Es war zwei Uhr nachts, sie saßen in der halbdunklen Küche. Ihre Mitbewohner, waren ausgeflogen, zu irgendeinem Geburtstag von irgendeiner Bekannten, soweit sie wusste. Er schnitt sich einen Apfel in zwei Hälften und reichte ihr eine davon. Früher, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte das immer ihr Großvater getan, um zwei Uhr nachmittags hatte er sich immer von seinem Sessel im Wohnzimmer erhoben, war in die Küche gelaufen und mit einem Apfel und einem Messer zurückgekommen, hatte sich wieder in seinen Sessel, deren Polster schon ziemlich durchgesessen waren, zurückgesetzt und für sie beide diesen Apfel in zwei Teile geteilt. Sie hatten ihn immer schweigend gegessen, wie sie viele Dinge schweigend getan hatten. Ihr Großvater gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die viel und gern erzählt hatten. Er fehlte ihr, stellte sie fest, während sie um zwei Uhr nachts am großen Küchentisch saß und ihm beim Essen seiner Hälfte zusah. Er fehlte ihr sehr. Sie hatte ihn verloren als sie noch ein kleines Mädchen von gerademal acht Jahren gewesen war. Damals hatte sie das alles nicht verstanden, aber jetzt, da sie nun erwachsen war, wusste sie, was er ihr alles hätte mit auf ihren Lebensweg geben können. Sie bereute es ihn nicht öfter gefragt zu haben wer er eigentlich war, wie sein langes Leben, er war achtundachtzig als er starb, ausgesehen hatte. Im Grunde wusste sie gar nichts über ihn.

Sie behielt ihre Gedanken für sich, ihr Gegenüber wusste schon genug von ihr und ihrem Leben, diese eine Erinnerung von früher, als sie noch eine andere war und ihr Leben vielleicht eine Chance auf einen anderen Weg gehabt hatte, wollte sie ihm nicht anvertrauen.

„Du siehst traurig aus."

„Ach was, ich bin bloß müde."

Sie hatten sich um halb eins an der Bushaltestelle getroffen, wie an vielen Samstagnächten zuvor. Sie arbeitete seit über einem Jahr nebenbei in einer kleinen Kneipe in der Nähe des Hauptbahnhofes, er war dort Gast und kam unregelmäßig zu einem Feierabendbier vorbei. Sie konnten gut miteinander reden und wenn sie nichts anderes zu tun hatte und sie nichts mehr zu reden hatten, schaute sie ihm beim Darten zu. Sie mochte die Konzentration, die er in seinem Gesicht trug, während seine drei Feile in völliger Leichtigkeit und Ruhe nacheinander auf die Scheibe zuflogen und darin stecken blieben.

Sie trafen sich heimlich, nicht weil sie in ihren jeweiligen Leben jemanden gehabt hätten, nein, sie trafen sich im Verborgenen, weil sie es so wollte. Sie wollte sich nicht vor den anderen, die ihn gut kannten, dafür rechtfertigen müssen, was das eigentlich war, was beide da miteinander hatten. Sie wollte keinen Gedanken daran verlieren, was aus ihnen vielleicht werden könnte. Sie wollte nicht, dass er ihr etwas bedeutete und noch mehr wollte sie nicht, dass sie ihm etwas bedeutete.

Um nicht mit ihm reden zu müssen, aber vor allem um diesen halben Apfel, der sie an die Unbeschwertheit ihrer Kindertage erinnerte und, langsam braun werdend, immer noch vor ihr lag, nicht essen zu müssen, zündete sie sich eine Zigarette an. Ihr Großvater war an Lungenkrebs gestorben, dieser Gedanke flammte immer auf, wenn sie sich eine ansteckte, wie das Feuerzeug, mit dem sie sich das Ende ihrer Zigarette in Brand setzte, dass kurz den Raum erhellte, so erhellte es auch ihr Gedankengut und jedes Mal dachte sie aufs Neue, es wäre besser aufzuhören, aber vielleicht würde es alldem Durcheinander in ihrem Leben auch schneller ein Ende bereiten.

