Ich begrüße sie, liebe Leser-Gemeinde, zum ersten neuen Kapitel nach sage und schreibe viereinhalb Monaten...aber, wie versprochen, habe ich dieses Großprojekt hier keineswegs vergessen, und selbst wenn das nun folgende Kapitel vergleichsweise kurz erscheint, wünsche ich doch allen viel Spaß und Freude damit. (Ich hatte sie.) Ja ja, die Schreibblockade ist des Autors ärgster Feind, und wenn dann noch Uni-Stress dazukommt, mag sich der Stift...ich meine, die Tastatur...so gar nicht in das Schwert verwandeln, um sie zu bekämpfen...tja, was soll ich sagen? Nur vielleicht, dass ich aber gar nicht so faul war und in der Zwischenzeit mit Sturmtänzer etwas Neues aus der Taufe gehoben habe. Na dann...

...heißt es wohl noch großes Dankeschön!!! an die Reviewer des letzten Kapitels, Taipan, Annely C. und lokus! Ich hoffe sehr, dass ihr auch nach der langen Pause noch zu mir zurückfindet.

Zum Wieder-Einfinden: Der Abt, Henrich und die Laute kamen zuletzt in Kapitel 11 vor, und über Aeldeney wurde bereits in Kapitel 22 gesprochen.

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24. Kapitel

Der Ring

Unzählige Mücken stiegen summend aus dem hohen Gras auf, das die flachen Anhöhen bedeckte. Evaric konnte sich mit Leichtigkeit ein Dutzend Orte vorstellen, an denen er in diesem Moment lieber gewesen wäre. Aber sein Spürsinn, seine Neugier und nicht zuletzt derselbe Ehrgeiz, der ihn schon als Junge in die Kronen der hohen Bäume getrieben hatte, um dort auf schwankenden dünnen Zweigen farbenfrohe Eier in Vogelnestern in Augenschein zu nehmen, hatte ihn in diese Lage gebracht, in der er mit langsamen, mühsamen Bewegungen den Hang hinauf kroch, während ihm der Schweiß das Gesicht herab lief. Naserümpfend warf er Will einen seitlichen Blick zu. Sein dunkelhaariger Begleiter gab keinen Laut der Beschwerde von sich, obwohl auch er sichtlich schwitzte und ein wenig keuchte. Wahrscheinlich machte der Junge das erste Mal die Erfahrung, dass es Kraft kostete, lautlos zu sein.

Als Evaric die obere Kante des Hügels erreichte, hielt er inne und atmete ein paar Mal tief ein und aus, bevor er mit einer Hand die Augen beschattete und mit der anderen zur Sicherheit nach dem leichten Dolch an seinem Gürtel tastete. Erst als seine Fingerspitzen das beruhigende warme Holz des Griffes berührten, konzentrierte er sich auf das, was unter ihm in der kleinen Senke lag.

Einen kurzen Moment später kam Will neben ihm an. Er war etwas außer Atem, folgte aber wortlos Evarics Blick. „Da haben wir's", flüsterte Evaric ihm zu.

Sie hatten am Mittag die Spuren entdeckt, und, als der Wind plötzlich drehte, ferne Stimmen, verhaltene Geräusche von Pferden sowie leichten Feuergeruch wahrgenommen. Evarics Kenntnisse hatten sie wenig später an diesen Hang geführt. Da er in der Umgebung des Lagers, das auf der anderen Seite liegen musste, Wachen vermutete, hatte Evaric den Rotfuchs in einem nahen Gehölz versteckt und auf einer Herangehensweise dieser Art bestanden.

Allerdings schien die Vorsicht unbegründet zu sein. Nirgendwo waren Männer zu sehen, die, ihrem Aussehen und Benehmen nach, so etwas wie Wachen darstellten.

Genau genommen waren zwischen den Zelten, die auf dieser Seite die Ausläufer des Lagers bildeten, überhaupt keine Menschen zu sehen.

Wo sind sie?, dachte Evaric argwöhnisch. Er ließ erneut den Blick schweifen, begann schon, an seinen Sinnen zu zweifeln, als er auf einmal auf der entgegengesetzten Seite des Lagers eine ganze Ansammlung von Gestalten ausmachte. Von dort trieben auch gedämpft Stimmen auf der warmen Brise herüber. Einmal darauf aufmerksam geworden, erspähte er überall auf den Pfaden zwischen den entfernteren Zelten und Pferdegehegen Gruppen von höchst unterschiedlich gekleideten Männern; es mussten hunderte sein. Er konnte sie von hier aus nur sehen, weil er einen erhöhten Blickpunkt hatte.

Die Bewohner des Lagers hielten dort drüben offenbar gerade eine Versammlung ab, ohne sich um eine Bewachung derselben zu kümmern. Sie mussten sich aus irgendeinem Grund sehr sicher fühlen.

Dieser Gedanke ließ Evaric alamiert aufblicken, und er fuhr zusammen, als er bemerkte, dass Will nicht mehr an seiner Seite war. „Will!", zischte er. Will befand sich bereits ein ganzes Stück unter ihm am Hang. Er bewegte sich geduckt und ein wenig schlitternd, aber nicht zu ungeschickt – und zielstrebig. „Will!", rief Evaric noch einmal leise, „was hast du vor?" Will reagierte nicht. Mit einem unterdrückten Seufzen setzte Evaric sich in Bewegung und begann, dem Jungen zu folgen. Der Abstieg erwies sich als schwierig; immer wieder brachte ihn das glatte Gras ins Stolpern. Alle paar Schritte hob er den Kopf, um zu den fernen Lagerbewohnern zu blicken. Gerade als er endlich den ebenen Grund vor den ersten Zelten erreichte, schlug in unmittelbarer Nähe plötzlich ein Hund an. Evaric fuhr heftig zusammen; er stieß beinahe gegen Will, der aufgehalten worden war. Der Hund hatte sich in sein Hosenbein verbissen.

