Sie hatten lange geredet, über belanglose Dinge, wie das Wetter. Und nun saßen Arranur und Justinian einfach schweigend da. Erschöpft schloss der Kleriker die Augen, der Besuch des Magiers hatte ihn wirklich gefreut und gegen seine Befürchtungen, hatte dessen Anwesenheit, keine schlechte Erinnerung geweckt, ganz im Gegenteil, er fühlte sich innerlich ausgeglichener. Aber sein Körper forderte den Tribut für die Rastlosigkeit der letzten Wochen, schließlich war die Sonne auch schon längst untergegangen.

Arranur war die Erschöpfung seines Gesprächspartners nicht entgangen und erneut fragte er sich, was seinen Freund so an den Kräften zerrte. Ein Gähnen vortäuschend streckte er sich und blinzelte dann zu Justinian, während er sprach: "Die Reise hat mich mehr angestrengt, als ich vermutet hätte. Ich verbringe eindeutig zuviel Zeit in meinem Turm." Eigentlich war er ja überhaupt noch nicht müde, aber er fand es an der Zeit, dass Justinian etwas Schlaf fand. "Ja es ist wirklich spät," kurz hielt Justinian inne, bevor er mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen weiter sprach: "Ich habe gar keine Unterkunft für dich richten lassen." Eilig sprang der Kleriker auf. Innerlich ohrfeigte er sich, das kam davon, wenn er den ganzen Tag verschlief.

Aus den Augenwinkeln beobachtete Arranur den andern, es wunderte ihn etwas, dass er noch immer ohne Mühe in Justinians Gesicht lesen konnte, was in jenem vorging. Ein leichtes Schmunzeln trat auf sein Gesicht, er hatte Justinian schon so oft gesagt, dass er lernen sollte seine Gefühle ein bisschen mehr zu tarnen, aber so wie es schien, waren seine früheren Bemühungen umsonst gewesen und wenn er ehrlich sein sollte, störte es ihn nicht wirklich, denn genau dieses Offenheit, war es das Arranur an Justinian schätzte.

"Jetzt mach dir mal keine Sorgen Justin, ich finde schon einen Platz für mich, ich kann auch auf dem Sessel hier schlafen. Ich bin kein verwöhnter Magier, der sich mit Komfort umgeben muss, auch wenn ihr Kleriker uns Magiern genau dies immer unterstellt," amüsiert lächelte Arranur, der Gesichtsausdruck seines Gegenübers war einfach zu herrlich, er spiegelte Unglaube und Empörung wieder. Ein Räuspern ging von Justinian aus, bevor er sprach: "Nichts da! Und so etwas würde ein Kleriker nie behaupten," eine kurze Pause entstand, "ihr Magier seid nur ein klein wenig arrogant."

"Arrogant?" Arranurs Gesicht legte sich in Falten, während er mit einer Hand über sein Kinn strich, "Jetzt triffst du mich aber hart Justin." Sein Gesicht verzog sich und er legte die Hand aufs Herz, doch seine Augen funkelten vor Schalk. "Magier!" war das Einzigste, das Justinians Lippen entwich, bevor er sich erhob und zu der Tür wandte, um ein Quartier für Arranur herrichten zu lassen.

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Mit einer lässigen Bewegung lehnte sich Tiwan gegen den Stamm eines Baumes. Irgendwie war es ihm klar gewesen, dass Caleris sich nicht die Mühe machen würde, hier draußen in der Wildnis zu stehen und auf den Elfen acht zu geben. Solche Arbeit überließ er lieber Leuten wie Tiwan oder seinem andern Begleiter. Murrend verschränkte Tiwan die Arme vor der Brust. Was glaubte dieser verdammte Bastard eigentlich wer er war? Wenn er nur nicht so verdammt hoch in Acharns Gunst stehen würde.

Niemand traute sich auch nur ein Wort gegen Caleris zu errichten, dabei war er nichts weiter als ein verfluchter Bengel, der eben erst erwachsen geworden war. Und doch, Tiwan fürchtete ihn. Selbst wenn Acharn nicht schützend seine Hand über Caleris halten würde, würde Tiwan niemals alleine wagen die Stimme gegen Caleris zu erheben. Caleris Ruf war allgemein bekannt in der Bruderschaft und jeder hatte schon miterlebt, wie skrupellos der junge Mann sein konnte. Jeder hatte schon seinen Zorn gesehen und selbst die ältesten Anhänger der Bruderschaft scheuten vor seinem Hass zurück. Es war besser Caleris Willen zu befolgen, als später mit einem Dolch im Rücken zu enden, entschied sich Tiwan.

Tiwans Blick glitt wieder zu dem Elfen zurück. Es war eine reizlose Aufgabe dieses Wesen zu beobachten. Schließlich war es mitten in der Nacht und er bezweifelte, dass irgendwer noch hier her kam und sich um den Elfen kümmerte. Genauso würde der Elf nicht einfach weg spazieren.

