You are left and so am I

It's a long life

A long life you have to live

For only a short time
Exit will let you leave
Are you dancing
Dancing all alone
With assassins who stab you down
I know how to defend
When you are in my head
I know that a storm is growing

Der dunkle Himmel warf seinen Schatten über die Stadt. Wo man auf der Straße auch hinsah, die Häuser waren allesamt von Verfall, Trauer und Elend gezeichnet, die schwarzen Fassaden mit den modrigen Holzschindeln waren seit Jahren nicht mehr rennoviert worden, doch es kümmerte niemanden hier.

Auch sie nicht.

Sie war in dieser schmutzigen Stadt aufgewachsen und sie würde an diesem Ort sterben. Ihre Absätze klapperten auf dem grauen Pflaster, doch diese Geräusche gingen im Lärm der Menge unter. Ihre bauschigen schwarzen Röcke flatterten hinter ihr, während sie pressant die Straße entlang schritt. Niemand wagte es, sich ihr in den Weg zu stellen. Wenn die Leute sie sahen, blickten sie verständnislos, manche ängstlich, andere schüttelten ärgerlich den Kopf. Es war ihr egal, sie war eine Außenseiterin und somit daran gewöhnt. Ihr kalter Blick traf den eines neugierigen Kindes, das sogleich eingeschüchtert den Kopf einzog und sich hinter den Beinen seiner Mutter versteckte. Sie spähte über die Häuserdächer zu der riesigen Turmuhr hinauf und beschleunigte mit einem leisen Fluchen ihren Schritt.

Sie hätte vor zehn Minuten zu Hause sein müssen. Sie rannte. Ihre langen Röcke schleiften unachtsam durch Dreck und Pfützen voll brackiger Brühe. Sie rutschte beinahe auf der feuchten Straße aus, als sie um die Ecke rannte. Noch wenige Meter und sie war bei ihrem Haus.

Vielleicht würde es nicht so schlimm werden. Das versuchte sie sich jedes Mal einzubläuen, bevor sie dieses Gebäude betrat, um kurz danach wieder schmerzlichst aufzuwachen und auf die harte Realität mit ihren spitzen Ecken und Kanten zu stoßen, an denen sie sich jedes Mal blutige Kratzer und Schrammen holte. Oft auch mehr als nur das.

Sie legte ihre blasse Hand auf den metallenen Türknauf und hielt für die Dauer eines Augenblickes inne. Das Blut raste ihr durch die Venen, zum einen weil sie in hochhackigen Schuhen soeben die Hauptstraße entlang gehastet war, zum anderen wegen der Dinge, die ihr gleich widerfahren würden, so wie jedes Mal, wenn sie ausging. Ihre sonst todbleichen Wangen hatten sich zart gerötet und sie keuchte noch immer. Sie schluckte die aufkeimende Angst herunter, während sie sich einige schweißnasse, ebenholzfarbene Haare von der Stirn strich.

Sie drehte den dunkelgrauen Knauf einmal herum, sodass das Schloss ein leises Klicken von sich gab und die Tür aufging. Sie versuchte, sich möglichst still zu verhalten, um vielleicht nicht bemerkt zu werden, obwohl das hier für sie unmöglich war, denn alle, die in diesem Haus lebten, konnten nicht davon ablassen, ihr das Leben zur blanken Hölle zu machen.

Selbst dieser Versuch wurde bereits vom quietschenden Türscharnier zunichte gemacht. Sie zuckte bei diesem Klang, der ihr das Mark gefrieren ließ, innerlich zusammen, mahnte sich jedoch dazu, ruhig zu bleiben. Das milchig-grelle Licht mehrer Kerzen hinter den Gläsern pompöser Wandleuchter verlieh ihrem gesamten Blickfeld eine schaurige Atmosphäre, die verstaubten Polstermöbel waren nur als undeutliche Silhouetten auszumachen, während die glänzende Holzvertäfelung den Schein zurückwarf.

Vorsichtig sprang sie auf den schweren, roten Teppich, der ein gutes Stück von ihr entfernt war. Er würde genügen, um ihre Schritte zu dämpfen, denn mit Absätzen auf das Holzparkett zu treten bedeutete, dass sie entdeckt würde. Langsam schlich sie zur großen Treppe. Sie wollte die unterste, schmiedeeiserne Stufe betreten, als sie glaubte, hinter sich Schritte zu hören. Sie warf einen hastigen Blick hinter sich.

Und atmete auf.

Ihre angstverwirrten, aufgeregten Sinne hatten ihr lediglich einen Streich gespielt. Ihre Hand zitterte leicht, als sie diese auf das schwarze Geländer legte. Ihre Finger fuhren über die filigranen Muster und sie nahm bedächtig eine Stufe nach der anderen. Jedes Mal wenn ihre Sohlen das Metall berührten, gab dieses einen stumpfen Ton von sich. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie dachte, es müsse zerspringen.

