Eine Eisenbahngeschichte

Vorhin mußte ich wie immer am Ende des Wochenendes wieder mit der Bahn von zu Hause
zur Uni nach Münster fahren. Es ist Oktober und gerade heute haben besonders heftige
Herbststürme eingesetzt. Alleine an diesem Abend wurden schon mehrere Menschen von
Bäumen erschlagen und es wurde davor gewarnt, das Haus zu verlassen oder Auto zu fahren.
Da ich aber am nächsten Montag einen Kurs habe, den ich nicht verpassen darf, mußte ich
wohl oder übel mit der Bahn los. Vorsichtshalber bin ich schon 2 Stunden früher als üblich
losgefahren, denn man kann ja davon ausgehen, das Bahnen Verspätung haben und in diesem
Fall hieß es ja sogar Daumen drücken, das nicht generell Strecken gesperrt sind.

Ich stand also am Bahnhof und wartete, das der Regionalexpress einfuhr, welcher auch
prompt 25 Minuten Verspätung hatte. Nach 20 Minuten hielt aber glücklicherweise
unplanmäßig ein IR, so das ich sogar das Glück hatte, direkt nach Münster durchfahren zu
können, anstatt umsteigen und eventuell auch auf den anderen Zug warten zu müssen ( der ja
ebenfalls noch hätte ausfallen können ).

Ich setzte mich also erleichtert und leicht naßgeregnet in ein Abteil. Eine Reihe hinter mir saß
ein kleines Mädchen, ca. 10 Jahre alt, und in der Reihe daneben eine ältere Dame. Eine Weile
las ich gelangweilt in einer Zeitung, die schon etwas zerfleddert bei meinem Platz gelegen
hatte. Als schließlich der Schaffner kam, sah die Dame auf und fragte aufgeregt, ob denn der
Zug auch planmäßig weiterfahren würde, denn sie wolle bis zur Endstation in Dortmund und
das Mädchen hinter mir wäre außerdem ganz alleine unterwegs ! Ich war nun wirklich
beunruhigt und auch sauer, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie Eltern ein so junges
Mädchen bei derart katastrophalem Wetter alleine Bahn fahren lassen konnten und sich
offenbar darauf verließen, das sich schon jemand kümmern würde, wenn etwas geschähe! Die
Kleine hatte nicht einmal ein Handy dabei und wäre bei Abweichungen im Fahrplan völlig
aufgeschmissen gewesen. Der Schaffner beruhigte die Dame aber und meinte, vorraussichlich
ginge alles glatt.
Kurz vor Münster war ich selber erstmal erleichtert, weil ich sicher war, das ich selber ohne
Probleme ankommen würde. 10 Minuten vor Münster kam aber dann die unvermeidliche
Durchsage, das ab Münster sämtliche Strecken in Richtung Dortmund gesperrt wären und der
Zug ab Münster eine vollkommen andere Strecke bis Recklinghausen nehmen würde !
Ich sah mich besorgt um.
Die ältere Dame war offenbar einer Panik ziemlich nahe,weil sie selber keine Ahnung hatte,
wie sie an dem Abend noch nach Dortmund kommen sollte und vor allem das Mädchen ja
auch irgendwie nach Hause kommen mußte. Das kleine Mädchen selber war vor Hilflosigkeit
total still und hatte sich in seinen Sitz gepresst.
Auch ich selber machte mir natürlich Sorgen...und wollte die Kleine schon fragen, ob ich
nicht über mein Handy ihre Eltern anrufen könne, aber wir waren ja schon so kurz vor
Münster, wo ich ja aussteigen mußte.

In diesem Moment kam wieder eine Durchsage:"Das kleine Mädchen bitte in den Wagen
Nr.10 kommen ! Das kleine Mädchen bitte in den Wagen Nr.10 kommen !"
Ich konnte mir ein Grinsen kaum verkneifen. Der Schaffner hatte sich anscheinend sofort an
die Sache erinnert und nun würde sich schon jemand um es kümmern ! Ich holte also dem
Kind seine Tasche von der Gepäckablage ( Die Tasche war größer als es selber und ziemlich
schwer ), während die ältere Frau nachsah, in welche Richtung man gehen mußte, um in das
zehnte Abteil zu kommen.

Und so zog dann das Mädchen langsam aber beharrlich die viel zu große Tasche das Abteil
entlang und alle Fahrgäste sahen hinter ihr her, gleichsam amüsiert und erleichtert. Als es an
der Tür zum nächsen Abteil ankam hörte man plötzlich wieder eine Durchsage des
Schaffners, der nun mit aufgeregter Stimme rief:"Achtung, das kleine Mädchen kommt !
Das kleine Mädchen kommt !" Spätestens ab da hatte es wohl die Aufmerksamkeit des
ganzen Zuges und ich stellte mir vor, wie es durch alle Abteile bis zum Zehnten gehen würde
und alle Fahrgäste neugierig schauen würden, wegen wem so viel Aufhebens gemacht wurde.

Kurz darauf waren wir in Münster angekommen. Auf meinem Heimweg mußten die Busse
umgeleitet werden, weil wegen Unfällen die halbe Innenstadt gesperrt war und man sah
mehrere Feuerwehrfahrzeuge mit Sirene zu ihren Einsatzorten fahren.
Und doch mußte ich den ganzen Weg lächeln, weil ich wußte, das zumindest ein ungefähr
zehnjähriges Mädchen heute der Ehrengast einer unplanmäßigen Bahnfahrt war und anders
als so viele Andere an diesem Tag glücklich zu Hause ankommen würde...

Münster, den 27.10.2002 22 Uhr

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Nachträgliche Anmerkung: Es war offensichtlich der schlimmste Orkan seit Jahren mit Windgeschwindigkeiten über 150 km/h und an diesem Abend waren 9 Menschen in Deutschland umgekommen und fast alle Bahnstrecken waren lahmgelegt.
Nachträglich hoffe ich, das das Mädchen wirklich heile angekommen ist...