Seufzend verlagerte Tiwan sein Gewicht. Die Langeweile plagte ihn. Nicht einmal etwas Spaß war ihm gegönnt, Caleris hatte ihm verboten den Elfen anzurühren. Dieser Kerl wollte den doch nur für sich alleine haben, von wegen Acharn würde den Elfen unverletzt haben, wollen dafür war es doch eh schon spät. Aber nein Caleris gönnte ihm keinen Spaß, dabei würde Tiwan zu gerne seinen neuen Dolch austesten, hatte er doch noch nie Elfenblut gesehen.

Ein Vogel lenkte Tiwans Aufmerksamkeit auf sich. Das kleine Wesen war direkt vor dem Elfen gelandet und legte den Kopf immer wieder schief, hüpfte ein paar Schritte mit gespannten Flügeln auf den Elfen zu und fing an zu piepsen. Dass der Elf keine Regung von sich gab, schien den Vogel nur noch mehr anzuspornen, denn jetzt hüpfte dieser auf die angezogenen Knie und flatterte wie wild mit den Flügeln, stieß immer wieder piepsende Laute von sich.

Tiwan verzog das Gesicht. Er hatte hier das Bild einer vollkommenen Idylle vor sich, was ihn nicht weiter gestört hätte, wäre da nicht dieser Elf gewesen. Ein Wesen wie er verdiente so etwas nicht. Kein Wesen dass mit Magie umging verdiente etwas anderes als den Tod. Erst gaukelten sie einem den Frieden vor und dann würden sie die Menschheit verführen und sie am Ende unterwerfen und keiner würde etwas merken, da sie in dem Bann der Magie standen. Aber so blind waren Tiwan und seine Brüder aus Acharns Bruderschaft nicht, sie würden alle magischen Wesen auslöschen bevor es so weit kam und wenn sie endlich dies geschafft hätten würden auch die Menschen fallen, die ihnen im Weg standen. Zuerst die Kleriker und dann auch die verhassten Magier, alles zum Wohle des Volkes.

Angewidert zog Tiwan seinen Dolch. Ein paar Schnitte nur, er würde sie unter der Kleidung des Elfen ansetzen und keiner würde sie bemerken und wenn doch konnte er noch immer behaupten, dass diese Verletzungen schon alt waren und nicht von ihm stammten.

Das leicht feuchte Gras knickte unter seinem Gewicht weg und er war nicht gerade lautlos, während er sich auf den Elfen zu bewegte. Warum auch? Es würde niemand kommen und diesem Abschaum helfen. Unheilvoll klangen die Schritte und düster war sein Gesicht. Der Vogel wurde von dem sich nähernden Menschen aufgeschreckt und flatterte davon. Das kleine Wesen landete auf einem Ast und schimpfte von dort in Richtung Tiwan.

"Schimpf ruhig, du kannst mich nicht aufhalten!" Tiwans Stimme war kalt und ein freudiger Unterton schwang in ihr mit. Die Klinge des Dolches schimmerte kalt im Licht des Mondes, während Tiwan den Dolch in der Hand drehte, nur noch Augen für den Elfen hatte. Mit der Zunge leckte er sich über die Lippen, zitterte vor Erwartung. "Wir werden sehen, ob du nichts mehr spürst. Es wäre zu schade keine Schreie zu hören."

Wie ein Raubtier seine Beute, fixierte Tiwan den Elfen und ging vor diesem in die Hocke. ´Wohin mit dem ersten Schnitt?` fragte er sich angestrengt und packte dann den dünnen Arm, zog den silbergrauen verdreckten und verrissenen Stoff beiseite. Die Protestlaute des Vogels wurden lauter, aber Tiwan bekam sie schon längst nicht mehr mit, setzte den Dolch sacht an der Haut an und es war Wahnsinn, der nun in seinen Augen stand.

So wunderschönes rotes Blut bahnte sich den Weg über den zierlichen Arm und fasziniert starrte Tiwan auf es. Wieder fuhr seine Zungenspitze über seine Lippen und sein Lächeln wurde noch eine Spur kälter. Kein Laut war dem Elfen entwichen und diese Tatsache machte ihn nun wütend. So packte er fester um das Handgelenk und setzte den Dolch wieder an, ließ ihn dann sinken und musterte den Elfen. Es schien ihm als würde dessen Atmung schneller gehen, aber da konnte er sich auch irren, um es so zu sagen, es war ihm egal.

Tiwan bemerkte nicht, dass um ihn herum alles ruhig war und kein einziger Vogel mehr sang. Selbst der kleine Vogel war verstummt und sah einfach nur wie gebannt auf den Elfen und den Menschen, es war als würden die Tiere mit dem Elfen mitleiden und die Grausamkeit des Menschen nicht verstehen. Ein leichter Wind kam auf und erfasste das bunte Gefieder des Vogels, strich fast zärtlich durch die silbernen Haare des Elfen, als wolle er diesem Trost spenden.

