Nur Heute

"Worauf wartest du? Wofür sparst du? Es gibt nur das Hier und Jetzt.", Georg B. Chine

Die Geschichte, die ich aufschreiben will, scheint ungewöhnlich. Kein Wunder, sie handelt ja auch von dir. Eigentlich ist es auch keine ganze Geschichte sondern viele kleine Gefühle, Gedanken, Erinnerungen und gesprochene Wörter zusammengeheftet und, was auch erwähnt werden muss, vieles weggelassen, was auch passiert aber mir nicht wichtig erschienen ist. Ein Flickenteppich also wie das Leben selbst, was auch heißt, dass die Geschichte noch nicht zuende ist.

Deine Augen sind braun. Braun, wie die tiefsten Wälder und gleichzeitig wie das Gefieder eines hoch in der Luft kreisenden Adlers. Früher habe ich oft von dir geträumt, wie du mich in einer Minute ernst und in der nächsten so fröhlich lachend ansiehst, dass einem einfach das Herz aufgehen muss. Nur wenn ich danach aufgewacht bin, hat es geschmerzt. Mein Herz, meine ich. Doch heute muss ich nicht mehr von dir träumen. Du liegst neben mir.

Bei diesem Gedanken wird mir ganz schwindelig. Ich drehe mich zu dir um, will mich überzeugen, dass du wirklich da bist. Meine Finger fahren die Konturen deines Gesichts nach und ich weiß, dass dies kein Traum ist.

..--..

Ich weißt nicht mehr, ob du mir direkt aufgefallen bist, als ich dich zum ersten mal sah, oder erst später. Es war einfach so vieles neu für mich, ich stand vor einer fremden Klasse, fremde Schule, fremde Stadt, fremdes, neues Leben? Damals wusste ich es noch nicht, aber das war es.

Jedenfalls wusste ich nach spätestens der ersten Pause, wer du warst. Du warst derjenige, den alle mögen und gleichzeitig nicht verstehen und deshalb beneiden. Außenseiter und Mittelpunkt dieser zufällig zusammengewürfelten Gruppe gleichzeitig. Jeder lachte über deine Witze und trotzdem kam es mir so vor, als verständen sie diese nicht. Als sprächest du nicht nur auf einer Ebene, sondern so vielschichtig und hintergründig, dass man es nicht bemerkt, wenn man nur auf den einfachen Spaß in dem, was du sagtest, achtete. Doch ich merkte es und das hing wohl damit zusammen, dass ich als Außenstehender versuchte das komplizierte System zu entwirren, das diese Klasse bestimmte. Erst viel später begriff ich, warum du trotz deines offenen und lustigen Wesens nicht ganz in das Bild der Gruppe zu passen schienst.

Den ganzen Tag über und auch danach versuchte ich so viel wie möglich in deiner Nähe zu bleiben, was mir jetzt, wo ich darüber nachdenke, wieder einmal klarmacht, wie sehr ich von Anfang an von dir fasziniert war. Also stand ich meist schweigend bei der großen Gruppe von Leuten, zu denen auch du gehörtest, die so vertraut und locker miteinander umgingen, dass es mir schwer fiel, nicht auf eure Freundschaft neidisch zu sein.

Eine Sache ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, am nächsten oder übernächsten Tag, als ich gerade die erste Treppe heraufsteigen wollte, wurde ich Zeuge, wie du dich mal wieder bewusst von der Masse abhobst, indem du anstatt die ersten fünf Stufen normal hinaufzusteigen, von außen an dem Geländer hochklettertest und dich darüber schwangst, mir damit einen riesigen Schrecken einjagend.

"Hi!", sagtest du und zwinkertest mir zu. Dann, als du meinen verwirrten Gesichtausdruck sahst, fügtest du hinzu, "lass mich raten: du denkst gerade, dieser Typ ist völlig verrückt."

Ich musste ebenfalls grinsen und erwiderte wahrheitsgemäß: "Stimmt.. irgendwie"

"Danke!" Das und dein ehrliches Lachen verwirrte mich noch mehr.

"Die meisten Leute würden das nicht als Kompliment ansehen", wand ich zögerlich ein.

Du lachtest nur noch mehr und plötzlich warst du verschwunden, hattest jemand anderes gesehen, den du begrüßen musstest. Nur das, was du noch kurz bevor du gegangen warst gesagt hattest, klang mir noch im Kopf nach.

"Warum sagst du dann so was wenn die meisten Leute es nicht gut auffassen würden?"

Merkwürdigerweise war es keine Schwierigkeit für mich, eine Antwort darauf zu finden: Weil du nicht wie die meisten Leute warst, und es nie sein würdest.

Solche und ähnliche Unterhaltungen wiederholten sich in der nächsten Zeit und ich ertappte mich dabei, Treffen mit dir herauszufordern, indem ich unter einem Vorwand auf dich wartete oder dir belanglose Fragen stellte. Manchmal hatte ich Angst, so zu werden, wie all die anderen: Bewunderer von dir, ohne besondere Merkmale, die in der Masse verschwanden.

Doch genauso wie du der Grund für meine Befürchtungen warst, zerstreutest du sie auch immer wieder durch diesen ganz besonderen intensiven Blick, mit dem du mich manchmal anschautest, und den ich dich noch nie auf jemand anderen habe verwenden sehen.
Es machte, dass ich mich plötzlich gut fühlte, besonders und auserwählt. Und noch viel mehr. Denn ich habe mich niemals lebendiger gefühlt, als in diesen Momenten, wenn du mir deine Aufmerksamkeit schenktest.

