KAPITEL III

Teil 12:

Es vergingen einige Monate und es war inzwischen Winter geworden.

Mercedes hielt sich im Wald auf und trainierte den Umgang mit dem Schwert. Es war die Zeit der Vorbereitung. Während sich Fedor Akins Armee darauf vorbereitete den Krieg zu beginnen und den Planeten einzunehmen, bereitete sich Mercedes auf ihren eigenen Krieg vor.

Sie würde die Schwarzflügel nicht aufhalten können, aber sie würde die rächen können, die zu Unrecht ihr Leben lassen mussten.

Mrecedes wusste, dass es sich nur noch um ein paar Tage handeln konnte, bis der Kampf beginnen würde. Sie ging noch ein letztes Mal in die Stadt beziehungsweise dem, was nach dem großen Feuer noch übrig geblieben war.

Zwar bemühten sich die Bewohner mit dem Wiederaufbau, doch auch das würde noch einige Zeit dauern. Es war einfach zu viel zerstört worden.

Wenn sie doch nur wüssten, das alles umsonst ist, dachte Mercedes immer wieder.

Sie ging in das Haus am Rande der Stadt. Joannas Klinik war von dem Feuer verschont geblieben. Nicht jedoch Joanna. Sie verlor, bei dem Versuch ein Kind aus einem brennenden Haus zu retten, ihr Augenlicht. Durch diesen Unfall war es ihr auch unmöglich weiterhin als Ärztin zu arbeiten.

Dennoch versuchte sie, den Kranken Tipps und Ratschläge zu geben. Sie ließ sich von der Tatsache, dass sie blind war nicht einschüchtern.

"Mercedes? Bist du das?", fragte Joannas Stimme.

"Ja, ich bin hier. Woher wusstest du, dass ich es bin?"

Joanna lächelte und zeigte auf ihre Ohren. "Ich habe dich an deinen Schritten erkannt. Was kann ich für dich tun?"

Joanna setzte sich auf eines der Krankenbetten, die immer noch in ihrer Klinik standen und Mercedes setzte sich zu ihr.

"Wie geht es dir?", fragte Joanna das Mädchen. Sie flüsterte beinahe, denn eigentlich war dieses Frage mehr als überflüssig.

"Es geht mir gut und dir?", fragte Mercedes zurück.

Joanna seufzte. Warum log Mercedes sie nur an? Es konnte ihr nicht gut gehen.

"Warum lügst du?"

Mercedes sah sie geschockt an. "Wie meinst du das?"

Joanne schüttelte nur den Kopf.

"Du weißt was ich meine, Mercedes. Deine Familie ist tot, du kommst zu mir und musst mich um Geld bitten, damit du dich irgendwie ernähren kannst. Und dann erzählst du mir, dass es dir gut geht? Ich bin blind, aber sicherlich nicht blöd."

Mercedes antwortete nicht und sie schwiegen beide. Plötzlich nahm Joanna das Mädchen in den Arm.

"Es tut mir so leid, was passiert ist. Ich verstehe bis heute nicht, wieso euer Haus auch in Flammen aufging, wenn es doch angeblich ein Unfall gewesen sein soll."

Obwohl sie es eigentlich nicht wollte, brach die Ärztin in Tränen aus.

Mercedes strich ihr beruhigend über den Rücken.

Nein, sie hatte recht. Es war kein Unfall und es hatte auch nichts mit dem großen Feuer der Stadt zu tun. Sie selber hatte das Haus in Flammen aufgehen lassen und die Leichen ihrer Familie verbrannt.

"Beruhige dich, Joanna. Mir geht es gut, wirklich!", sagte Mercdes und nach kurzer Zeit entspannte sich die Frau auch.

Sie lagen sich noch eine Weile in den Armen, dann stand Mercedes auf und wollte sich wieder auf den Weg machen.

Sie sah noch einmal zu der Ärztin, die auf dem Bett saß.

"Bald wird alles ein Ende haben...", flüsterte Mercedes noch, bevor sie entgültig verschwand.

Der erste Schnee begann zu fallen und Mercedes war wie immer in ihrem Lager im Wald.

Sie lag auf einer Decke und dachte über die Besuche bei der Herrin nach.

Warum hätte nicht alles so bleiben können, wie es war?

Sie erinnerte sich an die Geschichte, die die Herrin zum Bau des Palastes erzählt hatte.

~*~

"Ein junger Krieger, sein Name war Dragan Dasisa, baute eines Tages diesen Palast, um seiner Geliebten, die er unheimlich vergötterte eine angemessene Unterkunft zu geben. Sie lebten dort gemeinsam, glücklich und zufrieden, bis eines Tages ein Krieg zwischen dem Volk der Creek und der Mailaikas ausbrach. Die Malaika versuchten alles, um das Leben der Herrin zu schützen, doch sie wussten nicht, dass das wahre Unheil bereits im Palast war. Es war Dragan Dasisa; er hatte den Creek Einlass gewährt und sein Volk verraten.

