In Arkenland ist Dunkles am Werk. Ein großer Krieg wird vorbereitet und Intrigen werden geschmiedet, und inmitten von verwirrenden Veränderungen in ihrem Leben finden sich fünf junge Leute, die eine weit bedeutsamere Rolle zu spielen haben, als sie jemals ahnten, denn niemand kann der Macht der Prophezeiung entrinnen:

Lea, ein Schankmädchen aus dem entlegenen Grünfelsental, muss plötzlich, von schrecklichen Wesen verfolgt, ihre Heimat verlassen, und was haben ihr lange verstorbener Vater und ein geheimnisvolles Amulett mit allem zu tun?

Kim, der Kronprinz des Königreiches Riyal, kann mit dem Leben am Hof nichts anfangen und muss all seinen Mut und sein erlerntes Können anwenden, als auf einmal seltsame Fremde nach der Macht im Land greifen.

Ayquo, ein Reriye mit einem finsteren Geheimnis, sucht nach Vergebung, findet aber nur dunkle Kunst und Betrug allenthalben.

Miranda, ein Mädchen von dem Pferdenomadenstamm der Rog-Kanda, sucht ihr Glück in der Ferne und findet Furcht, Zerstörung und die Liebe.

Will, ein Junge aus den nördlichen Weiten Nadaa Goorets, flieht vor seinem Vater, der mit ihm die Erfüllung eines fürchterlichen Plans vorhat und in seinen düsteren Ambitionen auch nicht davor zurückschreckt, einen Krieg anzufangen.

Niemand kann der Macht der Prophezeiung entgehen...oder kann man es? Drei Prophezeiungen bestimmen die Zukunft der Welt, doch sie zu verstehen ist nur wenigen bestimmt...aber gibt es noch eine vierte Prophezeiung?

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Anm.: Dies ist der erste Teil eines Zweiteilers. Ich bin mir noch nicht sicher über den Untertitel. Die geposteten Versionen der Kapitel werden in ihren Details mitunter noch überarbeitet. Obwohl ich mit meinen Ideen schon ziemlich weit bin, sind Reviews natürlich immer gern willkommen! (Meine Muse ernährt sich von ihnen, glaube ich.)

Disclaimer: Alle Charaktere und Ereignisse in dieser Geschichte sind fiktiv und jede Ähnlichkeit zu realen Personen, lebendig oder tot, ist rein zufällig.

Ich wünsch euch viel Spaß (bitte gebt mir eine Chance und, oh Mann, bitte bringt mich nicht um...;-), FroQue

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Prolog

Der Mönch und der Dämon

1353 n. d. L.

Der Wind heulte mit tausend unheimlichen Stimmen um die Zinnen und Erker der uralten Burg. Die Schneewehen türmten sich mannshoch in den kleinen Höfen und auf den großen Plätzen. Die Luft war erfüllt von tanzenden Schneeflocken, die wie Millionen weißer Schmetterlinge durcheinandersegelten und sich sanft auf den mächtigen Mauern und gewaltigen Dachbauten niederließen. Aber kein Erstaunen über die grazile Schönheit der Schneeflocken rief der Anblick bei einem etwaigen Betrachter hervor; denn für diejenigen, die wenigstens den Kampf überlebt hatten und nun unbeachtet, blutig und zerschlagen auf dem Boden lagen, bedeutete ihr sachter Fall den eisigen Tod.

Fredderik saß an eine hohe Mauer gelehnt, zusammengesunken, die Hand noch immer gegen die tiefe Stichwunde in seiner Seite gepresst, obwohl auch ein beinahe stundenlanges Pressen nichts geholfen hatte. Nach und nach, das wusste er, blutete er hier auf dem leeren, eisigkalten Hof sein Leben aus. Schon in kurzer Zeit würde er nicht mehr sein; und niemand würde wissen, dass er hier gestorben war. Und niemand würde wissen, dass es ihn gegeben hatte.

Denn nun zahlte sich die Einsamkeit, in der die Mönche von Zoagfeld ihr Klosterleben verbrachten, aus. Die Festung stand noch, aufrecht und trutzig wie eh und je; sie würde die Kriege aller Zeiten überdauern. Doch das Kloster war zerstört, ebenso wie die Dörfer ringsum, die Bauernhöfe, wahrscheinlich selbst die unbekannten Einsiedlerhütten tief in den Wäldern. Kaum jemand hatte von den Zoagfelder Mönchen gewusst; sie brauchten keine Bekanntschaft mit Menschen, sie brauchten nur die Bekanntschaft mit Gott.

