Mit der Dämmerung, die neblig und kalt heraufzog, erwachte sie. Ihre Lider waren schwer und sie konnte sich nur mit Mühe aufsetzen.

„Schlaf noch ein wenig, Chloe." Ein Gähnen unterdrückend sah sie sich nach dem Ursprung dieser ihr so vertrauten Stimme um. In einer Zimmerecke stand ein alter Schreibtisch, an dem er im Dunkeln saß und schrieb, vermutlich Briefe.

Dann erhaschte sie einen kurzen Blick auf den noch düsteren Raum um sie herum. Nur undeutlich zeichneten sich die Schemen der Einrichtung gegen die einheitliche Schwärze der Nacht ab. Die Kammer war bestückt mit aus der Mode gekommenen Möbeln, die allesamt ein wenig abgenutzt aussahen. Keine der vorhandenen Kerzen war erleuchtet. Bis auf das Bett an der Stirnseite des Raumes, den beinahe versteckt wirkenden Schreibtisch und eine Kommode, deren Farbe bereits abblätterte, gab es kein weiteres Inventar.

„Samuel", murmelte sie schlaftrunken, „Wo sind wir?" Er wandte sich zu ihr um. „Wir rasten. Die Pferde sind erschöpft. Der Kutscher ist nur ein Mensch. Und ich dachte, dass es dir womöglich schlecht bekäme, wenn du im Sitzen schliefest. Und nun leg dich wieder hin, es ist noch zu früh." Er machte Anstalten, sich wieder seiner Arbeit zuzuwenden, doch sie erhob, sich träge und ausgiebig streckend, erneut das Wort. „Ich möchte nicht mehr schlafen. Es wird doch schon hell." Er reagierte nicht und Chloe sank ob der ausbleibenden Reaktion kaum merklich wieder zurück in die Kissen.

Sie fühlte sich hilflos wie ein Kind. Hilflos und verlassen im Grau des neuen Morgens. Ihr war kalt, weil er so schrecklich kalt war. Plötzlich sehnte sie den Schlaf wieder herbei, hielt die Augen aber noch mit Mühe offen um ihn zu betrachten, wie er sie still betrachtete. Dann erhob er sich lautlos und schritt, wobei er sich kaum bewegen musste, zu ihrer Schlafstätte. Mit jedem Zentimeter, den er sich ihr näherte versank sie noch ein Stück tiefer in dem Federbett, dass ihnen beiden zur Verfügung stand. Als er bei ihr war, ging er in die Hocke, strich ihr das zerzauste Haar aus der Stirn und deckte sie zu. „Du musst nun schlafen." Sie schüttelte den Kopf mit zusehends schwindendem Widerwillen.

Ihre Zunge fühlte sich schwer und trocken in ihrem Mund an, doch sie wollte versuchen zu sprechen. „Vergibst du mir? " Das Atmen nach dieser Frage fiel ihr ungewohnt schwer. Wieder sah er sie eine schiere Ewigkeit ohne jegliches Mienenspiel sprachlos an. „Schlaf." Sie ergriff seinen Ärmel und fühlte gleichzeitig, wie sie neue Wogen der Müdigkeit schier überrannten. Sie spürte in ihrem Innern nichts, was dem noch hätte widerstreben können und sank mit einer winzigen Träne im Augenwinkel gänzlich in einen bleiernen Schlaf.

Im Traum ging sie mit ihm spazieren, mit dem schweigsamen Samuel. Der Himmel war von stählernem Grau, der Wind war still. Sie liefen durch einen verwilderten Park, sprachen dabei kein Wort. Auf einem Hügel machte er halt. Sie setzte sich auf die grüne Bank, deren Farbe schon lange verblasst war und auf die von Zeit zu Zeit ein Blatt des vom Herbst überrannten, knorrigen Baumes fiel, unter dem sie sich befand. Hier setzte er sich zu ihr, hielt ihre Hand. Die Fläche der anderen zeigte er ihr. Sein Ringfinger blutete aus einem winzigen Stich. Sanft verteilte er das rote Nass auf ihren Lippen, sie leckte es behutsam ab und ließ sein Gesicht dabei keinen Moment aus den Augen. Eine leichte Brise kam auf und spielte mit ihrer beider Haar. Er netzte auch seine eigenen Lippen und küsste sie. Er tat es innig und ging mit größter Sorgfalt vor, nicht zu stürmisch zu sein. Sie legte die Hände um seinen Hals, er hielt sie fest. Dann spürte sie seine scharfen Zähne, die ihre Lippen aufrissen. Blut troff von ihrem Kinn, doch sie vermochte sich nicht von ihm zu trennen. Und so biss sie ebenfalls zu und ihr Blut vermischte sich unter der tristen Wolkendecke. „Ich liebe dich, mein Engel", flüsterte er sacht an ihren Mund und goldenes Licht durchströmte ihr Inneres in dieser schier ewig andauernden Verschmelzung ihrer Seelen. Sie sah in seine Augen, die grau waren wie der Himmel an jenem Tage als sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Schwarze Punkte ruhten in ihren Mitten, umringt von der wüsten Tristesse des ewig grauen Sturmes.

