Nach dem aufwühlenden Erlebnis auf dem Markt lief Cornelius in Gedanken versunken zurück zum Müller, um das Mehl für seine Familie abzuholen. Beim Aufladen der Säcke stellte er sich dermaßen ungeschickt an, das der Müller ihn erst stirnrunzelnd ansah und ihm schließlich die Arbeit abnahm, was der Junge abwesend geschehen ließ. Als ihm schlussendlich der Karren an die Hand gegeben wurde, zog er ihn langsam den Weg hinunter, ohne auf die Worte des Müllers zu reagieren, der ihm noch einen guten Heimweg wünschte. Cornelius' Gedanken kreisten beständig um die Spange, die er mit der rechten Faust fest umschlossen hielt. Er traute sich nicht einmal mehr, sie zu betrachten, als könne sie ihm dann entkommen wie ein junger Spatz, den er einmal in der Hand gefangen hatte, als er noch jünger war. Stattdessen fuhr er mit seinem Daumen beständig über die feinen Konturen und erkundete die Umrisse der edelsteinverzierten Vögel auf ihr. Was ihn so sehr beschäftigt hielt war die Frage, was er nun mit der Spange anfangen sollte. Sein erster Gedanke war gewesen, sie einfach als ein Erinnerungsstück zu behalten, am Besten gut verborgen am Kopfende seines Strohbettes. Andererseits war da ihr Wert, der seiner Familie sicherlich für einige Jahre von den größten Geldsorgen befreien würde...nur wem könnten sie das Stück schon verkaufen, ohne verdächtig zu erscheinen ?Er sah sich schon vor seiner Mutter stehen, verzweifelt nach einer Erklärung ringend, woher er das wertvolle Stück habe, ohne von ihr des Diebstahls bezichtigt zu werden. Eine lange Zeit im Schweinestall würde ihm blühen...

Die Sonne begann sich schon dunkelrot zu verfärben als Cornelius schließlich den Grenzstein erreichte, der den Anfang ihres Feldes markierte. Der Hof war bereits in der Ferne gut sichtbar. Am Rande des Weges wucherten dichte Brombeer- und Haselsträucher entlang des Ackers, die den nun brachliegenden Boden vor dem Wind schützten. Und schon bald würde man hier auch die ersten Beeren des Jahres ernten können.

Unvermittelt vernahm Cornelius plötzlich angeregtes Gerede vor sich hinter ein paar Bäumen, die auf der vom Feld abgewandten Seite des Weges ein kleines Waldstück bildeten. Dann konnte man zwischen den Ästen einen großen Planwagen erahnen und zwei Rinder, die davor angebunden grasten. Auf dem Planwagen war, durchbrochen von bunten Flicken, das Bild einer bronzehäutigen Tänzerin zu sehen, die mit wehenden schwarzen Haaren in schwungvoller Bewegung ihr leuchtend rotes Kleid hochraffte, so das sehr viel von ihren langen, makellosen Beinen zu erkennen war. Neben ihr sah man zwei Burschen mit Laute, bzw. einem Schellenreif, die offenbar zu dem Tanz spielten. Auch sie waren dunkelhäutig und trugen leichte, farbige Kleidung. Anscheinend gehörte der Wagen einer Gruppe umherziehender Zigeuner, die ebenfalls noch auf den Markt wollten, um dort mit ihren Darbietungen etwas Geld zu verdienen.