Fredderik starrte durch den weißen Vorhang, der in langen, wolkenartigen Schleiern über den Hof wirbelte. Schnee lag auf seiner Kapuze, seinen Stiefeln, und drang durch seinen zerrissenen Mantel bis auf seine Haut. Schon waren seine Ohren halb taub; die Welt schien einzig von dem endlosen Stöhnen des Windes erfüllt zu sein, ein allmächtiger Laut, dem kein Entziehen möglich war. Doch drang da nicht noch ein anderes Stöhnen zu ihm; ein schmerzerfülltes, leiseres Stöhnen, das handfester erschien, das ganz aus der Nähe erklang?

Der junge Mönch beugte sich vor und versuchte, durch die Schneeflocken hindurch etwas auszumachen. Doch seine Augen, die seit Tagen nicht geruht hatten, ließen das kaum zu; zu lange schon hatten sie nur auf blendendes Weiß geschaut, zu lange waren sie dem beißenden Wind ausgesetzt gewesen. Auf der anderen Seite des Hofes, langgestreckt an der Wand liegend, konnte er gerade noch eine Gestalt erkennen; es musste einer der königlichen Soldaten sein, denn seine Kleidung war offenbar blau. Doch da, die Gestalt hatte langes, helles Haar, das immer wieder von den Windböen wie trockenes Gras hochgeweht wurde – das war gar kein Mensch, das war einer dieser teuflischen Elben. Und ganz eindeutig lebte er noch; schwach bewegte er seine Arme, tastete über seine Kleidung, bekam aber wenig mehr als weichen, weißen Schnee zu fassen, der sich innerhalb von Augenblicken auf ihn gelegt hatte.

Fast ohne sein bewusstes Zutun suchte Fredderiks Rechte nach seinem Dolch; ja, da war er noch, sicher in der Scheide unter dem zerrissenen Mantel steckend. Durch all sein Frösteln drang ein heftiges Hassgefühl zu Fredderik durch: einer, zumindest einer dieser Teufelsbundgenossen war noch übrig, und das durfte nicht sein. Die Elben waren ihre Gegner, die Elben hatten diese Schlacht angezettelt, und sie waren es auch, die ausgerechnet die Feste Kerky als Austragungsplatz bestimmt hatten. Denn wäre es ein anderer Ort gewesen, wäre das Opfer der Menschen bestimmt nicht so groß gewesen. Fredderik wusste, dass an diesem langen Wintertag sicherlich an die zehntausend Soldaten, Städter, Mönche und einfache Bauern umgekommen waren; und vielleicht gerade einmal fünfhundert Elben. Oh ja, Kerky war eine kluge Wahl gewesen; die gewaltige Burg war in der Geschichte so oft zwischen Elben und Menschen hin und her gewechselt, dass erstere sicherlich sämtliche strategischen Wege, die bei einem Kampf von Nutzen waren, kannten. Außerdem hatten sie ganz bestimmt schwarze Magie angewandt, um die Menschen zu verwirren und zu schwächen. Nein, es konnte keinesfalls nur an der Stärke der Elben liegen, dass so viele von ihnen überlebt hatten. Und dass diese Schlacht keinen Sieger hatte.

Na warte, du...", stieß Fredderik kaum hörbar zwischen den Zähnen hervor; seine Lippen brannten, und als er sich langsam bewegte, spürte er sofort, wie ein Schwall neuen Bluts aus der Wunde schoss. Doch das war ihm gleich; er wusste, dass er verbluten würde, und dieser Feind dort drüben sollte es auch tun. „Du... hässlicher... schwacher.. . dummer Teufelsanbeter", murmelte Fredderik, während er mühsam aufstand und einen winzigen Schritt probierte. Natürlich bezeichneten seine Beschimpfungen alle genau das Gegenteil dessen, wie es sich wirklich verhielt; jeder wusste, dass Elben schön, übermenschlich stark und zudem viel weiser waren, als es jeder Mensch, auch wenn er sein Leben lang studiert hatte, je werden konnte. Aber das war es nicht, was Fredderik für einen Moment innehalten und die Stirn runzeln ließ – hatte er gerade tatsächlich geflucht?

