Diese Geschichte mag euch etwas eigenartig klingen, aber ich fand sie gut. Wenn ihr diese Meinung nicht teilt, bitte auf das "GO" Knöpfchen unten klicken (aber mit Kategorie "Submit Review"...).

Auch diese Geschichte ist für ein Kurzgeschichtenmagazin gewesen.


Mit dem Onkel auf der Parkbank

Illusionen

Ich habe meistens nur den Wunsch nach Ruhe, wenn ich aus der Schule komme. Mein Kopf schmerzt vor mathematischen Formeln, grammatikalischen Regeln und lateinischen Vokabeln. Ich gehe dann am liebsten durch den Park und genieße das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Bäume und das leise Schaben meiner Füße auf dem Kiesweg. Ich denke nicht an den bevorstehenden Nachmittag und versuche, meinen Gedanken Zügel anzulegen. Ich versuche, nicht zu denken.

Gelegentlich gelingt mir das sogar. Nur diesen Nachmittag war ich nicht alleine auf dem Weg durch die Kastanienbäume. Ein Mann schlurfte vor mir her. Er hatte einen braunen, schäbigen Mantel, kurzes, fast graues Haar und einen blauen Regenschirm in der Hand. Obwohl ich nicht trödeln durfte, da meine Mutter wartete, konnte ich nicht anders, als dem Herrn zu folgen, denn er kam mir bekannt vor.

Er ging nicht weit. Nach einer Kurve kam eine Parkbank in Sicht, auf welche sich der Mann setzte. Fast automatisch setzte ich mich hinzu. Überrascht sah er mich an, ich war ihm anscheinend noch nicht aufgefallen. Schüchtern lächelte ich und er strahlte zahnlos zurück.

„Du siehst aus wie einer meiner Neffen."

„Bitte?"

Erschrocken zuckte ich zusammen, als er mich ansprach und war kurz davor, aufzustehen und wegzulaufen. Aber der Alte lachte so frei, dass ich sitzen blieb und ihn wie gebannt anstarrte.

„Ja, ja. Wenn ich jetzt sage, die Jugend von heute, dann bestätige ich die Klischees, nicht wahr? Was machst du hier?"

Aus dem Genuschel ohne Zähne verstand ich, dass er mich etwas gefragte hatte, aber mein Gehirn war ausgeschaltet. Ich sah ihn unverwandt und fragend an. Woher kannte ich ihn bloß?

„Lernt ihr in der Schule nur noch Chinesisch, dass du mich nicht mehr verstehst?"

Endlich drang die Frage zu mir durch und ich räusperte mich verlegen.

„Nein, ich... verstehe sie."

Das war wohl das Dümmste, was ich je gesagt habe.

„Hast wohl keine Verwandten ohne Zähne, wie?"

Ich schüttelte den Kopf, ohne den Mann aus den Augen zu lassen. Er hatte etwas, was mich berührte, ich kann aber noch immer nicht in Worte fassen, was das war.

Munter plapperte er weiter, doch ich hörte nicht zu. Mir war egal, für was er mich dann halten würde, es galt nur, neben ihm zu sitzen.

Plötzlich legte er mir die Hand auf das Bein. Ich blinzelte ihn verwirrt an.

„Junge, denk mal an deine Zukunft. Mach dir mehr Gedanken darüber, als dein Gehirn abzuschalten!"

„Wie bitte?"

„Du denkst zuwenig. Ich beobachte dich schon die ganze Zeit."

Da fiel mir ein, woher mir der Mann bekannt vorkam, und warum ich ihn so anstarren musste. In der Schule hatten wir ein Bild gemalt, nach der Vorlage eines berühmten Künstlers. Auf dem Original waren vier Männer zusehen, einer davon hatte zusätzlich zu feuerroten Hörnern einen Teufelsschwanz gehabt und die anderen gedrängt, weniger zu denken. Das Bild hieß „Illusionen", da der Teufel natürlich die Illusion des schöneren Lebens ohne Gehirn gegeben hatte. Aber ganz klein, in einer Ecke seines weit aufgerissenen Mauls klebte der Überrest eines Kopfinhalts. Seine Nahrung.

Und einer der Männer, die weniger denken sollten, saß nun vor mir.

„Sonst holt mich der Teufel?", fragte ich.

Der Alte lächelte breit, und zeigte mir dabei sein blankes Zahnfleisch.

„Richtig, Junge. Denk dran, du brauchst Gehirn, um durchs Leben zu kommen. Die Dummen gehen böse Wege!"

Ich verstand nicht. Auf diesen Satz verblasste das Lachen das Mannes.

„Ich bin aus dem Bild gekommen, weil ich dein Pate sein werde, für immer. Dein Patenonkel für Gedanken. Und du musst mir versprechen, immer zu denken, nie wieder das Nicht-Denken zu genießen!"

Ich nickte zögernd.

„Du kannst auch anders Ruhe finden."

Das leuchtete mir zwar noch nicht ganz ein, aber ich stimmte wieder zu.

Er nahm die Hand von meinem Bein, stand auf und ging ein paar Schritte. Dann drehte er sich noch einmal um.

„Junge, du bist großartig. Wie einer meiner Neffen!"

Ich winkte ihm hinterher.

Die Sonne kam hinter einem Baum hervor und schien mir grell ins Gesicht. Ich schloss die Augen.

Als ich sie wieder öffnete, lag der Parkeingang vor mir, friedlich, unberührt. Und kein alter Mann auf dem Weg.

Hinter mir lärmten die Schüler, die soeben mit mir das Schulgebäude verlassen hatte. Einer klopfte mir auf den Rücken.

Ich drehte mich um und schaute ihn an. Der Junge war aus meiner Klasse und grinste mich an.

„Hey, den hier hast du an deinem Platz liegen lassen. Kommst du heute mit die Straße entlang?"

Er drückte mir einen blauen Regenschirm in die Hand und wartete nicht auf eine Antwort, sondern ging die Straße hinunter.

Ich warf noch einen Blick in den Park, dann auf den Regenschirm. Und folgte meinem Mitschüler kopfschüttelnd.

Seit dem bin ich nie wieder durch den Park gegangen, sondern habe mich nach der Schule zuhause immer eine halbe Stunde schlafen gelegt.