Als Cornelius näher kam, verstummte die Unterhaltung. Wahrscheinlich hatte man das Knirschen des Sandes unter den Rädern seines Handkarrens gehört. Nun tauchte auf der anderen Seite des Wagens ein Lagerfeuer auf, welches aber noch nicht angezündet worden war. Um die aufgeschichteten Scheite herum saßen vier Personen, die ihn distanziert musterten, sobald er an ihnen vorbeizog. Unter den Gestalten war eindeutig die Tänzerin von der Abbildung auf der Plane, denn sie trug dasselbe rote Kleid, nur reichlich abgewetzt und mit dem Staub der Straße bedeckt. Auch lächelte sie nun nicht, sondern verfolgte wachsam seine Bewegungen. Ihr Alter vermochte Cornelius nicht genau zu schätzen, doch sie war tatsächlich so attraktiv, wie es auf dem Wagen dargestellt war und er erwischte sich bei dem Gedanken, das er gerne auch die langen Beine gesehen hätte - doch leider saß sie im Schneidersitz vor ihm und hatte sie unter ihrem Kleid verborgen. Neben ihr saßen die beiden Männer, vom Aussehen her offenbar Brüder, welche noch ablehnender schauten, als sie bemerkten, wie er sie musterte. Zusätzlich war noch ein Junge bei ihnen, der ungefähr Cornelius' Alter haben mochte. Er lag auf dem Bauch, sein Gesicht auf die Arme aufgestützt und starrte direkt zurück, als er angesehen wurde. Instinktiv senkte Cornelius kurz verlegen den Blick, was dafür sorgte, das sein Gegenüber breit zu grinsen begann und dabei zwei Reihen fauliger Zähne entblößte.

Auf der anderen Seite des Planwagens konnte man nun auch ein neues Bild sehen: einmal eine grauhaarige Alte, die neben einer Glaskugel saß und mit wissendem Blick Karten legte und im Hindergrund einen Jungen, der mit Messern auf ein kleines Mädchen warf, welches an einen Baum gelehnt stand. Die Kleine und die alte Frau waren am Lagerfeuer allerdings nicht zu sehen und so nahm Cornelius an, dass sie sich im Wagen befanden. Als er an den Zigeunern vorüber war, spürte er noch eine ganze Weile ihre Blicke in seinem Rücken. Ihm war ziemlich unwohl dabei. Hoffentlich würden sie bald weiterziehen, denn dass sie hier so dicht am Hof lagerten gefiel ihm gar nicht. Er beschleunigte seine Schritte ein wenig, um sie schneller hinter sich zu lassen.

Auf dem Hof wurde auch zu dieser Zeit noch ständig gearbeitet. Einer von Cornelius' Brüdern, Hennes, fegte die Scheune aus, in der noch das Stroh vom Vormittag lag, während Markus den letzten Ochsen versorgte, den die Familie noch besaß. Er war notwendig, um nun bei jeder Ernte den Pflug zu ziehen. Aus der Tür des Wohnraumes zog der Geruch von kochendem Gemüse herüber. Cornelius stellte den Handkarren vor den Hauseingang und lief so schnell es ging an den Tierverschlägen im Eingangsbereich vorüber, u zu seiner Schlafstätte zu kommen. Hierzu musste er allerdings vorher noch an der Kochnische vorbei, wo seine Mutter mit seinem jüngsten Bruder Peter am Ofen stand, um eine Getreidesuppe mit dürftiger Einlage vorzubereiten. Peter hing ihr dabei am Rockzipfel und wischte ab und an seine laufende Nase daran ab. Die Bäuerin drehte sich augenblicklich um als sie merkte, das ihr Sohn es eilig hatte, möglichst schnell wieder aus ihrem Einflussbereich zu verschwinden - warum auch immer. "Cornelius, wo willst Du hin? Hast Du das Mehl mitgebracht?" Ihre Stimme klang strenger als sie eigentlich sollte, aber zumindest verfehlte sie ihre Wirkung nicht, denn der Angesprochene blieb wie angewurzelt stehen. "Ja Mutter, alles in Ordnung. Ich habe alles direkt vor die Tür gestellt! Darf ich mich jetzt vielleicht ein Weilchen hinlegen? Ich bin müde vom langen Laufen...", quengelte Cornelius und senkte den Kopf - allerdings nicht, ohne alle paar Sekunden durch seine strähnigen Haare noch oben zu schielen, wie seine Mutter wohl reagierte. "Wenn Du so müde bist, wieso rennst Du dann hier so durch?", fragte sie mit einem Stirnrunzeln. Cornelius biss sich auf die Lippe und klammerte sich an der Spange fest, die er noch immer fest umschlossen in der verschwitzten Faust hielt. "Öhm...weißt Du...,"stammelte er "...Vorsicht, die Suppe kocht über!" Als sich seine Mutter kurz umdrehte verschwand er blitzschnell um die Ecke und ließ sie verdattert zurück. Der kleine Peter, der das Theater verfolgt hatte, aber mit seinen vier Jahren noch nicht so wirklich verstand, hielt sich weiter an ihrem Rock fest und sah fragend nach oben. Die Bäuerin schnaubte resignierend und wandte sich wieder dem Essen zu, was Peterchen offenbar genug beruhigte, denn er setzte sich auf den Boden und betrachtete interessiert einen großen Käfer, der in Schlangenlinien neben dem Ofenrohr entlanglief.