Ja, kein Zweifel, das hatte er. Vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben. Aber gut, er würde ohnehin sehr bald sterben; diese kleine Sünde würde Gott ihm sicher vergeben, schließlich hatte er sich bisher stets an die Regeln gehalten.

Der Elb bewegte sich nun mehr, kam auf die Füße, hob seine Dolche auf, die halb vom Schnee begraben neben ihm lagen. Der junge Mönch sah nur eine Bewegung durch das Treiben der Flocken; ihm wurde klar, dass er sich beeilen musste. Er stöhnte vor Schmerz, als er sich hochstützte. Tief gegen den Schneewind gebeugt kämpfte er sich vorwärts. Er ließ eine tiefrote Spur von Bluttropfen auf den weißen Steinen zurück.

Doch noch ehe er die Hälfte des Hofes überquert hatte, erscholl hinter ihm ein entsetzlicher Lärm. Fredderik fuhr herum; das hätte er besser nicht getan, denn ein solch heftiger Schmerz zuckte durch seinen Körper, dass er stöhnend in die Knie brach. Für einen Augenblick drehte sich alles um ihn; als er statt grauer Schlieren wieder weiße Wirbel sah, wurde ihm bewusst, dass das riesige Tor zu einem der Hauptgebäude der Burg offen stand. Jemand musste es gerade erst geöffnet haben – oder war es schon die ganze Zeit offen gewesen? Er konnte sich nicht erinnern.

Aus diesem dunklen Tor drang der unheimlichste Lärm, den Fredderik je gehört hatte; ein Brausen und Stöhnen und Ächzen, ein unbeschreibliches Gemisch aus Lauten, das die Ohren betäubte und schmerzhaft auf den Verstand eindrang wie mit tausenden spitzer Hämmer. Fredderiks Denkvermögen kam ihm von einem Moment auf den anderen abhanden. Mit weit aufgerissenen, vom Wind tränenden Augen starrte er auf das Tor und die Finsternis, die sich dahinter zu bewegen schien. Ohne dass es ihm bewusst war, setzten sich seine Füße in Bewegung; gleich darauf stand er unter dem Torbogen. Mittlerweile war sein ganzer Mantel blutdurchtränkt; als er, nur für einen Augenblick, im Schatten der Torflügel stehenblieb, bildete sich um ihn herum sofort eine rote Pfütze im Schnee. Er ging weiter, mitten in das gewaltige Brausen hinein; er hörte nichts mehr – dafür sah er umso mehr.

Das Innere der riesigen Halle hinter dem Tor war nicht leer. Es war noch nicht einmal wirklich dunkel. Ein silbriger Schleier bewegte sich an den Wänden entlang, eine Art glitzernder Nebel, der kreuz und quer umherwirbelte, obwohl nicht der kleinste Windhauch von draußen hereindrang. Mal zog sich die Nebelwolke zusammen, mal wehte sie auseinander, reichte von einer Wand zur gegenüberliegenden, wurde so klein, dass sie durch einen der hölzernen Raumteiler fließen konnte, die zur Dekoration in der Hallenmitte aufgestellt waren. Immer wieder zog sich die Wolke auseinander, und dann schien jedesmal ein glitzernder Staub niederzugehen, funkelnde Pünktchen, die sich auf halbem Weg zum Boden auflösten. Fredderik starrte und staunte; oh, welch ein Wunder Gottes war dies?

Dann gewahrte er die Gestalt, die aufgerichtet am anderen Ende der Halle stand. Ein hochgewachsener Mann in seltsamer Kleidung und mit langem, goldfarbenen Haar: ein Elb. Fredderik war es nicht klar; er sah nur, er begriff nicht mehr. Er sah auch die fremdartige Krone auf dem Haupt des Elben, doch es war von keinerlei Interesse, was sie bedeutete. Das einzig Bedeutsame war, dass er hier stand und zuschaute.

Die Luft in der Halle war zum Zerreißen gespannt; etwas Wundersames, Übernatürliches, vielleicht Göttliches war da und wartete. Ja, wartete.

Und dann konnte Fredderik plötzlich wieder etwas hören. Nicht den fürchterlichen Lärm; nicht einmal das Brausen des Windes draußen. Nur die leisen Worte, die der Elb am anderen Ende der Halle sprach.

Riu'la'ya-la", sprach der Elb. „Riu la ya la riu la ya la riu la ya la..." Es wurde zu einem eintönigen Singsang; die Silben hallten von den hohen Wänden wieder; vervielfältigten sich, und schon nach einem Moment war nicht mehr zu unterscheiden, was der Elb aussprach und was ein Echo war.