Es kam zum Kampf zwischen dem Mann und der Frau, die ihn so sehr liebte. Letzten Endes tötete sie ihren Geliebten. Der Herrin brach es das Herz und sie erließ ein Gesetz, dass die Beziehung zwischen Herrin und den übrigen Malaika verbot."

~*~

Mercedes erinnerte sich an eines der Bilder, dass ihnen die Herrin in einem alten Buch gezeigt hatte.

Die damalige Herrin war ebenfalls wunderschön und hatte ebenfalls goldene Flügel.

Leider hatte Mercedes es versäumt, die Herrin jemals zu fragen, was die goldenen Flügel zu bedeuten hatten.

Sie wurde aus ihren Erinnerungen herausgerissen, als sie einen lauten Knall hörte.

Sie sah Richtung Stadt und bemerkte eine Rauchwolke, die über den Häusern aufstieg.

Der Krieg hatte begonnen...

Bestärkt durch die Wut in ihrem Bauch ging sie auf die Stadt zu.

Schon von weitem hörte sie die verzweifelten Schreie der Frauen und Kinder.

Als sie am Rand der Stadt ankam sah sie, wie sich einige Männer, mit Heugabeln bewaffnet, versuchten gegen einen Schwarzflügel zur Wehr zu setzen.

Mercedes umfasste ihr Schwert und musste sich zusammenreißen, um nicht auf den Schwarzflügel loszugehen. Zu gerne würde sie den Menschen helfen, doch sie musste ihre Kräfte schonen. Sie hatte Wichtigeres zu tun.

Sie ging weiter, durch die dunklen Ecken, in denen sie nicht bemerkt werden konnte und hielt Ausschau nach ihm. Irgendwo musste er schließlich sein.

Sie beobachtete den Marktplatz. Dort einer der Befehlshaber Fedor Akins und dirigierte die Angriffe auf die Häuser.

Ein Schwarzflügel kam aus einem der Häuser gerannt. Er hatte ein kleines Kind auf dem Arm, das fürchterlich weinte. Die Mutter kam hinterher und schrie, dass er ihr ihren Sohn wiedergeben solle. Sie warf sich den Schwarzflügel vor die Füße und flehte ihn an, das Leben ihres Sohnes zu verschonen - er lachte und erschlug sie.

Mercedes konnte nur zuschauen. Sie merkte gar nicht, wie sehr sie zitterte. Sie erinnerte sich an dem Abend, als er den Palast überfiel und die Herrin gefangen nahm. Wie er kurz davor war, sie umzubringen.

"Hast du es dir anderes überlegt?", fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr.

Erschrocken drehte sie sich um und sah in das grinsende Gesicht von Joshua.

"Du.. wie kannst du so etwas nur tun?!", schrie sie wütend.

Joshua sah sie mitleidig an. "Hast du es immer noch nicht verstanden, Mercedes? Es gibt nur eine Chance, wenn du selbst überleben willst: Töte, bevor du getötest wirst. Eine andere Möglichkeit hast du nicht."

"Aber sie sind unschuldig! Sie haben dir nichts getan!"

"Wen interessiert das?! Wir waren auch unschuldig! Hat sich damals irgendjemand dafür interessiert ob wir unschuldig waren oder nicht?!"

"Aber.. warum hilfst du Fedor dann?"

Joshua schüttelte lachend den Kopf. "Was hätte ich denn machen sollen? Ich war 8 Jahre alt! Alle waren tot! Ich hatte keine Eltern mehr, du warst weg, die Herrin war tot.. Was hätte ich deiner Meinung nach machen sollen? Wie hätte ich überleben sollen? Aber das ist jetzt sowieso unwichtig... Fedor hat die Vorarbeit geleistet, nun ist es mein Werk..."

Er bewunderte mit einem hämischen Grinsen sein Schwert.

Mercedes verstand sofort.

"Du hast ihn getötet?", fragte sie fassungslos.

Er sah sie mit kalt an. "Natürlich! Er hat mich ausgebildet, ich war sein rechter Arm. Die Schwarzflügel gehorchen mir auf's Wort. Er wurde alt und lästig. Es wurde Zeit, dass ich die Führung übernehme. Aber er wird gebührend geehrt werden, wenn ich sein Werk vollendet habe."

Mercedes sah ihn nur geschockt an. Was war nur aus ihrem Joshua geworden?

"Mercedes, ich gebe dir nun eine letzte Chance. Schließt du dich mir an oder stellst du dich gegen mich?"