Dann ließ er sie los, erschrocken entglitt sie ihm ihn, fiel hintüber, herunter von der Bank, in den Abgrund, der ihr verborgen geblieben war. Mit einem ihre dünnen Glieder durchfahrenden Zucken erwachte sie unsanft.

Sie rieb sich die Augen, schloss sie danach wieder und bemüht sich nach Leibeskräften, die Vision des Kusses erneut heraufzubeschwören. Samuel war nicht da, doch auf dem Stuhl, auf dem er vermutlich die Nacht verbracht hatte, lag ein grüner Mantel, darauf ein Zettel. Als sie sich aus den Laken erhob, überkam sie ein leichter Schwindel.

Der Himmel außerhalb bestand, wie beinah jeden Tag, aus unzähligen Schichten eintöniger Wolkendecken und ließ kaum Tageslicht in das Zimmer. Sie ergriff das Papier und las:

„Warte hier auf mich. Du brauchst Nahrung, mein Herz. Ich bringe sie dir. Das Wetter ist furchtbar, also habe ich dir auch einen Mantel gebracht. Im Nebenraum steht eine Schüssel mit Wasser und Tüchern. Sorge dich nicht weiter, ich vergebe dir. In ewiger Treue, Samuel."

Ungeachtete der wirren Form dieser Notiz, fühlte sie sich, als hätte er durch die Tinte ihre Wunden geküsst. Sie seufzte erleichtert und begab sich schwankend in den Nebenraum. Dort entkleidete sie sich sorgsam und begann sich zu waschen, bis sie eine Bewegung im Hintergrund bemerkte. Langsam sah sie sich nach der Quelle dessen um, doch konnte nichts dergleichen in dem fast leeren Zimmer ausmachen. Sie vermutete, dass Samuel zurück war und es ihn nicht danach verlangte, sich schon zu erkennen zu geben. Das Wasser war eisig, eine Gänsehaut überzog ihren Körper bei der Berührung. Nichtsdestotrotz konnte dies nicht den bleiernen Schleier der Müdigkeit vertreiben, der noch immer nicht von ihr ablassen wollte. Ihre Bewegungen waren schwerfällig, von Zeit zu Zeit tanzten Lichtpunkte vor ihren Augen.

Als es nun deutlich an ihrem Ohr raschelte, hielt sie schlagartig inne. Blitzschnell drehte sie sich herum und erstarrte sogleich. Sie erkannte die Gestalt, die hier auf sie gewartete hatte auf den ersten Blick. Der schwarze Mantel, der monströse Hut, verschleiertes Gesicht. Valet. Er kam mit einem gewaltigen Schritt auf sie zu, sie wich zurück und stieß dabei das Wasser um. In ihrer momentanen Situation war sie völlig außer Stande, sich den Vorhaben dieses Ungetüms zu widersetzen. Es stand absolut außer Frage, weshalb der Diener Kanes hier bei ihr war.

Chloe schüttelte in Verzweiflung den Kopf, zitterte leicht. Valet blieb unbewegt, näherte sich ihr jedoch beständig. Mit einem Satz sprang er auf sie zu, doch sie konnte ihm knapp ausweichen. Im selben Moment ergriff sie jedoch ein arger Schwindel, der sie zu Fall brachte. Nackt und am Boden liegend blickte sie dem Scheusal, das vor ihr stand, ins Gesicht. „Nein", keuchte sie und Lichtpunkte begannen einen ungestümen Tanz vor ihren Augen. Ein Blitz durchfuhr schmerzhaft ihre Nervenbahnen. Sie brauchte Blut und sie brauchte es dringend. Sie war hungrig, doch Valet schien ihr keine Mahlzeit zu sein, nichts an ihm lockte sie. „Wehre dich nicht, Chloe. Du kannst diesen Kampf nur verlieren.", schnarrte die vermummte Gestalt Valets und bot ihr die Hand zum Aufstehen an. Chloe ergriff sie düsteren Blicks und erhob sich langsam.

