Die Wache sah missmutig durch die Gitterstäbe einer Zelle, in der ein Mädchen war. Seit Stunden schon saß sie einfach nur da, beobachtete den silbernen Mond durch das einzige Fenster, wenn man dieses winzige vergitterte Loch in der alten Mauer so nennen konnte, und summte dabei eine Melodie, vor ein paar Stunden noch zuversichtlich, jetzt glich sie jedoch einem Trauermarsch. Sie hatte sich seit dem Beginn ihres Aufenthalts im Kerker weder zu ihm umgedreht, noch irgendein ein Wort an ihn verschwendet.

Er trat einen Schritt näher an die Gitter und betrachtete ihr Haar, schwarz wie Schatten, glänzend wie der Mond selbst.

Unter der Rüstung war die Form ihrer Schultern nicht auszumachen.

Er legte die Hände um die Stäbe, die sie trennten, fasziniert von der Weise, die sie summte, denn während er lauschte, kamen ihm Gedanken an die Zeiten, in denen noch Frieden geherrscht hatte.

Plötzlich verstummte sie und es war dem Mann, als erwache er aus einem schönem Traum und ward in die triste Realität zurückgerissen, voll von Schmerz und Leid. Denn seit der Krieg begonnen hatte, gab es nichts anderes mehr.

In seinem Heimatland waren Kinder stets lachend auf Wiesen umhergetollt, die Blumen hatten in aller Ruhe geblüht und alle hatten gelebt, als wäre jeder Tag selbstverständlich voll von diesem Frieden, niemand hatte je einen Gedanken daran verschwendet , wie es wohl sein würde, wenn die Zeiten nicht mehr so freundlich sein würden.

Und nun war er selbst hier, in diesem verödeten Land, von nichts weiter bedeckt als trockenem, erstickendem Staub. Nur wenige überlebten hier auf natürliche Weise.

Als er diese Gedanken fasste, stellte er fest, dass ihr Summen gar nicht aufgehört hatte, es war so leise geworden, dass es nur zu hören war, wenn man wusste, dass es da war.

Jäh wurde ihm die Bedeutung dieser leisen Töne bewusst.

Es waren die Stimmen der Toten, Seelen aus den Körpern gebannt, die nun als leere Hülle für Geister und Kobolde dienten. Dies waren die Untoten, deren einzige Existenzaufgabe darin bestand, zu töten, zu plündern und zu zerstören.

Dann erstarrte ihr Gesang wirklich, diesmal war er dessen sicher, denn sie sprach nun zu ihm.

"Hört auf mich anzustarren!"

Diese Worte waren bestimmt und unfreundlich und die Stimme gehörte nicht einem Mädchen, sondern einer Frau.

Er antwortete nicht und sie redete weiter: "Ich weiß, woran ihr gedacht habt, denn sterbliche Menschen, die noch ein bisschen ihrer Seele besitzen, können bei dieser Melodie nicht anders, als in Gedanken an die alten Zeiten zu versinken... Ihr wünscht sie euch zurück und doch... seid ihr nun hier, im Dienst der schwarzen Armee. Warum habt ihr euer Land verraten?"

"Ihr könnt das nicht verstehen...", murmelte er, "Ihr habt ohne Acht auf euch selbst Widerstand geleistet. Jetzt seid ihr hier und in einigen Tagen werdet ihr wahrscheinlich hingerichtet. Ich werfe mein Leben nicht so leichtsinnig weg, sondern bewache für gutes Geld Gefangene. Das Leben hier ist nicht so schlecht."

Da stand sie auf und drehte sich zu ihm um.

Er sah schlanke Beine und runde Hüften, dann einen schwarzen Prunkharnisch, der sowohl Oberkörper, als auch Arme, Hals und einen Teil der Oberschenkel schützte. Das Gesicht voll, die Nase gerade und rund, das Haar endete ein Stück unter den Schultern, doch es waren ihre Augen, die ihre Geschichte erzählten. Kämpfe, Trauer und Schmerz verbanden sich in diesem durchdringenden Grau zu ihrer Erzählung.

Viel verloren, wenig gewonnen.

Er drückte fast das ganze Gesicht gegen die Gitter.

Sie kam einen Schritt näher, ihr Blick kalt, ihre Miene unbewegt.

"Wollt ihr wissen, was ich von solch feigem Verrat halte?"