Als sie die obere Etage erreicht hatte, wanderte ihr Blick durch den beinah rabenschwarzen Flur. Wieder regte sich nichts. Hastig trat sie wieder auf einen schweren Teppich, der die Geräusche ihrer Schuhe in seinen Fasern erstickte. Doch noch immer fühlte sie brennende Blicke in ihrem Nacken. Noch einmal sah sie sich um.

Und erstarrte in der Bewegung.

Eines der Hausmädchen.

Ihr Engelsgesicht wechselte von seinem eiskalten Ausdruck zu einem hämischen Grinsen. Sie wusste, dass nichts dieses kleine Miststück daran hindern konnte, sofort jemanden zu benachrichtigen. Bevor sie überhaupt wirklich wusste, in welcher Situation sie sich gleich befinden würde, rannte sie bereits zu ihrem Zimmer am anderen Ende des endlos lang scheinenden Ganges. Doch die Magd stand ihr in nichts nach. Sie konnte hören, wie diese kleine Schlampe auf der Stelle die Tür zum Salon aufriss, um ihren Vater zu benachrichtigen, dass sie nach Hause gekommen war.

Sie drehte sich nicht um, obwohl sie bereits schwere Schuhe wahrnahm, die ihr folgten. Sie bekam den Türgriff zu fassen und drückte ihn herunter, hastete in ihr Zimmer und schmiss die Tür mit einem ohrenbetäubenden Knall zu. Hektisch wollte sie den Schlüssel umdrehen, doch dieser war nicht im Schlüsselloch. Ihr Kopf fuhr herum ihre Augen suchten gehetzt den Raum nach einem silbernen Schimmer ab.

Zu spät.

Die Tür wurde von außen aufgestoßen und sie stolperte automatisch zurück. Die eisernen Augen ihres Vaters begegneten ihren eigenen, die angsterfüllt und flehend dreinblickten.

Er war ein großer, schlanker Mann mittleren Alters, das schulterlange braune Haar säuberlich zu einem Zopf gebunden. Sie schrumpfte unter ihm zusammen und versuchte trotzdem, seinem Gesicht standzuhalten.

"Wo warst du und warum bist du so spät?!"

Sie sagte nichts, ihre Kehle war wie zugeschnürt.

"Antworte!"

Sie schluckte schwer. Sie wusste nicht, ob es besser war, wenn sie ihm erzählte, wo sie sich rumgetrieben hatte. seine Züge verdunkelten sich unheilverkündend. Das schleichende Gefühl der Panik begann, ihre Beine empor zu kriechen und langsam ihren gesamten Körper zu lähmen.

"Ich will wissen, wo du warst. Irgendeinen Grund musst du schließlich gehabt haben, um dich wieder wie eine verdammte Hure aufzudonnern!"

Ihre Unterlippe zitterte. Sie gab eigentlich nichts auf das, was andere sagten oder dachten und sie hatte auch keinen besonderen Grund für ihren Aufzug gehabt, doch der herrischen Statur ihres Vaters wagte sie nichts entgegenzubringen. Er kam auf sie zu, packte den Ausschnitt ihres Mieders und zog sie zu sich heran, sodass sie sich Auge in Augen gegenübersahen.

"Und jetzt: Antworte auf meine Frage"

Seine Stimme war kaum mehr als ein leises Zischen, doch es tat trotzdem seine gewünschte Wirkung.

Sie zwang ihren Mund auf und würgte mühsam einige Worte hervor: "M- Marktplatz..."

Er zog eine Augenbraue hoch. Offensichtlich glaubte er ihr nicht. Sie glaubte sich selbst nicht, sie war eine miserable Lügnerin. Sie schloss krampfhaft die Augen in Erwartung dessen, was sie nun erwarten würde.

Nichts.

Der Schlag blieb aus. Vorsichtig blinzelte sie ihren Vater an. Sein Gesicht verzog sich zu einem eisigkalten Lächeln.

"Es ist wunderbar, wenn du mich so ansiehst, wie ein kleines hilfloses Häschen in der Grube"

In der nächsten Sekunde traf seine Hand ihre Wange. Ihre Haut brannte und ihre Augen füllten sich langsam mit Tränen. Seine Finger bohrten sich in ihr Kinn und sie konnte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht fühlen.

"Sag mir die Wahrheit"

Eine einsame Träne rollte über ihre Wange. Sie sagte nichts, ihre Lippen wollten sich nicht öffnen.