Will hatte die Hände in das buschige Nackenfell des Hundes verkrallt und wehrte sich mit aller Kraft gegen ihn. Es war ein hässliches Tier, offensichtlich ein Mischling, kniehoch, aber mit gedrungenem Körper und bulligem Hals; das Fell war lang, zerzaust und von schmutziger graubrauner Farbe. Der Hund knurrte tief in der breiten Brust, und Evaric sah die gehetzte Angst in Wills Blick. Er holte aus, um den Angreifer mit der Stiefelspitze hart in die Rippen zu treten, als dieser auf einmal ohne Vorwarnung inne hielt und, mit einem kleinen kieksenden Laut, stocksteif umkippte, wobei ein Stück von Wills Hosenbein in seinen Zähnen zurück blieb. Bewegungslos lag der Hund im Gras, während Will langsam, einen seltsamen Ausdruck in den großen grünen Augen, die Hände aus seinem Nacken zog.

Evaric ahnte, auf welche Weise sein Begleiter den Gegner außer Gefecht gesetzt hatte. Dennoch wallte Zorn in ihm auf. „Was hast du dir dabei gedacht?", fuhr er Will an, bevor er sich besann und seine Stimme dämpfte. „Jemand wird diesen Hund vermissen", fügte er hinzu.

„Ärr isst nikt tot", sagte Will leise mit Blick auf das still da liegende Tier. Dann schaute er sich um.

„Ich wollte wissen, wieso du dich in solche Gefahr begibst und einfach dieses Lager betrittst", brummte Evaric ungehalten. „Ich dachte, du wärst vernünftiger."

Will ging gar nicht auf die Zurechtweisung ein. „Waass siind daass fürr Leute?", fragte er und nickte zu dem am nächsten stehenden Zelt hin. Evaric begriff, was er meinte. Das Zelt war im besten Sinne ungewöhnlich. Es sah aus, als wäre es aus mehreren verschiedenen Stoffbahnen zusammen gefügt, und von der Spitze war eine lange Wimpelleine zum Boden gespannt, wie bei einem Turnierzelt. Allerdings handelte es sich bei den in der Brise flatternden Dreiecken nicht um wirkliche Wimpel, sondern um Fetzen von Fahnen – von Fahnen aller Art, solche mit Adelswappen darauf, mit Schiffszeichen, sogar die Altarstandarte einer Kirche war darunter. Evaric ließ den Blick wandern, ein flaues Gefühl im Magen. Das daneben stehende Zelt wirkte kaum vertrauenserweckender, obwohl es ein ausgereiftes Holzgerüst hatte.

Will näherte sich langsam diesem Zelt.

„Was hast du denn jetzt vor?", zischte Evaric. Will machte eine Handbewegung. „Daa driinnen isst jämaand", erklärte er.

Evaric ersparte sich die Mühe zu fragen, woher Will das wissen wollte, und legte ihm rasch eine Hand auf die Schulter. Wie üblich zuckte der dunkelhaarige junge Mann zusammen und schaute Evaric scharf an. „Warte noch einen Moment", brummte dieser. Mit geübten, beinahe lautlosen Schritten schlich er sich an der Zeltwand entlang und sah um die Ecke. Wie er vermutet hatte, befand sich auf der dem Inneren des Lagers zugewandten Seite des Zeltes der Eingang. Evaric hielt den Atem an.

An der Zeltklappe saß ein Mann am Boden, mit auf die Brust gesacktem Kopf und offenkundig schlafend. Er trug ungepflegte Stiefel, fleckige Hosen und dazu das mit silbernen Tressen besetzte Uniformhemd eines Grenzsoldaten. Sein Haar war wirr und lang, am Hals baumelte eine schwere, kostbare Kette, und im Gürtel steckte ein schartiges Jagdmesser neben dem geschnitzten Dolch eines Edelmannes. Evaric schluckte. Er blickte über die Schulter zu Will. „Dies ist ein Lager von Dieben", raunte er und strich sich über den Bart, „von Räubern und Mördern. Wir haben hier nichts verloren."

Zu seiner Überraschung schüttelte Will störrisch den Kopf, ging plötzlich in die Knie und begann, den unteren Rand der Zeltplane ein wenig anzuheben. Evaric seufzte tief. „Du erinnerst mich gerade an jemanden, den ich kenne", murmelte er, bevor er sich neben Will hockte und ihm half, die mit Holzpflöcken befestigte Plane hochzuschieben. Evaric ließ Will den Vortritt und begnügte sich damit, sichernd die Umgebung zu beobachten; allerdings brachte ihn gleich darauf ein Laut des Erstaunens von Will dazu, ebenfalls den Kopf unter der Zeltplane hindurch zu stecken.

Der Innenraum des Zeltes war geräumig und bis auf drei klapprige Stühle, einige Kisten und Säcke und einen Menschen leer. Bei dem Menschen handelte es sich um ein junges Mädchen in einem fremdartig geschnittenen Reitrock und leinener Bluse; sie hatte ein schmales, gebräuntes Gesicht und eine herabwallende Mähne hellbraunen Haares. Sie saß zusammen gesunken gegen eine Zeltstange gelehnt und schlief, ebenso wie die Wache am Eingang, tief und fest.

Evaric schaute Will stirnrunzelnd an, und der Junge wies ihn mit einem Nicken auf die Hände des Mädchens hin. Sie waren mit einem groben Strick an den Pfeiler gefesselt; die Haut an den Gelenken war aufgeraut, und getrocknetes Blut befleckte den Blusenstoff am Rücken. Nun bemerkte Evaric auch, wie schmutzig das Mädchen war, und wie tränengeschwollen die geschlossenen Augen.

Sie war eine Gefangene.