Er erwiderte nichts, blieb in seiner stummen Bewunderung gefangen. Da spuckte sie ihm mitten ins Gesicht und sprach abfällig: "Selbst das ist zu großer Lohn für eure Taten."

Ihre Nasen berührten sich fast.

Ihre Hand umklammerte sein Kinn und taste sich den Hals hinunter.

Er spürte wie der Druck um seinen Hals größer wurde.

Er röchelte, versuchte gequält und verzweifelt nach Luft zu schnappen, doch die Schlinge zog sich nur noch fester zu. Unfähig sich zu wehren suchte er Halt an den Gattern.

Dann spürte er einen Ruck an seinem Gürtel und er konnte Luft holen, sie hatte ihn losgelassen.

Doch sie lächelte so verächtlich...

Er sah an sich hinunter und bemerkte, was fehlte.

Der Schlüssel.

Der Mann stolperte einige Schritte zurück, drückte sich an die Wand, doch in diesem Moment hatte sie die Tür auch schon aufgeschlossen und mit einem Tritt von ihr flog diese krachend auf.

Er zitterte am ganzen Leib, denn er wusste, was jetzt kommen würde. Fahrig griff er zu der Pike, die er an die Wand gelehnt hatte.

"Keinen Schritt weiter...", stammelte er.

Sie lachte höhnisch.

"Glaubt ihr wirklich, ich würde so einem Wurm wie euch das Leben gewähren? Wer egoistisch genug ist, dabei zuzusehen, wie seine Freunde grausam sterben, und selbst nichts tut um sie zu retten, der verdient nichts anderes als den Tod, vielleicht ist sogar das zuviel für so ein Tier."

Zorn schwang in ihrer Stimme mit, sie riss ihm die Pike aus der Hand.

"Wie wollt ihr sterben, sagt es mir!", herrschte sie ihn an.

Er sah aus, als finge er an zu weinen.

"Ich werde euch den Bauch aufschlitzen und euch dann allein in diesem Loch sterben lassen, genauso wie ihr es mit anderen getan habt."

Sie hielt seine Schulter fest, riss einen Ärmel seines Hemdes ab und knebelte ihn damit.

"Wir wollen ja nicht, dass die Wachen der anderen Verliese zu schnell etwas von unserem Gespräch mitbekommen."

Sie setzte die Waffe kurz über seinem Unterleib an und stieß sie schließlich hinein. Die Spitze war gänzlich in ihm verschwunden, doch er spürte sie langsam in ihm hochkriechend, Blutgefäße und Organe wie Butter zerschneidend.

Er wollte schreien, doch nichts als ein ersticktes Gestotter war zu hören.

Dann hielt sie an, bohrte noch ein wenig tiefer und schließlich riss die Frau die Pike hoch bis die Knochen des Brustkorbes den Metallschaft davon abhielten, weiter seine Haut zu zerfetzen.

Sie zog die Pike heraus.

Das Herz hatte sie nicht getroffen. Also würde er wohl verbluten.

Achtlos ließ sie ihn röchelnd zurück, wie ein Schatten schlich sie aus dem Kerker und durch die Gänge der höhergelegenen Festung.

Alles hier war schwarz und grau, die Wände der Boden, jeder Gegenstand der hier und da rumstand.

Durch ein Fenster, dessen Gitter verbogen waren, sodass sie gerade hindurchpasste, entschwand sie dem Gräuel.

Die Gilde der Assassinen war verstreut, viele ihrer Freundinnen glaubte sie nicht mehr am Leben und sie rechnete nicht damit, den übrigen noch einmal zu begegnen. Über ein Jahr lang suchte sie schon ihren Freund und Gefährten. Überall hatte sie die Lande nach ihm durchkämmt, nur dieses eine, Kallatien, hatte sie nicht durchstöbert.

Doch sie würde ihn finden, ganz gleich wie lange es dauern würde.

Dann könnte sie vielleicht irgendwann und irgendwo ein neues Leben beginnen.

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So, das erste Kapitel des 2. Teils, wie gefällt's euch? Ich hab's mal wieder in Rekordzeit geschrieben, denn schon lange wollte ich das schreiben und hab sehr viel drüber nachgedacht... So jetzt muss ich meinen Kater davon abhalten, meine Einrichtung zu demolieren, macht's gut! Mit freundlichen Grüßen Selene