Eines Tages, es war glaube ich schon über ein halbes Jahr vergangen, stelltest du mir eine Frage, die mein Leben für immer verändert hat. Es war, als wir nach der Schule zusammen den Gang hinuntergingen, etwas später als alle anderen. Zu deinem Charakter scheint es zu gehören, plötzlich unzusammenhängende Fragen zu stellen, die mich immer wieder aufs neue aus der Bahn werfen, aber diesmal bekam ich es das erste mal mit.

"Glaubst du an Schicksal?"

Ich hatte wirklich nicht mit so etwas gerechnet, war total überrumpelt.

"W..wie kommst du jetzt darauf?", fragte ich zögerlich und konnte mich nicht entscheiden, ob ich in deine klaren Augen, die mich fixiert hielten, sehen oder deinem Blick ausweichen sollte.

"Also, ähm", begann ich erneut, nachdem ich sah, dass du nur die Schultern zucktest, was ich deutete als ‚Egal, komm schon, sag einfach was dir dazu einfällt' "ich denke es gibt Dinge, die passen so gut, dass wir uns nicht erklären können, warum sie gerade da passieren, falls du weißt was ich meine. Und manchmal kommt man deshalb nicht umhin zu glauben, dass etwas vorherbestimmt ist von einer höheren Macht oder so", ich vergewisserte mich, dass du mir immer noch zuhörtest und fand deinen aufmerksamen Blick auf mir ruhend, "aber eigentlich ist es doch egal, oder? Ich meine, selbst wenn unsere Leben vorherbestimmt sind, würden wir es doch nie erfahren. Und deshalb halte ich es für Quatsch, wenn manche Leute sagen, es würde dann keine Freiheit mehr geben. Worauf es eigentlich ankommt, ist doch das Leben an sich und nicht, was dahintersteht, oder? Und selbst in einer Illusion lässt's sich doch genauso gut leben wie in der Wirklichkeit, solange man nicht weiß, was die Wirklichkeit ist. Solange man glücklich ist..."

Ich war selbst überrascht von meinen Worten. Natürlich hatte ich mir schon oft Gedanken über solche Themen gemacht, aber diese jemandem so offen mitzuteilen, fast schon einen kleinen Vortrag zu halten, hatte ich mich noch nie getraut. Was für einen merkwürdige Effekt du auf mich hattest.

Dein Gesichtsausdruck wechselte zu einem Lächeln.

"Ich wusste doch, dass du etwas besonderes bist", lachtest du und diese Worte kamen mir so unwirklich vor, wie nichts was ich vorher erlebt hatte. Weil...

"Weißt du... genau das gleiche hab ich von dir gedacht, direkt am ersten Tag, an dem ich dich kennen gelernt habe." Ich war froh, dass ich dir dies endlich sagen konnte, ohne mir blöd dabei vorzukommen. Ich wüsste, du würdest mich nicht auslachen wenn ich weiterredete.

"Irgendwie hast du so wenig zu den anderen gepasst..." Mit plötzlicher Überraschung spürte ich auf einmal, wie deine Hand nach meiner griff - wir waren schon lange stehen geblieben. Doch mein, in meinen Ohren schrecklich laut pochendes Herz hielt mich nicht mehr davon ab, das zu sagen, was ich einfach sagen musste. "Du warst so... schön."

Du beugtest dich du mir hinüber und dein Atem fühlte sich warm an meinem Ohr an.

"Carpe diem", flüstertest du. Es war niemand da, der uns hätte sehen können, und ich wehrte mich nicht, als deine Lippen meine fanden.

..--..

Du bist wach, öffnest die Augen und beugst dich zu mir herüber, flüsterst mir etwas ins Ohr, wie damals. Ich muss mich an dir festhalten und die Augen schließen, um nicht von dem Schwindel, der plötzlich von mir Besitz ergriffen hat, das Gleichgewicht zu verlieren.

Ich wünschte dieser Moment würde ewig dauern. Immer, ewig, ewig, für immer. Was für unbeschreiblich große Worte. Ewigkeit. Ewig..keit. Als du deine Arme um mich schlingst, durchzuckt mich ein unbeschreiblicher Schmerz. Ich frage mich, warum kommt es mir nur immer, wenn ich mit dir zusammen bin, so vor, als wäre die Ewigkeit viel zu kurz?

Dein Geruch. Herb und würzig, wie ein Kind, dass gerade vom Spielen aus dem Wald zurückgekehrt ist. Zur selben Zeit aber auch etwas, dass man nicht beschreiben kann. So du.

Plötzlich weiß ich es. Die Antwort durchzuckt mich wie ein Stromschlag. Nicht die Antwort auf mein Problem mit der Ewigkeit. Aber definitiv eine Antwort.

Ich bin. Du bist. Wir leben nur heute.

Die Ewigkeit kann mir gestohlen bleiben.

...ohne Ende...

Nachwort: Ich hab es (zumindest in meiner Vorstellung) als Slash geschrieben. Aber es wird ja nichts ausdrücklich gesagt, also kann sich jeder sein eigenes Bild machen. Würd mich mal interessieren, was ihr euch beim Lesen dazu gedacht habt. Und natürlich freue ich mich auch allgemein über Kommentare und Kritik

-mio