„Wiirr müssen sie bäfreien", flüsterte Will neben ihm. Evaric sah die Erregung auf seinen blassen Zügen und hörte einen Unterton in Wills Stimme, den er nur zu leicht als das erkannte, das er war. Da hat sich wohl jemand verguckt, dachte er und musste insgeheim schmunzeln. Dann fasste er Will, der Anstalten machte, sich ohne viel Federlesens zu der Gefangenen zu begeben, rasch am Ärmel. Will schnaubte erbost und schüttelte die Hand ab. „Warte noch", sagte Evaric ihm ungerührt, „ich glaube nicht, dass es jetzt ein guter Zeitpunkt-..." Er verstummte, als er über sich ein Geräusch vernahm, und schreckte hoch. Dabei vergaß er für einen Herzschlag, dass er sich unter der Zeltplane befand, und blieb prompt darin hängen. Als er sich endlich befreit hatte und auf den Füßen war, schaute er direkt in ein bärtiges Gesicht mit einer schiefen Nase, die ein kleiner Goldring zierte; der gelbzahnige Mund unter der Nase grinste ihn unheilverkündend an. „Wen haben wir denn hier?", schnarrte der Mann und hob die Hand, in der er plötzlich ein langes Messer hatte; an den Scharten klebte etwas Rotes. Evaric fing gar nicht erst an, sich auszumalen, was es sein könnte, sondern zog elegant sein Schwert aus der Scheide und parierte geschickt den hinterhältigen Hieb des noch immer Grinsenden. Seine viel größere Waffe hatte genug Wucht, um seinem Gegner die Klinge aus der Hand zu prellen. Bevor Evaric aber Zeit hatte, Triumph zu spüren, sah er aus dem Augenwinkel, wie der Bärtige ein anderes Messer von unten herauf führte. Einen halben Herzschlag lang überlegte Evaric, ob es vielleicht günstiger sei, sein Schwert fallen zu lassen und statt dessen seine beiden Elbenmesser zu ziehen; die Frage erübrigte sich jedoch, als er das Schwert aus einem Reflex heraus auf die Breitseite drehte und die Klinge des Räubers daran mit einem klirrenden Laut abglitt. Evaric rammte seinem Gegner die Waffe gegen die Brust; der Bärtige ging stöhnend zu Boden. Evaric ließ sein Schwert sinken. Auf einmal kam es ihm in den Händen schwer vor. Er wandte sich um.

Will hatte den Kampf anscheinend gespannt beobachtet. Jetzt, da er vorüber war, ging der junge Mann sogleich wieder in die Hocke und griff nach der Zeltwand. „Nichts da!", herrschte Evaric ihn an, „wir werden jetzt sofort verschwinden!" Er spürte eine Bewegung im Rücken und bemerkte, als er wieder herum fuhr, gerade noch, wie der Schemen des Räubers zwischen den Zelten verschwand. Offenbar hatte er ihn doch nicht bewusstlos geschlagen. „Ceol", fluchte Evaric gepresst auf Elbisch.

Will schaute dem davon Laufenden blinzelnd nach und machte eine hektische Geste. „Ihrr haabt kein-...kein-..."

„Was?", schnappte Evaric ungeduldig.

Da Will allem Anschein nach das Wort fehlte, machte er Evaric mit den Händen das Ziehen eines Abzugs vor. „Ein Gewehr?", schnaubte Evaric. „Nein." Er kratzte sich am Hinterkopf. „Im Übrigen hätten wir dann ebenso gut laut rufend unsere Anwesenheit verkünden können. Das ganze Lager hätte den Schuss gehört."

„Ärr wiird...saagen...", begann Will zögernd und verstummte, als der den Eingang bewachende Räuber um die Zeltecke geschossen kam, den offenbar der Kampflärm aus dem Schlaf gerissen hatte. Evaric empfing ihn mit der Breitseite seines Schwertes. Als der Mann still im Gras lag, packte Evaric Will am Ärmel, während er die Waffe zurück in die Scheide schob. „Komm jetzt. Wir befreien das Mädchen später." Er zog den mageren Jungen den Hang hinauf. Will wehrte sich. „Sie werden in ein paar Augenblicken hier sein!", zischte Evaric ungehalten, „und wenn wir Pech haben, hat der ein oder andere von ihnen ein Gewehr." Dies schien Will einzuleuchten; er widersetzte sich nicht mehr. Sie kämpften sich mit Mühe den glatten Hang hinauf, überquerten den Kamm und schlitterten in die Senke dahinter. Evaric scheuchte Will weiter, bis sie schließlich, schwer atmend, in dem kleinen, schattigen Gehölz ankamen, wo Evarics Rotfuchs auf sie wartete. Während sich Will erschöpft zu Boden fallen ließ, spähte Evaric hinter den Stämmen hervor auf den Weg, den sie gekommen waren.

„Es tut sich nichts", brummte er nach einer Weile und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er schaute zu Will; der Junge fuhr sich mit den Fingern durch die dunklen Locken und machte ein unglückliches Gesicht. „Wir befreien sie bald, nur jetzt noch nicht", erklärte Evaric ihm. „Ich verspreche es dir."

„Aabär...sie wäärden-..."

„...wissen, dass wir es auf das Zelt mit der Gefangenen abgesehen haben? Vielleicht. Doch sie werden es trotzdem nicht die ganze Zeit bewachen. Glaube mir, ich habe da Erfahrung. Wir werden im ersten Morgengrauen zuschlagen, wenn sie alle ihren Rausch ausschlafen."

Will wirkte nicht überzeugt. Er schaute stirnrunzelnd zu Evaric auf, und Evaric fing an, sich im Blick dieser verstörend grünen Augen unbehaglich zu fühlen. „Wiiesoo...haabt Ihrr...kein...Gäwähr?", fragte der junge Mann ihn.

