Hallöle!
So, das hier ist eigentlich eine Deutschhausaufgabe. Wir sollten zu Bernhard Schlinks „Das Mädchen mit der Eidechse" ein für uns mögliches (wünschenswertes) Ende schreiben, also sein 14. Kapitel selbst schreiben. Ich hab mir einige Ideen durch den Kopf gehen lassen, aber letzten Endes fand ich diese hier am Besten.
Für alle, die seine Geschichte nicht kennen (und das werden wohl einige sein) eine kurze Zusammenfassung: es geht um ein Bild, auf dem ein hübsches Mädchen abgebildet ist, welches den Jungen sehr fasziniert. Er wächst heran und zieht zum Studieren in eine andere Stadt. Als sein Vater stirbt, besucht er das erste Mal seit Langem seine Mutter wieder und will mehr über das Bild erfahren, das sie ihm mitgeben will, weil sie es nicht mehr sehen kann. Er nimmt das Bild an, welches von nun an sein Leben dominiert und sich auf seltsame Art und Weise zwischen ihn und seine folgenden Freundinnen drängt. Gegen Ende der Geschichte kommt er hinter das Geheimnis seines Vaters und dass dieser seine Mutter vergewaltigt hat und sie ihren Sohn auf diesem Weg empfangen hat. Schlinks Geschichte endet damit, dass der Sohn sich schließlich von dem Bild trennen kann und es verbrennt (ein Original!!).
Das Geheimnis des Vaters hat mit meinem Ende nichts zu tun, lediglich die Vergewaltigung spielt eine Rolle. Aber ich denke, man kann meine Version durchaus auch ohne Vorkenntnisse lesen. Falls ihr jedoch die Möglichkeit habt, von irgendwoher Schlinks Geschichten zu bekommen, dann lest euch „Das Mädchen mit der Eidechse" durch, die ist echt klasse!

Sit back and enjoy!

~~Das Mädchen mit der Eidechse~~

Er fuhr zurück und wollte sein Leben wieder aufnehmen.
Doch anders als nach seinen bisherigen Besuchen bei seiner Mutter und den vergangenen Nachforschungen, gelang es ihm nicht. Die Vergangenheit ließ ihn nicht los.
So versuchte er, das Bild zu vergessen, indem er es unters Bett schob. Doch schon bald merkte er, dass es ihm einfach keine Ruhe ließ und hängte es wieder auf. Er redete weiterhin mit dem Mädchen auf dem Bild, vertröstete es, wenn er das Bild erneut unters Bett schob, damit die Bibliothekarin es nicht zu Gesicht bekam, und begrüßte es, wenn er das Bild wieder aufhängte.
Also hatte er teilweise in sein altes Leben zurückgefunden. Er merkte jedoch, wie ihn immer wieder dieselben Fragen nach seinem Vater und nach diesem Bild durch den Kopf wanderten. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und nahm sich einige Tage frei, um sich ganz auf seine Recherchen konzentrieren zu können, auch die Bibliothekarin traf er in dieser Zeit nicht.
Doch er wurde nicht besonders fündig, vielleicht, weil er nicht mehr wusste, wonach er genau suchen sollte.
Als er eines Abends zerstreut und unruhig die Treppen zu seiner Mansarde hinaufstieg, begegnete ihm das kleine Mädchen, das auch in diesem Haus wohnte und das er „Prinzessin" nannte. Ihm fiel erneut auf, wie viel Ähnlichkeit die „Prinzessin" mit seinem Mädchen auf dem Bild hatte und auch, dass sie ihn mit ihrer koketten Art beinah ihre Unschuld vergessen ließ.
Das Mädchen lächelte ihn an, als er den Treppenabsatz erreicht hatte und hakte sich bei ihm unter, bat darum, mit in seine Mansarde kommen zu dürfen.
Er zögerte, wollte sie nicht enttäuschen und sich gleichzeitig nicht von einem kleinen Mädchen vor Augen führen lassen, wie schwach sein Wille in Wirklichkeit war. Doch das Mädchen war nicht dumm und wusste, mit ihm umzugehen, flirtete ihn an und bestand darauf, endlich einmal sein Zimmer sehen zu dürfen.
