Der (un)heimliche Geburtstag

Hastig rieb ich das letzte Glas trocken und stellte es in den Geschirrschrank.

Endlich hatte ich es geschafft. Der Haushalt war erledigt, meine kleine Tochter im Kindergarten und mein Mann auf der Arbeit. Vor halb zwölf würde keiner der beiden zurück sein.

Fröhlich vor mich hinpfeifend band ich die Schürze auf und hängte sie an ihren Haken neben dem Herd.

Dieses Jahr feierte ich meinen vierzigsten Geburtstag. Wären da nicht die ersten grauen Strähnchen in meinem sonst dunklen Haar gewesen, würde man mich jünger schätzen. Jedenfalls behauptete das immer der junge Mann in der Dorfmetzgerei.

Mit klopfendem Herzen holte ich die Mappe, die mir mein Mann gestern von der Druckerei in der er arbeitete mitgebracht hatte. Blaue, rote und gelbe Zettel flatterten heraus und mit vor Erwartung zitternden Händen sammelte ich sie wieder zusammen. Auf jeden einzelnen klebte ich vorsichtig ein Blättchen frischer Minze und eine kleine getrocknete Margarite.

Der Geruch des Leims überdeckte fast den der Minze. Dann nahm ich die Seidencouverts aus der Mappe. Ich schraubte den Deckel meines Federhalters ab und öffnete mein kleines Adressbuch.

Mit meiner schönsten Schrift begann ich eine Adresse nach der anderen auf die Couverts zu schreiben. Ganze 36 Stück. Nervös klebte ich auf jedes Couvert eine Marke – sie zeigte ein kleines rotes Glückskäferchen – und schob überall eines der farbigen Blätter hinein, verschloss die Couverts und stapelte das Ganze sorgfältig auf dem Küchentisch. Fünf Stapel.

Keinen Augenblick zu früh. Der Postbote klingelte. Seit unsere Poststelle von knapp zwei Jahren zugegangen war, hatten wir jetzt diesen ‚Hausservice'.

Der Postbote nahm die farbigen Couverts entgegen, winkte fröhlich zum Abschied und stieg in seinen quietschgelben Postwagen.

Draussen setzte ich mich auf die Eingangstreppe und beobachtete die Bienchen, die emsig von Blume zu Blume flogen und Pollen sammelten. Ich hatte es tatsächlich gemacht. Zum ersten Mal in meinem Leben organisierte ich für mich eine Geburtstagsparty. Die Einladungen waren raus. Jetzt begann das Warten und die Unsicherheit. Würde sich wirklich jemand anmelden?

Als Markus und ich abends noch bei einem Gläschen Wein im Garten beisammen sassen, erzählte ich ihm von meiner Einladungsaktion vom Vormittag.

„Du glaubst nicht, wie aufgeregt ich war, als ich die Einladungen Herr Lehner mitgegeben habe."

Markus zuckte nur mit den Schultern und nahm einen weiteren Schluck Wein.

„Interessiert es dich gar nicht? Meine Party, mein ich."

„Hmmm, musst du wissen."

„Was muss ich wissen?"

„Ob du eine Party machen willst oder nicht. Du machst eh was du willst. Zudem, was erzählst du mir von deinem gemütlichen Vormittag, den du mit ein bisschen Kleber und Grünzeug verbracht hast. Denkst du, das ist spannend für mich?"

„Ich wollte nicht...", begann ich und blickte in mein Glas. „Ich wollte dich nicht langweilen. Es ist einfach, dass ich mich so sehr darauf freue. Ich bin aufgeregt und möchte das mit dir teilen."

„Schön. Können wir trotzdem noch von etwas anderem reden? Oder muss ich mir den ganzen Abend anhören, was für Krimskrams du auf die Einladungen geklebt hast?"

„Nein, natürlich nicht." Ich leerte mein Glas in einem Zug, schenkte uns beiden nach und litt unter der Stille die plötzlich herrschte. „Wie war dein Tag?"

„Gut."

Später im Bett lag ich noch lange nachdem mein Mann eingeschlafen war, wach und fragte mich, ob ich etwas falsch gemacht hatte mit diesen Einladungen. Normalerweise war Markus nicht so ruppig zu mir. Ich machte mir Sorgen. War zwischen uns noch alles in Ordnung?

Zwei Tage später klingelte am frühen Abend das Telefon. Markus ging ran. Nach einem kurzen Moment rief er mich. „Ines, kommst du bitte? Telefon für dich!"

„Jaaaa, komme gleich."

Rasch hob ich unsere Tochter aus der Badewanne, wickelte sie in das Badetuch. „Trocknest du dich selber ab und schlüpfst dann schon mal in deinen Pyjama, Melanie?"

In freudiger Erwartung hastete ich die Treppe hinunter ins Wohnzimmer und nahm Markus den Hörer aus der Hand.

„Hallo?... Ah, Sandra, wie geht's?.... Nicht so gut? Was ist denn mit dir? ..... O-oh.... Ja, das verstehe ich. Machs gut.... Tschüüüsss"

Betreten legte ich den Hörer auf.

„Was ist denn?" Besorgt sah mich Markus an.

Ich schüttelte kurz den Kopf. „Sandra Müller, du weißt schon, die Vorsitzende vom Elternverein. Ich hatte sie zu meiner Geburtstagsfeier eingeladen."

„Und?"

„Sie kann nicht kommen. Sie muss sich um ihren Vater kümmern."

