Es hat eine Weile gedauert, aber ich hab es endlich geschafft, das neue Kapitel zu schreiben. Jetzt, nachdem die Hauptcharaktere eingeführt sind, kann ich endlich etwas tiefer in die Materie gehen...es wird in diesem Kapitel schon angedeutet, aber es kommt noch mehr in den nächsten zwei zum Vorschein.

DARKBLUM

Andrea Göppel

Kapitel IV:

Die Luft ist heiß und stickig, als wir uns mit unseren Koffern und Instrumenten durch die Menge drängen. Massen von Menschen wogen um mich herum, wie in Trance gefangen, zum Rhythmus der Musik bewegend. Die Töne kommen aus den gewaltigen Lautsprechern, dumpfe Bässe, die einen innerlich vibrieren lassen. es ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, doch es scheint keinen zu stören.

Hellblauer Qualm ist dort sichtbar, wo kleine Scheinwerfer in die Menge leuchten, ansonsten ist es dunkel und voller Schatten. Die Tanzfläche ist nicht groß, doch sie ist gerappelt voll, genauso wie die Bar am anderen Ende des Raumes.

Das ist ‚Black Garden', der Club in der Weststadt. Bekannt für die billigen Getränke und die gelegentlichen Auftritte von engagierten Bands – so wie wir. Mein Geschmack ist es ja nicht so – die Musik ist zu laut, um sie noch richtig genießen zu können, und die schlechte Luft verschafft mir jedes Mal Kopfweh.

Beat fühlt sich in ihrem Element, wie überhaupt auf jeder Party. Sie wippt im Rhythmus zur Musik und ich kann regelrecht fühlen, wie das Tanzfieber sie packt.

Sonja erträgt alles mit stoischer Ruhe und manövriert sich gelassen durch die schwitzenden Körper, bis hin zur Bühne, wo wir unser Zeugs aufbauen sollen. Wir waren schon öfter hier und der Besitzer kennt uns, weiß, dass wir unser Zeugs alleine aufbauen können – für ihn ebenso eine Erleichterung wie für uns. Er muss kein Personal an uns vergeuden und uns grabbelt keiner an den Instrumenten rum.

Ganz am Schluss unserer kleinen Gruppe folgt Lex, die wir kurzerhand mitgeschleift haben, damit sie sich daran gewöhnt. Immerhin soll sie bei unserem nächsten Auftritt mitsingen.

Ihrem grimmigen Gesichtsausdruck nach zu schließen scheint ihr das alles überhaupt nicht zu gefallen. Jeden, der es auch nur wagt, in ihre Nähe zu kommen, funkelt sie an – was sich als ziemlich schwierig erweist, da es hier so eng ist, dass man beinahe aufeinander gepresst wird. Lex ist also ständig am Funkeln, was mit der Zeit ganz amüsant wirkt.

Mit einem erleichterten Seufzer erreiche ich die Bühne und drücke mich in die kleine Kammer dahinter. Das ist einer der großen Nachtteile vom Black Garden – es gibt keinen Extra-Bühneneingang, sondern alle Statisten müssen sich durch den üblicherweise vollen Tanzraum drängen.

Sonja ist schon dort und packt gerade ihre Gitarre aus, während Beat sich um den Verstärker und die Anlage kümmert. Beide scheinen sehr beschäftigt, also bleibt es wohl an mir hängen, mich mit unserem finsteren vierten Mitglied herumzuschlagen.

Seufzend drehe ich mich um. „Du kannst uns beim Aufbauen helfen. Während wir spielen, gibt es für dich nichts zu tun, aber du solltest gut zuhören – wenn du ein echtes Mitglied unserer Band werden willst, solltest du auch dort oben stehen und singen können. Hast du jemals vor Publikum gesungen?"

„Nein." ist die karge Antwort.

„Schlecht." Ich stelle meine Tasche auf den Boden. „Ich will nicht, dass du vor lauter Lampenfieber nichts zustande bringst. Warst du in irgendeiner Form schon einmal vor einer größeren Menge und musstest etwas vortragen?"

Lex hebt endlich ihre Augen und blickt mir ins Gesicht. „Beim Vorspielen."

