Das Gelöbnis des Blutes

Es steht geschrieben, in den uralten Büchern der Spiegelwelt, das irgendwann Frieden herrschen möge. Das die Völker der Menschen und der Elfen vereint sein werden. Eine ehrvolle Verbindung solle das Bündnis schützen. Verteidigen die Ehre, den Stolz und die beiden Welten. So wurde der höchste König erwählt - sein eigenes Kind sollte diesen Frieden bringen. Die ehrwürdigen Elfen jedoch setzten eine Bedingung: eine Ehe, vollzogen mit dem überliefertem Blutschwur, sollte die Verbindung untrennbar vereinigen. So willigten beide Völker ein, und es herrschte Frieden, viele hundert Jahre lang. Nie wurde die Einlösung des Versprechens gefordert, auch niemals vergessen. Doch weder Menschen noch Elfen hatten jemals daran Interesse bekundet. Bis die Heerscharren der Unterwelt hervorkrochen und das Leben an sich bedrohten...

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte Prinz Cajetan von Valerian die Treppe zum Thronsaal hinauf. Er musste den König warnen. Einen Krieg verhindern. Und die Unantastbarkeit der Würde seines Halbbruders schützen. Schwer und laut ging der Atem des schönen Dunkelelfens, als er die großen Tore aufstieß. Sofort richteten sich unzählige Blicke der Höflinge auf ihn und die Musik verstummte für einen Augenblick. Doch diesmal hatte Cajetan keine Zeit, seine Freunde zu begrüßen. Ein kurzer Knicks vor dem Thron und schon bat er um Gehör. "Alarien, ich bringe euch Neuigkeiten aus der Spiegelwelt! Bitte ich muss euch sofort unter vier Augen sprechen..." "Bruder! Was hat euch nur so außer Atem gebracht? Beruhigt euch, trinkt einen Schluck wein mit mir. Musiker spielt wieder auf! Heute ist ein Freudentag!" HEutProstend erhob der König seinen Kelch und trank. Für einen kurzen Moment brannte Panik im Prinzen auf. Die Zeit wurde knapp. "Herr...", begann er wieder. Doch in diesem Augenblick stockte auch schon die Musik und der Hofmarschall verkündete mit lauter, klarer Stimme die Ankunft der königlichen Braut. Wieder richteten sich alle Augen auf die schweren Tore. Alle Hoffnung wich aus dem Elfen und er sank leicht in sich zusammen. Jetzt gab es keine Möglichkeit mehr, die Dinge auf zu halten. Es würde Krieg geben, und der König war gedemütigt. Ein Raunen ging durch die Menge, und Cajetan wagte nicht einmal hinzusehen. Doch Alarien war umso gefangener von dem Anblick des bezaubernden Geschöpfes, welches nun seinen Thronsaal betrat. Schlank und anmutig schön, perlmuttfarbene Haut und glänzendes azurblaues langes Haar. - Der König war entrückt und so entgingen ihm die Worte seines Hofmarschalls zunächst. Doch dann klangen sie hundertfach in ihm wieder, so als wollten sie ihn verspotten. "Verehrter König, ich möchte sie mit Prinz Seraphin von Telerian bekannt machen." Ein Prinz! Keine Prinzessin! Seine Braut? Wie konnte das sein? Erstaunt lehnte sich Alarien wieder auf seinem Thron zurück und in seinen tiefgrünen Augen funkelte Zorn. Nur mühsam hielt er die Worte zurück, die auf seinen Lippen brannten. Sein Blick traf hart und strafend auf seinen Bruder, doch dieser erwiderte den Blick nicht. Das Raunen um ihn herum wurde lauter, und Prinz Seraphin stand noch immer vor dem Thron und wartete. Natürlich wusste er, das sein Erscheinen eine reine Provokation war. Die Spiegelwelt hatte ihn vor vielen Jahren dem Königshause derer von Valerian versprochen - nichtsahnend, das von diesem uralten Versprechen jemals Gebrauch gemacht würde. Er war schon lange dem Kindalter entsprungen und hatte sich bereits selbst eine junge Braut gesucht, als der Bote mit dem Heiratsantrag eintraf. Zunächst hatte man die Sache diplomatisch lösen wollen, aber die Kriegstreiber seines Landes hatten anders entschieden. Und nun stand er hier. Gefangen von der Schönheit seines Königs, dessen langes schwarzes Haar sein edles Haupt zierte wie ein dämonischer Heiligenschein. Dessen Augen so zornig blickten, das selbst Seraphin ein leichtes Erbeben in seinem Körper spürte. Die Zeit schien still zu stehen.

