"Angels are bright still, though the brightest fell"
(Macbeth, Sc.3)

Ich schloss die Tür hinter mir, die Welt, ausgesperrt, drehte den Schlüssel in Schloss um, alles ausgesperrt! Niemanden sehen, niemanden hören, alle ignorieren, ihre Probleme, meine Probleme vergessen? Fragen die mir im Moment egal waren, drohten sich in meinem Kopf breit zu machen. Nein, heute keine Zeit für euch, keine Lust auf euch! Bessere, schlimmere Probleme gab es jetzt, aber auch die: ignorieren, vergessen.

Ich stellte die Musik lauter, nicht meine Lieblings CD, egal, Hauptsache laut, dröhnend, nicht traurig, nicht fröhlich, einfach nur da. So wie ich. Einfach nur da! Nein ich war nicht fröhlich. Vielleicht ein Bisschen traurig. Aber nicht wirklich. Ich war nicht einmal wütend und dabei bin ich gut im wütend sein, besser als "die Person" es jemals sein könnte. Vielleicht sollte ich ihr das erzählen: Ich habe was gefunden in dem ich besser bin; nur leider bin ich's momentan nicht!

Dumm! So fühlte ich mich. Nein dümmer! Dümmer als die Person, dümmer als alle die, welche mich schon immer mit dem Blick angesehen haben, der sagen sollte: Du bist dümmer als ich! Aber dafür habe ich ein Rätsel gelöst: auch dumme (nein, dümmere) Menschen haben ihren stolz. Sonst wäre es jetzt nicht "die Person".

Einen Namen muss man sich verdienen, er ist ein Privileg (sollte es zumindest sein!), aber heute bekommen ja alle einen und auch wenn ich in allen anderen Dingen impotent bin, so kann ich doch entscheiden, ob ich jemanden mit Namen anrede oder nicht. Es ist affig, Zeichen meiner Impotenz.

In meinem Kopf fängt es an zu pochen, nicht auf die alles ist startklar ich kann jetzt loslegen Art, sondern vielmehr von der es wird mir alles zuviel ich bekomme Kopfschmerzen Gattung. Ich stellte die Musik aus, mochte das Lied sowieso nicht. Platz zwei in den Charts! Man kann sich auf gar nichts mehr verlassen. Nicht einmal auf sich selber! Ja genau, ich bin nicht fröhlich, nicht traurig, ich bin enttäuscht. Von der Person und von mir. Vor allem von mir?

Ich hasse es enttäuscht zu sein, weil ich die Person nicht dafür hassen kann, dass ich zu viel erwartet habe. Aber kann ich mich selber hassen? Wie unlogisch! Gleich fange ich noch an, mich bei mir selber zu entschuldigen, dafür, dass ich zuviel von mir erwartet habe. Gib mir die gelben Seiten, ich suche die Telefonnummer von der nächsten psychiatrischen Anstalt heraus! Doch wenn sie kommen um mich abzuholen flüchte ich. Dafür liebe ich mich dann doch zu sehr, als dass ich den Rest meines Lebens in einem abgeschlossenen Zimmer verbringen möchte (wahrscheinlich mit einem Mitbewohner, der noch viel verrückter ist als ich).

***********

Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ich die Haustür zuschlagen hörte. Mein Vater, scheiß Tag auf der Arbeit, lange, langweilige Geschichten, die ich mir bestimmt wieder anhören musste. Nur nicken, nicht vergessen, du darfst nur nicken! Sag ihm nicht, dass es schlimmeres auf der Welt gibt, als einen Kollegen, der in der Nase popelt. Sag ihm nicht, dass es da draußen Millionen Arbeitslose gibt, die all die Strapazen liebend gerne ertragen würden und bitte, bitte sag ihm nicht, dass er all den Mist für sich behalten soll und dir nicht auch noch seine Probleme aufhalsen soll.

Ich schloss die Tür wieder auf, wollte keine Fragen beantworten, warum ich mich eingeschlossen hatte. Er nahm seine Vaterpflichten sehr ernst, seit meine Mutter gestorben war. Vorher hatte ich ihn kaum gesehen. Er war immer arbeiten, mit Freunden unterwegs, oder ruhte sich aus und ich sollte nicht stören. Und jetzt hatte er Verantwortung, um die er nie gebeten hatte, und wahrscheinlich muss ich zugeben, dass er sich Mühe gab. Ich wollte es also nicht noch schwerer für ihn machen, legte mein bestes ich liebe dich Vater Lächeln auf und wartete im Flur auf ihn.

Als er reinkam, war er wirklich schlecht gelaunt. Mir fiel auf wie gut ich ihn kannte und wie wenig er mich. Aber das war wie ich es wollte. Warum wollte ich nicht, dass er mich kannte? Weil ich angst davor hatte! Warum hatte ich angst? Ich wusste es nicht. Vielleicht weil ich ihm nicht traute, oder weil er vielleicht das hassen würde, was er sehen würde. Doch ich liebte ihn! Konnte er mich auch lieben, wenn er mich doch gar nicht kannte?