„Vorspielen von was?" Langsam geht es auf die Nerven, dass man ihr jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen muss.

„Geige." Ein leises, grimmiges Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht und verschwindet fast sofort wieder. „Ich bin immun gegen Lampenfieber."

„Niemand ist immun dagegen!" erwidere ich ernst.

Lex schüttelt den Kopf. „Mag sein. Auf jeden Fall werde ich mich nicht davon abhalten lassen, zu singen. Falls ich singen will."

„Aha." Ich betrachte sie aufmerksam und mir entgeht nicht das unsichere Flackern in ihren Augen. „Dann ist es ja gut."

Das deutlich ausgesprochene ‚Falls' ist mir nicht entgangen, aber ich lasse spreche es nicht an. Wenn sie nicht singt – nun, dann ist sie schneller wieder aus unserer Wohnung draußen, als sie ‚Hallo' sagen kann. Ich schmeiße meinen Rucksack auf den Boden und hole meine E-Gitarre aus der Hülle. Deutlich sind die Kratzer auf dem blauen Lack zu sehen, eine deutliche Erinnerung an alles, was dieses Instrument schon mit mir zusammen erlebt hat. Meine Finger gleiten wie von selbst über die Saiten und ich schließe meine Augen. Musik, dafür lebe ich, dafür habe ich alles aufgegeben.

„Die Anlage steht." meine da Sonja und nickt mir zu. Ich blicke auf die Uhr – in zehn Minuten beginnt unser Auftritt, also sind wir gerade rechtzeitig. Schnell hole ich noch meinen Spiegel hervor, nachschauen, ob das Make-up auch sitzt. Lex neben mir lacht nur.

„Keine Sorge, so schnell geht die Farbe nicht ab."

Ich funkle sie an und sehe zu meinem Erstaunen, dass ihr Gesicht keinerlei Gehässigkeit zeigt – offensichtlich war diese Bemerkung als Scherz gemeint. „Mag sein, aber ich schau lieber nach, als dass ich mich irgendwie blamiere."

„Schminke ist dämlich." Das düstere Mädchen schüttelt den Kopf, als ob sie eine ungeliebte Erinnerung verdängen wollte. Da fällt mir ein, dass ich sie noch nie hab Make-up benutzen sehen, nicht einmal Eyeliner oder einen Abdeckstift.

„Warum?" frage ich neugierig, aber ich werde unterbrochen von Sonja's ungeduldigem Ruf.

„Cath! Wo bleibst du? Wir müssen auf die Bühne!"

„Ich komme!" Ist meine eilige Antwort und ich drehe mich um, Lex einfach stehen lassend. Aber das Gespräch werde ich in Erinnerung behalten und später noch einmal darauf zurückkommen.

Beat grinst wie verrückt und hält ihre beiden Sticks fest umklammert. Ich kann schon sehen, wie das Blut in ihren Adern zu kochen beginnt – sie liebt solche Auftritte, und wenn wir sie nicht zurückhalten würde, so würde sie zwei Stunden lang die Audienz mit wahnsinnig lauten Schlagzeugssoli beglücken. Auch wenn das mal was neues wäre, zwei Stunden wären dann doch zuviel und keiner von uns hat Lust, wegen irgendwelcher Gehörschädigungen verklagt zu werden, also begrenzen sich ihre Soli auf gelegentliche Fill-ins in unseren Songs.

„Mit was fangen wir an?" Ist meine erste Frage, als wir auf die Bühne klettern.

„I will survive." antwortet Sonja, und ich nicke. Es ist immer gut, mit etwas mitreißendem anzufangen. Zwar würde ich lieber einen unserer eigenen Songs spielen, aber da reagieren die Leute nicht so gut darauf – man muss sie erst begeistern und *dann* kann man spielen was man will. Soviel hab ich in den zwei Jahren über Massenpsychologie schon gelernt.

„Und nun, Ladies und Gentleman, unsere kleine Gruppe, die schon des Öfteren das Black Garden mit ihren heißen Rhythmen aufgeheizt hat –DARKBLUM!" schreit der DJ über das Mikro. „Hoffen wir, dass die Mädels uns auch dieses Mal zeigen, was Sache ist!"

