2. Kapitel

Vom Cafe aus waren es nur zwei Minuten bis zu mir. Wir passten auf, dass die Nachbarn uns nicht sahen. Ich schloss die Tür auf. Arno kam uns entgegen. Helika nahm den Kater auf den Arm, so dass er nicht durch die noch halb geöffnete Tür entkommen konnte.

Ich ging in mein Zimmer, schmiss ein paar Bücher aus meinem Rucksack und steckte statt dessen Handtücher und Badeanzüge ein. Dann holte ich noch ein Packet Kekse aus dem Küchenschrank und packte es hinzu. Als ich in den Flur kam saß Helika noch immer mit Arno auf dem Schoss auf der Treppe neben der Haustür und streichelte ihn.

"Lass uns gehen." Sie nickte. Wir gingen durch die Hintertür raus zum Schuppen und holten die Fahrräder. Helika nahm das alte meiner Mutter. Wir redeten nicht dabei. Es war schon Gewohnheit.

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Ich reichte ihr einen Badeanzug. Wir zogen uns ohne Schamgefühl voreinander aus und pressten uns in das enge Gummi. Mit dem Weg hierhin waren dreißig Minuten seit meinem letzten Blick auf die Uhr im Cafe vergangen. In zwei ein halb Stunden mussten wir wieder zurück sein.

Ich plante mit noch mal zwanzig Minuten Rückweg. Für Helika waren es sogar mehr, vielleicht fünfunddreißig. Also nur noch knapp zwei Stunden. "Nadia? Kommst du?" Helika schien nie zu planen, oder sie wusste alles schon ohne lange darüber nachzudenken. Beides war möglich.

"Gut." Sie reichte mir die Hand, um mir auf zu helfen. Ich nahm sie, fühlte wie kalt ihre Finger waren und sah auf ihrem Arm, dass sie Gänsehaut hatte. "Bist du sicher, dass dir nicht zu kalt ist?" Sie schüttelte den Kopf und zog mich hoch. Wir liefen die letzten paar Meter bis zum Ufer und testeten dann vorsichtig das Wasser mit unseren Zehenspitzen. Ich fröstelte.

Ich wollte gerade zurückweichen, als Helika plötzlich losstürmte und mich mit ihr mitriss. "Helika warte! Nein!" Ich versuchte mich von ihr loszureißen und der ungeliebten Kälte zu entkommen, doch meine Freundin presste ihre Finger fester in meine Hand. Als wir bis zur Hüfte im Wasser standen, blieb sie endlich stehen. "Nadia, tauchen bis zur Sandbank?" Circa zwanzig Meter zur Mitte des Sees hin lag eine kleine Sandbank. Man konnte sich dort hinsetzen und es waren nur die Beine vom Wasser bedeckt. "Nein, mir ist kalt, ich will zurück!" Helika blickte mich wieder mit ihren leeren Augen an. "Aber wir sind doch gerade erst hier. Ich verstehe dich nicht." Sie sprach es sanft, wie ein kleines Kind, so als würde sie mich wirklich nicht verstehen. Warum mussten wir das gerade bei ein paar Grad über null, frierend im Wasser diskutieren. "Verdammt noch mal Helika es ist kalt, merkst du das denn nicht?" Das war ein bisschen schroffer als ich es eigentlich sagen wollte, aber traf doch den Kern. Ich wollte nicht!

Helika antwortete nicht, sah plötzlich auf das Wasser herunter, und legte ihre Hände auf dessen Oberfläche. Warum konnte sie nicht einfach zurückschreien, so streiten, wie jeder andere auch. Es frustrierte mich. "Helika, was jetzt?" Sie sah auf. "Kommst du?" Noch während sie sprach drehte sie sich um, tauchte ins Wasser und schwamm auf die Sandbank zu. Ich wollte ihr was hinterher rufen, mich ebenfalls umdrehen und zurück zum Ufer waten, doch statt dessen folgte ich ihr.

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Wir saßen auf der Sandbank, Rücken an Rücken, jeder die Arme um seine Knie geschlungen und die Beine fest an den Körper gedrückt. Meine Zähne fingen immer wieder zwischendurch an zu klappern, schienen sich dann aber dazu zu entschließen, dass es sowieso keinen Zweck hatte und hörten auf, nur um dann einige Minuten später von neuem zu beginnen. "Niemand ist hier. Nadia, so sähe es aus, wenn wir die letzten Menschen auf der Welt wären." Ich schaute über meine Schulter zu Helika herüber. "Muss wohl."

Wir saßen noch einige Minuten da, bis ich es von neuem versuchte. Ich stand auf, und kniete mich ihr gegenüber hin. Helika starrte zur anderen Seite des Sees. Ich legte ihr meine Hände auf die Knie. "Gehen wir?" Sie nickte und wir standen gemeinsam auf.

Wir schoben die Fahrräder ein Stück, es war noch genug Zeit, um zu gehen. Ich fror noch immer. Zwar hatte ich mich gut abgetrocknet, doch da ich noch immer den nassen Badeanzug unter hatte, weichte meine Kleidung so langsam von innen durch. Ich blickte wieder auf die Uhr, noch mehr als genug Zeit. Die schule war noch immer nicht vorbei und unsere Eltern würden uns noch nicht zurück erwarten. "Helika, hast du Hunger. Lass uns was essen." "Was hast du?" "Kekse."

Sie nickte zufrieden und schob ihr Fahrrad an den rechten Fahrbahnrand. Ich holte die Packung aus meinem Rucksack. Durch die Verpackung hindurch konnte ich fühlen, dass einige zerbrochen waren. Helika hatte sich auf die Leitplanke gesetzt. Ich setzte mich hinzu und wir aßen.