Riu la ya la...

Fredderik brauchte etwas Zeit, doch dann traf ihn die Erkenntnis mit um so mehr Wucht: das hier war kein Wunder. Das war eine Beschwörung.

Riu la ya la...

Eine Teufelsbeschwörung.

Sobald sich ihm dieser Gedanke, wenngleich gedämpft, in seiner ganzen Tragweite darstellte, kam dem jungen Mönch sofort ein Lehrsatz in den Sinn, der ihm seit seiner Novizenzeit immer wieder eingebläut worden war: ein Mann Lius' hat die heilige Pflicht, einer Teufelsbeschwörung, der er zufällig oder absichtlich beiwohnt, sofort eine Ende zu setzen.

Riu la ya la...

Mit fliegenden Fingern suchte Fredderik nach seiner persönlichen Liussella, die er gewöhnlich stets an der Brust trug; er betete, sie möge bei dem Kampf nicht herausgefallen sein. Aber schon berührten seine Finger den kalten, harten Ledereinband. Während vor ihm der Singsang und das Wirbeln der Glitzerwolke weiterging, blätterte er mit seinen halb erfrorenen Fingerspitzen zu der richtigen Stelle. Ja, da war es. Er konnte kaum die Buchstaben entziffern.

Riu la ya la...

So höre, o Dämon!", schrie er in die Halle, aber er war so geschwächt, dass es kaum ein leiser Ruf war. „Und höre auch Du, der du dieses Vergehen wider Gott begehst!" Von Seiten des Elben kam keinerlei Reaktion; er fuhr mit seiner Initiation fort. Fredderik las weiter; es war gleich, ob seine Gegner zuhörten oder nicht – die Hauptsache war, dass die Formel überhaupt funktionierte. „Im Namen Gottes unseres Vaters und Lius, seines Sohnes-..." Er brach ab und starrte fassungslos auf die aufgeschlagene Seite. Sie... veränderte sich. Die Schrift schien zu verlaufen, und inmitten der blauen erschien rote Tinte. Neue Worte bildeten sich; die in blauer Farbe bildeten die Form eines Gedichts in der Seitenmitte, während die rote Farbe Illustrationen an den Rand malte und sich merkwürdige Symbole kreuz und quer zwischen die Worte schoben. Als der Zauber schließlich aufhörte, war dieses Buch sicherlich kein Buch Gottes mehr.

Fredderik starrte es immer noch an. Dann wurde ihm bewusst, dass der monotone Singsang geendet hatte. Er sah auf. Der Elb schaute ihn an. Er schaute ihn erwartungsvoll an.

Der Mönch blickte wieder auf die blaurote Buchseite. Sein Blick wurde auf einmal starr – und leer. Tonlos begann er die Worte zu lesen, die sich neu geschrieben hatten.

Riu'la'ya-la", las er, „Herr der Finsternis, erscheine nun."

Und Riu'la'ya-la, der Dämon der Dunkelheit, erschien.

Aber Fredderik fand nicht, dass er grauenvoll war. Im Gegenteil, er war voller dunkler Schönheit. Er war unbeschreiblich wunderbar. Er war etwas, das dazu da war, gehuldigt zu werden. Und Fredderik tat es. Er wollte, dass der Dämon auf ihn herablächelte. Er würde sich anstrengen. Er würde die Gunst des Mächtigen erlangen, und er würde nicht sterben.

Am Nachmittag des folgenden Tages fand eine in Lumpen gehüllte Totenräuberin, das flachsfarbene Haar dünn und strähnig, Fredderiks Leiche, wie sie überströmt von getrocknetem Blut im Eingang der leeren Halle lag. Sie nahm ihm die silberne Halskette mit dem Anhängersymbol der Zoagfelder Mönche ab, und das Armband seiner Eltern, welche zu diesem Zeitpunkt ebenfalls tot gar nicht weit entfernt auf dem Holzboden ihrer windschiefen Hütte lagen.

Und sie nahm auch die ehemalige Liussella mit, die neben dem kalten Körper halb aufgeschlagen auf dem feuchten Boden lag. Auf deren Einband stand nun nicht mehr ‚Buch Gottes', sondern ‚Buch der Gnadensuche'. Aber die alte Totenräuberin konnte nicht lesen.