Act XV – Have yourself a real circus

I wished I had a butterfly

To watch it flying through the sky.

To watch it dancing in the open land

And resting in my open hand.

I wished I had a butterfly

To feel my tears passing by,

To feel sweet stripes of bloody lashes

And burn its butterfly wings to ashes.

Er kratzte sich am Kinn, während er mit angespanntem Gesichtsausdruck ein eingestaubtes Schachbrett musterte, dessen Figuren seit knapp 2500 Jahren nicht mehr bewegt wurden.
Er befand sich in einer verzwickten Situation, denn das Spiel stand unentschieden und ein einziger Fehler könnte ihn ein 5000 Jahre andauerndes Duell kosten. Seine bleichen Hände schwebten wie festgetackert über dem Spielfeld; seine Finger bewegten sich wie die Beine einer weißen Spinne. Er grübelte angestrengt, wie er die Pattsituation zu seinen Gunsten wenden könnte. Seine Stirn furchte sich, seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen, säuerlichen Strich.
Dann lächelte er triumphierend und setzte seinen Turm zwei Felder vor. Genau das würde die gesamte Partie herumreißen.

Er wandte sich nach rechts, zu einem mit gläsernen Geräten voll gestelltem Tisch, die in der Dunkelheit des Raumes verschiedenfarbig glänzten. Ein weiß schimmerndes Destillierwerkzeug, mehrere bläuliche, rötliche, grünliche Kolben, ein Brenner auf kleiner Flamme, der den Raum geringfügig zu erhellen vermochte…
Aus wertlosen Blei Gold, den Stein der Weisen herstellen; Liebestränke, Gifte, Heilmittel… Leichenfledderei, Nekromantie, schwarze Magie, Alchemie. Ein wenig Blasphemie. All das war es, was ihm seine Macht verlieh.
Altaire schwenkte die Halterung, an der er seine Laterne befestigt hatte, zu sich herum. Das Licht ließ die vielen Glasgegenstände aufleuchten, die formlose Muster an die Wände warfen und flüchtig riesige Regale mit Hunderten, wenn nicht Tausenden Büchern erhellten. Auf einen Wink seinerseits entflammte eine Reihe weiterer Laternen, die den Blick auf metallene Gerätschaften auf schweren, hölzernen Borden freigaben. Eine silberne Sanduhr ruhte auf einem Rollwagen aus Korbgeflecht, dessen Tablett mit einem Obstmuster bedruckt war. Der Sand lief. Das Alter der Welt.
Das hohe Kellergewölbe war erfüllt von vielen leisen Geräuschen, die sacht von den Wänden widerhallten und sich mit dem kratzigen Ton des verbeulten Grammophons vermischten. Das blubbernde Destilliergerät, die zischenden Petroleumflammen der Laternen, Ratten und Fledermäuse fusionierten mit Beethovens Mondscheinsonate zu einem morbiden Kammerspiel.
Der Alve musterte ein hohes Regal, gefüllt mit hunderten und tausenden verkorkten Gläsern und Flaschen und versuchte seine krakelige und verkleckste Handschrift auf den Etiketten zu entziffern. Einige besaßen nicht einmal ein Etikett; sie gerieten über die Jahrhunderte in Vergessenheit, von einer dicken Schicht Staub und Spinnweben umhüllt.
Er schreckte einige Krabbeltiere auf, die in alle Richtungen flatterten und flogen als er mit den Fingern über einen der Papierstreifen strich und dieser prompt zu Staub zerfiel.
„Oh", machte er.
„Der Zug war gar nicht so dumm. Hätte ich dir wirklich nicht zugetraut." Auf seiner Arbeitsplatte hockte eine hoch gewachsene, verschwommene Gestalt mit platinfarbenen Augen, die tief über das Schachbrett gebeugt war und anerkennend nickte.