Er kämpfte mit sich selbst, wollte es ihr nicht versagen und dachte gleichzeitig an das Mädchen mit der Eidechse, das er nicht abgehängt hatte, weil er keinen Besuch erwartet hatte, weil er mit ihm allein sein wollte.
Doch das war am Morgen gewesen und jetzt stand die „Prinzessin" vor ihm und lächelte ihn zuckersüß an und er vergaß plötzlich all seine Vorbehalte, seine Ängste und auch ihre Unschuld, in der sie ihn fragte.
So führte er sie hinauf unters Dach, schloss auf und ließ das Mädchen eintreten.
Noch ehe er selbst eingetreten war, saß das Mädchen schon auf seinem Bett und starrte das Bild an. Sie war auf einer Höhe mit dem Mädchen, blickte ihm in die Augen und lachte zurück. „Sie sieht mir ähnlich, findest du nicht?" Sie lachte wieder und er spürte ein seltsames Gefühl in sich aufsteigen.
Warum hatte er das Bild nicht wie jeden Morgen unters Bett geschoben? Er wollte nicht, dass es irgendjemand anderes sah. Er wollte nicht, dass es ihm weggenommen wurde. Das Mädchen gehörte ihm allein.
Er setzte sich auf einem Stuhl vors Bett und betrachtete die beiden Mädchen. Ja, sie sahen sich ähnlich. Die Haare, die blasse Haut, die Augen. Sie waren wunderschön.
Das seltsame Gefühl von Eifersucht und Angst mischte sich mit Entzückung und Verlangen, je länger er die Mädchen beobachtete.
Jetzt fuhr die „Prinzessin" mit ihrer Hand über das Gesicht des Mädchens und er konnte sich nun nicht länger zurückhalten, sein Verstand schaltete ab, er hatte Angst, sie könnte ihm das Mädchen wegnehmen, zerstören, und sprang auf und kam auf sie zu. Sie war ganz gefesselt von dem Mädchen und der Eidechse und merkte zunächst nicht, dass er ihr durch die Haare strich. Erst, als seine Hand ihre blasse Wange berührte, drehte sie sich zu ihm und strahlte ihn voller Begeisterung an.
„Sie ist wunderschön.", sagte sie und lachte.
Er spürte das nagende Gefühl der Eifersucht und der Angst und zog das Mädchen zu sich, küsste es und presste ihm die Hand auf den Mund, als er sich von ihm löste und es schreien wollte. „Shhh, du brauchst keine Angst zu haben, Prinzessin, ich tu dir nichts.", flüsterte er und sah das Mädchen auf dem Bild an, „Ist es das, was du willst, mein Mädchen, ist es das?"
Er lächelte versonnen bei dem Anblick des Bildes und wandte sich wieder seiner „Prinzessin" zu, die ihn verstört und ängstlich ansah.
„Wir werden viel Spaß zusammen haben, nicht wahr?" Seine Stimme war sanft und ein bisschen rau, leise, um sein Verlangen nicht gänzlich preiszugeben.
Er legte das Mädchen aufs Bett, beugte sich darüber und lächelte es an. Während er seine „Prinzessin" auszog, sprach er abwechselnd mit ihr und mit dem Mädchen auf dem Bild. Sein Blick irrte wirr durch den Raum, bis er eines der Mädchen wieder eingefangen hatte, seine Hände wanderten von einem Mädchen zum anderen.
Das Mädchen auf dem Bett lag nackt vor ihm, zitterte vor Angst, konnte nicht mehr schreien und flüchtete mit seinen Blicken zu dem Bild, um sich an etwas festhalten zu können, es hatte Tränen in den Augen.
