Beside me

Don't walk behind me, I may not lead.
Don't walk in front of me, I may not follow.
Just walk beside me and be my friend.
(Albert Camus)

Sie saß im Flur. Es hatte gerade zur Pause geläutet, ich kam aus der Klasse. Die anderen liefen an ihr vorbei, die meisten von ihnen bemerkten sie nicht einmal. Sie hatte die Beine zum Körper angezogen, sie mit den Armen umschlungen und den Kopf auf ihre Knie gelegt. Ich setzte mich neben sie, ließ gleichzeitig, meinen Rucksack von den Schultern gleiten und ihn neben mich auf den Boden plumpsen. Sie sah auf, lächelte mich an, so wie sie es immer machte.

"Hey Nadia.", ihre Stimme zitterte. Sie hatte geweint. Einer der wenigen Menschen, bei denen man weinen nicht an geröteten Augen erkennt, sondern an einem Beben in der Stimme. "Hey Helika." Sie hieß eigentlich Helene, niemand sollte sein Kind heutzutage noch Helene nennen. Die anderen fingen dann an sie Heli zu nennen, aber ich finde Kosenamen mit -i- am Ende widerlich, also entstand irgendwann Helika, unser Name, nur ich nenne sie so. Nach der kurzen Begrüßung schwiegen wir beide. Ich starrte die gegenüberliegende Wand an. Gelb. Einst entstanden, um der Schule ein modernes und fröhliches Aussehen zu verleihen, war das gelb mittlerweile so grau, dass jeder Psychologe uns eine begründete Depression bescheinigt hätte.

"Wir könnten gehen." Mein Vorschlag. Helika nickte. Ich stand auf, setzte meinen Rucksack wieder auf den Rücken. Meine Freundin hatte sich noch nicht bewegt. "Hey komm Helika, ich gebe dir ne Cherry Coke aus." Ich streckte meine Hand aus, sie nahm sie, ich zog sie hoch. "Wo ist deine Tasche?" Helika nickte mit dem Kopf zur Klasse. "Warte hier." Ich ging zurück in den Raum. Holte ihre Tasche aus einem der Fächer im hinteren Teil des schmalen Zimmers. Sie war leicht, zu leicht. Ich sah hinein, nur ein paar Stifte, die lose herumflogen und ein Buch, keins für die Schule. "Endspiel", Samuel Beckett.

"Hast du vergessen zu packen, oder redet ihr gerade in Bio darüber, wie man in einer Tonne überlebt?" Ich hatte eigentlich scherzen wollen, doch sie riss mir die Tasche aus der Hand. "Lass meine Sachen in ruhe!", zischte sie mich an. Sie war eigentlich ein paar Zentimeter kleiner als ich, nicht ganz ein siebzig, würde ich sagen, konnte sich aber gewaltig groß machen, wenn sie wollte. Am Anfang hatte ich Respekt davor, mittlerweile wich ich nicht mehr zurück, hatte diese Verwandlung schon viel zu oft erlebt. "Okay.", sagte ich beruhigend, "Kommst du jetzt." Sie nahm meine Hand, kam wieder, lächelte wieder.

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Wir saßen im Cafe. Helika hatte doch keine Cherry Coke gewollt und rührte nun mit ihrem Strohhalm im Schokomilchshake herum. "Wir müssen noch drei Stunden." Sie reagierte nicht. "Helika!" Sie sah auf, lächelte mich an. Sie tat das oft immer öfter die letzten Wochen. Verschwand für eine Weile in ihrem Kopf und kam dann lächelnd wieder hervor. "Schwimmen." "Was?" "Wir könnten schwimmen gehen.", wiederholte sie. "Die drei Stunden. Wir holen die Fahrräder und fahren zum See."

Wir hatten das schon öfter getan. Die ersten Monate, nachdem wir uns kennengelernt hatten, waren wir fast jeden Nachmittag zum See gefahren, um dort zu schwimmen oder einfach zu reden. Aber das war im Sommer gewesen. Es war jetzt Anfang Oktober und die Temperaturen waren auf zwölf Grad gefallen, Wolken versperrten der Sonne den Weg und hin und wieder regnete es. "Ist es nicht zu kalt?" Helika sah mich an. Ihr Blick veränderte sich nicht, doch ich wusste, dass sie erstaunt war. Hatte sie wirklich nicht gemerkt, dass es sich die letzten Wochen abgekühlt hatte? "Wir wollen doch nur schwimmen." Das es genau das war woran ich auch dachte und wofür es zu kalt war sagte ich nicht. Sie schien es diesmal wirklich zu wollen. "Okay."