Dann geschah alles schneller, als sie es wirklich realisieren konnte. Sobald sie auf den Beinen war, riss sie an Valets behandschuhtem Arm. Dieser plötzliche Angriff barg eine Kraft, die sie beide nicht erwartet hatten. Sie fielen zu Boden, begleitet vom Klirren unzähliger Schrauben, Zahnräder und anderer mechanischer Utensilien. Sie hielt noch immer die Hand des Ungetüms. Doch sie hielt auch dessen Arm. Sie hatte ihn abgerissen. Ungläubig starrte sie Valet an. Dieser sah bestürzt auf seine Schulter, die nun ein Wirrwarr tickender Getriebe und Uhrwerke entblößte. Zum ersten Mal trat ein Ausdruck in seine sonst so gleichgültigen Augen. Der leblose Automat, der Gefühle zeigte. Erschrocken ließ sie den Arm los. Valet kam erneut auf sie zu. Er tobte, seine mechanische Brust zuckte, ein irres Geräusch drang aus ihr hervor. „Kane hat dir verboten, mir wehzutun", keuchte sie verzweifelt. Kraftlos suchte sie sich an der Wand aufzurichten, doch ihre Füße glitten vor Schwäche immer wieder aus. „Er sagte mir, ich solle dich lebendig zu ihm bringen. Er sagte jedoch nicht, wie lebendig.", murmelte ihr Widersacher durch den dicken Stoff, der sein Gesicht bis über die Nase bedeckte.

Mit seinem unversehrten Arm packte er ihre Kehle und hob sie hoch. Sie ächzte und stöhnte, doch es half ihr nichts. Sie blickte in ein Paar zornesroter Augen und spürte den zunehmenden Schmerz, der von den Fingern, die sich in die zarte Haut ihres Halses gruben, verursacht wurde. Das Wasser der Pfütze, in der sie gelegen hatte, rann an ihr herunter und ließ sie erschaudern. Sie konnte sich nicht wehren, ihre Kraft war von ihrem verzweifelten Aufbegehren verbraucht.

Doch eines wusste sie: Würde sie nun unterliegen, so sähe sie Samuel nicht wieder. Vermutlich würde man sie bestrafen. Sie wusste nicht, was sie ihr für ihr Vergehen antun würden. Sie wusste aber, dass sie nach Samuel suchen würden. Und sie wusste ebenfalls, dass ihn ihr Verschwinden fassungslos und verstört zurücklassen würde.

„Es ist Zeit zu gehen, meinst du nicht, kleines Mädchen?" Valets Ausdruck verriet nichts als pure Schadenfreude. „Aber zunächst…" Mit diesen Worten schleuderte er Chloe unbarmherzig in die nächste Ecke. Der dumpfe Aufprall raubte ihr beinah die Sinne. Valet war die Katze und sie die Maus. Er würde sie erst zu seinem Besitzer bringen, wenn er sie bereits fast zu Tode gespielt hatte, soviel war ihr bewusst. Er näherte sich ihr erneut, kniete sich vor ihren bebenden Körper.

Seine Hand lag auf ihrem Hals, leicht wie eine Feder, fuhr dann jedoch hinunter zu ihrem Herzen. „Soll ich dich ihm gleich machen?", wisperte Valet, „Du wirst dann genauso herzlos sein wie er." Und bevor sie den Sinn dieser Worte verstanden hatte, zerknackten seine Finger ihren Brustkorb, Blut quoll zwischen den Gliedern seiner Hand hervor. Sie konnte die Stärke dieser Maschinerie ebenso wenig begreifen wie die brutale Grausamkeit hinter Schrauben und Zahnrädern.

Blutiger Speichel troff von ihren Lippen, doch ihre wundern Sinne reagierten nicht, sie spürte keinen Schmerz. Ihr Körper schien ohnmächtig, ihr Geist war wach. Die Finger schlossen sich kühl um ihr träge zuckendes, vor Monaten gestorbenes Herz.

Dann hörte sie Schritte im Nebenzimmer. Ihr trüber Blick kreuzte Valets. Mit einer plötzlichen Bewegung riss ihr Valet den pulsierenden Muskel aus dem Leib, ein verzweifeltes Keuchen entrang sich ihrer Kehle, gefolgt von rotem Schaum, der sich mit dem aus ihrer Brust quellenden Saft mischte. Nebenan hörte man den gedämpften Aufprall eines leblosen Körpers, vermutlich Chloes versprochener Mahlzeit, auf dem Boden, in der nächsten Sekunde stand Samuel lautlos hinter ihnen.