Immer wenn sie sich küssten, sich umarmten, sich in die Augen schauten, sich verstanden fühlten von ihrem Gegenüber, wenn sie miteinander lachten, sich neckten, sich berührten, liebkosten, wenn sie sich gegenseitig den Rücken zerkratzten und die Hälse zerbissen, wenn sie sich gehen ließen, sich fallen ließen und auffingen, sich an einander so betranken, dass sie danach ganz benommen waren, dann dachten beide es könnte vielleicht mehr werden, als das was es war.

Sie schickte ihn dennoch immer nach Hause. Bloß nicht anfangen sich daran zu gewöhnen, bloß nicht anfangen neben ihm einzuschlafen, bloß nicht anfangen sich in ihn zu verlieben, bloß nicht!

Meist saßen sie, nachdem sie all ihre Hemmungen und Kleidung hatten fallen lassen in der Küche im Halbdunkeln, jeder mit einer Zigarette in der Hand, um nicht über das im Bett verlorene zu reden. Denn im Bett verloren hätten sie jedes Mal fast ihren Verstand und um ihn zu behalten mussten sie schweigen und nicht neben einander einschlafen.

Die Blätter der Bäume rauschten im Wind, das konnte man durch das geöffnete Fenster hören. Vielleicht sollte sie aufhören darüber nachzugrübeln, wo es hinführen könnte, wenn sie einfach zuließe, dass es irgendwohin führen könnte. Vielleicht sollte sie sich einfach ins kalte Wasser werfen, aber war sie tatsächlich bereit diesen Sprung zu wagen? Hatte sie die Kraft dazu? Den Mut für etwas zu kämpfen, das vielleicht keine Zukunft hatte? Hatte sie nicht schon genug riskiert in ihrem Leben? Und warum eigentlich an die Zukunft denken? Sie gehörte zu den Frauen, die nicht heiraten wollten, die keine Kinder wollten. Warum sollte sie sich also schon jetzt an einen Mann klammern, mit dem sie vielleicht gar nicht alt werden würde, mit dem sie vielleicht gar nicht alt werden wollte?

Erst einmal hatte es in ihrem Leben jemanden gegeben, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben hatte vorstellen können, bei dem sie gedacht hatte, alles würde passen. Ihre Leben waren zufällig aufeinander geprallt, beide waren sie allein und beide wollten dieses ganz schnell ändern. Sie hatten sich viel zu schnell aufeinander eingelassen, viel zu schnell die Hüllen ihrer Seelen verloren, viel zu schnell ichliebedich gesagt, waren viel zu schnell unter ein Dach gezogen und hatten dadurch viel zu schnell die Lust aneinander und aufeinander verloren. Zwei Jahre lang hatten sie versucht dieses Gerüst, dass sie sich aus Liebe, dem Gedanken miteinander alt zu werden, aber auch aus Zeitmangel, Ärger über den anderen und Lügen um ihn nicht zu verletzen gebaut hatten, aufrecht zu erhalten.

Am Ende sind sie als Freunde auseinander gegangen. Als Freunde, die sich ohne Probleme auf einen Kaffee und zum Reden treffen konnten, als Freunde, die sich in und auswendig kannten, als Freunde, die sich ihr komplettes inneres vor die Füße werfen konnten, als Freunde, die keine Angst davor hatten von dem anderen verletzt zu werden, als Freunde, die sich anschrieen und die Meinung sagten, als Freunde, die sich trotz allem immer noch anziehend fanden, als Freunde, die sich und ihre Freundschaft und ihre jeweiligen Partner heimlich hintergingen, während sie sich entblößten und mit Haut und Haar verschlangen.

Jedes Mal, wenn sie sich doch wieder auf eine gemeinsame Nacht mit ihm einließ, hatte sie ein schlechtes Gewissen, nicht ihrem aktuellen Partner gegenüber, nein, weiß Gott nicht, aber sich selbst gegenüber, da sie sich jedes Mal aufs neue schwor, dass es das letzte Mal gewesen sein wird und jedes Mal, sobald sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, wusste sie, dass sie ihn nicht würde halten können.

