Epilog

Die Sonne war gerade aufgegangen und ich hatte fertig gepackt. Ein großer Rucksack lag auf meinem Bett, das einzige, was ich mitnehmen wollte. Ungeduldig schaute ich auf die Uhr. Mein Zug ging erst in einer Stunde. Dabei war ich schon seit 3 Stunden wach. Ich hatte einfach nicht schlafen können. Nicht weil ich meine Entscheidung anzweifelte, aber weil ich nervös war.

Ich hatte mich entschlossen, nach Wien zu fahren, um Kay zu suchen und ihn zurückzuholen. Dafür hatte ich mir extra eine Woche freigenommen (wieder mal ein Minuspunkt bei meinem Chef). Ich wusste ja nicht mal, wo er wohnte.

Trotzdem freute ich mich. Zum ersten mal war ich mir nicht unsicher. Zwei Tage lang hatte ich darüber nachgedacht, bis ich mich dazu durchgerungen hatte, etwas zu unternehmen. Und ich hatte erkannt, dass ich mich verändert hatte. Ich war immer nur davongelaufen, hatte den einfachsten Weg gewählt. Aber so konnte ich nicht weitermachen. Ich musste ihn suchen, anstatt nur feige daheim zu sitzen und mich selbst zu bemitleiden. Einmal hatte ich ihn einfach aus meinem Leben fortgehen lassen, ein zweites mal hatte ich es ebenfalls riskiert. Ein drittes Mal würde es mir nicht passieren.

Schon wieder starrte ich auf die Uhr. Ich hielt das einfach nicht mehr aus. Ungeduldig packte ich den Rucksack, ging in Gedanken noch mal alles durch und dachte nach, ob ich auch nichts vergessen hatte, dann schlüpfte ich in meine Jacke und verließ die Wohnung. Draußen vor der Tür atmete ich noch mal tief durch. Wien war groß und ich hatte bloß seine Handynummer. Es war fraglich, ob er mir seine Adresse geben würde. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Ich musste das trotzdem tun. Sonst würde ich es für den Rest meines Lebens bedauern.

Sorgfältig schloss ich ab und schleppte mich dann müde nach unten. Die letzten zwei Tage hatte ich kaum geschlafen. Ich stellte mich auf die Straße und zog mein Handy raus um ein Taxi zu rufen.

„Du siehst schlecht aus.", sagte jemand und mir fiel vor Schreck der Rucksack aus der Hand. Ich drehte den Kopf und starrte den blonden, jungen Mann ungläubig an. Neben ihm stand seine Reisetasche. Ich traute meinen Augen nicht. „Kay?", fragte ich, zugegeben nicht gerade geistreich.

Er lächelte entwaffnend. „Hey, dich kann man doch nicht allein lassen."

Mein Mund öffnete sich aber ich brachte keinen Ton heraus. Er kam auf mich zu und blieb direkt vor mir stehen. Unsicherheit flackerte in seinem Blick als er sagte: „Du hast gesagt, wenn es mir in Wien nicht gefällt, dann soll ich zurückkommen... kann ich... ich meine..."

Ich kann keinem beschreiben, wie erleichtert und glücklich ich in dem Moment war. Am liebsten hätte ich ihn umarmt, aber statt dessen lächelte ich ihn an und antwortete: „Wenn du einen Platz zum schlafen brauchst, bei mir bist du immer willkommen."

„Schön!", sagte er, ebenso erleichtert wie ich. Aber irgendwie wussten wir beide nicht so recht, was wir sagen sollten. Er deutete mit einem Kopfnicken auf meinen Rucksack. „Und was hattest du vor? Nach Arbeit sieht das ja nicht aus."

Ich grinste und hob den Rucksack auf. „Ich wollte nach Wien fahren. Wenn du ein bisschen später gekommen wärst..."

„Warum wolltest du nach Wien? Wegen mir?"

„Nein, um den Papst zu treffen. Natürlich wegen dir!", spottete ich.

„Ich hatte schon Angst, du wärst sauer auf mich.", gab er zu. „Ich hab ein paar fiese Sachen gesagt, als ich gegangen bin. Darum dachte ich, du wärst wütend auf mich. Du hast keine Ahnung wie lang ich schon hier unten gestanden bin."

„Egal.", ich ging zu ihm und legte den Arm um seine Schultern. „Willkommen zu Hause."

„Schön wieder da zu sein."

Nebeneinander spazierten wir zurück in Richtung Eingang. „Und was machen wir jetzt?", fragte er.

„Ich weiß nicht. Gerade habe ich mir eine Woche Urlaub genommen."

„Und was heißt das?"

„Dass ich eine ganze Woche nur für dich Zeit habe."

„Ob du es so lange mit mir aushältst..."

„Noch viel länger. Ich habe nicht vor, dich wieder wegzulassen." Ich konnte nicht widerstehen und fügte hinzu: „Blödmann. Du hast mir gefehlt."

Er stupste mich an. „Ich mag dich auch, Dummkopf."

Mitten in der Nacht wachte ich auf, geplagt von einem Alptraum. Schweißgebadet saß ich im Bett und konnte nur an eines denken: war Kay auch noch da? Hektisch tastete ich nach ihm und fand erst Ruhe, als ich seine Hand ertastete und seinen ins Stocken geratenen Atem hörte.

Geweckt durch meine hastigen Bewegungen setzte er sich auf und fragte alarmiert: „Was ist los?"

Aufgelöst von der düsteren Vision meines Traumes murmelte ich: „Kay? Das hier ist kein Traum, oder?"

„Nein."

Ich flüsterte: „Ich hab geträumt du hättest mich allein gelassen. Du... du wirst doch nicht wieder nach Wien zurückfahren, oder?" Ich drehte mich zu ihm und ließ mich von ihm umarmen, legte meinen Kopf an seine nackte Brust. Ganz leise bat ich ihn: „Verlass mich nicht."

„Hey.", sagte er beruhigend. „Das war bloß ein Traum, ja? Solange du es willst, bleibe ich bei dir."

Ich schlang meine Arme um ihn. „Zieh bei mir ein, okay?"

Er überlegte kurz, und ich hob den Kopf. Bevor ich mich fürchten konnte, drückte er seine Stirn gegen meine und antwortete: „Es gibt so viele Dinge, die du nicht über mich weißt. Ich kann sicher noch zurück in meine alte Wohnung."

„Ich möchte aber, dass du hier bei mir wohnst.", sagte ich und stupste ihn an. „Also, was sagst du?"

„Gern." Er küsste mich. Dann hörte ich ihn fragen: „Liebst du mich?"

„Das weißt du doch."

„Sag es mir."

„Ich liebe dich, Kay."

„Ich dich auch." Er ließ mich los. „Lass uns wieder schlafen gehen." Er legte sich hin und ich legte mich zu ihm, meinen Kopf auf seine Brust. Genauso wie damals beim Sommerfest. Der Traum war längst wieder vergessen, als mich sein stetiges Ein- und Ausatmen in den Schlaf begleitete.

ENDE


Verzeihung… das… hat ewig gedauert, bis ich das letzte Kapitel gepostet hab… sorry… ich hab einfach gar nich mehr dran gedacht...