„Du", sprach Valet verächtlich zu ihm, „Stehst zwischen mir, meiner Beute und dem Ausgang." Valet ließ das Mädchen, das sich vor Schwäche auch geistig bereits an der Grenze der Bewusstlosigkeit befand, wie eine Stoffpuppe achtlos fallen und richtete seinen verbliebenen Arm gegen Samuel. Dessen Nasenflügel blähten sich beim Geruch ihres Blutes, er sog scharf die Luft ein, Valet lächelte, diese Art von Szenerie schien ihn köstlich zu amüsieren. Selbst dem kalten Samuel fiel es schwer, der Versuchung zu widerstehen.

Sein Gegenüber hob das Herz an die Stelle, an der sich seine Nase befinden musste und roch daran wie an einem Glase alten Weines.

Samuel sah dem zu, spannte sich an, sein Blick verhärtete sich und in ihm stieg etwas auf, das ihn selbst beinah erschrak. Als Valet das Stück Mädchenfleisch mit einem feuchten Klatschen fallen ließ, verschwand Samuel im Nichts. Für die Dauer eines Atemzuges schien er vom Erdboden verschluckt, die Luft jedoch vibrierte. Und mit einem einzigen Klirren war alles vorbei.

Valet fiel sofort vornüber, seine Augen schlossen sich und die Zahnräder in seinem Innern arbeiteten wild, doch völlig sinnlos. Der kleine vierbeinige Waschtisch ragte aus dem Leib des Maschinenwesens. Einzelteile bedeckten den Boden, halbtote, tickende Uhrwerke lagen verstreut und bildeten die einzige Geräuschkulisse. Die Maschine zuckte ein letztes Mal als erlitte sie einen plötzlichen Paroxysmus und war nicht in der Lage, ihre Bewegungen zu kontrollieren.

Samuel hatte dem Treiben so schnell ein Ende bereitet wie er immer zu tun pflegte. Dann sah er zu Chloe. Sie regte sich nicht, ihre Brust hob und senkte sich nur noch geringfügig und gab den Blick auf ihre blutüberströmten Lungen frei. Ihre Wunden begannen jedoch bereits sich zu schließen. Samuel sog scharf die Luft ein und schien kurz wie erstarrt. Dann sah er sich nach dem fehlenden Teil des Mädchenkörpers um. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Der Muskel musste schnellstmöglich korrekt platziert werden, bevor sich das Loch vollends schloss. Als er das Herz an seinen ursprünglichen Platz führte, wuchs es blitzschnell mit den es versorgenden Arterien zusammen. Blitzartig ließ er es los, zog die Hand zurück und blieb trotzdem stecken.

Es schien, dass, sobald der Körper das Herz wieder hatte, er es um jeden Preis behalten wollte. Seine Hand steckte noch immer in ihrem Brustkorb, der sich um sie völlig geschlossen hatte. Sie hustete heiser, war plötzlich wieder zum Leben erwacht und sah ihn entsetzt an, dann wanderte ihr Blick zu der Stelle ihrer früheren Wunde und ihre Lippen öffneten sich lautlos. In Erwartung immensen Schmerzes schloss sie so fest es irgend ging die Augen. Dann brachen ihre Knochen erneut, diesmal ohne jegliche Einwirkung von außen. Und diesmal zerriss ihr Schrei die Morgenluft.

Er befreite seine Hand und augenblicklich schloss sich das Loch in ihr wieder. Sie würgte. Sie übergab sich auf den Holzboden, sank dann in sich zusammen. Vorsichtig hob er sie auf und trug sie schnellstmöglich zu ihrem Bett. Danach zerrte er den offensichtlich bewusstlosen Körper eines jungen Mannes, der in der Mitte des Raumes lag, zu ihr, legte ihn auf die Decke. „Ich kann nicht", hauchte sie völlig entkräftet, ihr Blick war seltsam abwesend, „Ich kann wirklich nicht… Samuel." Er blieb stumm, schob den Jungen unsanft so auf sie, dass sein Hals auf ihrer Brust lag und riss seine Kehle mit bloßen Händen auf. Er erhob sich, wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel ab und sah zu, wie die Natur ihren Lauf nahm.

Als er sich vergewissert hatte, dass Chloe den Willen besaß, sich an dem Blut ihres Opfers zu stärken, begab er sich zu Valet um ihn endgültig zu zerstören.