Bevor jemand ihm hätte hinterher rufen können verschwand Cornelius in der hintersten Ecke des Hauses, wo er seinen Schlafplatz aus Stroh und mehreren kratzigen Jutedecken hatte. Er sprang übermütig darauf und wühlte mit einer Hand am Kopfteil ein mittelgroßes Loch in das Stroh, in welches er die silberne Spange nun fallen ließ.Erst jetzt nahm er sich nachmals die Zeit, sie genauer zu bewundern. Natürlich konnte er sie weder schätzen, noch überhaupt sagen, was für Erdelsteine für sie verwendet worden waren. Die Augen der großen Vögel ( es waren Pfauen ) waren mit hellblauen Steinen bestetzt ( Saphiren ) und ihre Schwanzfedern bildeten ein Rad, welches mit grünen und gelblichen Streifen geschmückt war ( Jade ).

Cornelius merkte sich jede Einzelheit genau, denn solcher Schmuck war vollkommen neu für ihn und er erwartete nicht, so etwas noch einmal in seinem Leben sehen zu können. Außerdem konnte er dadurch die Zeit hinnausschieben, bis er zum Essen kommen und sich seiner Mutter stellen musste.

Beim Abendessen saßen sie alle beisammen, bis auf den ältesten Sohn der Familie, Torben, der mit seinen 15 Jahren noch auf dem Nachbarhof half, die Ernte einzubringen, wofür er eine Mahlzeit und ein paar Naturalien bekam, die er mit nach Hause brachte. Am wackeligen Holztisch befanden sich also Cornelius, neben ihm Markus, zwölf Jahre alt, Hennes, neun, der kleine Peter und seine Mutter, mit 29 schon von der harten Arbeit gebeugt. Normalerweise wurde am Tisch nicht viel geredet, außer über die tägliche Arbeit, die verrichtet werden musste. Wie üblich verteilte die Bäuerin zusätzliche Aufgaben, die noch nicht fest zugeteilt waren und wie nicht anders zu erwarten war, verteilte sie an Cornelius diesmal einen größeren Anteil, weil sie noch immer verstimmt war. Diesmal hatte er allerdings noch relativ viel Glück, da sie zumindest zufrieden war, das er ausnahmsweise zeitig das Mehl zum Hof gebracht hatte. So war er diesmal nur an der Reihe am frühen Morgen die Hühner zu füttern, Eier einzusammeln und anschließend den kleinen Stall zu säubern.

Um so früh aufstehen zu können, legte sich Cornelius gleich nach dem Essen zum Schlafen hin. Mit nur einer dünnen Lage Stroh zwischen seinem Kopf und dem Schmuck der Prinzessin schlummerte er recht bald ein und wenn man in der Dunkelheit sein Gesicht hätte sehen können, dann hätte man ein leises Lächeln erkennen können, als er begann zu träumen. Es war ein ereignisreicher Tag gewesen - und weitere sollten folgen.

Fortsetzung folgt..

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Das war also jetzt der erste Tag, den der Leser mit Conni verbringen durfte! Dieses Kapitel war weniger ereignisreich, aber meiner Meinung nach ist es unvermeidlich, das nicht am Ende jedes Kapitels ein Spannungshöhepunkt kommen kann. Wenn ich allerdings bis hierhin den Leser noch nicht genug an die Story fesseln konnte, dann wäre das wohl auch zu spät *g* Das Kapitel diente eher dem Aufbau der weiteren Handlung, wie man bald merken wird ;-)

Und danke an Marie, die mich diesmal im Speziellen motiviert hat weiterzuschreiben! ( Jaaaa, in dem Fall kann es passieren, das man hier verewigt wird *g* )