Evaric seufzte. Er legte eine Hand auf den warmen Hals des Pferdes, fuhr mit den Fingerkuppen über das samtene Fell. „Ich...halte Gewehre für...ungerechte Waffen", erwiderte er langsam. „Wenn jemand ein Gewehr abfeuert, ist er selten selbst in Gefahr. Gewehrkugeln fliegen Hunderte von Fuß weit. Ich bevorzuge den Kampf mit Schwertern und Messern. Dann geht es um Geschick und Kraft. Der eigene Mut entscheidet, wer als Sieger aus dem Gefecht hervor geht. Das ist noch ein Kampf Mann gegen Mann." Er schnaubte. „Oder denke nur an die Verletzungen, die Gewehrkugeln hervorrufen. Sie zerstören alles, weil sie mit so viel Wucht eindringen. Dagegen ist ein Pfeil...fast harmlos." Evaric starrte gedankenversunken auf das im schräg einfallenden Sonnenlicht aufschimmernde Laub des Gehölzes. „Mein Vater starb durch ein Missgeschick mit seinem eigenen Gewehr, das er neu erstanden hatte", murmelte er rau.

Will blinzelte, senkte dann den Blick. Evaric lauschte in die Wipfel. Ein Chor von Vögeln sang der Sonne eine freudige Weise; er konnte Amseln und Finken heraus hören.

Er räusperte sich. „Wir kommen im Morgengrauen wieder", ordnete er an. „Jetzt warten wir noch eine halbe Stunde hier, dann können wir uns auf die Suche nach etwas zu essen machen. Ich glaube, ich habe vorhin dort hinten ein paar Obstbäume gesehen."

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Das Klopfen an der Tür ertönte mitten in das entfernte, angenehm einschläfernde Läuten der Domglocken hinein, das die Novizen und Priester zum Abendgebet rief. Kim saß im Schneidersitz auf dem hellen Teppich in seinem Wohnzimmer, das Kinn in die Hände gestützt und in düstere Gedanken versunken. Er blickte beim Klappen der Tür nicht einmal auf. Er spürte Leilas Anwesenheit und sah aus dem Augenwinkel ihren Schatten über den Boden huschen.

„Kim. Du solltest mitkommen." Ihre Stimme war kühl wie so oft, doch es schwang ein Unterton in ihr mit, der Kim aufhorchen ließ.

„Wohin?", fragte er argwöhnisch.

„Dein Vater." Sie hatte sich bereits wieder umgewandt und wartete im Korridor auf ihn. Kim stand eilig auf, von ihrem sonderbaren Benehmen in plötzliche Nervosität versetzt, und schloss sich ihr an. Wenige Momente später gesellte sich an der Spitze der Treppe noch ein schweigender, bewaffneter Radyo zu ihnen.

Leila führte Kim wortlos durch die hallenden Marmorgänge stetig auf die königlichen Gemächer zu; auf ihrem Gesicht lag ein abwesender Ausdruck, während ihre Augen deutlich Anspannung und fast so etwas wie Bedrückung erkennen ließen.

„Es geht zu Ende, nicht wahr?", fragte Kim sie schließlich. „Er liegt im Sterben." Bei seinen eigenen Worten breitete sich Gänsehaut unter dem Hemdstoff auf seinen Armen aus.

„Er wollte dich sehen." Leilas Stimme glich mehr einem Flüstern, als Kim es bei ihr jemals erlebt hatte.

„Jetzt plötzlich? Jetzt plötzlich weiß er wieder, dass es mich gibt?" Kim ballte eine Faust. „Hast du deinen Bann aufgehoben, damit er sich von mir verabschieden kann? Zu großzügig." Er merkte, dass die Verachtung in seiner Stimme Leila tatsächlich zu schmerzen schien. Sie antwortete nicht, ging mit aufeinander gepressten Lippen weiter.

Eine Palastwache öffnete ihnen die breite Flügeltür zu den königlichen Gemächern. Darin war es halbdunkel, denn die schweren Vorhänge waren zugezogen. Neben dem Durchgang zum Schlafzimmer saß ein alter, weißhaariger Mann gebeugt in einem Lehnstuhl hinter einem schmalen Tisch, auf dem ein ganzes Sortiment verschiedener Gläser, Fläschchen und Schalen mit tönernen Meißeln aufgebaut war. Kim betrachtete das faltige leere Gesicht des Mannes und erkannte in ihm den königlichen Leibarzt. Zugleich drang aus dem Schlafzimmer ein überwältigender Geruch nach Krankheit an seine Nase.

Er packte Leila am Arm. Sie machte einen schwachen Versuch, ihn abzuschütteln. „Wie lange schon?", fuhr Kim sie an. „Wie lange ist er schon krank?"

Leila blieb im Schatten des Durchgangs stehen. „Eine...Weile", sagte sie leise. „Wir nahmen an-...ich dachte-..."

„Spar dir die Heuchelei", zischte Kim und ließ sie ruckhaft los, „ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wann du dich endlich seiner entledigen würdest. Es wundert mich, dass du solange gewartet hast."

„Nein, Kim. So ist es nicht gewesen!" Sie schaute ihn an, und aus ihren hellen Augen sprühte...Verzweiflung? „Es ist zu früh! Er war nur...etwas krank...der Arzt sagte, eine...Entzündung des Unterleibs. Er war auf dem Weg der Besserung! Ich rechnete damit, dass er heute oder morgen wieder auf den Beinen wäre. Aber heute Nacht ist irgendetwas passiert, das...es ist, als ob-..."

„Ja?" Kim blinzelte. Er konnte sich nicht erinnern, Leila jemals nach Worten suchend erlebt zu haben.

Leila spreizte ungehalten die behandschuhten Finger. „Es ist, als ob er das Opfer eines Fluchs geworden wäre."

Kim verspürte das Bedürfnis, aufzulachen, aber er beherrschte sich. „Eines Fluchs?"

