Diese Story habe ich für einen Contest auf www.bloominius-fanfics.de geschrieben, den ich auch gewonnen habe *freu* Lest es euch durch und reviewt bitte! :)

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Mein Leben war ein einziger Kampf. Ein Kampf von dem Moment an, als ich meinen ersten Schrei tat. Ein Kampf nicht nur für mich - ein Kampf für mein gesamtes Umfeld.
Meine Eltern waren nicht glücklich über mich. Früher habe ich sie gehasst dafür, aber heute habe ich mehr Verständnis. Wäre ich glücklich über ein Kind, das niemals fähig sein wird, richtig zu sprechen?
Mein ganzes Leben lang spürte ich, dass sie sich etwas anderes gewünscht hatten. Ein Mädchen vielleicht. Hübsch. Intelligent. Eine gute Tochter. Oder einen Sohn. Intelligent. Talentiert. Ehrgeizig. Stattdessen bekamen sie mich.
Dass ich anders war merkte ich nicht nur durch meine Eltern. Meine gesamte Kindheit hindurch sahen mich Menschen mit einer Mischung aus Mitleid und Abneigung an, wenn ich begann, zu stottern, und nur unzusammenhängende Silben herauszubringen. Mit der Zeit schaffte ich manchmal ganze Sätze, aber richtig ausdrücken konnte ich mich nie, obwohl ich immer genau wusste, was ich sagen wollte. Es ging einfach nicht. Man wollte mich auf eine Sonderschule schicken - man tat es schließlich auch. Aber ich fühlte mich unglücklich. Ich war nicht lernbehindert. Es war nicht das Verständnis, was mir Schwierigkeiten machte. Es war der Ausdruck meiner Gedanken. Das war etwas, was ich nie richtig lernte. Bis heute kann ich mich nur schriftlich richtig verständigen.
Bald schickte man mich auf eine normale Schule. Dort blieb ich, obwohl es die Hölle für mich war. Man hielt Abstand zu mir, niemand wollte sich mit mir abgeben, sie hielten mich alle für einen Verrückten. Wenn ich heute zurückblicke, dann verstehe ich sie alle besser. Ich hätte wahrscheinlich nicht anders gehandelt. Wie muss ein Mensch wirken, der nicht einmal fähig ist, einen kompletten Satz auszusprechen? Ich fühlte mich einsam, ungeliebt, von allen abgelehnt. Nein, ich fühlte mich nicht nur so. Es war so. Die Meisten konnten mich nicht leiden - vielleicht hielten sie mich für ansteckend - aber einige hatten Mitleid mit mir. Was hilft mir das?
Also bleib ich allein, zog mich immer mehr zurück und verlor immer mehr meine Freude am Leben - was ist das für ein Leben, ohne Kommunikation mit anderen Menschen?
Schließlich fand ich meine eigene Möglichkeit, mich auszudrücken - ich begann zu malen. Was ich der Welt nicht sagen konnte, verpackte ich in einem Bild. Es half mir, das zu tun. Aber ich zeigte meine Bilder niemandem. Nicht einmal meinen Eltern.
Was hätte man auch anderes darin sehen können, als die Kritzelei eines Irren?
Doch lange Zeit malte ich, malte ich alles, was ich mit Worten nicht sagen konnte. Und der Stapel im hintersten Winkel einer Schublade wurde höher und höher.
Aber es änderte nichts. Kein bisschen. Mein Dasein blieb ein Ballast für meine Umwelt.

Eines Tages - ich war gerade 14 - kam ein neues Mädchen in unsere Klasse. Joycelyn. Sie war hübsch. Ich versuchte, sie anzulächeln, und sie lächelte zurück. Natürlich - sie kannte mich noch nicht. Wusste nicht, was mit mir nicht stimmte. In ein paar Tagen würde ihr offenes Lächeln nicht mehr da sein. An die Stelle würde Mitleid treten oder offene Abneigung - wie es bei jedem anderen auch gewesen war.
Doch zu meiner Überraschung traf das nicht ein. Jeden morgen grüßte sie mich und schenkte mir dieses offene Lächeln. Ich war unsicher. Mochte sie mich? Konnte man mich überhaupt mögen? War das tatsächlich möglich?
Ein paar Tage, nachdem sie angekommen war, begann sie, mit mir zu reden. Ich wünschte, sie würde das nicht tun, denn ich hatte Angst, ihr Lächeln würde dann verschwinden. Sie sprach mit mir über ihre Familie, woher sie kam, warum sie jetzt hier war - und ich hörte ihr zu. Manchmal warf ich einzelne Worte ein, aber meine Schweigsamkeit schien ihr nichts auszumachen - sie schien sich sogar darüber zu freuen, dass ich ihr zuhörte.
Und das hatte sie nicht einmal nötig. Sie war beliebt. Mit ihrem offenen Charakter hatte sie schnell einen Platz in der Klassengemeinschaft inne - und trotzdem sprach sie mit mir. Ich begann zu hoffen, dass ich nach dieser langen Zeit tatsächlich jemanden gefunden hatte, der mich nicht ablehnte. Doch die Angst, es könne doch nur Mitleid sein, wich nicht aus meinem Inneren.