„Wer hat dir erlaubt, hier einfach so zu erscheinen?" Er hatte sich erschrocken. Das ärgerte ihn maßlos. "Übrigens weiß ich über deinen etwa zweihundertjährigen Ausflug bescheid", fügte er mit einem schelmischen Gesichtsausdruck hinzu.
„Du hast immer so perverse Hintergedanken, Altaire… Allerdings setzen einige Hundert Jahre in einem Schwert doch etwas zu. Nicht zu empfehlen."
„Und du hast dich natürlich nie aus dem Schwert in andere Gefilde vorgewagt." „Nun, sagen wir, ich fand mich an interessanten Plätzen wieder."
„Oh…daran hatte ich noch gar nicht gedacht…" Altaire musterte den durchscheinenden Alven. Er konnte die Laterne hinter ihm erkennen. „Aber du bist ja auch nicht sonderlich hässlich, nicht wahr." „Du bist obszön."
„Achwo…", er winkte ab. „Du könntest dich wenigstens etwas nützlich machen, Avalanche. …wo sind deine Füße?"
„Ich bin ein Seele. Seelen haben keine Füße. Das müsstest du eigentlich wissen…" Avalanche setzte zu einem langen, verschachtelten Satz an, warf vorher aber noch einen prüfenden Blick auf Altaire, ob dieser denn seinen Ausführungen auch aufmerksam lauschte. Doch eben jener begann in einem mit Phiolen und Gläschen voll gestopften Schrank zu wühlen, dass es nur so schepperte. Er seufzte und stütze den Kopf in die Hände. „…wie weit bist du?"
„Ich taue dich gerade auf. Hast du eine Ahnung, wie schwer es war, deinen Körper zu flicken?" Er warf eine der Phiolen um, die rollte aus dem Schrank, fror kurz vor dem Zerschellen ein und erschien unversehrt wieder auf dem Regal. „Ich hätte natürlich auch einen anfertigen können. Mit Nadel und Faden und Körperteilen von Verstorbenen. Aber ich gebe zu, dass ich in diesem Bereich noch einige Defizite aufweise, und als Vertragsobjekt musst du schon vernünftig aussehen."
Avalanche ächzte pikiert. Er malte sich aus, wie er als eines von Altaires obskuren Experimenten endete, möglicherweise mit 4 Augen, auf dem Boden schleifenden Armen und einer Triefnase. Die Vorstellung einer Triefnase fand er furchtbar.
„Wie dieser merkwürdige Untote?"
„Dieses Exemplar ist mir außerordentlich gut gelungen, das musst du zugeben. Er sieht fast überhaupt nicht Tod aus, nicht wahr?" Er steckte immer noch mit dem Kopf in dem verstaubten Schrank. „Allerdings stand mir ja auch sein vollständiger Körper zu Verfügung. Man könnte es aber auch einen Zufallstreffer nennen… Ah! Hab ich dich!"
Avalanche musterte den wesentlich älteren Alven skeptisch und seufzte abermals. „Hast du Cheshire gefunden?"
Altaire sammelte sich mehrere Spinnen mitsamt Netz aus seinen Haaren. Er setzte ein riesenhaftes, achtbeiniges Exemplar liebevoll auf dem Tisch ab, scheuchte es in eine dunkle Ecke und wandte sich um. „Dein Schwert? Hier irgendwo…" Altaire wies mit einer ausschweifenden Handbewegung in den Raum, hinweg über sein jahrhundertealtes Gerümpel (Staub, Spinnen, Tassen mit eingetrockneten Teerändern, Bücher, Glasgeräte...) „…müsste es sein." Er wog die soeben gefundene Phiole prüfend in der Hand, entkorkte sie mit einem leisen plopp und mischte den gelblichen Inhalt einem großen, blau schimmernden Glasballon bei, der von innen mit grünem Rauch beschlug. Er schwenkte die Lösung bis sie sich schließlich rot verfärbte.
„Wir müssen uns jetzt etwas beeilen, Avalanche." Er stoppte einen Moment und warf einen Blick auf die Sanduhr. „Wobei, für eine Tasse Tee wird die Zeit wohl noch reichen."