Ich ließ das Lächeln wieder von meinem Gesicht verschwinden. Zeit einen Versuch zu starten: ist er auch noch für mich da, wenn er merkt, dass ich schlecht drauf bin. Nach der ersten Minute: Nein, erzählt ununterbrochen von der neuen Sekretärin. Hat mich noch nicht einmal angesehen. Nach fünf Minuten: Sieht mich an! Bittet mich Kaffee zu kochen! Nach dreizehn Minuten: Sitzen zusammen am Tisch, er fragt nach der Schule. Der Anfang! "Wie war die Schule?" "Okay, ich komm' schon klar." "Ich weiß, aber gefällt es dir dort?" "Es ist okay. Manchmal okay und manchmal scheiße." "War es heute scheiße?" (Das waren fünfzehn Minuten und ich glaube, er hat gemerkt, dass ich nicht fröhlich bin. Nicht schlecht für ein erstes mal!)

Ich nehme noch einen Löffel Zucker und rühre in meiner Tasse herum. "Weißt du eigentlich ist die Schule immer gleich, manchmal habe ich Lust zu lernen und manchmal nicht. Es sind die Menschen die es scheiße machen können." "Du hast Streit mit jemandem." Es war keine Frage und trotzdem klang seine Stimme so bestimmt, dass der Satz eine Antwort forderte. "Die Menschen sind nicht toll." "Und das hast du gedacht?" Ich blickte ihn erstaunt an. Der Satz war nicht spöttisch gesprochen und auch sein Gesicht zeigte keine Spur von Hohn. Jetzt war ich ihm dankbar. Ich musste wirklich einige Sekunden über die Frage nachdenken.

"Nein, aber ich würde es gerne und es tut weh." "Und was hat die Person gemacht?" Ich musste lächeln, ohne es zu wissen hatte er meine Vokabel aufgenommen. "Sie ist tot, Tabletten." Er schluckte. Kam nicht um den Tisch, nahm mich nicht in den Arm. Wieder danke! Ich wollte jetzt keine Zuneigung, wollte nur meine Worte und Gedanken loswerden. "Hat sich nach der dritten Stunde in der Toilette eingeschlossen und ist nicht mehr rausgekommen. Sie hat nichts gesagt, vorher meine ich, zu irgendjemanden. Ich hab' sie gemocht und sie hat nicht einmal Tschüß gesagt." Ich umklammerte meine Tasse, starrte in die braune Brühe, vor lauter Zucker zu süß zum trinken, aber immer noch warm genug um meine Hände durch das Porzellan hindurch zu wärmen.

"Weißt du ich bin nicht sauer, weil sie nicht mehr leben wollte, ich bin enttäuscht, weil ich dachte sie würde mich nicht allein lassen." Mein Vater hatte sich weiter über den Tisch gelehnt um mich besser zu verstehen, meine Stimme war immer leiser geworden, er ließ mich alles sagen. "Menschen sind wie Drogen, erst machen sie dich abhängig und dann gehen sie und du bist allein!" Diesmal antwortete er. "Bei dir hört es sich so an, als würden all die Menschen nur da draußen rumlaufen um andere zu verletzen." "Vielleicht." "Glaubst du, ich möchte dir weh tun?" Ich erschrak, sah hoch. Hatte ich das gesagt? "Natürlich nicht." "Möchtest du mich verletzen?" Ich sah jetzt in welche Richtung er steuerte und wollte seine Schlussfolgerungen nicht hören. "Vielleicht möchten es die Menschen nicht, aber sie tun es trotzdem." Dieser Satz, mein eigener, hatte eine Endgültigkeit, die mich erschütterte. "Du hast also keine Wahl bei dem was du tust?" Warum muss er nur immer fragen stellen? "Man hat die Wahl aber man entscheidet sich immer falsch."

Er lehnte sich im Stuhl zurück und betrachtete mich (vielleicht zum ersten mal überhaupt), starrte mich an und ordnete mich ein. "Weißt du, als deine Mutter mir sagte sie sei schwanger, dachte ich jetzt haben wir den größten Fehler unseres Lebens gemacht." Ich zuckte ein bisschen zusammen, beinahe unmerklich. Er fuhr fort, als ob er es nicht gemerkt hätte: "Ich wollte damals kein Kind in diese Welt setzen. Deine Mutter und ich hatten oft darüber gesprochen und uns entschieden, dass wir unserem Kind diese Welt nicht antun wollten. Wir wussten, wir waren nicht perfekt und würden alles falsch machen, unser Baby enttäuschen, vielleicht sogar verletzen." Er stoppte kurz trank noch einen Schluck Kaffee, doch nahm die Augen nicht von mir. "Ich war panisch, ließ sie fünf oder sechs mal hintereinander Schwangerschaftsteste machen. Irgendwann weigerte sie sich und sagte: "Es ist gut." Ich weiß bis heute nicht ob sie einfach nur sagen wolle ich solle aufhören, oder ob sie die Schwangerschaft meinte. Auf jeden Fall sah ich sie in diesem Moment das erste mal an und sie lächelte. Verstehst du, sie war glücklich. Und ich verstand es nicht, immerhin war meiner Meinung nach eine Katastrophe geschehen, ich hatte alles falsch gemacht und konnte es nicht wieder gutmachen und deine Mutter war glücklich."