„Ein Zauber." Es klang resigniert. „Ein äußerst geschickter und...subtiler Zauber. Es ist, als wären deinem Vater alle Lebensfäden durchschnitten worden. Sein Körper weigert sich einfach, weiterzuleben. Seine...Seele lebt noch, aber seine Hülle ist bereits tot." Sie fuhr sich nachdenklich mit der Hand durchs Haar. „So etwas erfordert ein enorm großes magisches Potenzial. Ich habe nie davon gehört, dass-..."

„...es einer dahergelaufenen Hexe aus der Wüste gelingen könnte?", unterbrach Kim eisig. „Nun, dann herzlichen Glückwunsch." Er wandte sich von ihr ab und trat mit zögernden Schritten auf das Bett zu, in dem er den Schemen seines Vaters nur erahnen konnte.

Doch Leila rief ihm nach. „Hast du mir nicht zugehört? Ich war es nicht!"

„Geh weg, Leila. Vielleicht findest du doch noch soviel Menschlichkeit in dir, dass du mir einen Moment allein mit ihm lässt." Zu seiner Überraschung vernahm er tatsächlich ihre sich zurückziehenden Schritte.

Eine einzelne Kerze auf dem Nachtschrank ließ das Rotgold der Bettlaken dunkler schimmern. Die Gestalt des Königs lag tief in den Brokatkissen eingesunken. Kim blieb an der Bettkante stehen; der intensive Geruch nach Schweiß, Medizin und Erbrochenem ließ seinen Magen revoltieren.

Er erkannte das Gesicht seines Vaters kaum wieder. Die Wangen waren eingefallen, die Haut aschfahl und papiertrocken, die Stirn von Schweißperlen bedeckt; die blauen Augen glänzten fiebrig und bewegten sich unstet hierhin und dorthin.

„Vater?", flüsterte Kim unsicher. Der Blick des Königs flackerte zu ihm. „Kim?"

„Ich bin hier, Vater. Ich war die ganze Zeit in Eurer Nähe, aber-..."

„Ist sie weg?", flüsterte der König mühsam. „Ist die Hexe..."

Kim warf einen Blick über die Schulter. Leila stand im Empfangszimmer mit dem Rücken zu ihnen vor einem großen, nachgedunkelten Gemälde, offenbar in Gedanken versunken. „Sie ist außer Hörweite", sagte er seinem Vater.

Diesem schien es schwerzufallen, die Augen offen zu halten. „Komm näher", flüsterte er. Kim setzte sich auf die Bettkante. „Ich muss dir etwas...sehr Wichtiges sagen...und...dir etwas...geben", presste der König hervor. „Schau...in die Sch-...Schublade..." Eine abgemagerte Hand kam unter den Decken hervor und machte eine schlackernde Bewegung zu dem Nachtschrank hin.

Kim zog behutsam die kleine Schublade auf. Darin lag eine in brüchig gewordenes, dunkles Leder gebundene Mappe. Er nahm sie heraus. „Dies hier?"

Das Nicken des Königs ließ sich nur erahnen. Kim öffnete die bronzene Schnalle der Mappe und schlug sie auf. Sie enthielt einen Stapel beschichteter Blätter Pergament, die alle das königliche Siegel, die riyalische Löwin, trugen. Kim überflog die erste Seite und erkannte sofort, um was für Unterlagen es sich handelte. „Vater, ich bin mit den Gesetzen der Erbfolge vertraut", sagte er, „es wurde-..."

„Nein." Der König holte pfeifend Atem. „Nicht das...sieh...auf dem Umschlag..."

Stirnrunzelnd klappte Kim die Mappe wieder zu. Auf dem alten Einband prangte ein aus Leder und Stoff genähtes, zwei Zoll breites, plastisches riyalisches Wappen, der goldene Löwinnenkopf auf grau und grün gestreiftem Hintergrund.

„Lös es...ab", keuchte der König. „Das Wappen."

Während er sich im Hinterkopf fragte, was er eigentlich tat, klemmte Kim die Fingernägel der Rechten hinter den Aufsatz und spannte die Finger an. Prompt begann das Wappen, sich zu lösen, und es kostete Kim nur einen eingerissenen Nagel, bis es ganz abging. Etwas Glänzendes fiel heraus und landete auf der Bettdecke.

Kim legte die Mappe zurück in die Schublade, dann beugte er sich vor und betrachtete den Gegenstand, der in dem Wappen versteckt gewesen war. Es war ein Ring, ein ganz schlichter, silberner Fingerring, dessen einzige Verzierung eine gleichmäßig eingeritzte, lang gezogene Spirale darstellte.

„Nimm ihn", stieß der König hervor. Kim griff nach dem Ring-...

...und er sah riesige goldene Augen vor sich, die sich öffneten wie die einer Eule, ihn anblickten, sich in seine Seele bohrten, Augen aus flüssigem Bernstein, in deren unendliche Tiefen er haltlos stürzte, und eine samtene Stimme wusch durch ihn wie eine sanfte Welle. „Hier bist du...komm nun zu mir...hörst du den Klang...den Klang all der Seelen..." Und er spürte ein Lächeln, wie etwas Fassbares, eine Berührung auf seiner Wange, auf seinem Haar...

...dann stach ihn das gelbe Licht der Kerze, und der Ring blinkte unschuldig. Kim nahm ihn, starrte ihn an. Was war gerade geschehen?

„Behalte ihn", flüsterte der König. „Behalte ihn immer bei dir, hörst du?...Gib ihn niemals her. Du brauchst ihn..."

„Ich brauche ihn?", fragte Kim verwirrt.

„Du brauchst ihn zum Leben", stieß der König mit Mühe hervor. „Gebe ihn niemandem, verstehst du? Die Hexe...ich glaube, dass sie ihn haben will, und...sage ihr nicht, dass du ihn hast!" Er versuchte angestrengt, die Augen offen zu behalten. Kim griff unsicher nach der verschwitzten Hand des Königs. „Behalte diesen Ring immer bei dir", flüsterte sein Vater kaum hörbar, „dann wirst du leben...und das Königtum mit dir..."