★ ☆ ★

Das Schiff ächzte und knarrte, obwohl der Seegang nicht besonders stark war. Die schwarz-weiße Totenkopfflagge der Piraten flatterte im Wind, zerschlissen, mottenzerfressen, um Würde bemüht. Artemis hockte auf der Reling, die Beine angezogen und die Arme auf die Knie gestützt. Sie starrte auf den hünenhaften, silberhaarigen Alven der sich seit Stunden weder bewegt, noch gesprochen hatte. Lebte er überhaupt noch? Wenn er jetzt einfach so gestorben war, dann…
Sie stieß einen lauten, nach Verzweiflung klingenden Seufzer aus.
Warum war Vicious den verhassten Silberalven so ähnlich? Wer war dieser ominöse Avalanche? Warum verspürte sie keine Genugtuung, trotz des Todes der Vampirdämonen? Woher stammte diese innere Dunkelheit? Und was sollte heute Nacht unheilschwangeres passieren? Was wurde hier verdammt noch mal gespielt?!
Vicious klappte ein Auge auf. Es schien fast die Farbe von schwarzem Metall zu haben, sog ein Bild in sich hinein. Dann klappte er es wieder zu.
„Mach dir nicht so viele Gedanken", sagte er im tiefen Bass seiner Stimme.
„Hör auf meine Gedanken zu lesen. "
Statt einer Antwort, holte er eine lange, schmale Pfeife aus seinem Mantel.
Sie beobachtete seine fließende Bewegung, die, so trivial sie erschien, eine seltsame Anmut und Eleganz besaß. Sie sah die sehnige Kraft seines Körpers, seine Narben.
„Warum sind deine Haare silbern?"
Der hoch gewachsene Alve sah ihr direkt in die Augen. Dann schloss er sie wieder.
„…sie beobachten dich.", sagte er beiläufig und paffte an seiner Pfeife.
„Was?"
„Die Männer. Sie beobachten dich."
„Natürlich. Sie beobachten uns. Sie sind misstrauisch." Artemis zuckte mit den Schultern.
„…so meinte ich es nicht."
„Wie dann?"
Er sah auf das Meer, schwieg und paffte an seiner Pfeife.
„Vicious!" Es war furchtbar. Er war furchtbar; ein schreckliches Wesen. Grausam, gemein, groß, geradezu monströs, rücksichtslos. Wer zieht schon zu Zweit in einen Krieg, von dem die eine Hälfte nicht einmal wusste, zu welchem Zweck er geführt wurde? Sie trug den Namen einer Göttin, doch sie war ganz einfach ignorant.
Töten machte Spaß. Silberalven waren ihre Feinde. Menschen sind minderwertige Wesen. Warum nicht mit einem zwielichtigen, gefühlsarmen Mann umherziehen?
500 Jahre alt und immer noch naiv und töricht wie ein Kind.
Sie barg ihr Gesicht in den Händen. Etwas zu töten wäre jetzt schön, dachte sie. Wenn ich heute sterben muss, will ich wissen warum.
„…man sagt, an Orten, an denen viel Blut geflossen ist, ‚es habe Blut geregnet'. Wir können wirklich Blut regnen lassen." Er sprach leise und bedächtig, paffte an seiner Pfeife. Es roch nach Minze und Zitronen.
Artemis blickte auf, sah ihn durch ihre alabasterfarbenen Finger aufmerksam an. Der Wind zauste ihr pechschwarzes Haar, ließ es wie Federn um ihren Kopf flattern und wie eine auffliegende Rabenschar erscheinen.
Er sah es nicht.
„Weißt du, dass Hass ein Wesen verändern kann?" Vicious' Schultern senkten sich. Einen Moment schien es, als würde der hünenhafte, aufrecht gehende Mann in sich zusammenfallen, als wäre er nur ein zweitausendjähriges Trugbild, ein einstürzendes Kartenhaus.
„Gefühle, der eigene Name. Alles wird bedeutungslos." Sie sah seinen starren Blick. Er sprach nicht zu ihr; seine Stimme kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
„Was bleibt sind die Scherben der Seele, ein rot beflecktes Schwert und der Wille zu töten, was auch immer Blut in sich trägt. Das Leben vernichten. Ihn vernichten." Er sah auf; das Gesicht vor Wut und Gier und Schmerz verzerrt. Seine Stimme war gepresst und schneidend scharf. „Das habe ich in tausend Jahren bei den Silberalven gelernt."
Es war, als würde er einen winzigen Augenblick sein Innerstes preisgeben. Er zischte sie an. „Du in deiner ignoranten Welt hasst, und kennst den Grund nicht. Hass auf die Silberalven, ohne zu wissen, wie er begann."
Seine Augen waren kalt, als würde die Seele in sie gesogen, wenn man hinein sah. Einen Moment lang hatte sie Angst.
„Schattenalven sind arrogante und neidische Geschöpfe. Ihre Intrigen ließen erst eine Blutfehde entstehen." Er lachte bitter. „Am Anfang stand kein ehrenwerter Krieg, einzig intrigante Schattenalven. Ich kenne sie. Und ich hasse sie. Ich schäme mich, ihrer Abstammung zu sein."
Er machte eine Pause, sein Gesicht eine wutverzerrte Grimasse. Er starrte sie an. „Das ist der einzige Grund, warum du glaubst, ich sei den Silberalven so ähnlich."
Doch so schnell wie seine Wut hervorbrach, so schnell schloss er sie auch wieder in seinem Innersten ein.
Das Schiff wurde vom plötzlich auftauchenden Nebel verschluckt. Er paffte an seiner Pfeife. Es roch nach Minze und Zitronen.

