenfalls los und stürzte kurz über ihr ebenfalls in die Tiefe.

Obgleich der Schlick ihren Fall bremste, schmeckte sie Blut im Mund. Sie wollte aufstehen und sich nach ihrem Erretter umsehen, doch eine durchdringende, klare Stimme befahl ihr, liegen zu bleiben. Das bleiche Gesicht eines Elfs tauchte über ihrem auf und eine ebenso bleiche Hand fühlte ihren Puls. "Hört auf, ich bin nicht tot!", flüsterte sie ihm entgegen. Er blieb stumm und betastete die Wunde an ihrer Lippe, durch die das Blut in ihren Mund gekommen war. Er erhob sich und nahm seinen Bogen, den er an den Rand des Weges gelegt hatte, an sich und gab ihr das Langschwert zurück, das sie bei ihrem Aufprall hatte fallen lassen. Sie war so verwundert über diesen seltsamen Retter, dass sie kein Wort des Dankes hervorbrachte, sondern ihn nur mit offenem Mund anstarrte. Sie saß zu seinen Füßen und sah an ihm hoch, bis er ihre Hand packte und ihr aufhalf. "Meint ihr, dass ihr laufen könnt, Fräulein...?" "Ceria. Ja, ich denke schon." Der Elf schien beim Laufen nicht im Schlamm zu versinken, worum sie ihn beneidete. Zusammen kämpften sie sich durch das Schlammfeld, zu dem der Weg geworden war. Und doch verließ sie irgendwann die Kraft und sie fiel, vom Gewicht ihres Schwertes zu Boden gedrückt, vornüber in den schleimigen Morast.

Es schien zu nieseln. Wie war das in einer Höhle möglich? Beunruhigt sah sich der Elf nach allen Seiten um, während er die fast bewusstlose Ceria aufhob und an seiner Schulter abstützte, damit sie nicht umfiel. Er ließ sich zu Boden sinken. So konnten sie unmöglich weiter. Als seine Blicke über sie schweiften, fiel ihm auf, wie jung sie sein musste. Sie war kaum älter als vierzehn oder höchstens fünfzehn. Sie trug einen Panzer aus Rihael'hean, dem feuerroten Metall, welchem unglaubliche Zauberkraft nachgesagt wurde. Ihn wunderte, wie so ein junges Mädchen allein auf einen seit Jahren unbenutzten Pfad gekommen war. Er selbst hatte sich verirrt, es konnte gut möglich sein, dass sie sich ebenfalls in diesem Labyrinth von Dungeon verlaufen hatte.

Sie sammelte sich und wollte wieder aufstehen, doch er hielt sie fest. "Ruht eich noch ein wenig aus, Ceria." Irgendwie wirkte sie fiebrig. "Nein! Es wird bald soweit sein!" "Was meint ihr?" "Das Wasser! Es wird steigen!" Sie machte den Eindruck einer Verrückten. "Bitte, beruhigt euch!" Sie hustete und spuckte ein wenig Blut aus. Er nahm sie bei der Hand, um weiterzugehen. Mit wackeligen Schritten setzte sie ihren Weg fort. Als sie stolperte und er sie an der Taille auffing, zuckte seine Hand ruckartig wieder zurück. Ihre Rüstung war heiß wie Feuer geworden!

Sie schien es nicht zu stören, nicht einmal zu spüren, geschweige denn überhaupt zu wissen. Nachdem sie sich etliche Stunden durch Dreck und Moder gewühlt hatten, bemerkte der Elf, was das Mädchen gemeint hatte, als es sagte: "Es wird steigen!" Unmengen kalten Wassers schienen den Schlamm noch zu verdünnen, sodass sogar Elfen einsanken. Es hatte jedoch den Vorteil, dass es nicht mehr so dickflüssig war und man sich besser und schneller darin fortbewegen konnte.

Ceria war schweißüberströmt und keuchte als sei sie soeben eine weite Strecke gerannt. Sie sah an den Felswänden hoch, die den Pfad eingrenzten. Wie lange es wohl dauern würde, bis auch die obersten Spitzen von Wasser umgeben waren?

"Ceria, wo kommt das ganze Wasser und dieser Nieselregen her?" "In meiner Sprache heißt es: Cona min hano. Die magische Quelle. Die unterirdischen Winde, die in diesem Dungeon wüten, wirbeln das magische Wasser der Quelle auf uns so kommt es zu Regen und Überschwemmungen..." Der Elf wollte sich den Schaden einer überschwemmten Höhle nicht vorstellen und legte noch ein wenig Tempo zu. "Wo wolltet ihr hin, Ceria?" "Zurück zur Stadt." "Wie seid ihr hergekommen?" Sie sah ihn böse an. "Kümmert euch bitte nicht um meine Angelegenheiten. Ihr habt mich zwar gerettet, was aber noch lange nicht heißt, dass ich euch vertraue oder so..." Er seufzte und wollte nach seiner nächsten Frage entgültig den Mund halten. "Kennt ihr den Weg zurück zur Stadt?" "Natürlich kenne ich den Weg. Die Stadt ist so hoch gelegen, dass sie locker jedem Wasser trotzt." Das beruhigte ihn ein wenig. Vorausgesetzt, sie schafften es noch rechtzeitig.