Kim ließ den Ring vorerst einmal in seinen Ärmel gleiten, dann schaute er den König mit all dem Ernst und der Feierlichkeit an, die er aufbringen konnte. „Ich verspreche es, Vater", sagte er. „Ich verspreche, den Ring bei mir zu behalten, und ich verspreche, unser Königtum aufrecht zu erhalten, soweit es in meiner Macht steht...ich werde diese Wüstenhexe verjagen, Vater. Ich schwöre es beim Licht...ich schwöre es bei Gott." Er hatte nie bei Gott geschworen, bei diesem sphärischen Wesen, dessen Existenz er so bezweifelte; und vielleicht gerade deswegen erschien ihm der Schwur um so gewichtiger.

Die blutleeren Lippen seines Vaters verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. „Du bist ein guter Sohn, Kim...das habe ich jetzt...erkannt", flüsterte er. „Ich bin...so stolz auf dich. Auch Anna...wäre stolz auf dich..." Seine Augen schauten in weite Ferne, als er an seine lange verstorbene Frau dachte. „Sie hat dich immer...sehr geliebt, Kim." Seine Stimme wurde so leise, dass Kim sich tief zu ihm hinab beugen musste, um sie zu verstehen. „Sie hat dich geliebt...obwohl...du nicht ihr Sohn bist..." Und er bekam einen schrecklichen Hustenanfall, der seinen mageren Körper brutal schüttelte, und Blut sprühte auf die Bettdecke. Kim sprang auf. „Hilfe! Leila!", rief er; sein Herz klopfte plötzlich in der Kehle. Leila kam herein gestürmt, dicht gefolgt von dem alten Leibarzt, der eilig ein braunes Fläschchen hervorholte und es zu schütteln begann, doch Kim spürte bereits, wie die Hand seines Vaters in seiner eigenen erschlaffte. Die blauen Augen fielen zum letzten Mal zu.

Kim saß lange starr und schweigend da; Leila strich die Decke glatt, entfernte sich dann mit dem Arzt, ließ ihn in Ruhe. Kim schaute das stille, bleiche Gesicht seines Vaters an. Er nahm den Ring wieder hervor, drehte ihn in den Fingern. Was hast du mir zu sagen versucht, Vater?, dachte er. Ein Ring, den ich zum Leben brauche...'Obwohl du nicht ihr Sohn bist'...Was soll das heißen, Vater?

Hatte der König ein Geheimnis gehütet? War er, Kim, nicht der Sohn seiner Eltern? Aber wer war er dann?

„Komm", sagte Leila irgendwann. „Ich habe nach den Totenbereitern schicken lassen. Man wird ihn in der Palastkapelle aufbahren, sodass sich das Volk von ihm verabschieden kann."

Kim ließ den Ring rasch wieder verschwinden. „Und dann?" Er schaute zu ihr auf, strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. „Was wird dann mit ihm geschehen?"

Leila wirkte ein wenig irritiert. „Er wird natürlich ein königliches Begräbnis erhalten", sagte sie. „Was dachtest du? Dass ich seine sterblichen Überreste den Hunden zum Fraß vorwerfe?"

Kim schnaubte nur tonlos und blickte zu Boden.

Leila seufzte. „Ich war für eine kurze Weile seine Konkubine, Kim. Du solltest meine Zuneigung zu ihm nicht unterschätzen."

Er antwortete nicht. Das Leben geht weiter, so sagt man doch, dachte er. Es geht immer weiter...und ich werde kämpfen.

Aber er hatte, wie niemals zuvor, den deutlichen Eindruck, dass seine Welt gerade endgültig über ihm zusammenbrach.

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Sie kamen um Mitternacht. Sie kamen in Scharen, schwarz gekleidete Männer mit Fackeln und Schwertern, und Dämonen in langen Mänteln, unter deren schattigen Kapuzen rote Höllenaugen glühten.

Die Scheunen, Ställe und Gärten des Klosters standen als erstes in Flammen, lange bevor die Mönche und Gäste alle wach waren, aus dem Schlaf aufgeschreckt von den Schreien und dem Geruch des Feuers; als der Abt aus seiner Schlafkammer kam, herrschte auf dem Innenhof bereits ein heiles Durcheinander, und er wurde beinahe von einer Horde junger Novizen umgerannt, die kopflos flüchteten.

Während die kalte Faust des Schreckens nach seinem alten Herzen griff, versuchte der Abt, sich zu orientieren. Er sah dunkle Fremde, die mit Fackeln in den Händen auf die Hauptgebäude zustürmten, sich ihren Weg mit langen Schwertern freikämpften, und überall zwischen den Menschen die schwarzen Dämonen, die willkürlich um sich zu schlagen schienen; schon lagen dutzende Körper auf den Pflastersteinen. Der Abt fühlte sich gelähmt vor Entsetzen. Es war ein Gemetzel, ein Gemetzel in einem von Gottes frommsten Häusern, in Heilig Roeges; und welche Macht sollte diesen Heerscharen des Bösen entgegen treten, welche Kämpfer dieses Haus des Guten verteidigen?

Er hatte es kommen sehen, aber nicht diese Nacht, die doch so anmutig begonnen hatte, mit einer Sonne, die in rosa- und orangefarbenen Schleiern zerfloss, mit glasklaren, weißen Sternen.

Noch hatte ihn kein Feind bemerkt, und seine knochigen Hände fühlten wieder, was sie auf dem Weg hinaus, beinahe unbewusst, genommen hatten. Die Laute. Er sah sie an; ihr poliertes Holz glänzte im Feuerschein.

Ein wohlbeleibter Mönch war plötzlich an seiner Seite, das Gesicht gerötet wie stets. „Was ist zu tun, Euer Heiligkeit?", fragte Bruder Henrich ihn, schwer atmend. Seine Kutte trug Spuren von Ruß und Asche.