★ ☆ ★

Als es dämmerte, war der Nebel so dicht, das selbst das Meer vor dem Schiff nicht mehr als eine plätschernde, weiße Fläche war.
„Aye, Capitan, wir erreichen bald die Insel. Seht."
Lliel stand dicht über die Karte gebeugt, einen Kompass in der einen, einen Zirkel in der anderen Hand. Ihr Blick folgte dem sonnengebräunten, fleischigen Finger ihres ersten Maates.
„Das Gebiet wird ab hier gefährlich. Laut Karte wimmelt es von plötzlich auftauchenden Riffen…"
Lliel nickte.
„…Felsen…"
Sie musterte die Karte.
„…und Seeungeheuern."
Sie brach in schallendes Gelächter aus. „Was sollen wir tun? Den Göttern ein Opfer darbringen?"
Der Matrose verzog säuerlich den Mund. „Ihr habt noch keinen von diesen Riesenkraken gesehen…", dann verstummte er und lächelte. Ein Versuch, ihn aufzumuntern.
Er seufzte. „Wenn nur dieser verdammte Nebel nicht wäre…"
Aus dem wabernden Dunst tauchten zwei Gestalten auf, die eine hünenhaft und hoch gewachsen, die andere geradezu lächerlich klein.
„Etwas Nebel sollte doch so ein mächtiges Schiff nicht aufhalten können." Artemis deutete in den Nebel. Der erste Maat beäugte die Alve misstrauisch.
„Wir kommen in gefährliches Gebiet. Plötzlich auftauchende Felsen. Riffe." Lliel starrte die Schattenalve an. Der bissige Unterton in ihrer Bemerkung war ihr nicht entgangen.
„Kann niemand hier den Nebel lesen?"
„Nein. Mein Bruder hatte diese Fähigkeit."
„Ah..."
In diesem Augenblick trat Vicious an die Reling, den Blick starr auf den Nebel gerichtet. Die Miene unbewegt wie die eines Priesters, der die Totenmesse verlas. Das ungewöhnliche daran war, dass er tatsächlich jemandem - einem Menschen - half, da er doch sonst geradezu angeekelt von der menschlichen Rasse war und ihnen eher noch auf die Finger trat, sollten sie ihm je am Rand einer Klippe hängend begegnen. Oder sich an den Todesschreien weiden und an seiner Pfeife paffen.
Objektiv betrachtet trieb ihn aber doch eher der Eigennutz, als sein Wunsch, anderen behilflich zu sein.
„Was-"
„Still!" zischte Artemis dem Matrosen zu.
„Hûn agawaen ," Vicious' tiefer Bass echote im Nebel, verschwand in der Ferne, ging im Rauschen der Wellen unter oder aber wurde von Felsen reflektiert. Die Fähigkeit, nach diesen Reflektionen Hindernisse zu hören, nannte man 'den Nebel lesen', eine Aufgabe die selbst für Alven schwierig war.
Er wiederholte die Worte wieder und wieder. Dann bedeutete er dem Steuermann mit einer herrischen Handbewegung, wann er eine andere Richtung einschlagen musste.
„Hûn agawaen? Blutbeflecktes Herz?", flüsterte Lliel.
„Du verstehst, was er sagt? In seinem Dialekt heißt es ‚Das Herz heraus reißen'."
Lliel zog die Brauen zusammen. „Welche Gottheit ruft er damit an?"
Artemis lächelte. „Es ist sein Mantra. Er kann es kaum erwarten."

AN: Man, das Kapitel war wirklich ein Krampf. Nicht nur, das ich zwischendurch vollkommen die Lust an der Story verloren hab (weil sie schlicht nicht sehr logisch is, ne) hab ich mich ewig hiermit rumgequält. Mindestens 6 mal neu angefangen und x-mal umgeschrieben und 100 zufrieden bin ich damit auch nicht... Kommt, bemitleidet mich :-)!
Ich hoffe mal das ich das nächste Kapitel unter zwei Jahren schaffe UU. Wenn auch mühevoll, ich bin gewillt, die Story zu einem Ende zu bringen, was in den nächsten Kapiteln (höchstens zwei) der Fall sein wird.
So, ich tauche wieder hinunter in mein Loch auf dem Grund des Meeres der Verzweiflung...
PS: Das Ding hat irgendwie Probleme mit den Breaks... Mistding... Löscht einfach meine Tags...