Was sie verband hatte nichts mehr mit Liebe zu tun, das wusste sie schon an dem Tag als sie anfingen Freunde zu werden. Was sie verband hatte einzig und allein mit ihrer Lust zu tun und mit dem Wunsch auf Befriedigung.

Manchmal, wenn sie nachts wach und allein in ihrem Bett lag, dann dachte sie oft daran, dass ihr etwas fehlte. Vielleicht nicht in ihrem Leben, sie fühlte sich wohl in ihrem Leben, es ging ihr darin gut. Auch nicht an ihrem Körper, sie mochte das Bild, dass sie von ihm im Spiegel sah. Vielleicht auch nicht jeden Tag, jeder Mensch hat schlechte Tage, an denen er sich unwohl fühlt, dieser Gedanke tröstete sie an solchen Tagen über solche Tage hinweg. Manchmal aber, wenn sie nachts allein und wach in ihrem Bett lag, hatte sie das Gefühl, dass ihr etwas neben ihr fehlte. Nicht etwa ein weiteres Riesenkissen, in das sie sich hinein kuscheln konnte, nein, etwas, dass ihr Wärme spendete, etwas, dass sie in den Arm nahm, jemand, der sie in den Arm nahm, der sie an sich drückte, einen Herzschlag, den sie, ihr Ohr an seine Brust gedrückt, während sie einschlief sacht schlagen hören konnte. Niemand, der ihr ichliebedich sagt, niemand zum Leben, zum Altwerden. Jemand für den Moment, der ihr Halt gab, wenn sie ihn brauchte, der da war, wenn sie nicht allein sein wollte, jemand, der sie ansah, ohne in die gleiche Richtung zu schauen, jemand, der ihr zuhörte, ohne sie verstehen zu wollen, ohne zu hinterfragen. Jemand, der einfach neben ihr lag und ihr das Einschlafen erleichterte.

Eigentlich, und dass musste sie sich schon eingestehen, genoss sie die Zeit in seiner Nähe. Wenn sie über ihre Arbeit redeten, sie arbeiteten beide im sozialen Bereich, er mit alten Menschen, sie mit Behinderten, fühlte sie sich verstanden. Sie mochte seine Art von Humor, zusammen konnten sie über Banalitäten ihres Alltages lachen, sich aber auch an gewissen Stellen ernst unterhalten, über Sinn und Unsinn ihres Lebens philosophieren.

Immer wenn er ihren nackten, erschöpften Körper in seinen Arm schließen wollte, seinen Kopf an ihren Bauch, ihre Brust, ihre Schulter, seinen Kopf in ihre Haare graben wollte, um ganz und gar mit ihr eins zu werden, seelisch nicht körperlich, um den Geruch ihrer Haut, die ganze Erotik die darin lag, tief in sich hinein zu atmen, sprang sie auf, ihren Morgenmantel schnellstens überstreifend, um ins Bad zu gehen, etwas zu trinken, oder zu ihren Zigaretten. Sie würde es zu sehr genießen, dass wusste sie, würde sich zu schnell daran gewöhnen, würde Gefühle hinein interpretieren, die er vielleicht gar nicht hatte, die sie vielleicht gar nicht hatte, die sie aber vor allem gar nicht haben wollte. Sie wollte nicht umarmt, umbeint werden, wollte nicht seine Lippen ihren Nacken küssen spüren, wollte nicht ihren kalten, nackten Rücken an seiner nackten, haarigen Brust wärmen. Natürlich hätte es ihr gefallen, natürlich hätte sie gern öfter so neben ihm gelegen, die Berührung ihrer Häute genossen. Fingerkuppen auf ihren Bäuchen, Schenkeln, Armen, Rücken, zarte Berührungen, auf ihren Wangen, ihren Brüsten.