Die Lichter auf der Bühne gehen an und ich muss blinzeln, als ich plötzlich direkt in einen grellen Scheinwerfer blicke. Irgendjemand pfeift, jemand anderes buht uns aus und ich kann Lex ganz am anderen Ende des Raumes erkennen. Es irritiert mich etwas – warum ist sie soweit weg von uns?

Dann drückt mir Sonja das Mikro in die Hand und alles andere ist auf einmal egal. „N'Abend, ihr werten Nachtschwärmer!" schreie ich über die Menge. „Da wir euch die Musik nicht länger vorenthalten wollen, fangen wir jetzt einfach an!" Schnell stecke ich das Mikro in den Ständer vor mir und greife die ersten Akkorde. Beat schlägt den Rhythmus und auf einmal…

…ist alles egal. Es fasziniert mich jedes Mal, wie sehr sich alles verändert, sobald ich beginne, zu singen. War ich vorher nervös und zittrig, so ist dieses Gefühl wie weggeblasen. Glockenrein dringt meine Stimme durch den Saal und ich höre nicht mehr auf die Leute, bin nur noch in der Musik, singe und spiele gleichzeitig.

….At first I was afraid I was petrified

Kept thinkin' I could never live without you by my side;
But then I spent so many nights

Thinkin' how you did me wrong…

Die Lautstärke, der Gestank, die Buh-Schreie von vorhin, all das ist egal, denn ich singe, kann musizieren, und tue das vor Leuten. Ich muss lachen während ich singe, blicke zu Beat, die es nicht lassen kann, mit voller Muskelkraft auf ihr Drumset einzuschlagen und zwinkere Sonja zu, die geduldig die Unterstimme singt, während sie die Akkorde auf ihrem E-Bass spielt.

Es gibt Momente, in denen ich zweifle, in denen ich bereue. Oft genug liege ich nachts wach und frage mich: Warum? War es das wert? Und oft genug weiß ich keine Antwort. Aber es sind diese Momente – sei es während der Proben oder hier bei einem Live-Auftritt – die mich bestätigen, die mir das Gefühl geben, dass ich richtig gewählt habe. Man darf nicht den einfachen Weg nehmen, nur weil er einfacher ist.

…And I grew strong

And I learned how to get along

And so you're back from outer space

I just walked in to find you here with that sad look upon your face

Das Leben ist ein Ringen um Richtig und Falsch. Oft genug machen wir Fehler, und oft genug ist das, was wir persönlich als richtig, als gut empfinden, genau das Gegenteil der Vorstellungen von Menschen, die uns viel bedeuten. Dann kommt es zum Streit, und auf einmal ist alles anders. Man fühlt sich alleingelassen, unverstanden, und irgendwann kommt es zur Explosion.

Irgendwann kann man nicht mehr.

Ich bin ausgebrochen. Ich habe es geschafft. Es war verdammt hart – und ist es immer noch zu einem gewissen Grad – aber verdammt, ich bin dabei, meinen Traum zu verwirklichen, und ich werde es schaffen!


….Weren't you the one who tried to hurt me with goodbye

Did you think I crumble

Did you think I'd lay down and die?

Oh no, not I. I will survive

Mit einem lauten Crescendo beenden wir unser Lied und ich reiße, gefangen im Rhythmus der Musik, meine Arme empor. Zuerst herrscht Stille, und dann – Applaus! Die Leute jubeln, und ich grinse Sonja an – wir haben es wieder einmal geschafft. Und um die Stimmung nicht zu verderben, singen wir gleich unseren nächsten Song.

Lex hat ihre Arme verschränkt und schaut uns zu, doch ich nehme sie gar nicht mehr bewusst war. Ich bin zu beschäftigt mit singen, in die Menge zu schreien, E-Gitarre zu spielen und generell den Abend zu genießen. Schon läuft mir der Schweiß in Strömen herunter, aber es ist mir egal, denn momentan gibt es nur uns – DARKBLUM – und die Musik.

Alles andere ist egal.