Wir blickten uns wieder schweigend an. Meine Freundin lässt mich allein in der Welt zurück und hier sitze ich und höre mir die Probleme meiner Eltern von vor sechszehn Jahren an. Grotesk, Paradox, Absurd. Meine drei Lieblingswörter, alle passten.

"Wir redeten lange, ich weinte ein Bisschen. Ich sagte ihr, dass unser Kind uns später hassen würde, weil wir doch alles falsch gemacht hätten. Und sie fragte mich, ob ich sie für ihre Fehler hassen würde. Ich schrie sie fast an: "Natürlich nicht!". Sie lächelte noch mehr, nahm mich in den Arm und sagte, sie würde mich immer und mit allen Fehlern der Welt lieben. Ich erwiderte, dass da noch so viele andere Menschen wären, denen ich nicht mit meinem Kind trauen würde, aber sie sagte: "So lange unser Baby auch nur einen Menschen kennen lernen wird, den es liebt, wird es uns später danken zu leben, so wie wir beide es auch tun." Es war einer der schönsten Sätze, die ich damals je gehört hatte. Und als du dann da warst, fühlte sich mit einem mal alles so richtig an, als hätte es nie Zweifel daran gegeben. Wir hatten etwas richtig und perfekt gemacht und es zählte nicht mehr, dass wir und alle anderen sonst immer Fehler begingen, denn es gab was Richtiges und nur das zählte."

Er hatte mir noch nie etwas so kitschiges erzählt und ich hasste es. Aber ich liebte ihn dafür. Auch wenn ich für mich weiterhin dumm war, schien ich doch für meine Eltern richtig zu sein.

Ich stand auf, ließ meine Tasse stehen und ging zurück in mein Zimmer. Versuchte es erneut mit Musik, diesmal lief es besser (Beatles; While my guitar gently weeps). Ich war immer noch nicht fröhlich, fragte mich, ob ich es jemals wieder sein würde, oder ob ich es überhaupt schon jemals war. War ich traurig? Ein Bisschen. Es schien sich also nichts geändert zu haben. Und doch war irgendetwas anders. Ich ging meine innere Checkliste durch. Okay, Sandra war noch immer tot, mein Vater kannte mich noch lange nicht (auch wenn er es jetzt zu versuchen schien), ich fühlte mich noch immer dumm, ich war immer noch nicht wütend.

Ich legte mich aufs Bett, schloss die Augen, machte sie wieder auf, schloss sie wieder und öffnete sie. Ich setzte mich auf. Das war es. Ich machte die Augen auf. Freiwillig. Immer wieder! Ich konnte mir wieder vorstellen am nächsten morgen aufzustehen und am Tag danach. Nicht weil ich es sowieso musste, sondern weil ich es wollte. Die Menschen sind nicht toll. Sandra war es, meine Mutter war es, beide tot. Aber es gibt immer noch Menschen, die toll sind. Mein Vater, sosehr er mich auch nicht versteht, ich liebe ihn doch. Es gibt noch andere langsam erinnere ich mich an sie, Leute die ich getroffen habe, aber nicht ernst nahm und schließlich nahezu vergaß. Vielleicht ist es immer die Gefahr, dass man das Gute nicht sieht, einfach, weil man es nicht so ernst nimmt, wie Schlechtes. Ich nahm es jetzt ernst, das hatte sich geändert und mir fiel plötzlich auf, noch etwas: "die Person" war wieder Sandra.

Ich ging in die Küche. Mein Vater stand am Herd, rührte in einem Topf rum. Es roch nach irgendetwas deftigem, fleischigem. Die Dunstabzugshaube lärmte. Ich ging zu ihm hin. Er hörte mich nicht, erst als ich meinen Kopf an seine Schulter lehnte, sah er mich an, lächelte. Wir fingen an uns über Trivialitäten zu unterhalten, ein wenig zu Scherzen, testeten ein wenig die Stimmung. "Danke, dass ich lebe.", dachte ich. Sagte es aber nicht, denn das war überflüssig, schließlich hatten meine Eltern es schon immer gewusst, weil ich immer noch jemanden zu lieben hatte, konnte ich auch leben.

Ende