Er fingerte an ihr herum, öffnete seine Hose und als er in das zarte Geschöpf unter ihm eindrang, sah er das Eidechsenmädchen an und fragte: „Siehst du? Das ist es, was du die ganze Zeit wolltest, nicht wahr? Gefällt dir, was du siehst? Was ich für dich tue? Hat Vater das gleiche getan?" Und er wischte sanft die Tränen von den Wangen des Mädchens unter ihm und drückte es mit seinem Gewicht noch tiefer aufs Bett, in die zerwühlten Laken.
Als es ihm kam, sah er dem Mädchen auf dem Bild in die Augen, sah seine Verzückung, sein Lächeln –und die Eidechse.
Er erstarrte, als er sah, wie groß das Tier auf einmal geworden war, als er erkannte, dass das Tier größer als das Mädchen würde und als er wahrnahm, dass unter ihm das weinende Mädchen lag, das er „Prinzessin" nannte. Sie lag da, regungslos, nackt, geschändet. Von ihm. Dem Sohn seines Vaters.
Und mit einem Mal wurde ihm klar, was er getan hatte. Er wurde blass und rannte aufs Klo und erbrach sich und als er zurückkam lag das Mädchen noch immer auf seinem Bett und wimmerte und blieb doch still. Er setzte sich auf den Stuhl vor seinem Bett und betrachtete die beiden Mädchen und fand sie plötzlich gar nicht mehr ähnlich. Das Mädchen auf dem Bild war wunderschön, eine grausame Schönheit, sein Lächeln wurde kalt und zu einem hinterhältigen Grinsen und seine Augen sahen ihn herausfordernd an. Das Mädchen auf dem Bett war wunderschön, eine traurige Schönheit, von einem Lächeln nichts mehr zu sehen und die Augen stumpf und leer.
Und plötzlich sah die „Prinzessin" aus wie seine Mutter, so musste sie dagelegen haben, nachdem sein Vater mit ihr fertig gewesen war, nachdem sie ihn empfangen hatte.
Er rannte erneut aufs Klo und erbrach sich abermals. Der Ekel vor seinem Vater wuchs und der Ekel vor sich selbst fast noch mehr. Wie hatte er die Tat seines Vaters verabscheut! Wie hatte ihm seine Mutter Leid getan! Wie konnte er selbst zu etwas so Schrecklichem fähig sein? –Alles wegen eines Bildes?
Er kam zurück und setzte sich zu dem Mädchen aufs Bett, das erschrocken zusammenzuckte und ihn angsterfüllt anstarrte. Er stand wieder auf und sammelte ihre Kleider zusammen, legte sie neben sie aufs Bett und konnte die „Prinzessin" nicht ansehen. Er wich dem Blick des Mädchens auf dem Bild aus. Er hatte Angst, vor seinem Blick, vor seiner grausamen Schönheit, vor seinem spöttischen Blick, der ihm sagte, dass er keinen Deut besser war als sein Vater.
Er stand auf und ging und noch während er die Treppen hinunterlief, beschloss er, nicht mehr zurückzukehren.
Er hatte das Bild geliebt, er hatte das Mädchen auf dem Bild geliebt. Er hatte das Mädchen besitzen wollen, jetzt hasste er es. Er hatte für dieses Mädchen alles gegeben, doch hatte nie etwas zurückbekommen, bis er sich genommen hatte, was er von ihm wollte. Auf Kosten seiner „Prinzessin".
Er wanderte durch die Straßen, wusste nicht, wohin er ging.
Er hasste sich. Er hasste sich dafür, dass er solch eine Tat begangen hatte. Dafür, dass er seinem Vater so sehr ähnelte. Dafür, dass er das Bild nicht schon viel früher weggebracht hatte.
Ihm fiel auf, dass er wegen seiner Liebe zu diesem Mädchen seine Beziehungen kaputt gehen ließ, dass er bekommen hatte, was er wollte, aber dass er nicht glücklich damit gewesen war. Er konnte keinen Gedanken fassen.
Er lief die Straßen entlang und merkte nicht, dass es regnete und als er am Geländer der breiten Brücke stand, die aus der Stadt hinausführte, starrte er in das tobende und rauschende dunkle Wasser unter ihm und wusste, was er zu tun hatte. Dann sprang er.