„Ach, mach dir keinen Kopf, Ines." Tröstend zog mich Markus in seine Arme und streichelte mir sanft über die Haare. „Du hast ja noch mehr Leute eingeladen. So wird es keinen grossen Unterschied machen, ob einer mehr oder weniger dabei ist. Oder?"

Ich nickte.

Die nächsten Tage vergingen und die Absagen häuften sich. Rainer und Silvia fuhren in ihre schon länger geplanten Ferien, Monika besuchte ihre Freundin in Hamburg, was natürlich auch schon länger fest eingeplant war, Maria war krank, Stephan und Anita hatten Karten für die Oper und so setzte sich die Liste weiter fort.

Ich versuchte tapfer zu sein. Doch je näher mein Geburtstag kam, desto deprimierte wurde ich. Schlussendlich waren nur noch meine Schwester Mia und ihr Mann Peter übrig. Sie hatten nicht abgesagt.

„Komm, dann gehen wir eben mit den Beiden schön essen, okay?" versuchte mich Markus wieder ein wenig aufzurichten. „Sieh's von der positiven Seite. So brauchst du dir nicht den ganzen Stress mit der Vorbereitung zu machen. Du kannst deinen Geburtstag einfach geniessen. Und jetzt hör auf zu weinen. Es hat einfach nicht sein sollen." Mit dem Handrücken wischte ich die Tränen von meinem Gesicht und nickte.

Markus hatte ja recht. Vermutlich war meine Einladung wirklich zu kurzfristig gewesen.

Mein Geburtstag kam und mit ihm die Absage von Mia und Peter. Mia war es überhaupt nicht recht gewesen, dass sie nun schlussendlich auch absagen musste. Aber sie hatte ihre Tage bekommen und fühlte sich nicht besonders. Als Frau verstand ich, dass sie lieber auf der Couch liegen bleiben und nicht essen gehen wollte. Doch die Enttäuschung war so gross, dass mir die Freude an meinem Geburtstag gründlich verging. Den ganzen Tag über knurrte ich Markus und Melanie an.

„Was ist denn mit Mami?" hörte ich meine Tochter Markus fragen.

Ich wollte es nicht hören und ging hinaus in den Garten. Die Sonne stand schon tief und tauchte alles in einen rötlichen Schein. Es hätte alles so schön sein können....

„Kommst du?" Markus hielt mir meine Jacke hin und Melanie hüpfte aufgeregt um unser Auto herum.

„Ja...", murmelte ich, griff nach der Jacke und stieg ein.

Markus startete den Wagen und liess ihn langsam aus der Ausfahrt rollen.

„Wir müssen noch beim Schützenhaus vorbeifahren. Ich hab noch einen Brief für Toni."

Genervt verdrehte ich die Augen. Auch das noch. Nein, man konnte nicht einfach essen fahren, man musste auch noch bei Toni vorbeischauen.

Starr blickte ich aus dem Seitenfenster und ignorierte Melanies aufgeregte Fragen, was es denn zu essen gäbe.

Der Parkplatz beim Schützenhaus war leer, die Fenster dunkel. Immerhin war Toni nicht da. Sonst wäre Markus sicher wieder hängen geblieben und ich hätte mein Geburtstagsessen ganz abschreiben können.

„Wirfst du den Brief bitte in den Briefkasten, Schatz?"

„Aber klar doch!" giftete ich zurück. Wütend vor Zorn und Enttäuschung ging ich über den Parkplatz und um das Schützenhaus herum. Der Briefkasten war demontiert. Auf der leeren Säule klebte ein Zettel: Bitte Post auf Küchentisch legen. Danke!

Ich schüttelte den Kopf. Dieser Toni wurde von Tag zu Tag verrückter. Liess der doch einfach die Tür auf, damit alle Welt ins Schützenhaus rein konnte?

Sollte ich wirklich hineingehen, obwohl Toni nicht da war? Aber ich wollte den Brief loswerden, um endlich ins Restaurant zu kommen. Ich drückte die Klinke runter und betrat den dunklen grossen Raum.

Ein Streichholz flammte auf und entzündete eine Kerze.

Ich erschrak zu Tode, der Brief entglitt meinen Händen und flatterte zu Boden.

Immer mehr Kerzen gingen an.

„Happy Birthday to youuuu, Happy Birthday to youuuu, Happy Birthday liebe Ines, Happy Birthday to youuuuuuuu!"

Alle klatschten in die Hände. Ja, da waren sie. Alle, die ich eingeladen und von denen ich so schändliche Absagen erhalten hatte.

Tränen liefen mir über die Wangen und mein Herz machte freudige Hüpfer.

Mia trat auf mich zu, schloss mich in die Arme. „Alles Gute zum Geburtstag, Schwesterchen. Tut mir leid, dass ich dich angeschwindelt habe".

„Kein Problem", schluchzte ich, strich mir die Tränen von den Wangen, doch es war ein aussichtsloses Unterfangen.

„Mami? Alles Liebe zum Geburtstag!" Meine Tochter hielt mir freudestrahlend ein Lebkuchenherz hin. Sie hatte es wohl im Kindergarten für mich gebacken. Einer nach dem anderen schloss sich meiner Tochter an und wünschte mir alles Gute.

Plötzlich stand Markus vor mir. Er hielt mir einen grossen Strauss roter Rosen entgegen. „Verzeihst du mir?"

„Du verdammter Mistkerl!" brach es aus mir hervor. „Du verdammter, lieber Mistkerl!" und lachend schloss ich ihn in die Arme.

END

Angel1291 / 27.03.04 (Geschrieben: Dezember 2003)