Zielstrebig zwang Tiwan den Elfen zu Boden, so dass dieser mit dem Rücken dort zum liegen kam, dabei drückte er mit voller Absicht und viel mehr Kraft als er gebraucht hätte gegen die unnütze Schulter des Elfen, mit der Hoffnung noch mehr Schaden anzurichten. Die leeren Augen des Elfen waren in den Himmel gerichtet und schienen in doch nicht zu sehen, als würde der Blick noch viel weiter gehen. "Nun komm schon Schrei für mich, ich will dich hören!"

Tiwan war viel zu sehr auf seinen Grausamkeit konzentriert, als das er merkte, wie der kleine Vogel plötzlich vom Baum sprang und sich auf ihn stürzte. Er merkte, wie etwas gegen seinen Kopf pickte und wütend schlug er mit der Hand, in der er den Dolch hielt, nach dem Vogel. "Scher dich fort du Drecksvieh!" Zufrieden registrierte er, dass er den Vogel verscheucht hatte und lehnte sich wieder über den Elfen, ließ den Dolch über die feine Haut der Bauchdecke gleiten.

Wieder drang helles Blut hervor und blieb an der Klinge hängen. Jetzt konnte man nicht einmal das Rauschen des Windes mehr hören. Tiwan strich mit den Fingern über die Klinge, betrachtete fasziniert das Blut. Er merkte nicht, dass es auf einmal viel dunkler um sie herum schien, nur noch seine Gestalt und die des Elfen waren in silbernes Mondlicht gefallen und um sie beide fingen an die Bäume ihre Blätter zu verlieren. Und obwohl kein Wind mehr herrschte, tanzten die Blätter durch die Luft bis sie um den Elfen herum zu Boden fielen, einige von ihnen sich in dessen Haaren verfingen.

Wieder setzte Tiwan den Dolch an und flüsterte mit unheilvoller Stimme: "Schrei und es ist vorbei, ach ich vergas du kannst nicht, schade, nur ein Schrei für mich." Hätte er nur ein bisschen mehr auf seine Umgebung geachtet, so hätte er eine Bewegung hinter sich ausmachen können. So erschrak er, als etwas plötzlich nach seiner Hand schnappte und er ließ den Dolch fast fallen.

"Der Einzige, der gleich Schreit bist du!" Ein unsanfter Griff in seine Haare ließ Tiwan aufstöhnen und er war unfähig sich dagegen zu wehren, dass er von dem Elfen einige Meter davon gezerrt wurde. Diese Stimme er hatte sie erkannt und Entsetzen fing an sich in ihn breit zu machen. Grüne Augen sahen direkt in seine und der Blick schien sich in den seinen zu fressen, ihn zu durchdringen.

Ohne Größe Mühe zwang Caleris Tiwan in die Knie, immer noch die Haare fest in seiner Hand und ein Knurren entrann seiner Kehle. "Nun was ist, schrei doch!" fauchte Caleris und seine stimme hatte einen leicht spöttischen Unterton angenommen. Kein Wort kam über Tiwans Lippen, wusste er doch, dass Ausflüchte hier nichts halfen. "Du hattest den Befehl den Elfen nicht anzugreifen! Wer war es denn, der mich selbst ermahnte keine Hand an dieses Wesen zu legen?" "Es, es tut mir leid," stotterte Tiwan, kurz zögerte bevor er weiter sprach: "Es war ein Versehen."

"Ein Versehen?" Ein Lachen erklang von Caleris, während er Tiwan die Faust in das Gesicht rammte. "Das war auch nur ein Versehen Tiwan." Mit einer Bewegung zog Caleris seinen Dolch und presste ihn an Tiwans Hals lehnte sich vor und flüsterte: "Es ist auch ein Versehen wenn ich dir jetzt die Kehle durchschneide." Aus den Augenwinkeln heraus sah Caleris Tiwans Hand zucken und erkannte, dass dieser seine Waffe immer noch festhielt, griff hastig vor und drehte die Hand des anderen um, bis dieser den Dolch fallen ließ. Aber Caleris sah keinen Grund seinen Griff zu lockern, Hass flackerte in seinen Blick auf und er drückte fester zu, drehte noch ein kleines Stück bis ein lautes Knacken erklang und ein schmerzvoller Aufschrei die Luft zeriss.

Zufrieden ließ Caleris von dem vor Schmerz wimmernden Tiwan ab. "Merk dir eines, dieser Elf ist Acharns und wenn einer die Ehre haben sollte ihm Schmerzen zuzufügen, dann bin ich es. Er ist mir und solltest du Hand an ihn anlegen, sorge ich dafür, dass du nie wieder etwas tun kannst."