Ratlos lief der Elf im Zimmer umher. Seit einigen Stunden schon war das Mädchen, das er liebte, spurlos verschwunden.

Er seufzte.

Obgleich sofort die Wachen benachrichtigt wurden, war sie doch nirgends aufzufinden.

Er setzte sich auf sein Bett. Die weiße Kerze auf seinem Holztisch war fast hinuntergebrannt, das Wachs lief in Rinnsalen über den Rand des Kerzentellers. Xenon legte das Gesicht in seine Hände und sah durch die Ritzen, die seine Finger offen ließen, auf den Fußboden.

Daron hatte ihm erklärt, was es mit den goldenen Soldaten auf sich hatte. Sowohl er als auch Liel, die extra vor einer Stunde angereist war, hatten ebenfalls den Verdacht gehegt, dass Ceria eine Reinkarnation Bryemme Cores sein musste.

Warum hatte er nicht selbst auf sie aufgepasst?!

Sie war in Gefahr... Meinte Daron zumindest. Liel hatte all das weniger ernst gesehen. Sie meinte, wenn Ceria den Weg aus dem Gasthaus gefunden hatte, würde sie ihn auch wieder zurückfinden. Seine Gedanken schweiften wieder zu den Soldaten. Dann wurde er jäh aus seiner Träumerei gerissen, als er die Stimme des Diebes von unten hörte.

Er klang nicht unbedingt erfreut, doch er brüllte nicht, wie es seine Art war, wenn ihm etwas missfiel.

Xenon Stand vom Bett auf, öffnete die Tür und trat hinaus. Und es war wie er vermutet hatte:

Ceria war gekommen.

Doch nun stand sie nicht wie sonst vor ihrem Bruder, untertänig auf seine Worte lauschend, sondern die Haltung einer Königin hatte sie und den eiskalten Blick einer Kriegerin und diesmal war sie es, die das Wort übernahm und damit ihren Gegenüber in Verlegenheit brachte.

hre Zunge war spitzer als mancher Krieger Waffen und doch hatte jedes einzelne Wort seine Berechtigung. Es verlangte sie nach Antworten, doch je länger sie sprach, desto finsterer wurde die Miene ihres Bruders.

Das Kerzenlicht warf einen dunkelgelben Schein auf die streitenden Geschwister. Und in dem Moment, als er sprechen wollte, legte sich eine Hand auf Cerias Schulter.

Sie drehte sich um.

Liel.

Doch diese sah nicht zu ihr hinunter, stattdessen zu Daron und ihre Mundwinkel zuckten zu einem kalten Lächeln.

"Daron.", sagte sie, "Deine Schwester wird all das Wissen erlangen, das sie wünscht. Ob du es nun willst oder nicht. Wenn du es ihr nicht sagst, werden es andere Leute tun. Nicht ich, aber jemand, den ihr Schicksal mehr angeht, als uns alle zusammen."

"Und wer sollte dies eurer Meinung nach sein, Herrin?", gab er zurück.

Da nahm sie Cerias rechte Hand und zog ihr den einen Handschuh des Waldläuferkostüms aus, das sie noch immer trug.

Der Ring der Assassinen kam darunter zum Vorschein.

Daron stockte bei dem Anblick fast der Atem und selbst Ceria wusste nicht, was sie nun davon halten sollte, dass Liel das getan hatte. Sie schien alles zu wissen, auch die Dinge, die sie eigentlich nicht wissen konnte.

"Dieser Ring..."; murmelte Daron, "...ist der Ring der Gilde der Assassinen."

Er trat einen Schritt auf die Herrin zu.

"Liel, hört mir gut zu. Immer schon habt ihr Cerias Wege geleitet, doch ist sie meine Schwester. Und so weise eure Entscheidungen auch sein mochten, diesmal solltet ihr mir überlassen, ihre Wahl zu treffen." Seine Stimme wurde lauter. "Und ganz sicher", sprach er mit gebieterischer Stimme: "hätte ich sie NIE Mitglied dieses Huren-Clans werden lassen!"

"Daron, du solltest nachdenken und deine Worte wohl wählen. Ich bin die Herrin der Diebe von Sorrow Crown, ebenso, wie ich zu den Assassinen gehöre. Und nennt sie Huren oder nicht, aber eurer Schwester ist es vorbestimmt, in unserer Gilde zu kämpfen und unsere Regeln und Freundschaft zu teilen."

"Und nichts wäre mir lieber als das.", fügte Ceria hinzu.

Er ballte die Hand zur Faust, drehte sich auf dem Absatz um und stieß die Tür auf, während er in den kühlen Abend davon schritt, das Haupt erhoben, doch die Seele tief gebeugt.

"Geh schlafen, Ceria."

Liel lächelte sie an. Und da empfand sie seit langem wieder so etwas wie Freundschaft für diese Frau.

Ceria schritt die Treppe empor.