Als der Prinz der Spiegelwelt das anhaltende Schweigen nicht länger ertrug, trat er an den Thron heran und ergriff die feingliedrige Hand Alariens. Kühl und anmutig lag sie in seiner, als er sie an die Lippen zog und mit seinen weichen Mund leicht streifte. "Mein König, ihr habt nach mir geschickt... hier bin ich." Leicht spöttisch sah er in dessen unergründliche Augen und konnte sich eine zynische Bemerkung einfach nicht verkneifen. " Ich bin bereit, das Versprechen meines Volkes zu halten." Seraphin wusste, das er mit dem Feuer spielte, aber er konnte einfach nicht wiederstehen. Die Aura der Schönheit und Macht, welche von Alarien ausging, reizten ihn einfach zu sehr. Außerdem hatte er die Demütigung und den Spott schon sehr lange ertragen. In seinem Land hatte man sich die Münder zerrissen, ob dieses unsäglichen Werbens um ihn. Gelacht hatte man über ihn und seine Braut ihm verweigert. Er war 22 Jahre alt und musste nun endlich einen Erben zeugen. Seraphin hasste dies ganze. Er verachtete den König, auch selbst noch als er erfuhr, das dieser getäuscht worden war. Doch er hatte sich mit der Situation vertraut machen können. Viel länger schon, als der König wohl in diesen Minuten. Alarien schwieg immer noch. Er war sich natürlich bewusst, das man eine Reaktion von ihm erwartet, aber er wusste einfach nicht welche. Alles war geplant gewesen. Die Hochzeit sollte die beiden Reiche verbinden und einen undurchdringlichen Wall gegen die Gegner aus dem Süden bilden. Man hatte ihm gesagt, das Kind aus dem Hause derer von Telerian sei unendlich schön. Nun, das stimmte. Sein Herz zog sich ein wenig zusammen, beim Anblick des jungen Mannes. Fruchtbar und willig sollte es sein. Nun, ein bitteres Lachen brach durch die blassen Lippen, mag sein, das auch dieses stimmt. Doch ihm half das recht wenig. Seine Hand begann langsam zu prickeln und er glaubte immer noch die sanften Lippen auf seiner Haut zu spüren. Er fühlte sich uralt, obgleich er erst 26 Menschenjahre zählte. Und die Last auf seinen Schultern schien überwältigend und schwer. Es würde kein Bündnis geben, keine Sicherheit gegen Feinde - nichts! Wieder blieb sein Blick an den gletscherblauen Augen seiner "braut" hängen. Tollkühn, ja fast verrückt mochte man seine Gedanken in diesem Moment nennen. Dieser Mann ist schön wie die Sünde. Und er glaubt sich in Sicherheit....Wie konnte er es wagen, mich vor meine Untertanen so zu demütigen? Das plötzlich siegessichere Lächeln auf dem zarten Gesicht des Königs ließ Seraphin erstarren. Seine Hand wollte den Schatz in seinen Händen freigeben - er wollte zurück treten. In Sicherheit sein, vor der Drohenden Gefahr...

Doch unerbittlich schlossen sich die langen Finger Alariens um seine Hand. Ein leichtes Aufkeuchen zeigte den beiden Männern, das der Hof nochimmer auf eine Reaktion wartete.

Cajetan hielt, wie viele andere auch, den Atem an, als der König sich erhob und mit Seraphin an der Hand zur Mitte des Saales ging. Oh nein, mein Freund. Ich werde dir diesen Triumph nicht gönnen. Hier bin ich der König! Ich lasse mir meine Ehre nicht nehmen. Zornige Genugtuung lag in seinem Blick als er die Musiker zum weiterspielen aufforderte. Schon klangen wieder die weichen Klänge der Harfen und Flöten durch den Raum. Mühsam seinen Zorn beherrschend zog er seinen Feind an seinen Körper und begann sich im Takt der Melodie mit ihm zu bewegen. Für die gottesfürchtigen Menschen der Spiegelwelt war allein diese Nähe schon ein Verbrechen. Widernatürliche Gelüste und abstoßende Vermischungen nannten sie das. Das Volk der Dunkelelfen war eine solche Verbindung jedoch gewöhnt und so sollte nur der fremde Prinz darunter leiden. Alles in Seraphin wehrte sich! Er war ein Prinz, blaues uraltes Blut floss durch seine Adern. Und Alarien behandelte ihn wie einen seiner Sklaven oder schlimmeres. Seine Finger krallten sich in die Schultern seines Tanzpartners und leise knirschte er mit den ebenmäßigen Zähnen. Dafür werdet ihr mir büßen. Doch noch mehr als die unehrenhafte Annäherung des Königs ärgerte ihn seine eigene Reaktion. Sein Körper wurde weich. Ein sinnlicher Duft hüllte ihn ein und lies die feinen Härchen in seinem Nacken sich aufrichten. Seine Haut brannte, dort wo die Hände Alariens lagen und ihn festhielten. Alles lullte ihn ein und er wurde schwach und gab sich für einen Augenblick der Versuchung hin. Ein sonderbares Gefühl erfüllte ihn und er ließ es zu. Ohne wirklich wissen zu wollen, woher es kam und warum er es ausgerechnet in den Armen dieses arroganten Widerlings verspürte.