„Zu retten, was zu retten ist, lieber Bruder", antwortete der Abt. „Wir wussten alle, dass der Frieden in diesen Mauern nicht ewig währen würde; früher oder später musste der Feind auf diese Stätte aufmerksam werden, in der schon so lange Pläne gegen ihn geschmiedet wurden."

Bruder Henrich sah angsterfüllt aus. „Aber was tut Ihr denn mit dieser Laute?", fragte er. „Ihr solltet Euch in Sicherheit bringen, Heiligkeit-..."

„Und Lius sprach: ‚Möget Ihr Euch im Frieden wie im Kriege verbrüdern, denn im Angesicht des Todes gibt es keinen Herrn und keinen Knecht'", rezitierte der Abt ruhig. „Wollt Ihr mir zur Seite stehen, Bruder Henrich?"

„Gewiss, Heilig-..."

„Dann begleitet mich an einen Ort, von dem aus ich mein Spiel gut zu Gehör bringen kann."

Flammen leckten an den alten Mauern des Klosters, als sie, am Rande des Getümmels, immer in den Schatten, auf die Kirche zugingen. Das Tor stand weit offen, der Innenraum war bevölkert; viele Menschen suchten in den vielleicht letzten Stunden ihres Lebens ein Wort bei Gott.

Auf den letzten Schritten schrie Henrich auf einmal auf; ein gedrungener schwarzer Hund mit einem riesigen Maul voller geifernder langer Zähne hatte ihn angegriffen, ihm eine blutige Wunde im Arm gerissen, doch der Mönch trat nach ihm, mit aller Kraft, und der Hund ließ los, und dann waren sie in der kühlen Höhlung des Turmgewölbes, wohin das Tier ihnen nicht folgte. Ohne eine Beschwerde kam Henrich hinter dem Abt die steile steinerne Treppe hinauf, immer weiter, bis sie auf halber Höhe beim Glockenstuhl ankamen, wo die mächtigen Glocken still hingen; der Feuerschein von draußen flackerte auf ihrem schimmernden Metall. Niemand war dazu gekommen, sie zum Alarm zu läuten. Hier gab es ein großes scheibenloses Fenster, das auf den Innenhof zeigte, und hierher stellte sich der Abt und fing an, zu spielen, auf der vielleicht ältesten Laute, die es auf der Welt gab.

Und unten auf der Erde kam der Kampf allmählich zum Erliegen. Freund wie Feind hielten in ihrem Tun inne, starrten zum Turm hinauf, auf die einsame, grauhaarige Gestalt mit dem Instrument in den Armen. Hinter ihnen kräuselten sich dichte Rauchwolken in den Nachthimmel, und der Feuerschein wurde von ihnen reflektiert, sodass die ganze Welt von zuckenden rotorangen Farben und blauschwarzen Schatten erfüllt zu sein schien.

„Sie kämpfen nicht mehr, Bruder", sagte der Abt leise zu Henrich, ohne aufzuhören zu spielen. Auch Henrich war in verzaubertes Schweigen verfallen, aus dem ihn erst die direkte Anrede des Abtes zu wecken schien. Er blinzelte, als hätte er lange geschlafen. „Es sind nicht mehr viele Dämonen da, und sie werden sich verkriechen in die Abgründe, aus denen sie gekommen sind, sobald ich meine Finger ruhen lasse."

„Aber die...die Menschen?", fragte Henrich unsicher. Er hatte die Hände um einen Stützbalken geklammert. „Die Menschen, die den Dunklen folgen?"

„Sie sind Kinder Gottes. Sie müssen nur wieder zum wahren Glauben, und zum Vertrauen bekehrt werden."

„Ah, wie pathetisch." Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass sie nicht mehr allein in der Turmstube waren. Mit Erstaunen sah der Abt die hochgewachsene, mit einer Kapuze verhüllte Gestalt, die lautlos hinter ihnen aufgetaucht war. „Ist der Mann zu bewundern, der solchen Grundsätzen folgt? Oder ist ein solcher Mann ein verdammenswerter Narr?" Die Stimme war tief und wohlklingend, und sie verursachte dem Abt eine Gänsehaut. Auch Henrich neben ihm hatte sich versteift.

„Ich sage, er ist ein Narr", sagte der Fremde leichthin, und dann machte seine bleiche, schlanke Hand eine seltsame Bewegung, und Henrich wurde auf einmal gegen das Fenster gedrückt, von einer unsichtbaren Kraft und mit solcher Brutalität, dass sein Rückgrat ein unangenehmes Knirschen von sich gab; dann rutschte er plötzlich nach oben, mit vor Angst und Schmerz aufgerissenen Augen, glitt durch das Fenster und verschwand über der Kante...und dann hallte das Geräusch seines Aufpralls herauf, mit dem harten Dröhnen der Endgültigkeit.

Die Finger des Abts waren auf den Saiten erstarrt. „Wer...wer seid Ihr?", flüsterte er. Allmählich trieb Rauch herein, durch die Öffnung und die Ritzen im Gemäuer.

Die hochgewachsene Gestalt trat näher, mit samtweichen Schritten wie ein Panther. „Jemand, der dieses Instrument bewundert, das du da hast, Kirchenmann."

Als hätte es ihn daran erinnert, was für einen Waffe er bei sich hatte, begann der Abt aufs Neue, eine Melodie zu zupfen, und er willte die Laute inständig, ihren Bann auch auf diesen neuen, sonderbaren Feind auszuüben. Doch dieser stand nur abwartend da, unter den querlaufenden Schatten des Turmgebälks, und es war dem Abt, als könnte er sein herablassendes Lächeln spüren. Aber was für ein Mann, was für ein Wesen war sein Gegenüber, wenn die Laute keine Macht über ihn hatte? Sie lähmte sie alle, schickte sie für kurze Zeit in himmlische Wonne oder abgrundtiefe Qual – alle, nur nicht die Wesen, die sie geschaffen hatten.