….But now I hold my head up high

And you see me somebody new

* * *

Über zwei Stunden sind vergangen, seit wir mit 'I will survive' unseren Auftritt begonnen haben, und die Stimmung ist sehr zufrieden stellend. Uns ist bis jetzt kein einziger großer Patzer unterlaufen, und die Menge tobt – alles in allem ein gelungener Auftritt.

Deshalb genieße ich erst einmal unsere Pause, bevor es wieder zurück ans eingemachte geht – singen macht durstig und mein Hals spürt sich schon kratzig an. Gierig leere ich eine halbe Flasche Mineralwasser und mache mich dann auf den Weg nach draußen. Ich brauche frische Luft – hier im Klub ist es viel zu warm und stickig.

Auf dem Weg durch die Menge begegne ich Lex.

„Willst du mitkommen?" frage ich kurzangebunden. Beat ist auf der Tanzfläche (woher nimmt sie nur diese Energie?) und Sonja sitzt mit Marvin, ihrem Freund, an der Theke und trinkt eine große Cola.

Lex nickt bloß und folgt mir. Irgendwie bin ich gespannt auf das, was sie zu unserer Performance zu sagen hat, auch wenn es mir schwer fällt, dies einzugestehen.

Die Nacht draußen ist frisch und kühl und ich kann die Sterne am Himmel funkeln sehen. Ich atme tief ein und fühle mich gleich besser – der Rausch des Auftritts verfliegt etwas und ich fühle mich auf einmal viel ruhiger. Meine Stimme kratzt, als ich mich zu Lex wende: „Und, wie hat es dir bis jetzt gefallen?"

Sie blickt mich an und dreht dann den Kopf, ihre Worte vorsichtig abwägend. „Ihr seid anders, wenn ihr auf der Bühne steht." meint sie dann und blickt empor zum Himmel.

„Bitte?" Ich blinzele. Das ist nicht die Antwort, die ich erwartete hatte.

„Wenn ihr singt. Ihr seid anders."

„Uh." Nun hat sie mich verwirrt. „Könntest du das vielleicht etwas näher erklären?"

Lex seufzt. „Als ich dich getroffen hab…und die anderen…" sie wedelte ungeduldig mit ihren Händen. „Da wart ihr ganz normale Menschen. So typische Mädchen – Frauen – was weiß ich. Oder nicht ganz so typisch, wenn man Beat betrachtet. Aber ihr wart einfach…normal." Sie sucht sichtbar nach Worten. „Aber heute, auf der Bühne…da war es anders. Ihr wart…lebendiger. Musik. Ihr habt die Musik gelebt."

„Ah."

Sie nickt. „Das hat mir gefallen. Diese Ausstrahlung. Das hat Power. Aber…." Nun blickt sie mich direkt an. „Etwas fehlt. Besonders bei euren eigenen Liedern. Etwas fehlt. Es ist noch nicht perfekt."

„Ja, uns fehlt deine Stimme." meine ich ungeduldig. Muss dieses Mädchen in Rätseln sprechen?

„Nein." Lex schüttelt den Kopf. „Nicht nur das. Da fehlt noch mehr."

Verwirrt runzele ich die Stirn, als sie genau das ausspricht, was ich mir schon des Öfteren selbst gedacht habe. Unsere Lieder sind gut, wir sind gut, und wenn wir auf der Bühne stehen, dann leben wir in der Musik, wie Lex es so schön ausgedrückt hat, aber trotzdem… Irgendetwas fehlt. Und es regt mich auf, weil ich nicht weiß, was es ist.

„Das werden wir auch noch herausfinden." erkläre ich abschließend. „Immerhin haben wir jetzt schon einmal eine weitere Singstimme. Beim nächsten Auftritt bist du dabei, dass das klar ist!"

„Jaja." Der Hauch eines Lächelns erscheint auf ihrem Gesicht. „Um ehrlich zu sein, wollte ich gerade eben fast auch mitsingen – so mitreißend wart ihr!"

„Tja, das ist unser Charme!" Ich lache. „Aber sag mal, du hast erwähnt, dass du Violine gespielt hast…vor vielen Leuten…wo denn genau? Hast du in einem Orchester mitgespielt?"