Die Dunkelheit der Nacht hatte ihre Tränen am nächsten Morgen getrocknet. Zitternd hoben sich ihre Lider, ihre Augen wanderten vorsichtig durch den Raum, während sie langsam die schwere Satinbettdecke zurückschlug. Wie auf dem Schlachtfeld. Als sie aufstand, begannen schwarze Punkte vor ihren Augen zu tanzen, vorsichtig setzte sich auf den Boden und hielt sich den schmerzenden Schädel.

Zu ihren Füßen lag ein größerer Glassplitter, der gestern Abend noch zu ihrem Wandspiegel gehört hatte. Vorsichtig nahm sie ihn zwischen die Finger und betrachtete sich darin, so gut es möglich war.

Über ihre Nase, beinah direkt zwischen den Augen, zog sich ein einigermaßen wieder getrockneter Riss, ihre Wangen waren auf beiden Seiten knallrot und sie schwarze Farbe um ihre Augen war durch ihre Tränen über ihr ganzes Gesicht verlaufen.

Sie biss sich auf die Unterlippe, die letzte Nacht war nicht die erste gewesen, in der sie ihr Vater beinah ohnmächtig geschlagen hatte.

Und alles nur aus einem Grund: Sie war anders.

Doch sie würde sich für niemanden ändern, egal, wie oft sie den Groll ihres Vaters noch über sich ergehen lassen müsste, egal, wie oft die Leute auf der Straße abfällig über sie sprachen, sie war nicht so wie die anderen, sie war stolz darauf. Sie reckte das Kinn und warf den Splitter wieder achtlos auf den Boden. Sie würde das Aufräumen dem Dienstmädchen überlassen, schließlich war sie dazu da. Außer ihren Wunden hatte ihr Vater ihr jedoch noch etwas anderes hinterlassen, obwohl er sich denken konnte, was sie damit tat.

Sie hob das schwere Buch auf, strich über den Einband, nahm einen noch glimmenden Kerzenstummel und brannte es an. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die goldenen Lettern unkenntlich geworden waren, selbst das große Kreuz war schwarz geworden.

Sie lehnte die Kirche ab, mit ganzem Herzen, denn sie wusste, wozu diese gut war, nicht etwa, um den Menschen nur ihren Glauben aufzuzwingen, sondern um die Armen ärmer zu machen und die Reichen noch reicher, es war nichts als Ausbeutung, sie konnte das nicht akzeptieren und sie sah auch keinen Grund, dass zu verstecken.

Sie öffnete noch immer vor Schwäche zitternd ein Fenster und warf den brennenden Stoß Papier, zu dem die Bibel bereits verkommen war, auf die Straße. Sie schloss das Fenster und drehte sich herum. Sie hatte dringend das Bedürfnis zu baden, alles zu vergessen, die Ungerechtigkeit, die Schmerzen, den Zwang, wenigstens bis das Wasser kalt war.

Auf dem Korridor begegnete sie erneut der Magd.

"Ich habe das Badewasser bereits eingelassen, ich hatte so ein... Gefühl, dass ihr heute Morgen ein Bad brauchen würdet, um... die Spuren der letzten Nacht loszuwerden..."

Ihr spöttisches Grinsen zog sich über beide Wangen während sie mit einem Schlenker ihres dürren Handgelenks den Weg zum Badezimmer andeutete. Wortlos rauschte sie an ihr vorbei, würdigte sie keines Blickes und verschwendete nicht einen ihrer Gedanken an sie. Dieses Miststück war es ihr einfach nicht wert.

Seufzend streifte sie ihre Kleider vom Vortag , die sie in der Nacht vor Erschöpfung nicht mehr hatte wechseln können, ab und ließ sich langsam in das dampfende wasser sinken.

Warum?

Das war die erste Frage, die ihr in den Sinn kam, so wie jedes Mal.

Warum wurde sie nicht akzeptiert? Warum sind die Menschen so dumm? Warum hassen und töten sie einander? Warum lieben sie? Warum wurden alle geliebt außer ihr?

Sie schloss die Augen, formte ihre Hände zur Schale und ließ zwei Tränen hineintropfen. Sie tauchte ihre Hände ins Wasser, die Tränen verschwammen in der klaren Flüssigkeit, als wären sie schon immer ein Teil dessen gewesen.

Sie nicht.

Sie war nicht wie diese Tränen, niemand war für sie da. Langsam begann sie, sich das getrocknete Blut abzuwaschen, die Farbe und die Erinnerungen. Doch was brachte es ihr, zu vergessen? Es machte alles eher noch schlimmer.

Sie musste raus.

Raus aus diesem Wasser, raus aus diesem Haus, raus aus diesem Leben. Sie stand auf und wollte nach ihrem Handtuch greifen, doch als sie sich umdrehte, lag es nicht da. Sie war sich sicher, dass sie es eben noch gesehen hatte.