Sie schloss die Augen.

'Ja', dachte sie sich, 'Am Ende entscheidet sich das Schicksal doch für mich.'

Sie wollte grinsen, doch just in diesem Augenblick prallte sie gegen etwas.

Als sie die Augen aufriss, traf ihr Blick den kühlen des Elfen.

Er wollte sie maßregeln, weil er ihr Verschwinden für genauso verantwortungslos wie dumm hielt, doch sie fiel ihm um den Hals und er blieb stumm in seiner Verwunderung. Er war einfach nur froh, sie wieder zu haben.

Der Wirt löschte die Kerzen im Erdgeschoss, Dunkelheit legte sich wie ein Schleier über den Elfen und das Mädchen.

Die Nacht kam und ging. Auf den Mond folgte die Sonne, auf das leise Schuhuhen der Eulen in den Wäldern folgte das aufgeregte Gezwitscher der Spatzen auf den Hausdächern der vom Morgennebel bedeckten Stadt.

Ceria stieg noch wie im Halbschlaf die Treppe hinab, doch sie sah die beiden Prinzen Lantan und Xenon uniformiert und offenbar bereit für eine lange Reise. Ein anderer Elf saß an einem der runden Tische. Er sah zerkratzt und angeschlagen aus. Xenon hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und sprach mit ihm.

Als der Elf sie sah, kam er auf sie zu und sagte ohne weitere Umschweife: "Ceria, ein Bote aus Lithien erreichte uns diese Nacht. Wir müssen sofort den Hof meines Vaters aufsuchen."

Sie blieb still, so früh am Morgen wollte ihr Kopf noch nicht recht verstehen, was gesagte Worte von ihr verlangten. Ihr Mund kämpfte die einzelnen Silben nur langsam hervor, doch wusste sie, was die Worte, die sie ihm sagte, bedeuteten.

"Ich kann nicht.", hatte sie ihm gesagt, "Ich muss bei der Gilde bleiben. Zu viele Fragen habe ich noch, deren Antworten es mich zu wissen verlangt. Und da die Frage, ob mir wohl die Antworten geben werdet, in berechtigten Zweifel steht, werde ich hier bleiben."

Die gesattelten Pferde wieherten draußen.

"Lantan und ich machen uns auf den Weg, bis in den Norden ist es weit. Doch wir werden uns wiedersehen, Ceria."

Ein letztes Mal berührten sich ihre Lippen, bevor er mit seinem Freund in den frühherbstlichen Morgen trat.

Das Frühstück war ihr nun egal.

Sie wusste nicht, ob sie nun weinen oder sich gleich auf den Weg zur Gilde machen sollte.

Sie lief hinaus.

Die kalte Luft kroch ihr wie Nadeln über die blasse Haut, doch während sie ihn beobachtete, wie er in dem Nebel ritt, spürte sie eine einsame Träne ihre Wange hinabrollen.

Obgleich sie wusste, dass er sie nicht sehen konnte, winkte sie ihm zum Abschied hinterher.

Als sie hinter den Häusern verschwunden waren, da war es auch für sie Zeit zu gehen. Es gab Antworten, die gefunden werden mussten.

Sie wollte ihre Ausbildung zur Assassine antreten und den Platz Dayalas einnehmen. Sie rannte die Holztreppe hoch und warf sich in ihrem Zimmer den dunkelgrünen Mantel über. Ebenso schnell, wie sie das Gasthaus betreten hatte, hatte sie es auch schon wieder verlassen.

Es war Zeit für eine Veränderung.

ENDE DES I. TEILS: UNTER DER ERDE ***************************************************************************

So, das war das letzte Kapitel! Ich weiß, kein spektakuläres Ende, aber wenigstens irgendeins. Der zweite Teil wird also 3 Jahre später spielen, das heißt Ceria ist dann 18. die ganze Ausbildung werde ich nicht beschreiben, denn mein schlimmster Albtraum könnte wahr werden und geistige Umnachtung könnte mich dazu führen, einen Mary Otter - Klon zu erschaffen... Achso, wäre vielleicht nicht schlecht, wenn ich euch den Titel sage... "Kind der Schatten" wird er heißen. Wenn ihr wissen wollt, wies weiter geht, dann lest ihn und reviewt doch mal... ;-p

So, jetzt sollte ich vielleicht mal Emerald danken, dass sie mein aller erstes Feedback geschrieben hat. Ich hab mich riesig gefreut. Doch genauso auch über die Reviews von April, Jynx, Dark Listener und zu guter letzt natürlich von Tamalein, die wohl immer irgendwas zu meinen Kapiteln sagen konnte, auch wenn die Kaps hart an der Schwachsinnsgrenze waren. Und natürlich danke ich allen, die das hier lesen (bzw. die bis hierher gelesen haben)... Ihr könnt euch ja im nächsten Teil auch mal melden ;-) Mit freundlichen Grüßen Selene