„Das auch." Lex's Gesicht verhärtet sich, wie jedes Mal, wenn man mit ihr über etwas Persönliches sprechen will. Verdammt unnahbar, das Mädel! „Aber auch Wettbewerbe, wo man ganz alleine spielen muss. Ich habe sie gehasst."

„Warum? Wegen des Lampenfiebers?"

„Nein." Wieder schüttelt sie den Kopf. „Lampenfieber hatte ich schon lange keins mehr. Aber das war keine Musik, was ich dort von mir gegeben hab. Es waren Noten, schwierige Stellen, vertrackte Rhythmen und schnelle Tempi, aber das war auch schon alles. Deshalb hab ich auch bald wieder damit aufgehört. Die Musik war tot."

„Musstest du bei diesen Wettbewerben spielen?"

Wieder ein Kopfschütteln. „Ich meldete mich freiwillig an, auf Anraten meines Lehrers."

Ich nicke bedächtig. Es ist oft so, dass bei solchen Wettbewerben – wenigstens meiner Meinung nach – das Essentielle der Musik zu kurz kommt. Musik lebt von Emotionen und Bildern, während man bei Wettbewerben auf die technische Perfektion, den strahlenden Klang und die rhythmische Präzision achtet.

„Ach, was soll's. Klassik war sowieso nie mein Ding." meint Lex sarkastisch. „Alte Dinge sollte man ruhen lassen."

„Wenigstens hast du das Problem mit dem Lampenfieber schon mal nicht mehr. Bei mir war es am Anfang echt übel." Ich erinnere mich mit Schaudern an unseren allerersten Auftritt, an dem ich schlotterte vor Angst und mir fast das Mikro aus de Hand fiel. Mein erster Song fiel auch dementsprechend quietschig aus, aber ich hatte mich bald wieder gefangen.

Sie zuckt mit den Schultern. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass mir eigentlich alles scheißegal ist." Dann dreht sie sich ruckartig um und verschwindet wieder im Klub.

Ich bleibe verdattert stehe. Für einen Moment hatte ich wirklich geglaubt, dass sie sich öffnen würde, aber dem war wohl nicht so. Was für ein krasses Mädchen. Das hört sich ja an, als ob sie ihre Vergangenheit in irgendeinem Alptraum verbracht hätte. Sowas.

Ich schüttle meinen Kopf und bemerke zu meinem Entsetzen, dass die Pause schon vorbei ist. Oh Mist! Die anderen warten bestimmt schon!

Eilig stürze ich mich wieder in das Gedränge, durch die wogende Menschenmenge und die stickige, qualmende Luft. Manch einer klopft mir auf die Schulter, gratuliert mir oder wünscht sich einen Song, aber die meisten erkennen mich nicht einmal, ob wohl ich für geschlagene zwei Stunden auf der Bühne stand und Lieder gesungen habe. Tja, das harte Los eines Künstlers.

„Komm schnell!" zischt mir Sonja zu, sobald ich auch nur in die Nähe der Bühne komme, und ich springe, renne, eile, nehme noch einen letzten Schluck aus der Wasserflasche und dann stehe ich wieder oben, hab das Mikro in der Hand, im strahlenden Scheinwerferlicht. Es ist warm und ich scheine innerlich zu glühen.

Weiter geht's, schreie ich in die Menge, und Beat legt gleich los mit einem grandiosen Schlagzeugsolo, welches die Menge zum Toben bringt. Schweiß glänzt auf ihrer Stirn, aber ihre Energie scheint nicht verschwunden zu sein. Auch ich gebe mein bestes, schreie, singe und krächze in das Mikrophon, zupfe an den Saiten dass meine Finger beinahe bluten und vergesse alles um mich herum, die Leute, den Gestank, die Hitze…

Song für Song spielen wir, und selbst unsere eigenen Kreationen wie Black Sunshine and Dead Flowers kommen an, obwohl sie die Leute nicht so mitreißen wie die peppigeren Lieder mit den heißen Rhythmen. Ich bin in meinem Element, bis sich der Abend dem Ende zuneigt und wir – endlich, endlich – mit müden Stimmen und ausgezehrten Kehlen unser letztes Stück ansagen. Sorry, Leute, heute gibt's nichts mehr, vier Stunden sind mehr als genug und ich will morgen noch reden können. Mein Hals tut weh und ich weiß, dass ich es die nächsten Tage bereuen werde, aber es war es wert, definitiv.

