Sieg über das Ungewisse

S. M. Cortelly

Kapitel 1 Airena und Mesophor

Ein Schatten fiel auf den erlegten Hirsch. Die zierliche Gestalt einer jungen Frau kniete neben dem toten Tier nieder und begann es mit kleinen, aber geschickten Händen auszuweiden. Der lange Bogen hing ihr über die Schulter, die wenigen sorgfältig bearbeiteten und kunstvoll verzierten Pfeile, welche nie ihr Ziel verfehlten, lagen im Gras neben ihr. Die Frau war hauptsächlich grün gekleidet, mit schwarzen Lederstiefeln, das Hemd endete als Rock über ihrer engen Hose und wurde mit einem Fellgürtel gehalten. Die Schnalle war aus reinem Gold und hielt zu dem Gürtel noch einen kleinen Lederbeutel mit dem kostbarsten Schatz der Frau.

Ihr helles Haar fiel in leichten Locken meist offen auf ihre Schultern, was mit ihren hellen braunen Augen und der gebräunten Haut harmonierte.

Plötzlich fuhr sie hoch, ihre Augen bewegten sich aufmerksam und suchend hin und her. Jemand war da.

Ein paar Blätter bewegten sich im Wind, als die Frau sich lautlos versteckte.

Ein stämmiger Mann trat auf die Lichtung vor den Hirsch und kniete ebenfalls nieder, sah sich dabei um. Er war groß, muskulös und braun gebrannt, vom ständigen Umherstreifen unter der Sonne. Seine schwarzen Haare, die ihm in die Stirn fielen, glänzten im Licht, seine unruhigen hellen grünen Augen zeigten den Verband mit der Natur, sie spiegelten seine Seele.

Die Frau kam lächelnd wieder aus dem Gebüsch heran.

„Myto-Mesophor, ich hätte es ahnen müssen.", sagte sie schnippisch.

Der Angesprochene deutete eine Verbeugung an und zwinkerte.

„Meine liebe Airena, ich bin immer in eurer Nähe. Das solltet ihr eigentlich wissen."

Airena, die Frau, unterdrückte die Hitze, die bei seinen Worten in ihr aufstieg. Sie wich seinem Blick aus.

„Trotzdem bin ich die bessere Jägerin!", erwiderte sie.

Mesophor lachte laut auf. Sofort bereute Airena ihren Einwurf. Sie hätte gerne weiter gehört was er über sie zu sagen hatte. Der Mann erhob sich zum Gehen und winkte.

„Wir sehen uns."

Hoffentlich bald, dachte sie, als er wieder im Schatten der Bäume verschwand.

Das Hirschfell auf dem Rücken lief Airena weiter. Das schmächtige Geweih schaukelte an ihrer Tasche mit den Pfeilen.

Unterwegs dachte sie an Mesophor. Er tauchte ständig auf wenn sie in der Welt der Sterblichen jagte. Nach solchen scheinbar zufälligen Treffen verging Airena fast vor Sehnsucht nach ihm.

Ein einziges Mal hatte er sie berührt. An der Schulter. Airena berührte die Stelle unbewusst. Es war fast fünf Jahre her und doch prickelte die Haut noch immer, wenn sie daran dachte. Es war nicht beabsichtigt gewesen, denn normaler Weise hielt er Abstand, sei es aus Respekt oder Spott.

Kurz darauf erreichte sie das kleine Dorf mit dem Fellhandel. Airena brauchte kein Gold, aber sie hatte auch genug Felle, und ihre Schwestern stöhnten nur noch, wenn sich eine Jagd ankündigte. Also schenkte sie dem Händler hin und wieder die Tierhäute.

Der Fellhändler wohnte direkt am Ortsrand. Seine kleine Hütte war bedacht mit schwarzem Leder und gegen Wind rundherum mit weißen Fellen beschlagen. Die Tür bestand aus mehreren hängenden Strähnen Fuchsschwänzen, die bedrohlich schimmerten.

Noch beim Eintreten hörte Airena die ihr verhasste und gleichzeitig so vertraute Stimme Mesophors, die in ihr unerwünschtes Herzklopfen hervorrief. Er redete mit dem Sohn des Händlers. Airena blieb stehen.

„Ich sage dir, sie steht auf mich! Nicht mehr lange und ich habe sie."

Vor Wut ballte die junge Frau im Flur die Hände zu Fäusten.

Dennis, der andere Mann, lachte.

„Ich dachte du findest sie so-"

In dem Moment legte sich eine Hand auf Airenas Schulter und der Fellhändler sagte: „Hallo meine Göttin. Neue Felle dabei?"

Natürlich hatten das auch Mesophor und Dennis gehört und waren verstummt.

Airena folgte dem alten Mann in den Vorderteil des einzigen Raumes des Hauses, der durch Felle vom Wohnbereich geteilt wurde und als Laden und Lager diente. Auch an der Wand innen war jede erdenkliche Stelle mit Fellen jeder möglichen Sorte behangen. Mesophor schaute erschrocken drein, Dennis, der etwas schlaksige aber trotzdem gutaussehende Mann, verkniff sich ein Grinsen, während Airena wieder sauer war. Diesmal jedoch, weil Dennis seinen Satz nicht hatte beendet können. Wie fand Mesophor sie?

Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte nahm ihr der Händler das Fell ab und begutachtete es.

„Ein junger Grauhirsch. Habt ihr auch das Geweih dabei?"

Airena löste das Geweih, dessen Gewicht etwa mit reinem Gold aufzuwiegen war, von ihrer Tasche. Ihre Finger zitterten unter Mesophors prüfendem Blick. Er fragte sich sicher, wie viel sie gehört hatte. Aber hatten die Männer überhaupt über sie geredet? Mesophor war doch hinter keiner anderen Frau her, oder? Dieser seltsame Gedanke, für den Airena sich gleichzeitig schämte und ohrfeigen wollte, beunruhigte sie zutiefst.

Ohne etwas dafür entgegenzunehmen außer guten Wünschen und Grüßen an die Schwestern verließ die junge Göttin das Haus wieder. Sie war froh, dass Mesophor ihr anscheinend nicht folgte. Und schollt sich, dass sie schon wieder an ihn dachte.

Ziellos lief sie durch ihren Lieblingswald, welcher gut 10 Kilometer von dem Dorf entfernt lag. Lange Wege waren ihr kein Hindernis. Airena benötigte kaum Schlaf und aß nur –nach Menschenzeit etwa- einmal pro Woche. Durst verspürte sie jedoch genauso wie menschliche Wesen.

Im Zentrum des Waldes, wo Dornen eine traumhafte Wiese versteckten, legte Airena sich ins Gras und sah zu den Wolken hinauf.


Bitte Bitte sagt mir eure Meinung. Die Geschichte wird gaaaaanz toll. Sehr empfehlenswert.