Mercedes blickte in seine kalten Augen. In ihnen spiegelten sich nur Wut und Zerstörung. Er war größenwahnsinnig geworden.

"Niemals werde ich mich dir anschließen, Joshua Tecumseh", sagte sie entschlossen.

"Dann...", begann Joshua, "...wählst du den Weg des Todes, Mercedes Nonhalema."

Er zog sein Schwert, Mercedes tat es ihm gleich. Sie würde sich nicht kampflos ergeben.

Er schrie und stürmte auf sie zu, sie schütze sich mit ihrem Schwert. Er schlug wie wild auf sie ein, sie verteidigte sich nur.

Wie ein Berserker stürzte er sich auf das Mädchen. Immer wieder hörte man das klirrende Geräusch, wenn die beiden Schwerter aufeinander trafen.

Mercedes wurde immer weiter zurückgedrängt. Irgendwann standen sie mitten auf dem Marktplatz. Joshua hielt inne und die beiden standen sich nun gegenüber.

Die Schwarzflügel waren verschwunden, die Häuser um sie herum brannten, vom weiten hörte man noch die verzweifelten Schreie.

Sie blickten sich schweigend an. Alles was drumherum war, war vollkommen egal. Es ging hier nur um sie beide. Es ging nicht um die Eroberung dieses Planeten. Es ging nur um Mercedes Nonhalema und Joshua Tecumseh. Zwei Freunde, die sich nun als Feinde gegenüberstanden und das vor dem Kampf ihres Leben. Und eines war sicher: Es wurde nur einen Gewinner geben - und der Verlierer musste seine Niederlage mit dem Leben bezahlen.

"Bist du bereit?", fragte Joshua leise.

Mercedes nickte. Sie schloss die Augen und ihre Flügel erschienen in einem strahlenden Weiß.

"Immer"

Und sie stürzten sich aufeinander. Es war ein offener Schlagabtausch. Erst griff Joshua an und Mercedes verteidigte sich, dann umgekehrt. Sie waren gleichwürdig, es war nur die Frage, wen die Kräfte als erstes verlassen würden.

Mercedes kämpfte sich in einen Rausch. Sie griff Joshua wie wild an und mit jedem Schlag sah sie ein vergangenes Bild vor ihrem geistigen Auge. Wie sie ihn das erste Mal gesehen hatte, vor dem Palast. Als sie ihm den Weg hinein gesagt hatte. Als sie ihn vor der Schule traf. Als sie gemeinsam bei der Herrin waren und sich mit ihr unterhielten.

Sie merkte nicht, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, doch sie nahm sich fest vor, jetzt nicht zu weinen. Sie musste stark sein, sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Das war sie ihnen schuldig.

Der Herrin, Cheyenne, Silvio, Jo, all den Menschen die in diesem Krieg ihr Leben lassen mussten.

Plötzlich spürte sie einen starken Schmerz in ihrem rechten Arm und sie sank zu Boden.

Das Blut lief unaufhaltsam ihren Arm herunter. Sie sah zu Joshua, er stand ihr schweratmend gegenüber, das Schwert fest umklammert.

Mercedes versuchte gar nicht erst wieder aufzustehen. Sie war erschöpft, sie konnte nicht weiterkämpfen.

"Du hast gewonnen, Joshua. Worauf wartest du noch? Los, töte mich, dass ist es doch, was du willst."

Joshua schüttelte den Kopf und sank ebenfalls zu Boden.

"Idiotin. Ich wollte das nie, du hast selbst so entschieden. Glaub mir, ich wäre froh, wenn alles anders gekommen wäre."

Er sah ihr in die Augen und plötzlich sah er wieder aus wie der Joshua, den sie damals kennengelernt hatte. Der kleine Junge mit dem schwarzen Strubbelkopf und den braunen Augen, die so eine Wärme ausstrahlten.

Mit letzter Kraft schleifte sich Mercedes zu Joshua.

"Mir wäre es auch lieber gewesen, wenn meine Zukunft anders ausgesehen hätte. Aber man muss sich mit dem zufriedengeben was man hat und das beste daraus machen."

Sie nahm ihn in die Arme, dann stieß sie ihm das Schwert mitten ins Herz.

Joshua gab noch einen kurzen Laut von sich, dann sank er vollends in ihren Armen zusammen.

Mercedes schlang ihre Arme um den toten Körper und brach in Tränen aus. Sie vergrub ihr Gesicht in Joshuas Schulter und weinte einfach nur.

Das Blut, das aus der Wunde trat bedeckte den Boden und als es einen Teil der weißen Flügel berührte, begannen sie sich golden zu färben...

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Danke an alle Leser die es bis hierhin ausgehalten haben und natürlich einen riesigen Dank an die, die Kommentare geschrieben haben.

SweetShadowAngel