Ich bin nass geschwitzt, als wir endlich unser Zeugs abbauen, und gieße mir eine weitere Wasserflasche direkt in den Rachen. Hundemüde fühle ich mich, K.O, als ob ich eben 3000m gelaufen wäre, aber alles in allem doch sehr zufrieden. Sonja lacht mich an und Beat scheint ekstatisch; selbst Lex schenkt uns ein Lächeln und meint – mit monoton leiser Stimme – dass der Auftritt doch gar nicht so schlecht gewesen sei.

Der Besitzer des ‚Black Garden' kommt auf uns zu, bedankt sich bei uns, schüttelt uns die Hände und erzählt uns, dass wir die Bezahlung morgen auf unserem Konto finden können. Sonja nickt und lächelt, immer unsere geduldige Managerin, während ich Beat dabei helfe, ihr Schlagzeug abzubauen und in den Wagen zu laden. Selbst Lex ist eifrig dabei.

Manchmal klopfen mir Leute auf die Schulter, labern mich an, einer will mich auf einen Drink einladen, ein anderer will meine Telefonnummer wissen, aber ich weise sie freundlich lächelnd ab. Keine Zeit, keine Lust.

Dann, endlich, die Erlösung – alles zusammengepackt, wir stehen vor dem Auto und ein letztes Händeschütteln, ein letztes Gespräch, ein letztes Dankeswort, dann der Abschied. Es ist mittlerweile zwei Uhr morgens und ich fühle mich wie gerädert. Denn anderen scheint es nicht anders zu gehen – selbst Beats Energie ist auf ein erträgliches Level gesunken.

Marvin kommt vor den Klub, umarmt Sonja und schenkt uns allen ein Lächeln. Ich mag ihn; er ist nett, aber nicht aufdringlich, und er scheint Sonja ehrlich zu lieben.

„Ihr habt toll gespielt!" meint er und klopft Beat auf die Schulter. Dann dreht er sich zu Lex. „Und das ist wohl euer neues Mitglied, oder? Freut mich, dich kennen zu lernen!"

Lex grummelt nur etwas Unverständliches und Sonja lacht. „Lex, das ist mein Freund Marvin. Und Marvin, darf ich vorstellen: Lex. Sie ist etwas eigenartig, aber mach dir nichts draus, sie wird sich schon noch an uns gewöhnen."

Ley starrt nur finster vor sich hin, und ich unterdrücke ein Seufzen. Das Mädchen ist einfach zu krass.

Inzwischen hat sich Beat ans Auto gelehnt, welches tief in den Achsen liegt von der Last des Schlagzeugs und der Verstärkeranlage. „Wir waren super heute." sagt sie plötzlich, obwohl man keinen sichtlichen Zusammenhang zwischen ihrer Bemerkung und dem Lauf des Gespräches feststellen kann.

„Ja, aber du hast fast mal wieder übertrieben, besonders mit deinem Solo bei ‚I need a hero', ich hab fast gedacht, dass ich jetzt taub werde.", stöhne ich in gespielter Verzweiflung.

Beat grinst und zeigt mir ihre strahlend weißen Zähne. „Damit musst du zurechtkommen – das Schlagzeug ist nun mal ein essentielles Element unserer Musik."

„Jaja, wenn du meinst…" Plötzlich muss ich gähnen. „Trotzdem wäre es mir jetzt eigentlich am liebsten, wenn wir nach Hause fahren würden…ich bin todmüde und will eigentlich nur noch diese verschwitzen Klamotten loswerden und dann ab ins Bett!"

„Cath hat Recht." Sonja gibt Marvin einen schnellen Kuss auf die Wange. „Wir müssen noch alles aufräumen, es wird wirklich Zeit, dass wir fahren."

„Ist recht." erwidert er. „Ich seh dich dann morgen, ja?"

„Aber sicher." Sonja lächelt und steigt in das Auto. „Aber erst, wenn ich ausgeschlafen hab."