Der Abt starrte mit Augen, die mittlerweile vom Rauch zu tränen begannen, auf die dunkle Gestalt. Seine Finger verharrten zitternd auf den Saiten.

„Ihr seid ein Tarae", stieß er hervor.

„Fürwahr", antwortete die Gestalt und legte den Kopf auf die Seite. „Sei froh, dass mein Antlitz das letzte ist, das du zu sehen bekommst, und nicht die grinsende Fratze eines dieser...Tiere."

Und er streifte die Kapuze ab. Darunter kam ein höchst ungewöhnliches Gesicht zum Vorschein, eines von strenger, scharf geschnittener Anmut, und bleich wie der Tod; es war von seidigem schwarzem Haar umrahmt, und die Augen glänzten wie flüssiges Silber. Sie blickten den Abt voller Spott und Selbstsicherheit an, aber tief in ihnen lag auch eine abgründige, alte Wut, die seit sehr langer Zeit schwährte.

Der Blick des Abtes wanderte hektisch über das Antlitz seines Gegenübers. „Aber was-...was tut Ihr hier?" Er konnte hören, dass unten im Hof das Kämpfen, das Schlachten, weiterging, nun, da er nicht mehr spielte.

„Um es in den einfachen Worten der Menschen auszudrücken – ich nutze die Gunst der Stunde." Der Tarae trat noch einen Schritt näher, und der Abt wich unwillkürlich zurück; doch schon stieß er mit den Absätzen an die Mauer.

„Aber wieso schließt Ihr Euch dem Morden dieser Dämonen an?", keuchte der alte Mann. „Unser Haus ist den Elben immer freundlich gesonnen gewesen. Jaridéy-..."

„Das dort draußen sind keine Dämonen", fiel ihm der Elb kalt ins Wort, „sondern Jeg'rros und Igemua, und ihre menschlichen Anhängsel. Und mir ist wohl bewusst, dass Jaridéy Ha-marlin'neteo des Öfteren diesen Ort augesucht hat." Er kam noch näher, und die eisige Faust des Ensetzens griff nach den Eingeweiden des Abtes. „Ich lasse dich vorerst noch am Leben", fuhr der Elb mit leicht drohendem Unterton fort, „weil ich glaube, dass du eine Information für mich hast. Ich suche ein Amulett, Kirchenmann."

„Ein...Amulett?", presste der Abt hervor.

„Ein Amulett. Es ist vor kurzem an diesem Ort gewesen. Wer hatte es?"

Die Angst schien wie ein körperliches Gewicht auf die Brust des Abtes zu drücken. Er konnte kaum noch atmen. Auch der Rauch kroch allmählich wie etwas Lebendiges in seine Nase, seinen Hals. Hatte der Turm Feuer gefangen? „Ich...weiß nicht...wovon Ihr redet", keuchte er.

„Ich glaube, das weißt du sehr wohl." Die Silberaugen des Elben befanden sich nur noch ein paar Fingerbreit vor seinen eigenen. „Wer hatte es? Wo ist es nun?"

Und dann waren kalte, unsichtbare Finger an der Kehle des Abtes; noch berührten sich ihn nur sanft, aber sie waren da, wie die Klauen eines schattenhaften Greifvogels. Der Abt zitterte und hatte dem Elben nichts entgegenzusetzen, als dieser ihm mit einem Ruck die Laute entwand. „Das Amulett, Kirchenmann. Es sollte recht groß sein, aus Metall..."

„Ich weiß es nicht!" Der Abt musste husten, und sofort packten die Klauen ein wenig fester zu.

Die Silberaugen seines Gegenübers leuchteten wild. „Ich dachte einst, die Männer eures Gottes dürften nicht lügen...aber dass dieses Gerücht nicht der Wirklichkeit entspricht, habe ich schon oft feststellen müssen."

Schwach wand der Abt sich. „Ihr seid nicht bei Verstand!"

„Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Schließlich spreche ich mit einem Toten." Er verlieh dieser Aussage Nachdruck, und der Abt würgte.

„Aber-...Ihr seid ein Tarae! Ihr-..."

„Sieh genau hin, Kirchenmann." Der Elb neigte ein wenig den Kopf, sodass sein tiefschwarzes Haar über die Schulter nach vorn glitt.

Der Abt starrte aus tränenden Augen. „Ihr seid ein Myrtarae...ein Dunkelelb."

„Und nicht irgendeiner." Die Lippen seines Gegenübers verzogen sich zu einem Raubtierlächeln. „Vielleicht hast du schon von mir gehört. Und selbst wenn nicht, so wisse, dass es eine Ehre ist, von mir getötet zu werden." Sein Ton wurde noch kälter. „Ich frage zum letzten Mal. Wo ist das Amulett? Wer hat es?"

Der Abt schüttelte mühsam den Kopf. „Ich kann es Euch n-..." Seine Stimme versagte, als sich die unsichtbare, stählerne Klammer um seine Kehle schloss.

„Dann stirb."

„Nein", stieß der Abt, um Atem ringend, hervor. „Wie...könnt Ihr so etwas...tun? Ihr seid...ein Elb. Wieso hasst Ihr die...Menschen so?"

„Menschen sind schwach und falsch, machtgierig und arrogant, und sie verstehen nicht. Sie verstehen überhaupt nichts in dieser Welt. Und ihr Kirchenmänner, die ihr eurem gewissenlosen Gott dient, ihr seid am Verabscheuungswürdigsten." Wieder lächelte er, und sein Lächeln hieb wie ein Messer in das tiefste Innere des Abtes. „Stirb jetzt. Aber stirb mit dem Namen deines Mörders auf den Lippen. Aeldeney. Sprich ihn."

„Aeldeney", flüsterte der Abt mit letzter Kraft, und dann explodierte glühender Schmerz in seinen Lungen, und in seinen Ohren erhob sich das Prasseln der Flammen zu einem betäubenden Kreischen, und dann war da nichts mehr.