Ein eisiger Schauder durchfuhr sie, als es ihr plötzlich von hinten über den Rücken gelegt wurde. Zögernd warf sie einen Blick hinunter. Zwei dünne weiße Beine standen hinter ihr im Wasser.

"Frag nicht, wer ich bin. Freu dich, dass ich da bin"

Sie konnte der Stimme kein Geschlecht zuordnen, doch dies war im Moment eins der letzten Dinge, die sie interessierten.

"Was... machst du... hier?"

Ihre Stimme wollte nicht den herrischen Ton annehmen, den sie sich gewünscht hätte.

"Ich habe dir etwas mitgebracht"

Sie fühlte, wie sich dünne Finger langsam um ihre Schultern legten, sie leicht streichelten und ihre eine Gänsehaut über den Rücken jagten.

"Lass mich los, ich bin nicht in der Stimmung dazu"

"Gewiss, das bist du nicht... Ich weiß, wie du dich fühlst, ich weiß, wer du wirklich bist. Du... bist eine Tote gefangen in einer lebendigen Hülle, die Tag für Tag vor sich hinvegetiert, leer, verlassen... Dein innerstes wurde schon längst im Keim erstickt, das einzige, was dir geblieben ist, ist dein störrischer Wille. Sie haben dich getötet, immer wieder, jedes Mal habe ich es mit angesehen. Es ist Zeit, dem ein Ende zu setzen, meinst du nicht auch... Shannon?"

Sie zuckte zusammen, doch sie konnte sich nicht herumdrehen, ihre Glieder schienen erstarrt.

"Du... kennst meinen Namen...?"

Ein leises Lachen war die Antwort.

"Ich kenne deinen Namen, dein Lächeln, deine Tränen, deine Familie, deinen Geruch... nur eines nicht... Wirst du mir gewähren, auch dieses letzte Stück zu erfahren, deinem Leiden ein Ende zu setzen, deinen Peinigern eine Lektion zu erteilen...?"

"Du willst...?"

Sie senket die Lider. Was hatte sie zu verlieren?

"Tu es"

Sie spürte, sie langsam Zähne in ihren Hals bohrten, doch nicht wie bei Vampiren, bei denen es nur zwei Eckzähne waren, sondern ein gesamtes Gebiss.

"Wa..."

Ihr letztes Wort blieb ihr im Hals stecken, Blut rann über ihren Körper, sie fiel ins Wasser. Als einzige Person im Raum.

Er kniff die Augen zusammen, als sein Blick über ihren Grabstein fuhr. War der Spruch, den er aus dieser Entfernung nicht lesen konnte, nicht eigentlich zu lang? Er hatte ihn kürzer in Erinnerung gehabt. Er trat einen Schritt näher und las mit gerunzelter Stirn:

Hier liegt sie,
eure Puppe,
mit der ihr stets das tatet,
wonach euch euer kranker Sinn stand.
Ihr habt sie benutzt.
Betrogen.
Gequält.
Ihr seid dumm.
Ihr werdet
Die Früchte eurer Arbeit ernten,
Schmerz.
Trauer.
Qual.
Ihr sollt verstummen,
Damit euch niemand schreien hört,
So wie ihr eure Ohren stets gegen ihren Kummer verschlossen habt.
Euer Schicksal wird euch einholen.
Doch es ist bereits zu spät.

Was zum Teufel hatte man mit dem Grabstein seiner Tochter gemacht?!

"Ich habe euch lediglich vorgewarnt."

Er fuhr herum, doch er sah niemanden. Woher kam diese Stimme...?

"Seht ihr den Baum dort hinten? Dort stand sie immer, der leere Blick zum Himmel gerichtet. Sie wusste um euren unbegründeten Hass gegen Friedhöfe. Für sie gab es keine Welt. Sie hat sich schon zu ihren Lebzeiten so oft es ihr möglich war zu den Toten gesellt..."

"Wer zum Teufel bist du?!"

"Ich... bin der Wächter ihres Grabes."

"Wie bitte?!"

Plötzlich blickte er in das Antlitz eines Jungen. Seine Kleidung war nicht genauer zu erkennen, es sah aus, als wäre er mit Schatten bekleidet, das schneeweiße Haar wehte ihm um den Kopf, doch es war windstill. Er sah keinen Tag älter als 15 aus, doch er war bleich wie ein Ertrunkener und mit seiner schlanken Gestalt wirkte er eher wie ein Geist vergangener Zeiten.

"Und nicht nur das...", murmelte er, "Ich bin dein schlimmster Albtraum"

Im nächsten Moment war der Junge verschwunden. Das letzte, was er noch spüren konnte, war eine Klinge, die sich langsam in seine Schulter bohrte.

"Dein Schicksal holt dich ein..."

La Fin