Wir alle folgen ihrem Beispiel und quetschen uns in das Auto. Dieses Mal habe ich das Glück, den Sitz vorne zu ergattern – auf diese Weise bin einmal *nicht* ich diejenige, die sich um Lex kümmern muss. Jetzt sitzt Beat neben ihr, und die hat sich in ihrem ganzen Leben noch nie um andere gekümmert – jedenfalls nicht auf die normale Art und Weise.

Es herrscht eine angenehme, müde Stille – auch diese Art der Stille ist in meinem geistigen Katalog aufgenommen und klassifiziert worden – als Sonja sicher und schnell durch die Straßen fährt und uns nach Hause bringt. Es war ein toller Abend, aber jetzt bin ich wie ausgepowert. So geht es mir jedes Mal nach einem Auftritt. Ich gebe alles, und dann bin ich wie ein nasser Waschlappen, keine Energie mehr….nur noch schlafen…

Fast wäre ich im Auto eingenickt, aber Sonja weckt mich, als wir daheim ankommen und unser Zeugs auspacken. Müde schleppen wir das Schlagzeug und unsere Instrumente ins Haus. Dann dauert es nicht mehr lange, bis ich endlich, endlich in mein Bett wanke und in einen tiefen, traumlosen Schlaf falle.

* * *

Der nächste Morgen verläuft relativ ereignislos. Wir stehen alle mehr oder weniger spät auf – Sonja ist mal wieder am frühesten wach, und Lex folgte nicht arg später, sehr zu meiner Überraschung. Beat, die Langschläferin, lässt sich wieder einmal nicht aus den Federn bewegen, also sitzen wir gegen 11 Uhr zu dritt am Tisch und nehmen ein Brunch der einfachen Sorte zu uns.

Sonja kaut nachdenklich, während sie einen grünen Flyer liest – woher sie den wieder hat, weiß kein Mensch. Unsere Gruppenälteste gehört zu den Menschen, die immer von allen Zetteln einen mitnehmen, um auch ja nichts zu verpassen.

In aller Seelenruhe streiche ich mir Butter auf mein Brot und kaue genüsslich. Ich muss heute nicht arbeiten und ich freue mich schon auf einen ruhigen Tag ohne Stress. Wer weiß, vielleicht kann ich ja etwas komponieren, wenn meine Muse es zulässt. Man weiß ja nie.

Auf einmal zuckt Sonja zusammen und wedelt uns mit ihrem Flyer vor der Nase herum.

„Was?" meine ich entnervt, denn bei der Geschwindigkeit ihrer Bewegung kann ich gerade mal verschwommene Buchstaben erkennen, geschweige denn etwas entziffern.

„Ich hab gestern einen Stapel Flyer mitgenommen, aber keine Zeit gehabt, alle durchzulesen. Jetzt schaut euch das mal an." Endlich hält sie still, während Lex und ich uns vorbeugen, um besser lesen zu können, was dort geschrieben steht.

BAND-CONTEST

Die einmalige Chance für jede Popgruppe, egal ob Musikalisch, Gesang oder Techno! Dem Gewinner winkt ein Plattenvertag bei der Firma K-Records. Nutzt eure Chance – werdet ein Star!

Es können sich alle Laienensembles bis zum 20.04. eintragen. Der Contest findet am 05.05 statt.

Anmeldegebühr beträgt…

Meine Augen werden größer und größer. „Das ist unsere Chance!" schreie ich und reise den Flyer an mich. „Mensch Leute, das ist DIE Chance, endlich erfolgreich zu werden. Ist das euch klar? Wahnsinn…" Vor Begeisterung rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her.

Sonja lächelt leicht, aber auch ihr kann man die Aufregung anmerken. „Wir machen also mit?"

Ich nicke entschieden. „Aber klar doch. Bis dahin singt auch Lex mit, das wird super."

„Ähm." macht Lex, aber ich beachte sie nicht. „Wir müssen uns informieren...wie viele Lieder darf man spielen? Welche Songs sollen wir auflegen? Wie kommen wir dahin?" Schnell springe ich auf und zeige auf den Zettel. „Unsere Chance! Endlich!"

Fortsetzung folgt...