Ärgerlich fluchend sah sie über ihre Schulter, während sie hastig die Wendeltreppe des Turmes hinaufhetzte. Ihre nackten Füße flogen förmlich über den glatt polierten, dunklen Stein, bis sie eine große, eisenbeschlagene Holztür erreichte.

Absätze verfolgten sie klappernd.

Sie riss die Tür auf, rannte in den Raum hinein und stemmte sich mit aller Kraft gegen das schwere Holz. Von Innen klemmte sie immer, das wusste sie aus Erfahrung. Zitternd vor Aufregung strichen ihre Finger das mittelbraune Haar wieder hinter ihre Ohren, ihr unruhiger Blick wanderte zum Fenster.

Durch das trübe Glas zeichnete sich eine silberhelle Scheibe deutlich vor einem dunkelblauen Untergrund ab und warf Schatten in das kleine Turmzimmer.

Sie atmete innerlich auf, als das schwere Holz sich bewegte. Sie musste die Füße immer wieder nachsetzen, da sie unaufhörlich auf dem kalten Stein ausglitt. Mit einem dumpfen Klicken schloss sich die Tür und sie stütze sich erschöpft auf die Fensterbank.

Natürlich würden sie sie gleich haben, dann ginge der gesamte Alltag wieder von vorn los.

"Lasst mich doch einfach nur in Ruhe", flüsterte sie und schloss die Augen. "Alle", fügte sie hinzu, als es an der Tür laut und ungeduldig pochte.

Doch gleichzeitig schlich sich ein spöttisches Lächeln auf ihre Lippen. Ihre Zofe war nur mit großer Anstrengung dazu befähigt, diese Tür zu öffnen, es mangelte ihr sowohl an Körpergröße als auch an Kraft. Das konnte dauern.

Plötzlich spürte sie, wie eine laue Brise mit ihren Haaren spielte und wieder hinter ihren Ohren hervorzog. Das leise Stöhnen des Nachtwindes hüllte sie ein und ihr Kopf fuhr herum.

Das milchige Fensterglas zerfloss vor ihren Augen in eine zähe, weiße Masse, wie klebriger Sirup rann es langsam aus dem Rahmen.

Sie riss erschrocken die Hände zurück, um sie vor dem kalten, flüssigen Glas zu schützen. Wie war das möglich? Ihr Blick wurde finster, so wie immer, wenn ihr etwas nicht behagte.

Sie sah von ihren Fingerspitzen auf. Hinauf in ein schneeweißes Gesicht. Sie schrak zurück. Ein schwarzer Umhang wehte ihr entgegen, umspielt von blutrotem Haar, fein wie Seidenfäden, doch trotzdem glanzlos. Eine riesige und doch spindeldürre Gestalt, eingehüllt in einen wuchtigen schwarzen Umhang. Die Augen unter dem Schatten eines monströsen Hutes verborgen, streckte sie eine schwarz behandschuhte Hand aus und bedeutete ihr, näher zu kommen.

Jäh spürte sie, wie jedes Gefühl aus ihren Gliedern wich, ihr rechtes Knie setzte sich automatisch auf die Fensterbank, unsichtbare Hände drückten in ihr Kreuz und wollten sich aus dem Fenster aufs Dach ziehen, sie war die Marionette dieser fremden Gestalt geworden.

Das schwere Knarren der Tür kündigte ihre Zofe an.

Sie zog blitzschnell das Bein auf den Boden zurück, vom Schrecken beflügelt und vernahm nur noch ein einziges, schnell geflüstertes Wort an ihrem Ohr: "Mitternacht"

Sie bemühte sich um ihr gewohnt mürrisches Aussehen, doch ihre Hände tasteten hinter ihr nach dem flüssigen Glas, doch dieses ruhte in seinem Rahmen, starr und fest wie immer.

Ohne zu überlegen fuhr sie ihre Zofe an: "Was erlaubst du dir eigentlich, mir auf Schritt und Tritt zu folgen?!"

Deren Gesichtausdruck verfinsterte sich ebenfalls. "Sagt ihr mir doch lieber, was ihr hier oben verloren habt, wenn ihr doch genau wisst, dass in einer halben Stunde das Bankett eures Vaters beginnt!"

Sie verdrehte die Augen, wurde darauf jedoch unsanft am Handgelenk gepackt und die Treppe hinunter gezogen. Nun würde man sie wieder wanden und putzen wie eine Porzellanpuppe. Ihr Magen drehte sich bei dem Gedanken um, sie hatte es satt. Doch für sie gab es kein Erbarmen.

Noch nicht. Morgen um Mitternacht...