Mein Geburtstag kam, wie schon so oft, ohne großes Aufsehen. Meine Eltern umarmten mich, gaben mir ein Geschenk, und der Rest des Tages verlief normal. Das glaubte ich zumindest.
In der Schule wusste scheinbar nicht einmal jemand, dass ich heute ein Jahr älter wurde - ausser Joycelyn. Ich weiß bis heute nicht, woher sie es wusste, aber an diesem Tag kam sie zu mir und überreichte mir ein kleines Päckchen.
"Es ist nur etwas kleines, aber ich hoffe, du freust dich trotzdem." Erklärte sie und verließ mich dann, damit ich es in Ruhe öffnen konnte.
Ein kleines Buch kam zum Vorschein. Es war eines dieser Bücher, in denen eine Menge Bilder abgedruckt waren. Ich fand Sonnenaufgänge, weiße Strände, endlose See und Horizonte - und ich fragte mich, ob es Absicht gewesen war, dass auf keinem Einzigen der Fotos ein Mensch zu sehen war.
Langsam blätterte ich darin herum, glücklich darüber, dass sie an mich gedacht hatte, bis mir auffiel, dass auf der letzten Seite etwas geschrieben stand.
"Wirklich reich ist derjenige, der mehr Träume hat, als die Realität zerstören kann." Hieß es dort in einer schön geschwungenen Handschrift.
"Alles Liebe zum Geburtstag - Joycelyn."
Das war alles. Ich sah die Seite eine Weile an, las den Spruch noch einmal, den sie mir hineingeschrieben hatte.
Hatte ich überhaupt Träume? Ja. Natürlich. Mein größter Traum war es, so zu sein wir alle, normal reden zu können. Aber das war unmöglich, das wusste ich. Was also wollte sie mir damit sagen? Mich noch weiter herunterziehen? Ich konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn in diesem Moment klingelte es zum Pausenende. Ich steckte das Büchlein schnell ein und vergaß es vorerst für eine Weile.

Ich war krank gewesen. Fieber, Husten, Schnupfen, Schwächeanfälle - ich war zu Hause geblieben. Hatte geschlafen. Und in der restlichen Zeit hatte ich gemalt und gezeichnet.
An der Haustür klingelte es. Ich schenkte dem keine Beachtung, doch kurz darauf klopfte es an meiner Zimmertür, die dann vorsichtig geöffnet wurde.
Joycelyn steckte den Kopf herein.
"Bist du wach? Hallo!" Sie lächelte wieder auf diese besondere Art. "Ich wollte dir die Sachen aus der Schule bringen. Wie geht es dir?" Ich zuckte mit den Schultern. "Geht." Brachte ich heraus.
Sie wanderte zum Schreibtisch und wollte ein paar Blätter darauf ablegen, stutzte dann aber. Ich erstarrte. Dort lag das Bild von ihr, das ich gezeichnet hatte. Ich hatte es nicht weggeräumt!
Ich fühlte Röte in mir aufsteigen und wartete ab, was kommen würde. "Wow." Sagte sie und nahm das Blatt Papier in die Art.
"Das ist wirklich wirklich gut. Wo hast du das gelernt?" Sie sah mich verblüfft an. Ich zuckte erneut nur mit den Schultern, weil ich nun nicht einmal mehr ein einzelnes Wort herausbrachte.
"Hast du noch mehr davon?"
Ich wollte nein sagen, aber ich schaffte es nicht. Stattdessen nickte ich und schleppte mich zu meiner geheimen Schublade - und gab ihr den Stapel Papier. Sie nahm sie entgegen und betrachtete jedes einzelne Bild, ohne etwas zu sagen, doch ich meinte, Anerkennung in ihren Augen lesen zu können.
Schließlich war sie fertig - es war mir wie eine Ewigkeit erschienen - und legte die Blätter auf den Tisch. "Die sind unglaublich gut." Sagte sie, und sah so aus, als meinte sie das auch so. Ich sah peinlich berührt zu Boden. Ich war nie der Meinung gewesen, dass meine Bilder gut seien.
"Wirklich." Bestätigte sie. "Ich verstehe nicht, warum du dein Talent so versteckst! Deine Bilder sind gut! Sie sind ausdrucksvoll."
Sie sagte es ernsthaft. Sie schien wirklich begeistert. Mein Gesicht brannte. Ausdrucksvoll. Das Wort hallte in meinem Kopf wider. Ausdrucksvoll. Meine Bilder waren ausdrucksvoll. Ich konnte mich ausdrücken. Ich hätte nie geglaubt, dass jemand etwas, das von mir kam, einmal so bezeichnen würde. Ausdrucksvoll. Plötzlich fiel mir der Spruch wieder ein, den sie in mein Buch geschrieben hatte. "Wirklich reich ist derjenige, der mehr Träume hat, als die Realität zerstören kann." Natürlich hatte ich einen Traum, das wurde mir in diesem Moment klar. Ich wollte mich ausdrücken können. Sein wie alle anderen. Jetzt konnte ich es. Auf meine eigene Art. In einer Weise, in der ich es nie vermutet hätte.
Joycelyn hatte mir gezeigt, dass ich meinen Traum zu früh aufgegeben hatte. Ich hatte ihn immer für unerfüllbar gehalten, aber das stimmte nicht. Er hatte sich schon lange erfüllt, nur hatte ich es nicht gesehen.